Die Chroniken von Umbra
Romanfassung
Eine fortlaufende, kapitelweise Erzählung. Die quellengebundenen Handlungsmitschriften sind getrennt unter Sessions erreichbar.
Inhaltsverzeichnis
- Kapitel 1Der Weg zur Brücke
- Kapitel 2Der letzte Auftrag
- Kapitel 3Der letzte Funke Hoffnung
- Kapitel 4Die Feuerhüterin
- Kapitel 5Savilyn
- Kapitel 6Die Überlebenden von Cinder Keep
- Kapitel 7Unter Cinder Keep
- Kapitel 8Die zentrale Flamme
- Kapitel 9Die Aschefürstin
- Kapitel 10Die warme Asche
- Kapitel 11Die fünf Throne
- Kapitel 12Die Untotensiedlung
- Kapitel 13Die brennende Birke
- Kapitel 14Lorettas Haus
- Kapitel 15Die versinkende Kutsche
- Kapitel 16Stimmen im Nebel
- Kapitel 17Das Feuer von Hollow Brooks
- Kapitel 18Waldschatten
- Kapitel 19Light Hope
- Kapitel 20Der Weg der Glöckchen
- Kapitel 21Die tote Weide
- Kapitel 22Wendigo
- Kapitel 23Cerseis Langschwert
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Seit Tagen führte ihr Weg durch denselben dunklen Wald. Die Bäume wechselten, ebenso die Wurzeln und die schwarzen Flecken feuchter Erde; trotzdem schien weiter vorn immer wieder auf sie zu warten, was längst hinter ihnen liegen sollte. Das Licht reichte kaum bis auf den Boden. Zwischen den Kronen lag ein stumpfes Grau, das keinen Morgen und keinen Abend kannte, und unter den Ästen fiel selbst davon wenig auf den Weg.
Die vier Reisenden hatten aufgehört, jede Bewegung im Unterholz mit gezogenen Waffen zu beantworten. Dafür waren sie zu lange unterwegs und zu müde. Vorsicht war etwas anderes geworden: ein Blick mehr über die Schulter, ein Ohr für Geräusche, die nicht zum Wind gehörten, die Hand nah genug an einer Waffe, um nicht erst danach suchen zu müssen. Sie hatten auf dem Weg nach Cinder Keep bereits Untiere getötet und anderen Dingen ausgewichen, deren genaue Gestalt niemand von ihnen hatte kennenlernen wollen. Beides kostete Kraft; Kämpfe hinterließen zusätzlich Blut auf der Kleidung.
Die Vorräte schrumpften dabei schneller, als Rose lieb war. Trockenes Brot und haltbare Reste wurden in Portionen geteilt, die satt machen sollten und es längst nicht mehr taten; was sich unterwegs sicher sammeln ließ, ergänzte die Rationen, doch niemand riskierte wegen ein paar Beeren einen langen Umweg durch unbekanntes Unterholz. Selbst Söckchen, die gewöhnlich wenig Geduld für übervorsichtige Reiseplanung hatte, fragte inzwischen vor dem Essen, wie viel noch übrig war.
Zwei Tage zuvor hatte ein kleines Rudel ausgemergelter Wölfe versucht, sie von der Seite her zu bedrängen. Es war kein Kampf gewesen, über den später jemand eine Geschichte erzählen würde: ein paar schnelle Angriffe, Geschrei im Unterholz, Stahl und Feuer, bis die Tiere begriffen, dass diese Beute zurückbiss und sich zurückzogen. Gerade solche Begegnungen zehrten an ihnen, weil sie weder ein Ziel erreichten noch eine Erkenntnis brachten; sie kosteten Kraft, Zeit und etwas von den Vorräten, die ohnehin zu knapp wurden.
Ihre Sachen sahen entsprechend aus: Stoff war an Dornen aufgerissen, Leder vom Regen dunkel geworden, Schnallen trugen Schrammen, die vor ein paar Tagen noch nicht dort gewesen waren. Rose hielt den Saum ihres Kleides so oft wie möglich aus dem Schlamm und gab sich dabei Mühe, als sei der Zustand des Weges ein persönlicher Mangel, den irgendjemand hätte beheben müssen; wenn feuchte Erde doch bis an den Stoff spritzte, wurde ihr Mund für einige Schritte schmaler. Hybris ließ die Beobachtung unkommentiert – nicht jede davon musste ausgesprochen werden, eine Form von Reife, auf die er nur mäßig stolz war.
Söckchen nutzte ihre Flügel sparsam, weil zwischen eng stehenden Stämmen, tiefen Ästen und dichtem Unterholz der Boden oft der einfachere Weg war. Nur vor hohen Wurzelwänden oder morastigen Umwegen löste sie sich kurz vom Boden, setzte ein Stück weiter vorn wieder auf und schüttelte die Flügel aus; Hybris verfolgte diese kleinen Ortswechsel beiläufig genug, dass seine Aufmerksamkeit nicht nach demonstrativer Fürsorge aussehen sollte.
Natürlich entging sie Söckchen trotzdem nicht. „Ich bin noch da“, sagte sie irgendwann.
„Hab ich gesehen.“
„Gut.“ Damit war das Thema für Söckchen erledigt. Hybris verzog den Mund zu einem kaum sichtbaren Grinsen und sah wieder nach vorn.
Pianwig ging einige Schritte hinter ihnen. Zwischen den schmaleren Stämmen musste der Riese sich häufiger seitlich drehen, als ihm gefiel. Wo Rose den Schlamm verachtete und Söckchen ihn im Zweifel überflog, blieb Pianwig nur, hindurchzugehen. Seine Schritte hinterließen tiefe Abdrücke. Das dritte Auge auf seiner Stirn machte ihn nicht allsehend, aber es verstärkte den Eindruck, dass wenig an ihm vorbeikam, ohne wenigstens registriert zu werden.
Die Gruppe hatte sich für die unübersichtlichsten Abschnitte des Waldes mit Schnüren gesichert. Als Rettungsseil taugte die Verbindung kaum, bei Pianwigs Gewicht schon gar nicht. Ihr Zweck war einfacher: Dichtes Gestrüpp, ein plötzlicher Angriff oder ein falscher Schritt sollten aus vier Reisenden keine vier einzelnen Ziele machen. Die Schnüre zwangen sie, ihr Tempo aufeinander abzustimmen. Das war gelegentlich lästig und erfüllte seinen Zweck.
Hybris führte das Seil so, dass er es im Notfall schnell lösen konnte. Eine Sicherung, die sie im entscheidenden Augenblick festhielt, wäre für ihn kaum eine gewesen.
Die Sicherung war in den letzten Tagen mehr als einmal lästig gewesen. Wenn einer stehen blieb, mussten die anderen es spüren; wenn Pianwig um einen Stamm herum mehr Platz brauchte, zog sich die Bewegung durch die ganze kleine Formation. Trotzdem hatte keiner ernsthaft vorgeschlagen, die Schnüre im dichtesten Wald ganz wegzulassen. Zu leicht verschluckte das Unterholz einen Körper schon nach wenigen Schritten. Zu oft hörte man etwas, ohne zu wissen, ob es rechts, links oder direkt hinter einem gewesen war.
Die Sicherung gefiel längst nicht jedem, doch ihr Nutzen war zu offensichtlich, um daraus immer wieder eine Diskussion zu machen. Selbst Söckchen, die sich jederzeit hätte lösen und über viele Hindernisse hinwegfliegen können, hielt sich an das gemeinsame Tempo; dass niemand die lästige Verbindung im dichtesten Wald ernsthaft aufgab, sagte mehr über die Gruppe aus als jede Versicherung, zusammenbleiben zu wollen.
„Haben wir irgendeine brauchbare Vorstellung, wie weit es bis Cinder Keep noch ist?“, fragte Söckchen. „Ich meine etwas genauer als: Wir laufen weiter, bis irgendwann Mauern auftauchen.“
Rose hob den Blick zwischen die Bäume, als könnte Cinder Keep durch bloße Erwartung sichtbar werden. „Wenn die Angaben stimmen, sollten wir den größten Teil des Weges hinter uns haben. Eine verlässlichere Entfernung hat uns leider niemand gegeben.“
„Also weißt du es auch nicht genauer“, stellte Söckchen fest.
„Ich weiß, dass wir weiter in die richtige Richtung müssen. Im Augenblick ist das die präziseste Antwort, die ich dir geben kann.“
Söckchen schnaubte leise, eher über die ungenaue Antwort als über Rose selbst.
Cinder Keep war das Ziel, weil es kaum noch bessere gab. Einer der letzten großen Zufluchtsorte. Der letzte Funke der Hoffnung, wie die Leute sagten, wenn sie noch genug Hoffnung besaßen, um solche Namen ernst zu meinen. Dort sollte sich der Feuerbandschrein befinden; dort, glaubten sie, würde wenigstens eine Flamme brennen, die mehr war als ein Kochfeuer hinter morschen Brettern. Eine Flamme, um die herum Menschen leben konnten, ohne jede Nacht damit rechnen zu müssen, dass die Umbra aus dem Dunkel bis an ihre Schlafstätte kroch.
Über diesen Teil sprachen sie selten. Ein Ziel verlor leicht an Wert, wenn man es auf jedem Wegstück beschwor, und Cinder Keep lag weiterhin vor ihnen. Bis dahin gab es Wald.
Rose verband mit dem Namen vor allem Ordnung: Mauern, Wachen, einen Schrein, Menschen, die wussten, was zu tun war, vielleicht sogar ein Dach, unter dem man nicht zuerst prüfen musste, ob bereits etwas darin lebte. Die anderen behandelten Cinder Keep weniger wie ein Versprechen als wie ein brauchbares Ziel; eine Festung bedeutete Schutz, Informationen und im besten Fall Nahrung, und selbst wenn der Ort verlassen war, ließ sich dort wenigstens herausfinden, warum. Mehr Hoffnung verlangte der Weg im Augenblick nicht von ihnen.
Der Boden veränderte sich zuerst unter ihren Füßen: Unter einer dünnen Schicht aus Erde und Laub stieß Hybris auf harten Widerstand und schob mit dem Huf das nasse Material beiseite. Darunter kam ein flacher, unregelmäßiger Stein zum Vorschein, an den Rändern grün von Moos; ein zweiter lag dahinter, dann ein dritter.
„Weg“, sagte er.
Rose senkte den Blick auf die Steine. „Das erkenne ich.“
„Ich wollte nur sicher sein.“
Rose würdigte den Kommentar mit keinem Blick. Hybris grinste kurz und ließ es dabei.
Der alte Pflasterweg war überwuchert, aber deutlich genug, um ihnen eine Richtung zu geben. Er wand sich zwischen den Stämmen hindurch und war stellenweise so abgesackt, dass Regenwasser in flachen schwarzen Mulden stand. Trotzdem kamen sie schneller voran. Wurzeln griffen nicht mehr bei jedem zweiten Schritt nach ihren Füßen, und das Unterholz drängte nicht mehr von beiden Seiten gegen sie.
Rose richtete sich unmerklich auf. Eine Straße, selbst eine halb vom Wald verschluckte, war zumindest der Rest einer Ordnung, die sie verstand, und auch die Formation lockerte sich ein wenig, sobald der breitere Untergrund ihnen mehr Raum gab.
Nach ungefähr zwei Kilometern mischte sich Wasser in die Geräusche des Waldes. Zuerst lag das Rauschen so tief unter dem Wind, dass es kaum zu unterscheiden war; dann wurde es stetiger, ein gleichmäßiges Schieben über Steine zwischen dem Rascheln der Blätter und dem Knarren des Holzes. Hybris blieb kurz stehen und hob den Kopf.
„Das müsste der Sable Brook sein, oder?“, fragte Hybris. „Zumindest wäre es ziemlich ungünstig, wenn wir auf diesem Weg noch einen zweiten Fluss überqueren müssten, von dem niemand etwas erwähnt hat.“
Rose nickte nach einem Moment. „Wenn die Wegbeschreibung noch stimmt, ja. Ich erkenne den Fluss nicht aus eigener Erfahrung, aber Lage und Entfernung passen.“
„Dann sind wir noch auf dem richtigen Weg“, sagte Hybris. „Das wollte ich eigentlich wissen.“
„Du hättest genau das fragen können.“
„Ich dachte, wir kommen auch so miteinander zurecht.“
Pianwig ging an ihnen vorbei. „Wenn der Weg zum Wasser führt und dort eine Brücke steht, reicht mir das fürs Erste. Den Namen können wir uns merken, aber er trägt uns nicht hinüber.“
Rose sah ihm nach. Es war diese Art von Antwort, die sie zugleich unbefriedigend und schwer angreifbar fand. „Eine erstaunlich piratische Form von Geografie.“
„Hat bisher gereicht.“ Rose verzichtete darauf, das auszudiskutieren.
Der Sable Brook galt als einer der letzten bekannten Trinkwasserflüsse der Gegend. Das machte ihn wichtiger, als seine Größe vermuten ließ. Wo Wasser nicht verdorben war, entstanden Wege, Lager, manchmal ganze Siedlungen. Wo es verdorben war, blieb nur die Frage, wie weit jemand noch gehen konnte, bevor Durst gefährlicher wurde als alles, was am Ufer wartete.
Als sie näher kamen, roch die Luft feuchter. Das Erdreich wurde weicher, die Bäume standen ein wenig weiter auseinander, und zwischen ihren Stämmen schimmerte schließlich bewegtes Grau. Der Fluss war nicht breit genug, um ein Hindernis für immer zu sein. Tief und schnell genug war er trotzdem.
Etwa hundert Meter weiter führte der Pflasterweg auf eine hölzerne Brücke.
Hybris blieb am Anfang der ersten Planken stehen und löste die Schnüre zwischen ihnen. Er arbeitete die Knoten schnell auseinander, rollte das Seil zusammen und verstaute es bei seiner Ausrüstung.
Söckchen beobachtete, wie Hybris das Seil wieder zusammenrollte. „Willst du das wirklich wieder einpacken? Ich dachte, wir wären damit fertig, sobald wir aus dem Wald herauskommen.“
Er sah sie an, als hätte sie gerade nach dem Nutzen eines Messers gefragt. „Mit dem Festbinden aneinander vielleicht. Mit dem Seil bestimmt nicht.“
„Und wofür brauchst du es als Nächstes?“
Hybris legte die Hand auf die Rolle, als müsse er sie gegen eine ungerechte Anschuldigung verteidigen. „Das weiß man vorher nie, und genau deswegen trägt man eins mit sich herum. Wenn ich erst dann ein Seil suche, wenn jemand irgendwo runtergefallen ist oder wir etwas festmachen müssen, bin ich ein bisschen spät dran.“
Söckchen überlegte kurz und nickte. „Gut, das ist ein vernünftiger Grund. Dann behältst du das Seil.“
Rose hörte die letzten Worte und blickte zwischen beiden hin und her. „Ich möchte festhalten, dass dies vermutlich das erste Mal seit Tagen ist, dass dieser Satz in seiner unmittelbaren Nähe fällt.“
Hybris zeigte ihr ohne erkennbare Kränkung ein freundliches Lächeln. „Dann sollten wir den Moment nicht kaputtreden.“
Die Brücke sah aus, als hätte seit langer Zeit niemand beschlossen, sich für ihren Zustand verantwortlich zu fühlen. Das Holz war grau, die Geländer an mehreren Stellen gesplittert. Feuchtigkeit hatte dunkle Streifen in die Planken gezogen, und Moos saß dort, wo wenig Bewegung gewesen war. Unter ihnen drängte der Sable Brook zwischen den Ufern hindurch; ein Sturz hätte mehr bedeutet als nasse Kleidung.
Sie gingen am Ufer ein Stück auf und ab, bevor die Diskussion wirklich begann. Hybris beugte sich so weit unter die ersten Planken, wie der Winkel es erlaubte, während für Pianwig vor allem Breite, Belastung und das niedrige Geländer zum Problem wurden; Söckchen brauchte die Brücke am wenigsten von allen und betrachtete die ganze Prüfung entsprechend ohne besondere Ehrfurcht.
Rose dagegen musste hinüber. Genau das machte ihre Prüfung so entschieden. Sie mochte Gefahren am liebsten dann, wenn sie sich in Aufgaben zerlegen ließen: Tragfähigkeit feststellen, Reihenfolge bestimmen, Übergang sichern. Dass ein alter Holzbau sich nicht vollständig in ihre Ordnung fügen wollte, war lästig, aber noch immer besser als etwas, das ohne erkennbare Regeln aus dem Wald sprang.
Rose blieb vor der ersten Planke stehen und betrachtete Pianwig. Er fing ihren Blick auf. „Nein. Falls du gerade überlegst, ob ich als Erster über diese Brücke gehe: Das mache ich nicht.“
Rose hob die Brauen. „Ich hatte meinen Vorschlag noch nicht einmal ausgesprochen. Dass du ihn trotzdem erkannt hast, macht ihn übrigens nicht schlechter.“
„Du willst testen, ob die Brücke mein Gewicht trägt. Verstanden habe ich den Plan schon, aber ich halte ihn trotzdem für unnötig.“
„Wenn die Konstruktion dein Gewicht trägt, wissen wir mit ziemlich hoher Sicherheit, dass sie auch den Rest von uns trägt. Das ist eine ausgesprochen vernünftige Prüfung.“
„Und wenn sie mein Gewicht nicht trägt, habt ihr danach möglicherweise keine Brücke mehr und ich liege im Fluss. Deshalb gehe ich nicht zuerst.“
Rose legte die Hände an die Hüften. Selbst nach Tagen im Wald sah die Bewegung aus, als stünde Rose vor jemandem, der eine offensichtliche Anweisung missverstanden hatte, und die morsche Brücke sei lediglich ein lästiges Detail. „Wenn die Konstruktion dein Gewicht trägt, trägt sie unser aller Gewicht. Wenn sie es nicht trägt, wissen wir es, bevor wir uns gemeinsam darauf befinden.“
Hybris beugte sich über den Rand zu den Trägern. „Wenn sie ihn nicht trägt, haben wir danach vielleicht keine Brücke mehr.“
„Falls die Brücke nachgibt, fliegt Söckchen auf die andere Seite und befestigt dort ein Seil. Dann hätten wir wenigstens noch eine Möglichkeit, den Übergang zu sichern.“
Söckchen drehte ein Ohr in Roses Richtung. „Das kann ich machen. Wenn ihr mir vorher sagt, wo ihr das Seil befestigt haben wollt, muss ich drüben nicht lange suchen.“
„Siehst du.“ Rose deutete mit einer Hand auf Pianwig. „Ein vollkommen brauchbarer Plan.“
„Für dich ist der Plan ausgesprochen brauchbar“, sagte Pianwig. „Du stehst am Ufer und erfährst, ob ich mitsamt der Brücke verschwinde.“
„Für uns alle ist er brauchbar, weil wir danach etwas wissen, das wir jetzt nicht wissen.“
„Und du fällst bei diesem Erkenntnisgewinn trotzdem nicht ins Wasser. Das ist der Teil, der mir an deiner Begründung fehlt.“
Rose ließ sich einen kurzen Moment, als müsse sie entscheiden, wie viel Widerspruch sie noch für angemessen hielt. „Das ist kein Beweis gegen den Plan. Es ist lediglich eine erfreuliche Eigenschaft des Plans.“
Hybris kniete am Rand der Brücke und drückte gegen eine der Planken. Das Holz gab ein wenig nach, blieb unter dem Druck jedoch stabil; über die Länge des Übergangs waren verzogene Bretter und alte tragende Balken zu erkennen, mehr ließ sich von hier aus nicht zuverlässig feststellen.
„Sie sieht benutzbar aus“, sagte er. „Mehr würde ich nicht versprechen.“
Rose wandte sich sofort wieder Pianwig zu. „Ausgezeichnet.“
„Das war keine Zustimmung zu dir“, sagte Hybris.
„Es war eine Bewertung der Brücke. Die genügt.“
Pianwig verschränkte die Arme. Seine Meinung änderte sich nicht dadurch, dass Rose sie oft genug ignorierte. „Erst die Leichten. Wenn sie hält, gehe ich. Wenn nicht, habt ihr Leute drüben und Söckchen kann mit dem Seil helfen.“
Rose atmete durch die Nase aus. „Du bist ausgesprochen eigensinnig für jemanden, dessen Aufgabe in diesem Plan im Wesentlichen aus Gehen besteht.“
„Wenn du so überzeugt davon bist, dass ein erster Übergang die beste Prüfung ist, kannst du ihn selbst machen. Du bist leicht genug, dass die Brücke dabei wenigstens eine Chance bekommt.“
Rose blickte von Pianwig auf die ersten Planken. Wenn sie seinen Einwand ernst nahm, war sie selbst die naheliegende leichte Testperson – eine Folgerung, die ihr deutlich weniger gefiel, sobald sie ihren eigenen Körper betraf. Sie hob eine Hand vor das Gesicht und betrachtete die Linien in ihrer Handfläche mit jener konzentrierten Ernsthaftigkeit, die Hybris inzwischen als Roses Versuch kannte, Gewissheit aus Dingen zu ziehen, die sich vernünftiger Berechnung entzogen.
„Liest du dir gerade die Hand?“, fragte er.
„Ich überprüfe, ob ich auf dieser Brücke einbreche und sterbe“, sagte Rose, ohne aufzusehen. Was immer sie aus den Linien herauszulesen hoffte, lieferte ihr keine überzeugende Entwarnung; sie senkte die Hand wieder und war noch nicht zu einer neuen Reihenfolge gekommen, als aus dem Wald hinter ihnen ein tiefes Grummeln drang, gefolgt von schwerem Hecheln.
Damit endete die Diskussion, bevor irgendjemand die Brücke betrat. Das Hecheln wurde deutlicher: mehrere harte Atemstöße zwischen brechenden Zweigen, schnell, nah und immer näher. Hybris ließ den Blick vom Wald zur Brücke und zurück springen. Hinter ihnen kam etwas mit hohem Tempo durch das Unterholz, vor ihnen lag der Fluss. Für lange Beratung war die Zeit vorbei, noch bevor sie wussten, worüber sie hätten beraten sollen.
Die Gruppe wandte sich vom Wasser ab. Hände und Maul gingen an Waffen, das zusammengerollte Seil war bereits verstaut, und binnen eines Atemzugs galt ihre Aufmerksamkeit nicht mehr den morschen Planken, sondern dem Unterholz hinter ihnen.
Zwei Männer brachen aus dem Unterholz.
Sie rannten mit der ungelenken Hast völlig Erschöpfter. Einer stolperte fast über eine Wurzel, fing sich wieder und riss den anderen einen halben Schritt mit. Ihre Kleidung war zerrissen und dunkel vor Schmutz und Blut. Der hintere Mann presste eine kleine hölzerne Kiste unter einen Arm, als sei sie das Einzige, das er auf keinen Fall verlieren durfte.
Wunden, Kiste und der Wald hinter den Männern ergaben für Hybris in einem Blick dasselbe Bild: Zwei erschöpfte Fremde kamen auf sie zu, und etwas verfolgte sie. Für eine genauere Einschätzung blieb kaum Zeit; seine Hand blieb neben den Dolchen, ohne sie sofort zu ziehen.
„Huhu!“, rief er.
Söckchen blickte kurz zu ihm auf. „Was?“, murmelte Hybris. „Vielleicht sind sie freundlich.“
Die Männer reagierten tatsächlich, allerdings mit blanker Irritation. Der Gruß riss sie für einen Herzschlag aus einer Welt, in der offenbar nur noch Rennen existierte.
Der vordere hob den Kopf. Sein Mund stand offen, die Luft kam stoßweise. Er brauchte zwei Versuche für ein einziges Wort.
„Lauft …“
Hinter ihm knackten Äste.
Im Dunkel zwischen den Stämmen erschienen mehrere rote, funkelnde Augen.
Die roten Augen blieben nicht lange zwischen den Bäumen.
Das erste Wesen brach aus dem Unterholz, noch bevor einer der Männer die Brücke erreichen konnte. Es war ein Wolf nur noch in der gröbsten Form: gewaltig groß, durch Umbra zu einem schweren, mutierten Raubtier verzogen, mit struppigem schwarzem Fell, das in klebrigen Strähnen am Körper hing. Feuchtigkeit und etwas Dunkleres glänzten darin, und zwischen den veränderten Proportionen blieb gerade genug vom ursprünglichen Tier übrig, um den Anblick schlimmer zu machen. Es sah aus, als hätte die Hölle einen Wolf verschluckt und ihn verdorben wieder ausgespuckt.
Der vordere Flüchtende versuchte auszuweichen, kam jedoch kaum einen Schritt weit, bevor die Kreatur ihn zu Boden riss. Sein Schrei verschwand unter Knurren und Flussrauschen; eine Hand schabte noch über das Laub, als suche sie Halt, dann beugte sich der Fellkörper über ihn. Rose wich hastig zurück, bis die erste Brückenplanke unter ihrem Absatz trocken knarrte, während sich zwischen den Stämmen bereits weitere rote Augen aus der Dunkelheit lösten.
„Nein“, sagte sie, ohne dass das Wort jemandem Bestimmten galt.
Hybris zog beide Dolche. Söckchen stand plötzlich nicht mehr locker neben ihm; Kopf und Horn richteten sich auf die Bewegung im Wald, dann biss sie den Griff ihres Großschwertes fest zwischen die Zähne. Hände besaß sie keine, und im Kampf führte sie die Klinge mit Maul, Hals, Körpergewicht und dem Schwung ihrer ganzen Bewegung. Pianwig verlagerte sein Gewicht nach vorn und wurde damit zu etwas, an dem ein Angriff entweder vorbeimusste oder hängen blieb.
Der zweite Bote rannte weiter, die kleine Kiste so fest an die Brust gepresst, dass seine freie Hand kaum zum Ausbalancieren blieb. Sein Blick lag auf der Brücke statt auf den vier Fremden davor; vielleicht wusste er nicht, wer sie waren, vielleicht war es ihm gleichgültig. Auf der anderen Seite des Wassers gab es einen Weg, im Wald hinter ihm Zähne.
Er drängte zwischen Hybris und Söckchen hindurch, während von schräg hinten bereits eine zweite Fellkreatur heranschoss. Beide drehten sich zu spät: Das Wesen traf den Mann kurz vor dem Brückenanfang und warf ihn auf das alte Pflaster, die Kiste schlug neben ihm auf, ohne aufzuspringen, und der Bote versuchte noch, sich mit einem Arm vom Boden wegzuziehen. Rose erfasste zugleich den Verwundeten, die Kreatur und die Enge des Übergangs; ihre Atmung beschleunigte sich, und die Kontrolle, an der sie sich festhielt, verwandelte sich in den dringenden Wunsch, die gesamte Lage sofort in eine brauchbare Ordnung zu zwingen.
Eine dritte Kreatur trat aus dem Wald, bevor irgendeine solche Ordnung entstehen konnte.
Auf engem Raum zerfiel jede Vorstellung von einer geordneten Front. Die Brücke war zu schmal, der gefallene Bote lag genau dort, wo sie hätten ausweichen wollen, und die Kreaturen kamen aus mehreren Richtungen. Rose war bereits auf den ersten Planken, Pianwig stand noch auf dem Pflaster, Hybris und Söckchen hatten den Verletzten zwischen sich und dem Wald. Jeder musste Gegner und Bewegungen der Gefährten zugleich im Blick behalten.
Die Enge machte den Kampf auf unspektakuläre Weise gefährlich. Ein guter Schritt konnte einen Weg öffnen, ein falscher jemanden gegen das Geländer oder zurück in die Reichweite der Fellkreaturen zwingen. Die vier kannten einander gut genug, um auf lange Anweisungen verzichten zu können; für völlig selbstverständliche Abläufe waren sie noch nicht lange genug zusammen. Aufmerksamkeit musste ausgleichen, was an Gewohnheit fehlte.
Rose streckte beide Hände aus. Nebel quoll zwischen ihren Fingern hervor.
Für einen Augenblick sah es so aus, als würde die Feuchtigkeit über dem Fluss auf ihren Ruf antworten. Dann kam eine kleine, blasse Wolke zustande, kaum größer als ihr Oberkörper. Sie blähte sich vor Roses Gesicht auf, zog seitlich über die erste Brückenplanke und behinderte vor allem ihre eigene Sicht.
„Das war nicht—“ Rose brach ab, wischte mit einer Hand durch die Wolke und wurde schlagartig lauter. „Schnappt euch die Kiste und kommt hinterhergeschissen!“
Der Fehlschlag traf Rose unverhältnismäßig hart. Ihre Magie war ihr so vertraut wie anderen die eigenen Hände; ausgerechnet jetzt hatte sie ihr einen kostbaren Augenblick genommen und vor aller Augen etwas anderes getan, als Rose verlangt hatte. In einer sicheren Umgebung hätte sie dafür vermutlich eine Erklärung gefunden. Hier bewegte sich bereits der nächste Gegner.
Während Rose noch durch den eigenen misslungenen Nebel wischte, hatte der Verwundete die Kiste mit einer kaum wirksamen Bewegung wieder an sich zu ziehen versucht. Hybris brauchte keine Erklärung dafür, was diese Geste bedeutete: Selbst jetzt griff der Mann nach dem Holzbehälter statt nach einer Waffe oder einem Fluchtweg. Die Kiste hätte Hybris gern sofort aus der Gefahrenzone gebracht, doch der Lebende daneben hatte Vorrang, und als eines der Tiere den Kopf zum erneuten Sprung senkte, war er bereits mit gezogenen Dolchen zwischen beiden.
Er führte die Dolche nicht in einer großen Bewegung. Die Klingen kamen schnell, kurz und aus zwei Richtungen, dort angesetzt, wo er bei einem gewöhnlichen Tier empfindliche Stellen erwartet hätte. Das Wesen zuckte zurück. Keiner der Stöße saß richtig, aber die Drohung genügte, um es einen Schritt vom Mann wegzubringen.
„Bleib unten“, sagte Hybris zum Boten, obwohl der kaum die Kraft hatte, etwas anderes zu tun.
Söckchen kam von der Seite, den Schwertgriff fest im Maul. Das Großschwert war für ihre geringe Körpergröße eine absurde Waffe, bis man sie damit kämpfen sah: Sie führte es nicht mit Armen, sondern setzte Hals, Schultern, Flügelansatz und den Schwung ihres ganzen Körpers so zusammen, dass die schwere Klinge in einem eigenen Rhythmus beschleunigte.
Der erste Schlag verfehlte; die Klinge fuhr am Fell vorbei und traf hart auf das Pflaster. Söckchen riss sie sofort wieder hoch.
„War der Boden gefährlich?“, fragte Hybris, ohne hinzusehen.
„Jepf mif mäh“, nuschelte Söckchen um den Schwertgriff herum.
Es war der einzige Augenblick in diesem Teil des Kampfes, in dem beide klangen, als stünden sie nicht zwischen zwei sterbenden Männern und mehreren Raubtieren. Danach war für Humor keine Zeit.
Pianwig fing den nächsten Angriff beinahe frontal ab. Die Fellkreatur sprang ihn mit vorgestreckten Klauen an und hinterließ eine leichte Verletzung. Die Wucht, die einen kleineren Körper vielleicht zu Boden gebracht hätte, zwang Pianwig lediglich zu einem Schritt zurück. Er fing sich und blieb zwischen dem Wesen und dem Brückenanfang.
„Weiter“, sagte er.
Ob er Rose, den Boten oder die Gruppe meinte, war gleichgültig. Die Richtung war klar.
Rose gab den Nebel auf und griff nach dem Mittel, das ihr verlässlicher erschien: Hitze sammelte sich in ihrer Handfläche, hell genug, um ihr Gesicht aus dem grauen Waldlicht zu lösen, doch der Feuerball schoss weit am Ziel vorbei und verschwand zwischen nassem Unterholz und dunklen Stämmen. Die unverletzte Kreatur blieb stehen; eine andere riss dagegen den Kopf zu Rose herum.
„Das ist lächerlich“, brachte Rose noch hervor, bevor das Tier auf sie zustürmte. Sie wich über die ersten Planken zurück, das Geländer dicht an der Hüfte und den Fluss unter sich, während der Wolf den Brückenanfang abschnitt. „Weg! Weg mit dem Ding!“
Hybris löste sich vom Kampf bei der Kiste, noch während Rose weiter zurückwich, und ging auf den blockierten Zugang. Sein Dolch fuhr in den Fellkörper und wieder heraus, bevor das Wesen sich ganz zu ihm drehen konnte; er entzog sich den Klauen um einen Schritt, mit Rose vor sich und den übrigen Kämpfenden hinter sich. Fast im selben Moment riss ein Treffer Söckchen aus der Linie ihres nächsten Hiebes. Ihr kurzer Laut schnitt durch das übrige Kampfgeräusch, und als Hybris zu ihr hinübersah, stand sie bereits wieder, das Schwert fest im Maul und den Körper neu ausgerichtet.
„Söckchen?“
„Pämpf“, nuschelte Söckchen durch die Zähne, weil sie den Schwertgriff nicht losließ.
Hybris nahm sie beim Wort und wandte sich wieder dem Kampf zu, behielt ihre Position aber im Augenwinkel.
Rose hatte inzwischen Platz genug gewonnen, um beide Füße fest auf die Brücke zu setzen. Sie hob die Hände erneut. Ihr Gesicht war gerötet, teils von Anstrengung, teils von Zorn über die zwei Zauber, die nicht das getan hatten, was sie sollten.
Diesmal nahm Rose keine Flamme. Der Kraftstoß blieb unsichtbar, bis das Wesen vor ihr vom Brückenzugang fortgerissen wurde, Klauen über Holz und Stein scharrten und der Körper rückwärts flog; für einen Augenblick war der Weg frei. Rose atmete scharf aus. „So.“
Sie sagte es nicht triumphierend. Eher wie jemand, der eine störrische Sache endlich an ihren vorgesehenen Platz gebracht hatte.
Für einige Atemzüge bestand der Kampf nur aus ineinandergreifenden Entscheidungen: Der Bote musste gedeckt, der Brückenzugang offen gehalten und zugleich genug Raum geschaffen werden, damit Roses Magie nicht die eigenen Leute traf. Niemand erfasste den ganzen Kampfplatz auf einmal; es reichte, dass die Gefährten auf dieselben unmittelbaren Probleme reagierten.
Als die Kreatur bei der Kiste sich wieder dem verletzten Boten zuwandte, stand Pianwig bereits dazwischen. Sein Schlag riss den Fellkörper herum, und noch ehe das Tier seinen Stand zurückgewann, kam Söckchens Großschwert aus der anderen Richtung: Nach dem ersten Fehlschlag setzte sie die Klinge diesmal mit dem ganzen Schwung ihres kleinen Körpers in die entstandene Öffnung und traf so hart, dass die Haltung des Wesens vollends brach.
Rose sah drei Gegner und zugleich Hybris zu nah an einem davon, Söckchen im Nahkampf und Pianwig dort, wo seine Größe beinahe jeden freien Winkel füllte. Ein sauberer Zauber verlangte mehr als Wut. Sie musste wissen, wo ihre Leute waren.
„Nicht bewegen“, rief sie.
Hybris sah zu ihr. „Das ist ein schlechter Befehl im Kampf.“
„Dann bewegt euch sinnvoll.“
Die Gefährten schufen ihr die Linie, ohne dafür den Kampf anzuhalten: Hybris zog sich aus dem unmittelbaren Schussfeld, Söckchen drängte ihren Gegner seitlich, und Pianwig hielt den Boten gedeckt, während um Roses Hände konzentrierte Flammen entstanden. Blaues Licht spiegelte sich in ihren Augen, die Hitze war selbst aus einigen Schritten Entfernung zu spüren; dann führte sie die Hände über dem Kopf zusammen, und drei Feuerbälle lösten sich gleichzeitig, trennten sich voneinander und suchten je eines der verbliebenen Wesen.
Der erste Treffer ließ Fell und Fleisch in einer grellen Entladung aufreißen. Der zweite erfasste die Kreatur, die Pianwig und Söckchen unter Druck gesetzt hatten. Der dritte traf das Tier am Brückenanfang. Feuer, Blut und dunkle Körperteile wurden über Pflaster und nasse Erde geschleudert.
Danach stand keines der Wesen mehr, und das Kampfgeräusch brach so abrupt ab, dass der Sable Brook wieder in die Welt zurückkehrte: Wasser rauschte unter der Brücke, brennendes Fell zischte im feuchten Laub, irgendwo knackte ein Ast, doch diesmal kam nichts daraus hervor.
Rose hielt die Hände noch einen Moment oben und senkte sie dann langsam.
„Genau“, sagte sie leise, mehr zu ihrer Magie als zu den anderen.
Als Rose die Hände senkte, zitterten ihre Finger fein genug, dass einmaliges Ballen es beinahe verbarg; der gelungene Zauber hatte die Angst nicht beseitigt, ihr aber wieder etwas gegeben, das sie dagegen setzen konnte. Auch die anderen trugen den Kampf sichtbar mit sich – Pianwig atmete schwerer, Söckchen hielt sich trotz ihrer Wunde aufrecht –, und Hybris war bereits bei ihr, bevor das letzte brennende Fell im Laub erlosch.
Er blieb so stehen, dass er ihre Verletzung sehen konnte, ohne nach ihr zu greifen. „Wie schlimm?“
Söckchen prüfte sich selbst, bewegte die Flügel, verlagerte das Gewicht. „Nicht gut. Aber ich kann weiter.“
Hybris nickte. „Okay.“
Er glaubte ihr. Trotzdem blieb sein Blick einen Moment länger an ihr hängen.
„Ich bin noch da“, sagte sie.
Diesmal grinste er nicht. „Hab ich gesehen.“
Die Auseinandersetzung hatte Rose und Hybris bis auf die Brücke gezogen, doch sobald klar war, dass kein weiterer Wolf aus dem Wald kam, kehrten beide zum Pflaster zurück. Die Gruppe sammelte sich bei dem verwundeten Mann und der Kiste; erst dort ließ Pianwig die Waffe sinken, prüfte seine eigene Verletzung mit einem kurzen Blick und kniete sich neben den Boten.
Der Mann lebte noch, wenn auch kaum mehr als an seiner flachen Atmung erkennbar. Blut hatte seine Kleidung weiter dunkel gefärbt, und jeder Versuch, sich aufzurichten, endete nach wenigen Zentimetern. Pianwig blieb bei ihm und wartete, was er noch sagen konnte.
Der Bote brauchte mehrere Atemzüge, bis er genug Luft für einen vollständigen Satz fand. Sein Blick blieb an Pianwig hängen, dem größten Gesicht in seiner unmittelbaren Nähe, und seine Stimme war kaum mehr als ein gepresstes Flüstern.
„Bringt die Kiste nach Cinder Keep. Gebt sie Amalthea, sie weiß, was damit zu tun ist.“
Pianwig sah kurz zu der Holzkiste, dann wieder zu dem Sterbenden. „Ja wunderbar, da wollen wir ja eh hin.“
Etwas in der Anspannung des Mannes ließ nach. Er holte noch einmal Luft, als müsse zu dem Auftrag unbedingt eine letzte Sicherheit gehören. „Ihr werdet fürstlich belohnt.“
Dann atmete er aus. Ein weiterer Atemzug kam nicht, und für einige Sekunden sprach niemand.
Der Tod des Mannes machte aus seinem Auftrag nichts Feierliches. Es gab kein Siegel, keinen Namen, keine lange Erklärung. Gerade deshalb blieb nur der einfache Kern übrig: Er hatte etwas bis hierher getragen, obwohl er verletzt war und verfolgt wurde, und er hatte im Sterben darauf bestanden, dass es weitergetragen wurde. Mehr wussten sie nicht. Mehr brauchten sie für die nächste Entscheidung auch nicht.
Der erste Bote lag wenige Schritte weiter am Waldrand, dort, wo die Kreatur ihn erwischt hatte. Der zweite lag am Brückenanfang. Zwei Männer, deren Namen sie nicht kannten und deren Auftrag jetzt in einer kleinen Holzkiste zwischen ihnen stand.
Pianwig richtete sich langsam wieder auf und sah zum Weg auf der anderen Seite des Sable Brook. Für eine feierliche Geste gab es an diesem Ort weder Anlass noch Publikum.
Rose ging zu der Kiste, die noch neben dem toten Boten lag.
„Wenn sie für Amalthea bestimmt ist, sollten wir zumindest wissen, was wir tragen.“
Hybris hob eine Braue. „Ist das die vornehme Form von: Wir machen sie auf?“
„Es ist die verantwortungsbewusste Form.“
„Klingt ähnlich.“
Rose ignorierte das, öffnete die Kiste und fand darin genau einen einzelnen Zweig.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Nach zwei Toten, mehreren Fellkreaturen und dem Versprechen einer fürstlichen Belohnung irritierte gerade die Schlichtheit des Inhalts: Statt Edelstein, Schriftrolle oder Waffe lag dort ein einzelnes Stück Holz.
Söckchen trat näher und betrachtete den Zweig. „Dafür sind die beiden durch den Wald gerannt und gestorben? Für ein Stück Holz?“
„Offenbar war es für sie wichtig genug“, sagte Pianwig. „Mehr wissen wir über ihren Auftrag im Moment nicht.“
Äußerlich erklärte wenig, weshalb zwei Männer dafür ihr Leben riskiert hatten. Hybris kannte jedoch genug Geschichten über solches Holz für eine vorsichtige Einordnung. „Heiliger Zweig.“ Rose bestätigte den Begriff und erklärte, dass man damit ein vollständig erloschenes Feuer neu entzünden könne.
Söckchen betrachtete den unscheinbaren Inhalt. „Mit einem Stock.“
„Mit heiligem Holz“, korrigierte Rose.
„Sieht aus wie ein Stock.“
Hybris warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Sag ich doch. Stöcke können nützlich sein.“
Söckchens Mundwinkel bewegten sich, während Rose kurz die Augen schloss und sich zwang, die Erklärung sachlich zu halten. „Gewöhnliches Holz reicht, wenn bereits eine Flamme da ist und nur weiterbrennen soll. Ein heiliger Zweig wird gebraucht, wenn ein Feuer vollständig erloschen ist und überhaupt erst wieder entzündet werden muss. Wenn die Boten genau so etwas nach Cinder Keep bringen sollten, gefällt mir die Folgerung daraus überhaupt nicht.“
Mit der Erklärung bekam der unscheinbare Inhalt Gewicht. Cinder Keep war der letzte Funke der Hoffnung. Ein Ort, zu dem zwei verletzte Männer mit einem heiligen Zweig gerannt waren, während Fellkreaturen sie durch den Wald jagten. Ein Ort, an dem jemand namens Amalthea offenbar wissen sollte, was mit diesem Zweig zu tun war.
Rose sah in Richtung des Weges. „Wenn sie das nach Cinder Keep bringen mussten, ist dort etwas geschehen.“
„Kann sein“, sagte Pianwig. „Oder wir verstehen den Auftrag erst, wenn wir dort sind. Im Wald bekommen wir darauf keine bessere Antwort.“
„Es ist ziemlich wahrscheinlich“, sagte Hybris. „Niemand stirbt gern für Brennholz.“
Söckchen blickte zu den beiden Körpern. Ihre hohe Stimme war, als sie sprach, völlig sachlich. „Dann sollten wir es hinbringen.“
Rose schloss den Deckel. „Selbstverständlich bringen wir es hin.“
Damit war der Auftrag angenommen, ohne dass jemand ihn feierlich angenommen hätte. Es gab keinen Vertrag und keinen Zeugen mehr, der später hätte sagen können, ob sie die Sache richtig erledigt hatten. Nur den Namen Amalthea, den Ort Cinder Keep und die Funktion des Zweigs. Für eine Welt, in der Menschen unterwegs starben, war das vermutlich mehr Gewissheit, als viele Aufträge besaßen.
Rose mochte die Unvollständigkeit des Auftrags nicht und hätte gern gewusst, wer die Männer geschickt hatte und welche Lage sie in Cinder Keep erwartete; für den Rest der Gruppe genügte vorerst, dass der nächste Schritt eindeutig war. Die offenen Fragen konnten sie mitnehmen, die Kiste nicht zurücklassen.
Hybris nahm die Kiste und prüfte, wie sie sich sichern ließ. Er ging mit ihr so um, wie mit wichtigem Reisegepäck: Deckel fest, nichts lose, nichts so befestigt, dass es beim Laufen gegen eine Waffe schlug. Ihre Bedeutung war für ihn ein Grund, sie ordentlich zu verstauen.
Pianwig sah zum Wald. „Wir sollten weg.“
Seine Stimme blieb nüchtern. Der Lärm des Kampfes konnte weitere Kreaturen angelockt haben, und längeres Verweilen half weder den Toten noch den Lebenden.
Rose blieb mit den anderen noch einen Moment bei den beiden Männern. Fremde lagen außerhalb des engsten Kreises, für den sie ohne Zögern alles riskierte, gleichgültig waren sie ihr deshalb nicht; als Hybris sachlich feststellte, dass sie die Toten hier weder begraben noch länger bewachen konnten, nickte sie nur. Söckchen verweilte einen Augenblick neben dem zweiten Boten, dann wandten sie sich gemeinsam wieder der Brücke zu.
Der Kampf hatte immerhin einen Teil der alten Unsicherheit beseitigt: Rose und Hybris waren auf den Planken bis ungefähr in die Mitte geraten, ohne dass das Holz unter Feuer, Ausweichschritten und zwei bewaffneten Körpern nachgegeben hatte. Pianwigs Gewicht blieb trotzdem eine andere Größenordnung, und so kam die unterbrochene Frage nach der Reihenfolge noch einmal auf – diesmal kürzer und ohne Roses ursprüngliche Versuchsanordnung.
„Die Leichten zuerst“, sagte Pianwig. „Wenn die Brücke dabei hält, gehe ich zuletzt. Söckchen braucht sie ohnehin nicht.“
Rose hätte die Reihenfolge gern selbst festgelegt, fand jedoch keinen sachlichen Grund, weiter darüber zu streiten. „Gut. Dann verlieren wir jetzt keine Zeit mehr.“ Hybris sicherte die Kiste endgültig an seiner Ausrüstung, Söckchen blieb für den Übergang frei beweglich, und erst als feststand, dass niemand am Ufer zurückblieb, setzten sie sich gemeinsam in Bewegung.
Nachdem sie sich am Brückenanfang auf eine Reihenfolge geeinigt hatten, ging Rose als Erste. Nicht weil ihr ursprünglicher Plan damit nachträglich recht bekam, sondern weil sie leicht war und die Planken im Kampf bereits einen Teil ihrer Zweifel überstanden hatten. Das Geländer blieb rau unter ihrer Hand, das Holz knarrte bei jedem Schritt, und nach der Gewalt der letzten Minuten klang selbst dieses Ächzen beinahe nüchtern.
Hybris folgte mit genügend Abstand, dass sie nicht dieselbe Planke belasteten; die kleine Holzkiste war so an seiner Ausrüstung befestigt, dass sie weder gegen die Dolche noch gegen das Geländer schlug. Söckchen brauchte den Übergang nicht und hielt sich frei in der Luft, während Rose das andere Ufer erreichte und sich erst dort wieder zu den beiden Zurückgebliebenen umdrehte.
„Bis hierhin hält sie“, sagte Rose. „Pianwig, geh gleichmäßig und bleib nicht stehen, wenn irgendein Brett knackt. Wenn etwas nachgibt, möchte ich wenigstens, dass du schon in Bewegung bist.“
„Ich gehe“, erwiderte er. „Aber wenn sie unter mir bricht, war dein ursprünglicher Plan trotzdem schlecht.“
Rose hob die Brauen. „Wenn du drüben ankommst, darfst du diese Einschätzung gern wiederholen.“ Pianwig setzte den ersten Fuß auf die Brücke, und unter seinem Gewicht ächzten Balken und Planken wesentlich lauter als zuvor; trotzdem hielt er das vereinbarte gleichmäßige Tempo, bis auch er das andere Ufer erreicht hatte.
Erst da wich ein Teil der Spannung aus der Gruppe. „Sie hat gehalten“, stellte Pianwig fest, worauf Rose lediglich erwiderte: „Wie von mir erwartet.“ Hybris ließ die Vorgeschichte dieser Erwartung ruhen; zwei Tote lagen hinter ihnen, an seiner Ausrüstung hing eine Kiste für Amalthea, und die Brücke hatte für diesen Tag genug Aufmerksamkeit bekommen.
Am anderen Ufer fanden sie nach dem Kampf wieder ihre Reiseordnung. Blut und Schmutz klebten noch an Waffen und Kleidung, Verletzungen wurden beim ersten Schritt deutlicher, und die Kiste bekam einen letzten Zug an ihrer Befestigung, bevor sie weitergingen. Rose blickte noch einmal zurück; die beiden Körper waren von hier aus kaum mehr als dunkle Formen, und statt sich eine Pflicht einreden zu lassen, die sie nicht erfüllen konnten, hielt sie sich an diejenige, die der Tote ihnen tatsächlich übertragen hatte.
Der Pflasterweg führte weiter durch den Wald. Zunächst blieb alles so, wie es auf der anderen Seite gewesen war: dunkle Stämme, feuchte Erde, wenig Licht. Die Luft roch nach Wasser und nassem Holz. Mit jedem Schritt wurde das Rauschen des Flusses leiser.
Bald fiel Hybris am Wegesrand aufgewühlte Erde auf, dazu abgebrochene niedrige Zweige und Vertiefungen im Schlamm, die sich so dicht überlagerten, dass kaum noch zu erkennen war, welches Tier wann dort entlanggelaufen war. Er blieb stehen und ging in die Hocke.
Söckchen war sofort neben ihm. „Was hast du gefunden? Du siehst aus, als wäre der Boden plötzlich interessanter als der Weg.“
„Spuren. Sehr viele davon.“
„Von was für Tieren reden wir?“
Hybris deutete auf den zerwühlten Boden. „Das ist gerade das Problem. Sie liegen so dicht übereinander, dass ich kaum einen sauberen Abdruck finde.“
Rose trat näher, blieb aber auf dem Pflaster. „Kannst du wenigstens sagen, ob wir von einer Tierart sprechen oder von mehreren?“
„Wenn du mir einen sauberen Abdruck findest, sag ich's dir.“
Gerade die Menge machte eine sichere Deutung unmöglich: Stellenweise sah der Boden aus, als hätte eine ganze Herde ihn umgegraben, manche Furchen erinnerten an Wildschweine, andere waren nur zerdrückte Erde, und die Spuren liefen in beide Richtungen.
Pianwig betrachtete den Wald. „Sind sie frisch?“
Hybris sah genauer hin. Feuchtigkeit, nachgerutschter Schlamm und zahllose Überlagerungen machten eine sichere Antwort schwierig. „Einige vielleicht. Ich würde nicht darauf wetten.“
„Dann wetten wir auch nicht darauf“, sagte Pianwig. „Wenn die Spuren nichts Sicheres hergeben, behandeln wir sie einfach als Warnung und gehen weiter.“
Rose blickte an den Bäumen entlang. Die Menge der Spuren gefiel ihr sichtbar nicht. „Wenn hier so viele Tiere unterwegs sind, sollte es einen Grund geben. Tiere laufen nicht in solchen Mengen kreuz und quer durch denselben Bereich, wenn alles ruhig ist.“
„Einen Grund gibt es bestimmt“, sagte Söckchen. „Ich würde nur nicht voraussetzen, dass uns die Antwort gefällt.“
„Das ist wenigstens eine ehrliche Einschätzung.“
Sie gingen weiter. Je länger die Spuren anhielten, desto deutlicher wurde, dass Tiere in großer Zahl durch die Gegend um Cinder Keep gezogen waren; ob fort von der Festung, zu ihr hin oder in beide Richtungen, ließ sich aus dem zerstampften Boden nicht lesen. Die Gruppe fand darauf keine Antwort.
Das Wissen um den heiligen Zweig machte die Unklarheit unangenehmer. Wenn Cinder Keep Schutz bot, warum rannten Tiere in solchen Mengen durch die Umgebung? Wenn der Schutz ausgefallen war, seit wann? Und wenn die Boten den Zweig brachten, hatten sie das Feuer bereits erloschen gewusst oder nur eine Vorsichtsmaßnahme transportiert? Rose stellte die Fragen nicht alle laut. Manche gehörten erst an einen Ort, an dem jemand sie beantworten konnte.
Die Tierspuren begleiteten sie noch eine Weile. Mal verschwanden sie im Unterholz, mal kreuzten sie den Weg, mal liefen sie für einige Meter parallel dazu. Trotz ihrer Menge zeigte sich kein Tier. Eine einzelne Spur hätte Nahrung, Flucht oder Wanderung bedeuten können; diese Vielzahl erzählte vorerst nur von Bewegung.
Rose widerstand dem Impuls, hinter jedem Stamm eine Ursache zu verlangen. Nicht jede Frage ließ sich an Ort und Stelle beantworten, und vernünftiges Führen konnte auch bedeuten, eine Unklarheit mitzunehmen, statt ihretwegen stehen zu bleiben.
Hybris nahm die Unklarheit anders mit. Er achtete auf Fluchtwege, seitliche Bewegungen und Stellen, an denen der Wald zu dicht wurde, während seine Haltung beinahe beiläufig blieb. Söckchen kannte ihn gut genug, um die Aufmerksamkeit darunter zu erkennen.
„Du guckst schon wieder so“, sagte Söckchen. „Das ist der Blick, bei dem du im Kopf drei Fluchtwege suchst und mir erst hinterher erzählst, welchen du genommen hast.“
Hybris sah kurz zu ihr. „Ich suche nur nach Stellen, an denen wir nicht festhängen, falls aus den Spuren tatsächlich etwas herauskommt. Das ist eigentlich eine ziemlich vernünftige Beschäftigung.“
„Dann denk daran, dass ich fliegen kann. Mein Fluchtweg muss nicht derselbe sein wie deiner.“
„Weiß ich. Ich plane dich nicht in irgendeinen Sumpf oder hinter einen Baum, wenn du einfach nach oben wegkannst.“
„Gut. Dann wollte ich nur sicher sein, dass wir denselben Plan meinen.“ Söckchen nickte; damit war auch dieses Thema geklärt.
Zwischen den Stämmen erschien zuerst eine gerade Linie, zu hoch und zu regelmäßig für Fels; dahinter zeichnete sich ein Turm ab, dann ein zweiter, bis Cinder Keep mit jedem Schritt deutlicher aus dem Wald trat. Rose verlangsamte unwillkürlich. Das also war der letzte Funke der Hoffnung: eine Festung hinter einem Wehrgraben, mit zwei hohen Türmen am großen Tor und massiven Mauern – aber ohne Zugbrücke, ohne Wachen auf den Zinnen und ohne Rauch über den Dächern. Durchtrennte Ketten hingen am Torbereich herab, und die Gruppe blieb vor dem Graben stehen.
Aus der Nähe wirkte der Gegensatz zu Cinder Keeps Ruf noch schärfer. Wind strich ungehindert über die Zinnen, das große Tor lag ohne Zugbrücke nutzlos hinter dem Graben. Rose hob die Stimme und rief zur Mauer hinauf. Als keine Wache reagierte, rief sie ein zweites Mal, kontrollierter und mit jener Selbstverständlichkeit, mit der sie erwartete, dass vernünftige Menschen auf sie reagierten. Die Festung blieb still.
Pianwigs Blick blieb auf den Mauern. „Entweder ist dort niemand mehr, oder die Leute haben einen Grund, sich nicht zu zeigen. Beides sollten wir ernst nehmen, bis wir mehr wissen.“
„Das ist leider die Art von Einschätzung, gegen die ich nichts Sinnvolles einwenden kann“, sagte Rose. „Also gehen wir erst einmal davon aus, dass uns dort niemand freundlich am Tor erwartet.“
Rose sah lange genug hin, dass die anderen nicht fragen mussten, ob ihr der Anblick gefiel.
„Das ist Cinder Keep?“, fragte Söckchen.
„Ja. So sieht es jedenfalls aus“, sagte Rose, und die Antwort klang beinahe gekränkt.
Der fehlende Übergang ließ nur zwei sinnvolle Möglichkeiten: entlang des Grabens suchen oder aus der Luft nach einem Zugang Ausschau halten. Söckchen breitete bereits die Flügel aus, bevor Rose sie bat, nur so weit zu fliegen, dass sie einander noch sehen konnten; niemand wusste, ob auf oder hinter der Mauer etwas auf Bewegung in der Luft reagierte.
Söckchen hielt inne. „Ich will nur einmal um die Anlage herumsehen und nach einem anderen Eingang suchen. Wenn ich etwas finde, komme ich direkt zurück.“
„Gut. Genau das wollte ich hören.“
„Dann sind wir uns ja ausnahmsweise vollständig einig.“
Sie stieß sich vom Boden ab, bevor Rose aus der Einigkeit einen Befehl formen konnte.
Söckchen stieg gerade weit genug auf, um die Mauerlinie zu überblicken, und wurde von unten rasch zu einer kleinen Gestalt vor grauem Stein. Rose legte den Kopf in den Nacken. „Sie könnte wenigstens warten, bis ich den Satz beendet habe.“
„Du warst fertig“, sagte Pianwig.
Rose wandte langsam den Kopf zu ihm. „Wie beruhigend, dass du inzwischen entscheidest, wann ich fertig bin.“
Pianwig zuckte mit einer Schulter. „Sie fliegt schon.“
Das war keine Entschuldigung. Rose nahm es dennoch als Ende des Gesprächs.
Söckchen kehrte nach kurzer Zeit zurück und blieb auf Augenhöhe mit Hybris in der Luft.
„Ich habe einen Durchbruch in der Mauer gefunden“, sagte Söckchen. „Seitlich, vielleicht ein Stück weiter hinten. Von hier aus kommt man deutlich besser hin als über das Tor.“
Rose wandte sich an Pianwig. „Reicht die Öffnung auch für ihn, oder reden wir über einen Eingang, den am Ende nur du benutzen kannst?“
Söckchens Blick glitt zu Pianwig. „Er passt durch. Wenn Pianwig da durchkommt, müssen wir über die Breite nicht weiter diskutieren.“
Gemeinsam folgten sie dem Wehrgraben weiter um die beschädigte Befestigung.
Der Durchbruch war schon aus einiger Entfernung zu sehen, sobald der Winkel stimmte. Ein breiter Abschnitt der Mauer fehlte. Die Bruchkante war unregelmäßig, Steine und größere Mauerstücke lagen außerhalb der Festung verstreut.
Vor einem der großen Brocken hielt Hybris an. Die Trümmer lagen so eindeutig auf der Außenseite, dass Rose die Schlussfolgerung aussprach, noch bevor jemand länger darüber diskutieren konnte. „Nach außen.“ Pianwig bestätigte nur knapp, dass die meisten Steine tatsächlich draußen lagen.
Die Lage der Trümmer ließ zumindest eine vorsichtige Schlussfolgerung zu: Die Mauer war von innen nach außen geborsten. Aus den Steinen allein ließ sich jedoch nicht erkennen, was diese Gewalt verursacht hatte.
Söckchen flog ein Stück weiter über den Graben und blieb abrupt stehen.
„Äh.“
Hybris wandte sich ihr zu. „Das klingt nicht gut.“
„Ist es auch nicht.“ Wenige Schritte später erklärte sich ihre Reaktion von selbst: Der Wehrgraben unterhalb des Mauerdurchbruchs war voller Leichen.
Es waren Hunderte. Zwischen den Körpern lagen Menschen neben umbral veränderten Waldtieren: riesige Wölfe mit verdorbenen Proportionen, andere Kreaturen, deren ursprüngliche Art unter Mutation und Verwesung kaum noch zu erkennen war, und dazwischen Männer und Frauen in zerfetzter Kleidung oder beschädigter Rüstung. Die Masse lag so hoch übereinander, dass sie unter dem Mauerdurchbruch einen widerwärtigen, unregelmäßigen Übergang bildete.
Der Geruch traf die Gruppe mit dem nächsten Windstoß. Verwesung lag schwer und süßlich über dem Graben; viele Leiber waren aufgebläht, weich geworden oder bereits so weit zerfallen, dass Haut und Stoff unter dem eigenen Gewicht nachgaben. Rose hob sofort eine Hand vor Mund und Nase. Selbst Hybris, der wenig Sinn darin sah, sich über unvermeidbaren Gestank zu beschweren, atmete flacher.
An den menschlichen Körpern waren Biss- und Klauenwunden ebenso zu erkennen wie Hiebe und Stiche gewöhnlicher Waffen. Einige Verletzungen sahen aus, als könnten sie von anderen Menschen stammen, doch die Leichen verrieten nicht, warum hier offenbar Menschen gegen Menschen gekämpft hatten. Bei den mutierten Tieren war kaum sicher zu unterscheiden, welche Schäden vom Kampf stammten und welche bereits Teil ihrer entstellten Körper gewesen waren.
Auch der Mauerdurchbruch selbst gab darauf keine Antwort. Die Steine lagen überwiegend außerhalb der Festung, also hatte enorme Kraft sie nach außen gerissen oder geschlagen; aus dem Bruch ließ sich jedoch nicht erkennen, ob Menschen, Monster oder etwas anderes dafür verantwortlich gewesen waren. Deutlich war nur, dass hier sehr viele Lebewesen gleichzeitig gekämpft, geflohen und gestorben waren.
Hybris suchte mit den Augen nach einer weniger widerwärtigen Linie durch den Graben und fand keine. Ein Umweg entlang der Mauer hätte mehr Zeit gekostet, ohne einen besseren Zugang zu versprechen. Langes Betrachten machte die praktische Entscheidung kein Stück angenehmer.
Rose hob die Hand vor Mund und Nase. „Ich werde nicht durch diesen Haufen klettern, wenn es irgendeine andere brauchbare Möglichkeit gibt.“
Pianwig sah zum fehlenden Torübergang, dann auf den Leichenhaufen. „Im Augenblick ist das die einzige brauchbare Möglichkeit, die wir sehen. Alles andere bedeutet, weiter an der Mauer entlangzusuchen, ohne zu wissen, ob dort überhaupt ein zweiter Zugang existiert.“
„Das macht diese Ansammlung verwesender Kreaturen nicht zu einem Weg.“
„Praktisch schon. Nur zu einem sehr schlechten.“
Rose musterte ihn. Unter anderen Umständen hätte sie seine Sturheit als solche behandelt. Diesmal blickte sie wieder hinunter und musste einräumen, dass er recht hatte.
„Ich werde da nicht hindurchklettern.“
Pianwig sagte nichts; ein kurzer Blickwechsel mit Rose genügte.
„Dann trägst du mich darüber“, entschied Rose. „Du hast den besseren Stand, und ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum wir beide in denselben Leichenhaufen steigen sollten.“
Für Rose war das keine Bitte. Eher die Feststellung einer sinnvollen Arbeitsteilung.
Pianwig betrachtete den Leichenhaufen noch einmal. „Gut.“ Seine Stimme blieb sachlich; damit war die Entscheidung für ihn erledigt. Söckchen flog über den Graben, während Hybris die ersten brauchbaren Stellen mit kurzen Anläufen nahm und über tiefer liegende Körper sprang, statt sein Gewicht blind auf sie zu setzen. Pianwig hob derweil Rose hoch.
Sie ließ es zu mit jener selbstverständlichen Würde, mit der sie auch einen Diener hätte eine Kutsche öffnen lassen. Dass Pianwig weder ihr Diener noch ihr Soldat war, änderte an ihrer Haltung wenig. Pianwig schien beschlossen zu haben, dass die Diskussion darüber mehr Mühe machte als das Tragen selbst.
„Vorsichtig“, sagte Rose.
„Ich sehe den Boden.“
„Das hoffe ich.“
„Drei Augen.“
Rose antwortete nicht. Es war schwer, dagegen etwas Vernünftiges einzuwenden.
Der Weg über die Leichen war kurz und widerwärtig. Pianwigs Gewicht ließ die aufgedunsenen Körper an einigen Stellen absacken; unter Hybris’ Hufen gab etwas weich nach, das er bewusst nicht genauer ansah. Zwischen Stoff, Fell, Rüstung und verdorbenem Fleisch musste jeder Tritt gewählt werden, weil ein scheinbar fester Rücken ebenso gut in sich zusammenbrechen konnte wie ein mutierter Tierkörper. Söckchen wartete bereits an der Maueröffnung und war für einige Augenblicke die Einzige, die den Graben überhaupt nicht berühren musste.
„Mir egal, ich kann ja fliegen“, sagte sie, als Rose schließlich wieder festen Stein unter den Füßen hatte.
Rose strich ihr Kleid glatt, soweit an diesem Ort überhaupt noch etwas glattzustreichen war. „Dein Mitgefühl ist überwältigend.“
„Du bist drüben.“
„Das stimmt.“
Damit war die Sache für den Moment erledigt, und sie traten durch die zerstörte Mauer nach Cinder Keep.
Hinter dem Mauerdurchbruch mussten sie zunächst Platz zwischen Trümmern finden. Herausgebrochene Steine lagen auch auf der Innenseite, dort allerdings dichter am Bruch als draußen. Die Gruppe blieb eng beieinander, während sie zwischen die Gebäude trat. Der gefundene Zugang sagte noch nichts darüber aus, wie sicher der Ort war.
Hybris blickte zurück auf den Weg durch den Graben. Von innen wirkte der Leichenhaufen noch absurder, ein notdürftiger Steg aus toten Körpern unter einer Wunde in der Mauer. Er merkte sich den Ausgang trotzdem. Solange sie keinen besseren fanden, war das ihr Rückweg.
Innerhalb der Festung standen Marktstände, ein Wirtshaus, eine Schmiede und mehrere Wohnhäuser. Die Gebäude verrieten, wie belebt Cinder Keep einmal gewesen sein musste; zwischen ihnen zeigte sich kein Bewohner. Rose wartete einige Schritte hinter dem Mauerdurchbruch auf irgendeine Reaktion auf die vier Fremden, doch die Straßen blieben still.
Vor den Mauern hatte wenigstens der Wald gerauscht. Hier standen Orte, die für Stimmen gebaut worden waren: Stände für Händler, eine Schmiede für Hämmer, ein Wirtshaus für Gespräche. Rose hatte einen Zufluchtsort erwartet, selbst nach dem Anblick der zerstörten Zugbrücke noch Menschen, die erklären konnten, was geschehen war. Stattdessen blieb nur die unbenutzte Ordnung einer verlassenen Festung.
Pianwig prüfte Eingänge und Straßen mit derselben nüchternen Aufmerksamkeit, mit der er zuvor die Brücke beurteilt hatte. Ein leerer Ort konnte genauso gefährlich sein wie ein voller. Söckchens Blick wanderte schneller von Dach zu Dach, von offenen Durchgängen zu den dunkleren Bereichen zwischen den Gebäuden.
Rose und Hybris riefen gemeinsam in die leeren Straßen: „Ist da jemand?“
Ihre Stimmen liefen zwischen den Häusern entlang und kamen schwächer zurück. Eine Antwort erhielten sie nicht.
Von der Mitte des Weges aus ließ sich der verlassene Ort besser überblicken; Pianwigs Größe und Söckchens kurze Flüge halfen dabei, zwischen Marktständen, Vorsprüngen und niedrigen Dächern überhaupt Sichtlinien zu gewinnen.
Sie gingen tiefer zwischen die Gebäude. Wo Türen oder Fenster Einblick zuließen, zeigte sich ebenso wenig Bewegung wie auf den Straßen. Rose rief nach den ersten unbeantworteten Versuchen nicht an jedem Haus erneut; weiteres Rufen hätte vor allem ihren Standort verraten.
Sie suchte mit den Augen nach einem kleinen Zeichen, das der Leere widersprach: Bewegung hinter einer Scheibe, frischer Rauch, ein Schatten, der zu einem Menschen gehörte. Keines zeigte sich.
Die Gruppe hielt sich deshalb näher an der Mitte des Weges, wo mehrere Richtungen zugleich offenblieben. Zu viele Türen, Ecken und Dächer verhinderten vollständige Kontrolle, aber sie konnten sich wenigstens so bewegen, dass niemand für einen besseren Blick weit aus der Formation musste.
Mit jedem weiteren Schritt wurden die Spinnweben auffälliger: Dicke Bahnen lagen zwischen Gebäuden, über Durchgängen und an Dachkanten. Manche waren so dicht, dass sie das wenige Licht zusätzlich filterten; andere zogen sich in langen Strängen von einer Hausseite zur anderen.
Hybris zog einen Dolch und berührte einen Faden nur mit der Spitze. „Wenn das alles von einem Tier stammt, möchte ich die Spinne dazu eigentlich nicht kennenlernen. Die muss groß sein.“
„Ich hatte gehofft, dass du nur die Menge der Netze meinst“, sagte Rose.
„Leider nein. Für so viel Seide wäre eine kleine Spinne die überraschendere Erklärung.“
Rose musterte die Menge der Netze und entschied, dass sie diese Präzisierung nicht brauchte; die Gruppe verlangsamte ohnehin bereits ihre Schritte.
Mit den Netzen fiel noch etwas deutlicher auf: Cinder Keep fehlte jede Wärme. Die Fenster blieben dunkel, die Esse in der Schmiede kalt, und aus keinem Haus kam der Geruch eines Herdfeuers. Der Name der Festung versprach etwas, das nirgends zu sehen war.
Schließlich erreichten sie den Platz der Flamme. Sie war erloschen, und Rose blieb vor der kalten Asche stehen.
Der Anblick war einfacher als alle Erwartungen: kalte Asche, kein Licht, keine Wärme. Und doch erklärte er mehr über Cinder Keep als die zerstörte Zugbrücke und die aufgesprengte Mauer. Ein Zufluchtsort ohne seine Flamme war nur Stein.
Vor der kalten Asche bekam der letzte Wunsch des Boten zum ersten Mal einen sichtbaren Bezug. Der Festung fehlte genau der Schutz, den ihr Ruf versprochen hatte, und aus dem abstrakten Auftrag in Hybris' kleiner Holzkiste wurde ein unmittelbares Problem: Amalthea war noch immer verschwunden, doch wofür sie den heiligen Zweig brauchen konnte, lag offen vor ihnen.
„Jetzt ergibt die Kiste wenigstens Sinn“, sagte Hybris. „Wenn das Feuer hier vollständig aus ist, hatten die Boten tatsächlich etwas dabei, das man mit normalem Brennholz nicht ersetzen kann.“
Rose nickte langsam. „Dann müssen wir Amalthea finden, bevor wir irgendetwas mit dem Zweig versuchen. Der Mann hat ausdrücklich gesagt, dass sie weiß, was zu tun ist.“
Seit dem Sable Brook hatte die Fracht wichtig gewirkt; vor der kalten Asche wurde ihre Notwendigkeit unmittelbar.
„Amalthea“, sagte Pianwig.
Die Suche verlagerte sich von Türen und Fenstern zunehmend auf die Netze – auf kleine Bewegungen darin und auf Stellen, an denen zwischen den Fäden etwas hängen konnte. Während erneut nach Bewohnern gerufen wurde, entdeckte Söckchen zuerst, was sie bisher übersehen hatten. „Da.“ Über ihnen hing ein großer Kokon.
Je länger sie zwischen den Gebäuden standen, desto weniger überzeugte die Idee, dass alle Bewohner den Ort einfach freiwillig verlassen hatten. Zu viele Dinge waren zurückgeblieben, zu viele Wege noch benutzbar. Vielleicht hatten Menschen fliehen können. Vielleicht nicht. Die Kokons gaben der zweiten Möglichkeit plötzlich Gewicht.
Söckchen sank ein Stück tiefer und hielt sich nicht mehr direkt unter den dicksten Netzen auf. Hybris tat unbewusst dasselbe am Boden und suchte Stellen, von denen aus er nach oben sehen konnte, ohne sich mitten unter die weißen Bündel zu stellen.
Der erste Kokon war länglich und dick eingesponnen, groß genug für einen Menschen. Als Hybris den Blick weiterwandern ließ, erkannte er einen zweiten, dann einen dritten. Weiße Formen hingen zwischen Häusern, unter Vorsprüngen und in dichten Netzen über den verlassenen Wegen.
Rose trat unter einem davon einen Schritt zurück. „Wenn dort Menschen drin sind—“
Der Satz brach ab, als hinter ihnen etwas über Stein schabte. Die Gruppe wandte sich beinahe geschlossen von den Kokons weg; Söckchen sank tiefer, das Großschwert bereit, während zwischen Marktständen und dunklen Fassaden etwas Großes in Bewegung kam.
Dann trat eine gewaltige Spinne aus den Netzen auf die Straße.
Die Spinne füllte den Weg zwischen den Häusern. Sie war vier, vielleicht fünf Meter hoch, wenn sie sich aufrichtete, und ihr Körper wirkte unter der Umbra beinahe vollständig schwarz. Schleim glänzte über Panzer, Gelenken und den dicht behaarten Teilen der Beine, als hätte die Verderbnis sie mit einer feuchten Haut überzogen; jeder Schritt setzte diese Masse in Bewegung und ließ die Netze über den Straßen erzittern.
Über der Gruppe hingen die Kokons zwischen trockenen Fäden und Hauswänden. Rose hob bereits die Hände. „Achtet auf die Kokons. Ich setze Feuer ein, aber ich brenne uns nicht die Leute über den Köpfen mit weg.“
Pianwig zog sein Schwert und ging auf eines der vorderen Beine, während Söckchen von der anderen Seite den Griff ihres Großschwertes zwischen die Zähne biss und auf die unteren Gelenke zielte. Gegen ein Tier dieser Größe war jeder Schritt bereits eine Bewegung, die einen Menschen zu Boden hätte schlagen können; ihre nahezu gleichzeitigen Hiebe sollten deshalb weniger sofort töten als Stand und Beweglichkeit nehmen. Panzer splitterte, schwarzer Schleim lief über die Klingen, und als die Spinne sich aus Pianwigs Reichweite riss, musste Söckchen mit einem Flügelschlag hoch, bevor ein zweites Bein sie gegen das Pflaster drücken konnte.
Genau diese heftige Drehung öffnete Rose eine freie Linie. Ihr Feuer brannte sich in den massigen Körper, versengtes Haar, Schleim und Fleisch verdrängten selbst den Moder der Netze, und mehrere Seidenstränge rissen über ihnen, als die Spinne zurückzuckte. Rose setzte nach, sobald sich die Nahkämpfer aus der Linie bewegten, sodass Feuer und Schwerter denselben kurzen Abschnitt des Kampfes bestimmten, ohne einander den Raum zu nehmen.
„Die Beine halten sie noch“, rief Pianwig, nachdem er einem ausschlagenden Glied ausgewichen war. „Wenn wir sie weiter unten binden, kommt Hybris an den Kopf.“ Der Faun suchte bereits genau diese Öffnung, doch zu Fuß lagen Beine, Mandibeln und der gesamte Vorderkörper dazwischen. Söckchen begriff den Ansatz, noch während sie an ihm vorbeizog, und machte mit dem Horn eine knappe Bewegung zum Kopf.
Hybris griff zu, Söckchen gewann mit kräftigen Flügelschlägen Höhe und trug ihn über die zuckenden Beine. Noch während Pianwig unten die Spinne band und Rose ihr Feuer zurückhielt, stieß Hybris sich ab, landete an der vorderen Schädelpartie und rammte beide Dolche tief hinein. Die Klingen drangen durch, bis der Widerstand unter seinen Händen nachgab; die Spinne bäumte sich ein letztes Mal auf, warf ihren massigen Körper seitlich gegen Pflaster und Marktstand und brach zusammen.
Hybris bekam die Dolche erst frei, als der Kopf bereits am Boden lag. Einige Beine zuckten weiter, doch die Gefährten hielten Waffen und Magie nur so lange bereit, bis aus den Bewegungen endgültig die Kraft wich und kein weiterer Angriff mehr kam.
Niemand machte aus dem Sieg mehr, als er war. Die Spinne lag tot auf der Straße; über ihr hingen weiterhin die Kokons, und damit war die Arbeit, wegen der sie überhaupt in den Netzen standen, noch lange nicht beendet.
Sie gingen zum nächstgelegenen Kokon. Aus der Nähe war das Geflecht dichter, als es von unten gewirkt hatte. Schicht über Schicht aus weißlichem Material umschloss die Form darin. Hybris setzte eine Dolchspitze an und schnitt flach genug, um den Inhalt des Kokons nicht zu verletzen.
„Langsam“, sagte Rose.
„Mach ich.“
Stück für Stück öffneten sie den Kokon, eine Arbeit, die andere Vorsicht verlangte als der Kampf. Hybris schnitt jede Schicht flach an, weil direkt darunter Haut liegen konnte, während die anderen das klebrige Material auf Abstand hielten, nach lösbaren Fasern suchten und der Frau Orientierung gaben, sobald eine Reaktion möglich war. Netzfasern klebten an Händen, Kleidung und Klingen; mehrmals mussten sie neu ansetzen, weil die Seide sich dehnte, statt zu reißen, und gerade diese notwendige Langsamkeit zeigte, wie hilflos jemand in einer vollständig geschlossenen Hülle gewesen sein musste.
Im Kokon lag eine Frau, und sie lebte. Die Gefangenschaft hatte sie geschwächt, doch sobald genug Seide entfernt war, konnte sie mit Hilfe aufstehen und nach wenigen Augenblicken aus eigener Kraft stehen und gehen.
Rose blieb nahe genug, um sie aufzufangen, ohne ihr sofort die Selbstständigkeit abzunehmen. „Kannst du mich verstehen? Die Spinne ist tot. Wir sind in Cinder Keep und haben dich gerade aus einem der Kokons geholt.“
Die Frau brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, dann stellte sie sich vor. „Amalthea.“
Der Name ging sofort durch die Gruppe; er gehörte zu den letzten Worten des Boten am Sable Brook.
„Dann haben wir dich gesucht“, sagte Rose. „Zwei Männer sind uns vor der Brücke entgegengekommen. Einer wurde im Wald getötet, der andere direkt vor dem Übergang schwer verletzt. Er hat uns noch gesagt, dass wir seine Kiste nach Cinder Keep bringen und sie dir geben sollen.“
Pianwig ergänzte den Kern des Auftrags, ohne den Tod des Mannes auszuschmücken. „Er sagte, du wüsstest, was damit zu tun ist. Danach ist er gestorben.“
Amaltheas Blick ging von einem Gesicht zum nächsten. „Sie sollten Hilfe holen. Als unsere Flamme erlosch, brauchten wir heiliges Holz, um sie überhaupt wieder entzünden zu können.“
Rose setzte sofort nach. „Was ist hier passiert? Vor dem Mauerdurchbruch liegen Hunderte Tote, die Zugbrücke ist zerstört, und in der Festung hing fast jeder, den wir gefunden haben, in einem Kokon.“
Amalthea öffnete den Mund zu einer Antwort, doch Hybris hatte inzwischen die Holzkiste gelöst. Als Rose den Deckel hob und der einzelne heilige Zweig sichtbar wurde, veränderte sich Amaltheas Aufmerksamkeit vollständig.
„Später“, sagte sie. „Ich erkläre euch, was ich kann. Aber wenn dieser Zweig hier ist, entzünden wir zuerst das Feuer. Solange es aus ist, bleibt Cinder Keep ungeschützt.“
Amalthea musste nicht getragen werden, trotzdem ging die Gruppe langsamer durch die verlassenen Straßen, weil die Gefangenschaft sie geschwächt hatte und niemand wusste, ob in den Netzen noch etwas wartete. Die Gefährten hielten die Umgebung im Blick, während Rose bei der Feuerhüterin blieb; ihre Fragen arbeiteten sichtbar weiter, mussten aber bis zur Flamme warten.
Sie erreichten die erloschene Flamme, wo kalte Asche an der Stelle lag, an der Wärme hätte sein sollen.
Nun, da Amalthea danebenstand und der heilige Zweig tatsächlich in ihrer Nähe war, wirkte der Platz weniger wie ein Grab und mehr wie eine Aufgabe.
Amalthea wusste, was zu tun war, und der Vorgang war erstaunlich schlicht. Der heilige Zweig brauchte kein langes Ritual: Er wurde entzündet und bildete die neue Grundlage des erloschenen Feuers.
„Der Zweig selbst brennt sehr lange“, erklärte Amalthea, während sie den ersten sicheren Schein beobachtete. „Wenn wir gewöhnliches Holz und anderes Brennmaterial nachlegen, trägt dieses heilige Holz die Flamme über Monate, vielleicht Jahre. Wir müssen sie pflegen, aber wir brauchen nicht jedes Mal einen neuen Zweig, solange sie nicht wieder vollständig erlischt.“
Rose sah auf das kleine Stück Holz, für das zwei Männer gestorben waren. Gerade seine unscheinbare Gestalt machte die Erklärung eindringlicher: Nicht eine kurze magische Explosion war seine Bedeutung, sondern die Möglichkeit, dass aus diesem einen Zweig über sehr lange Zeit wieder ein Feuer wurde, um das Menschen leben konnten.
Die ersten Funken blieben klein, und selbst die sonst rastlose Gruppe wartete, während Amalthea gewöhnliches Brennmaterial so nachlegte, dass der neue Schein Nahrung bekam, ohne erstickt zu werden. Dann griff die Flamme.
Die Mauern blieben beschädigt, die Zugbrücke fehlte weiterhin, Leichen lagen im Graben und Netze über den Häusern. Auch die übrigen Kokons hingen noch an ihrem Platz. Cinder Keep war weiterhin ein verwundeter Ort, doch die Kälte wich aus seinem Zentrum.
Das Licht legte sich auf Gesichter, Waffen und beschädigten Stein. Zum ersten Mal seit Tagen kam Wärme aus einer Flamme, deren Zweck über den nächsten Augenblick hinausreichte.
Die Gruppe rückte näher an die Wärme, ohne den verwundeten Ort um sie herum aus den Augen zu verlieren. Blut, Rauch und der Geruch des Sable Brook hingen noch an ihnen; nach dem Kampf und der Rettung der ersten Gefangenen brauchte keiner den Augenblick durch eine vollständige Runde eigener Reaktionen zu erklären. Rose gab ihm schließlich die Form, die ihr fehlte.
„Also“, sagte sie leise und mit ungewohnter Ernsthaftigkeit. „Das ist er dann wohl wirklich: der letzte Funke. Ich hoffe sehr, dass dieser Ort vorhat, seinem Ruf künftig etwas gerechter zu werden.“ Neben ihnen stand Amalthea, geschwächt, aber frei.
Über den Straßen hingen noch die anderen Kokons. Für die Arbeit, die vor ihnen lag, gab es jetzt wenigstens eine Richtung.
Für diesen Augenblick reichte es dennoch, dass Cinder Keep wieder brannte.
Das Feuer von Cinder Keep brannte wieder, noch klein genug, dass jeder Windstoß Rose daran erinnerte, wie wenig zwischen einem sicheren Schein und einem schwarzen Becken lag. Nahe der Wärme saß Amalthea am Rand des Feuers, hinter Rose arbeiteten die anderen leise an den verbliebenen Spinnennetzen; eigentlich hätte Erleichterung genügen können, doch ihre Gedanken blieben an dem Wort hängen, mit dem der Ort seit Tagen beschrieben worden war. Hoffnung war gefährlich, wenn sie nur aus einer einzigen Möglichkeit bestand.
Zuerst kam die Stimme. „Röschen.“ Savilyn hatte so leise gesprochen, dass Rose zunächst glaubte, der Name gehöre noch zu einem Traum. Dann kam er ein zweites Mal, dringlicher, und die ungefähr neunjährige Rose schlug die Augen auf. Das Familienanwesen in Joclyn lag still. Ihre Eltern waren geschäftlich unterwegs und sollten erst bald zurückkehren; im Haus waren neben den Schwestern Butler James und ein weiterer Butler geblieben.
Savilyn stand vor Roses Tür, kreidebleich und mit beiden Händen hinter dem Rücken. Rose war ungefähr neun Jahre alt, Savilyn jünger. An der Haltung ihrer Schwester blieb vor allem eines hängen: die Schultern zu weit zurück, den Blick zu fest auf Rose gerichtet, als könne reine Beherrschung verhindern, dass etwas sichtbar wurde.
„Was ist passiert?“, fragte Rose.
„Ich habe draußen etwas gefunden.“ Savilyn zögerte. „Eine schwarze Kugel. Ich weiß nicht, was es war. Als ich sie angefasst habe, war sie so kalt, dass ich sie vor Schreck fallen gelassen habe.“
„Zeig mir deine Hände.“
Savilyn zog die Arme nach vorn. Die Verfärbung begann an den Fingern und lag tief über der Haut, zu gleichmäßig für Schmutz, zu schwarz für einen gewöhnlichen Bluterguss. Sie zog sich über beide Unterarme bis in die Nähe der Ellenbogen. Roses Aufmerksamkeit blieb zuerst an der Schwärze hängen und unmittelbar danach an der Grenze, an der noch normale Haut begann; für ein Kind, das Probleme gern in klare Bereiche teilte, lag darin beinahe zwangsläufig die Idee, alles Verdorbene oberhalb dieser Grenze abzutrennen.
„Wir müssen die Arme abnehmen“, sagte Rose.
Savilyn starrte sie an. „Nein.“
„Wenn das weiter nach oben zieht, wird es nur schlimmer. Wenn man darüber schneidet, bevor es weitergeht—“
„Ich lasse mir nicht die Arme abschneiden, Rose.“
Der Ton ihrer jüngeren Schwester bremste Rose stärker als das Wort. Savilyn klang nicht trotzig, sondern verängstigt, und plötzlich war die saubere Grenze auf ihren Armen kein medizinisches Problem mehr, sondern Teil eines Menschen, den Rose liebte. Also brauchte sie eine andere Lösung.
Sie dachte an das Zauberbuch ihrer Mutter. Rose konnte bereits Magie wirken, doch Können war für eine Neunjährige ein großzügiges Wort: Manche Dinge folgten ihrer Absicht, andere taten nur ungefähr, was sie wollte. In einem Buch ihrer Mutter kannte sie trotzdem einen Heilzauber, und weil die Eltern nicht da waren, verwandelte sich diese Erinnerung in ihrem Kopf sehr schnell in Verantwortung. James und der zweite Butler waren Erwachsene, aber keiner von ihnen konnte den Zauber für sie sprechen.
James fand die Schwestern im Flur, bevor Rose den Plan ganz ausgesprochen hatte. „Wir brauchen das Zauberbuch meiner Mutter“, erklärte Rose ihm, und als sein Blick zu Savilyn wanderte, fügte sie hinzu: „Jetzt. Mutter und Vater sind nicht da, und wir können nicht warten, wenn sich das weiter ausbreitet.“
James versuchte sie zu bremsen, doch Rose war bereits überzeugt, dass Nichtstun die gefährlichere Entscheidung war. Savilyn selbst wollte ebenfalls etwas versuchen, solange die Schwärze noch auf die Arme begrenzt schien. So kam Rose an das Buch und begann den Zauber ohne ihre Mutter.
Die Magie kam, aber sie half nicht. Savilyn beschrieb zunächst ein Kribbeln, dann verschwand selbst dieses Gefühl, während die schwarze Verfärbung unverändert blieb. Rose ging die Worte erneut durch, prüfte ihre Hände und suchte nach einem Zeichen, das sie übersehen hatte; nichts machte aus dem Fehlschlag eine verständliche Aufgabe.
Erst danach drängte sich die Erinnerung an eine Warnung aus dem Buch in den Vordergrund: Vielleicht ließ sich dieser Versuch nicht beliebig wiederholen. Rose verstand damals nicht sicher, ob die Grenze wirklich so absolut war, wie sie sie las. Für ihre Angst reichte die Möglichkeit. „Ich hätte warten sollen“, sagte sie leise. „Wenn das nur einmal funktioniert und ich die Chance gerade verbraucht habe…“
Savilyn weinte noch nicht. „Mutter kommt zurück. Dann weiß sie, was wir noch machen können.“
Als die Eltern zurückkehrten, war Roses Mutter ebenso besorgt wie bestürzt. Sie verstand, warum ihre ältere Tochter gehandelt hatte: Savilyn war verändert, die Eltern waren fort gewesen und Rose hatte geglaubt, jede Stunde könne den Zustand verschlimmern. Gerade deshalb machte sie Rose keinen Vorwurf aus Gleichgültigkeit oder Trotz. Sie erklärte ihr jedoch, dass ein eigenmächtiger Heilversuch unter schlechten Bedingungen eine Gelegenheit vertan haben konnte, von der niemand wusste, ob es eine zweite geben würde.
„Ich verstehe, warum du es versucht hast“, sagte ihre Mutter. „Aber bei Magie genügt ein guter Grund nicht immer. Wenn dieser Zauber nur eine begrenzte Chance hat, dann müssen wir beim nächsten Versuch alles so gut vorbereiten, wie wir können. Ich weiß nicht, ob wir noch eine Gelegenheit bekommen. Ich werde es trotzdem versuchen.“
Sie warteten auf die Bedingungen, die Roses Mutter für am geeignetsten hielt. In einer Nacht, in der der Mond im zweiten Drittel stand, versuchten Mutter und Tochter den Heilzauber gemeinsam bei Mondlicht. Rose hielt sich diesmal an jede Anweisung, beobachtete Savilyns Arme und wartete auf die kleinste Veränderung.
Auch diesmal geschah nichts; die Schwärze blieb. Roses Mutter verbarg ihre Enttäuschung nicht vollständig, Savilyn begann zu weinen, und Rose hielt ihre eigene Fassung nur kurz länger. Der zweite Fehlschlag war schwerer als der erste, weil sie sich diesmal nicht mehr damit trösten konnte, allein Ungeduld oder Unerfahrenheit seien die Ursache gewesen: Sie hatten gewartet, vorbereitet und gemeinsam gezaubert, und die Umbra war trotzdem geblieben.
Danach versteckte die Familie Savilyns Zustand vor Joclyn. Sie hofften weiterhin, irgendwo eine Heilung zu finden, und zugleich wussten sie, was Angst vor Umbra mit einer Gemeinschaft machen konnte. Lange Ärmel, zurückgezogene Tage im Anwesen, Erklärungen für Abwesenheiten und immer neue Vorsicht sollten verhindern, dass aus der Krankheit der jüngeren Tochter ein Grund wurde, die ganze Familie zu meiden.
Mit der Zeit wurde das Verbergen schwerer. Savilyn konnte nicht auf Dauer so leben, als müsse bereits ihr Anblick entschuldigt werden, und die ersten Anfeindungen zeigten, dass der Schutz ohnehin Risse bekam. Sie wurde als Hexe beschimpft und mit Kieseln beworfen. Rose reagierte darauf mit dem Wunsch, noch mehr zu kontrollieren; für Savilyn bedeutete derselbe Druck, dass Joclyn immer weniger wie ein Ort aussah, an dem sie gesund werden konnte.
Schließlich lief Savilyn heimlich fort. Niemand im Anwesen wusste, wohin sie gegangen war. Die Familie suchte nach ihr, schickte Menschen aus und wartete auf jede Nachricht, während Rose zugleich wütend und verängstigt war: Savy hatte ausgerechnet dann jede Reichweite verlassen, als Rose sie am dringendsten unter Schutz hätte halten wollen.
Erst wenige Tage später kam ein Bote. Er brachte ein kleines Bündel, in ein Tuch gewickelt und verschnürt. Darin lagen Savilyns Spieluhr und ein zusammengefaltetes Pergament mit Siegel. Entscheidend war, dass ihre Schwester lebte und ihren Fortgang bewusst erklärt hatte.
Rose erkannte Savilyns Handschrift sofort. Die Nachricht machte aus dem Verschwinden keine weniger schmerzhafte Sache, aber aus einer offenen Leerstelle wenigstens eine Spur: Savilyn wollte den Feuerbandschrein finden, weil sie dort eine Hoffnung auf Heilung sah. Auf ihrer Reise hatte sie eine Frau namens Skulla befragt, offenbar eine Dorfälteste, die von der ersten Flamme wusste und ihr den Weg wies.
Die Spieluhr machte den Brief noch schwerer. Savilyn hatte sie nicht aus Versehen zurückgelassen; sie hatte das kleine vertraute Ding bewusst für Rose beigelegt. Rose bewahrte beides auf und weigerte sich, die Nachricht als endgültigen Abschied zu lesen. Solange die darin genannte Spur existierte, war Savilyn für sie nicht am Ende einer Geschichte, sondern irgendwo auf einem Weg, den man wiederfinden konnte.
Jahre später brannte in Cinder Keep wieder Feuer, und derselbe Name lag unter ihren Füßen.
Die Ironie daran entging Rose nicht. Savilyn hatte den Schrein als letzte Hoffnung bezeichnet; Rose war auf ihrer eigenen Suche ausgerechnet an einem Ort angekommen, dessen Flamme selbst hatte gerettet werden müssen. Das machte den Brief weder falsch noch bedeutungslos. Es machte nur deutlich, wie wenig von der Welt noch zuverlässig genug war, um einem Menschen Rettung zu versprechen.
Eine in der Hitze reißende Faser Spinnenseide holte Rose aus der Erinnerung. Sofort war die Gegenwart wieder vollständig da: das steinerne Becken, die verwüsteten Gassen, ihre Gefährten und die übrigen Kokons, in denen noch Menschen stecken konnten. Über ihnen brannte nun ein Feuer, das wenige Stunden zuvor erloschen gewesen war; unter ihnen lag ein Schrein, den Savilyn Jahre zuvor als Hoffnung bezeichnet hatte. Ob zwischen beiden Flammen überhaupt derselbe Zusammenhang bestand, wusste Rose nicht, doch der Name allein machte die alte Suche wieder unmittelbar.
Diesmal behielt Rose die Erinnerung nicht für sich. Sie griff in ihre Sachen und zog den alten, mehrfach gefalteten Brief hervor, den sie über all die Jahre mitgeführt hatte; die Bewegung genügte, um die Aufmerksamkeit der anderen vom Feuer und den Arbeiten an den Netzen zu ihr zu ziehen.
„Wenn wir hier weiter nach dem Feuerbandschrein suchen, solltet ihr wissen, warum dieser Ort für mich mehr ist als irgendein Schrein unter einer kaputten Festung“, sagte Rose. „Savy hat mir das geschrieben, nachdem sie gegangen war. Ich habe ihn euch bisher nicht vorgelesen, aber wenn wir nach ihrem Weg suchen, solltet ihr ihre eigenen Worte kennen.“
Sie glättete das Papier mit beiden Händen. Beim ersten Satz wurde ihre Stimme merklich sorgfältiger, als wollte sie Savilyns Worte weder beschleunigen noch verbessern.
„Meine liebste Ambrosia.
große Schwester...
Ich muss dich verlassen. Es ist nicht sicher für mich hier, in Joclyn. Und so lange ich hier verweile, ist es auch für euch gefährlich. Ich liebe unsere Eltern und dich, für alles, was ihr für mich getan habt. Doch je länger ich bleibe, umso schwieriger wird es für euch. Gestern wurde ich als Hexe beschimpft und mit Kieseln beworfen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Dorf gänzlich gegen unsere Familie wenden wird.
Ich weiß nicht, was ich getan habe, um mit diesem Fluch belegt worden zu sein. Doch in Joclyn werde ich ihn nicht lösen können. Ich werde mich daher aufmachen, und den Feuerbandschrein aufsuchen. Skulla sagte mir, dass dort die erste Flamme lodert. Wenn ich irgendwo ein Heilmittel finde, dann sicher dort.
Vergieße ruhig eine Träne, wenn du musst. Doch noch mehr bitte ich dich darum, für mich zu beten, denn mein Weg wird gefährlich. Und falls die Götter uns nicht völlig im Stich gelassen haben, werden wir uns wiedersehen. In diesem Leben, oder dem nächsten...
Für immer in deinem Herzen
Deine kleine Schwester Savilyn
ps: Damit du mich nicht vergisst, hinterlasse ich dir meine kleine Spieluhr. Spiele sie, wenn du einsam bist. So bin ich dir immer nah...“
Rose ließ den Brief einen Augenblick offen. Besonders die letzten Zeilen hatten sich über die Jahre nicht daran gewöhnt, laut ausgesprochen zu werden. „Die Spieluhr habe ich noch“, sagte sie schließlich. „Joclyn ist unser Zuhause; dort steht das Anwesen meiner Familie. Skulla kenne ich nur aus Savys Nachricht. Sie war wohl eine Dorfälteste, die Savy unterwegs befragt hat und ihr den Weg zur ersten Flamme wies.“
Hybris ließ den Blick vom Brief zum Feuer wandern. „Aber sie wollte hierher, weil sie geglaubt hat, dass die erste Flamme ihr helfen kann. Das reicht wenigstens als Richtung.“ Der Rest der Gruppe machte daraus keine Runde eigener Erklärungen; solange der Schrein noch nicht durchsucht war, gab es einen gemeinsamen nächsten Schritt, und wenn er keine Antwort brachte, würden sie danach weitersuchen.
Rose faltete das Papier sorgfältig entlang der alten Kanten. „Genau. Eine letzte Hoffnung ist nur dann die letzte, wenn man beschließt, danach aufzuhören.“
Rose ließ die Hände sinken. Die Wärme hatte ihre Finger erreicht, ohne irgendetwas an der alten Schuld zu ändern; Savilyn hatte den Feuerbandschrein gesucht, und Rose war endlich dort.
Die übrigen Kokons machten aus dem neu entzündeten Feuer sofort eine Arbeitsstelle. Solange Cinder Keep im Dunkeln gelegen hatte, waren die weißen Hüllen über den Straßen kaum mehr als Formen in den Netzen gewesen. Im Feuerschein sah man jetzt, wie viele davon zwischen Mauern, Marktständen und den Resten der Dächer hingen. Einige waren groß genug für Erwachsene, andere erschreckend klein.
Rose brauchte keine Aufforderung. Die Erinnerung an Savilyn saß noch dicht unter ihrer Haut, aber es gab lebende Menschen zu befreien. Das war ein Problem mit Händen, Klingen und einer klaren Reihenfolge. Damit konnte sie umgehen.
Die ersten Schnitte zeigten, wie vorsichtig sie sein mussten. Spinnenseide gab nicht sauber nach. Sie zog sich, klebte an Handschuhen und Klingen und hielt die Körper darin so fest, dass eine hastige Bewegung mehr schaden konnte als helfen. Einige der Eingesponnenen reagierten auf Stimmen, andere erst auf Luft und Licht. Die Gruppe musste bei jedem Kokon neu prüfen, wo Kopf, Arme und Beine lagen, bevor sie die Hülle weit genug öffnete.
Für Rose war diese Arbeit fast beruhigend. Jeder Schnitt hatte einen sichtbaren Zweck. Jeder befreite Atemzug war ein Ergebnis, das sich nicht diskutieren ließ. Niemand verlangte von ihr, eine alte Entscheidung zu verstehen oder eine verschwundene Schwester zu finden. Sie musste nur darauf achten, dass die Lebenden aus der Seide kamen.
„Wir öffnen zuerst die, bei denen wir Bewegung sehen“, sagte sie. „Danach den Rest. Vorsichtig. Niemand schneidet blind durch die Hülle.“
Pianwig ließ den Blick über die Netze wandern. „Das ist sinnvoll. Wenn wir Bewegung sehen, wissen wir wenigstens, dass wir dort zuerst lebende Menschen erreichen können.“ Rose nahm die Zustimmung entgegen, als bestätige er lediglich etwas, das ohnehin feststand; für weitere Kommentare war ohnehin zu viel zu tun.
Pianwig öffnete den ersten Kokon, aus dem sie einen Erwachsenen befreiten. Der Mann darin war älter, ungepflegt und wirkte selbst nach der Befreiung, als habe er lange vor der Spinne aufgehört, mit einem guten Ausgang zu rechnen.
„Ihr seid in Sicherheit. Wie ist euer Name?“
„Savaiel“, murmelte er, als müsste er selbst kurz überlegen, ob der Name noch zu ihm gehörte. „Aber Namen sind für die Lebenden. Nennt mich den toten Mann.“
Er sah an Pianwig vorbei, irgendwohin, wo niemand sonst etwas erkennen konnte.
„Ihr glaubt, ihr habt mich gerettet, weil ich wieder atme. Weil ich stehen kann. Weil dieses Ding mich nicht ausgesaugt hat.“ Ein müdes Lächeln zog über sein Gesicht. „Das ist keine Rettung. Das ist nur Aufschub. Die Feuer werden kleiner. Die Mauern brechen. Einer nach dem anderen verschwindet, und jedes Mal sagen die Übrigen: Noch sind wir da.“
Er senkte den Blick auf seine zitternden Hände.
„Irgendwann sagt es keiner mehr. Dann ist endlich Ruhe.“
Nach einem Moment fügte er leise hinzu: „Also verschwendet eure Hoffnung nicht an mich. Ich bin schon tot. Mein Körper hat es nur noch nicht verstanden.“Einer der Bewohner winkte nur müde ab. „Er sagt so etwas ständig. Lass ihn reden.“
Savaiel ließ sich davon nicht beirren. Seine düstere Rede war weder neue Prophezeiung noch konkrete Warnung, die jemand in eine Handlung übersetzen konnte; gerade deshalb nahm sie in diesem Augenblick kaum jemand ernst. Die Geretteten hatten genug tatsächliche Tote um sich herum und zu viele lebende Menschen, die Hilfe brauchten.
Fast gleichzeitig schnitt Hybris einen deutlich kleineren Kokon auf. Darin saß Damian, ungefähr acht Jahre alt, verschüchtert, aber erstaunlich gefasst. Hybris ging in die Hocke und erklärte ihm, dass die Spinne tot sei und er jetzt frei sei. Damian antwortete kaum; stattdessen hob er den Arm und zeigte sofort auf einen noch kleineren Kokon in der Nähe.
„Lyra“, sagte er. „Meine Schwester.“
Hybris brauchte keine weitere Erklärung. Er öffnete den zweiten Kokon so vorsichtig wie den ersten. Lyra war vielleicht sechs, kleiner als Damian und nach der Befreiung diejenige von beiden, bei der die Anspannung sichtbar brach; sie weinte leise, blieb aber nahe bei ihrem Bruder und ließ sich aus den letzten klebrigen Fäden helfen.
Söckchen landete neben den Kindern. Beide sahen sie an, zuerst wegen der Flügel, dann wegen des Horns und schließlich wegen des lächerlich großen Schwertes, das zu einem Wesen ihrer Größe kaum passen wollte.
„Ja“, sagte Söckchen, bevor eine Frage kam. „Ich bin echt.“
Damian nickte, als sei damit wenigstens eine Sache an diesem Tag ausreichend erklärt.
Damian und Lyra blieben zunächst zusammen bei den anderen Überlebenden, wo Wärme, Wasser und bekannte Gesichter aus Cinder Keep mehr halfen als weitere Fragen.
Danach öffneten die Gefährten weitere Kokons. André von Astora kam lebend aus der Seide und suchte, sobald seine Beine wieder zuverlässig trugen, von selbst nach einer Aufgabe. Hawkwood war wegen seines roten Umhangs kaum zu übersehen; als Wachhauptmann wirkte er nach der Befreiung erschöpft und nervös, doch er begann wenigstens, sich um die unmittelbare Sicherheit der Geretteten zu kümmern. Weitere Menschen folgten, bis die erreichbaren Hüllen leer waren.
In einem weiteren Kokon fanden sie Faelyn, der Rose nach seiner Befreiung einen Augenblick länger ansah, als für eine bloße Orientierung nötig gewesen wäre. Ihr entging der Blick nicht.
„Faelyn“, stellte er sich vor, als er sicher stehen konnte. Seine Stimme war ruhig. „Ich hätte mir für die erste Begegnung mit dir bessere Kleidung ausgesucht.“
Rose betrachtete die Spinnenseide, die noch an seiner Schulter hing. „Das wäre keine hohe Hürde gewesen.“
Faelyn lächelte. Der Blick wich nicht aus. „Dann habe ich wenigstens Aussicht auf Verbesserung.“
Rose hätte die Bemerkung leicht abtun können. Stattdessen gestattete sie sich ein kleines Lächeln, das sie sofort wieder unter Kontrolle brachte. Es war angenehm, nach Blut, Dunkelheit und Spinnenseide für einige Sekunden als Frau betrachtet zu werden, die einen Eindruck hinterließ, statt als jemand, der eine Katastrophe nach der nächsten ordnete.
Der Blickwechsel blieb nicht völlig unbeobachtet, doch erfreulicherweise machte niemand eine Angelegenheit daraus. Rose rechnete der Gruppe diese Zurückhaltung beinahe hoch an.
Nach diesem Auftakt hielt Rose Faelyn zunächst für jemanden, der seine Wirkung sehr genau kannte. Dann half er bei der Arbeit, ohne sich darum bitten zu lassen. Rose korrigierte ihre erste Einschätzung ebenso still, wie sie sie gefällt hatte. Attraktivität war angenehm; Nützlichkeit war überzeugender.
Als Faelyn später neben ihr an einem tiefer hängenden Kokon arbeitete, streifte sein Blick erneut ihr Gesicht. „Du siehst aus, als würdest du diesen Ort persönlich dafür verantwortlich machen, dass er beschädigt ist.“
Rose hielt die Seide gespannt, damit Hybris schneiden konnte. „Jemand muss schließlich Standards besitzen.“
Faelyn lächelte und arbeitete weiter. Dass er es dabei beließ, gefiel Rose.
Faelyn schloss sich der Arbeit an, sobald er dazu in der Lage war. Er stellte keine langen Fragen nach der Gruppe, bevor die übrigen Menschen frei waren, und machte auch aus seiner eigenen Befreiung keine Geschichte. Diese Nüchternheit half. Bis der letzte erreichbare Kokon geöffnet war, wirkte Cinder Keep bereits weniger wie ein aufgegebener Ort und mehr wie eine beschädigte Festung, in der wieder Entscheidungen getroffen wurden.
Als Rose später fragte, weshalb er überhaupt bei einer Gruppe bleiben wolle, die er erst seit wenigen Stunden kannte, fiel Faelyns Antwort weniger kokett aus. „Weil diese Leute hier gerade fast alle gestorben wären und das Feuer erst seit ein paar Stunden wieder brennt. Wenn ich gehen kann und stattdessen helfe, die Festung zu sichern und die Flamme am Leben zu halten, dann ist die Entscheidung für mich ziemlich einfach. Dass die Gesellschaft dabei angenehm ist, ist nur ein zusätzlicher Grund.“
Rose war sichtbar geschmeichelt, und diesmal gelang es ihr schlechter als sonst, den Effekt hinter einer vollkommen neutralen Miene zu verstecken. Ihr Interesse an Faelyn war in diesen ersten Stunden offen genug, dass es auch den anderen nicht entgehen konnte; zu Roses Glück beließ man es dabei.
Mit den Stimmen kamen Bedürfnisse zurück. Das war für Rose der deutlichste Beweis, dass Cinder Keep wieder lebte. Eine leere Festung brauchte nichts. Menschen dagegen brauchten Wasser, Wärme, Nahrung und Plätze, an denen sie liegen konnten. Manche suchten nach Angehörigen. Andere saßen einfach am Feuer und schwiegen. André half weiter, solange seine Kräfte reichten. Hawkwood versuchte, sich um die unmittelbare Sicherheit der Geretteten zu kümmern, auch wenn seine Nervosität dabei sichtbar blieb. Savaiel blieb in seiner düsteren Gewissheit, dass all diese Mühe am Ende wenig ändern werde.
Je länger sie arbeiteten, desto deutlicher wurden die Grenzen ihrer Kräfte: Bewegungen wurden sparsamer, Lasten bewusster abgesetzt, und selbst die kurzen Wege zwischen Feuer, Kokons und provisorischen Schlafplätzen begannen sich zu ziehen. Bei Rose zeigte sich die Erschöpfung auf ihre eigene Weise, denn kleine Unordnungen störten sie plötzlich stärker als große; ein Becher am falschen Platz konnte dringlicher wirken als ein halbes eingestürztes Dach. Sie kannte das Zeichen und ignorierte es trotzdem länger, als vernünftig gewesen wäre.
Die Nacht zwang schließlich auch die Gruppe zur Rast. Der Kampf gegen die Spinne, die Reise und die Arbeit an den Kokons hatten ihre Spuren hinterlassen. Das Feuer machte den Bereich um das Becken warm genug, dass Erschöpfung nicht mehr wie eine zusätzliche Gefahr wirkte. Cinder Keep blieb beschädigt, offen und voller Arbeit, aber zum ersten Mal mussten sie nicht in völliger Dunkelheit darüber nachdenken.
Bevor sie sich zurückzog, ging Rose noch einmal am Feuer vorbei. Die Geretteten hatten sich inzwischen so weit verteilt, wie es ihre Kräfte erlaubten: Damian und Lyra blieben bei den anderen Überlebenden, Savaiel saß etwas abseits, und irgendwo zwischen Wache und Schmiede versuchten bereits die ersten, aus der bloßen Rettung wieder Alltag zu machen. Faelyn reinigte seine Ausrüstung und hob den Blick, als Rose vorbeiging.
„Bis morgen“, sagte Faelyn. „Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir alle ein paar Stunden Schlaf bekommen und der Ort bis dahin nicht schon wieder versucht, uns zu fressen.“
Rose blieb kurz stehen. „Das klingt auffällig nach einer Erwartung für jemanden, der erst seit wenigen Stunden frei ist.“
„Dann nenn es Hoffnung. Davon kann ich mir im Augenblick eher leisten, etwas zu haben.“
Sie hätte das Wort in diesem Augenblick hassen können. Aus seinem Mund klang es jedoch kleiner, persönlicher und weit weniger endgültig als in Savilyns Brief. „Dann bemüh dich, sie nicht zu enttäuschen.“
Faelyn nickte, und Rose ging weiter, bevor ihr gefiel, wie leicht ihr diese Antwort gefallen war.
Rose schlief spät. Der Feuerbandschrein aus Savilyns Brief war zu einem wirklichen Ort irgendwo unter dieser Festung geworden. Dadurch lag auch der Name ihrer Schwester wieder näher als zuvor, und jede Ruhe verwandelte sich in Wartezeit.
Am Morgen fand sie Amalthea am Feuer. Die Feuerhüterin wirkte kräftiger als am Vorabend, obwohl die Gefangenschaft ihr noch anzusehen war. Rose setzte sich nicht. Sie stellte die Frage, die in der Nacht jede andere verdrängt hatte.
„Kennst du Savilyn?“, fragte Rose. „Meine Schwester. Sie war auf dem Weg zum Feuerbandschrein, und ich muss wissen, ob sie Cinder Keep tatsächlich erreicht hat.“
Amalthea hob den Blick. Die Reaktion genügte Rose bereits, um zu wissen, dass der Name nicht fremd war.
„Ja. Savilyn war hier und hat mit mir gesprochen“, sagte Amalthea. „Sie kam wegen der Umbra und wollte in den Feuerbandschrein. Sie hoffte, dass die erste Flamme ihr helfen könnte.“
Rose blieb stehen. „Und du hast sie hineingelassen?“
„Nein. Ich habe ihr den Zugang verweigert. Der innere Schrein ist den Feuerhüterinnen beziehungsweise Feuerwächterinnen vorbehalten. Unter normalen Umständen hätte ich auch euch nicht mit hinuntergenommen.“
Rose hielt ihren Blick lange fest. „Savy kam mit einer Umbra-Veränderung zu dir, nachdem sie Joclyn verlassen hatte, und du hast sie an einer Amtsregel stehen lassen.“
Amalthea hielt den Blick aus. „Ich habe nach den Regeln gehandelt, die für den Schrein galten. Sie war danach fort. Ich wusste nicht, dass sie trotzdem allein hineingelangt war.“
Die Formulierung ließ Rose sofort aufhorchen. „Du glaubst inzwischen also, dass sie hineingekommen ist.“
„Wenn sie hier geblieben ist und ihr sie dort unten findet, gibt es kaum eine andere Erklärung. Wie sie den Zugang überwunden hat, weiß ich nicht.“
Rose atmete hörbar durch die Nase aus, zwang sich aber, die Auseinandersetzung nicht an der Vergangenheit festzufressen. „Warum dürfen wir dann mit?“
„Weil Cinder Keep überrannt wurde, weil die zentrale Flamme im Schrein ebenfalls erloschen ist und weil ich nicht weiß, was sich seitdem dort unten befindet“, antwortete Amalthea. „Ich muss die Flamme wieder entzünden. Diesmal gehe ich nicht allein hinunter und tue so, als wären die normalen Regeln wichtiger als die Menschen, die noch übrig sind. Ich brauche Schutz.“
Das war eine Begründung, gegen die Rose deutlich weniger einzuwenden hatte. „Gut. Dann eskortieren wir dich, und wir sehen dabei nach meiner Schwester.“
Amalthea deutete tiefer in die Burg, und damit war Roses Entscheidung gefallen.
Rose musste niemandem erklären, warum sie hinuntergehen würde. Für sie war der Weg zu Savilyn kein persönlicher Umweg innerhalb einer größeren Aufgabe. Er war die Aufgabe, sobald sich eine Spur öffnete.
Faelyn trat hinzu, als Rose die anderen informierte. Er hatte sich seit seiner Befreiung kaum eine Nacht lang in ihrer Nähe befunden, und dennoch wirkte sein Entschluss unkompliziert.
„Ich komme mit“, sagte Faelyn. „Ich kenne deine Schwester nicht und weiß noch nicht einmal genau, was uns dort unten erwartet, aber ich habe verstanden, dass du in jedem Fall hinuntergehst. Dann ist mir lieber, du hast dabei noch jemanden mit Bogen neben dir.“
Rose hob eine Braue. „Du kennst uns seit gestern und formulierst das bereits, als wäre deine Teilnahme selbstverständlich.“
„Für mich ist sie das im Augenblick. Wenn du später einen besseren Grund brauchst, kann ich mir Mühe geben, einen zu finden.“
Diesmal war der Flirt offen genug, dass selbst Rose nicht so tun musste, als höre sie ihn nicht. Sie ließ sich einen Herzschlag Zeit, bevor sie antwortete.
„Dann solltest du versuchen, dort unten nützlich zu bleiben.“
Faelyn nickte. „Das hatte ich vor.“
Auch der Rest der Gruppe machte aus Roses Suche keine Gefälligkeit, um die sie erst bitten musste. Hybris kannte genug davon, um statt einer Grundsatzdebatte nach dem Zugang und Amaltheas Wissen über den Schrein zu fragen; Söckchens Teilnahme war neben ihm so selbstverständlich, dass zwischen den beiden keine Versicherung darüber nötig war. Als Amaltheas Antworten knapp blieben, akzeptierten sie die Unsicherheit. Rose registrierte diese Selbstverständlichkeit, ohne sie zu kommentieren.
Bevor sie aufbrachen, drängte Rose auf die Erklärung, die Amalthea am Vorabend vertagt hatte. Die Antwort setzte die Bilder ihrer Ankunft endlich in eine Reihenfolge. Als Cinder Keeps Feuer erlosch, war der Schutz der Festung zusammengebrochen und umbrische Kreaturen waren in großer Zahl herangekommen. Die Verteidiger beschädigten zunächst die Zugbrücke so, dass sie nicht mehr herabgelassen werden konnte; die Maßnahme hielt die Angreifer jedoch nicht auf.
„Dann kam der Durchbruch in der Mauer“, erklärte Amalthea. „Ich weiß nicht sicher, wer ihn verursacht hat. Es können die Kreaturen gewesen sein, vielleicht die Spinne, vielleicht geschah es im Kampf von innen. Danach versuchten Menschen dort zu fliehen. Viele starben im Graben.“
Rose dachte an die Hunderte aufgeblähten Körper, die sie als Übergang benutzt hatten. „Einige der Toten hatten Wunden von menschlichen Waffen.“
Amalthea senkte den Blick. „Manche waren so schwer verletzt oder so deutlich von Umbra gezeichnet, dass andere ihnen einen schnelleren Tod gaben. Für einige war das barmherziger als das, was sonst aus ihnen geworden wäre. Es waren chaotische Stunden, und am Ende waren sehr viel weniger Menschen übrig als zuvor.“
Damit bekam auch der Hilferuf der beiden Boten einen Zusammenhang: Andere Siedlungen waren eilig um einen heiligen Zweig gebeten worden, weil Cinder Keep nach dem Erlöschen des Feuers selbst keinen neuen Anfang mehr schaffen konnte. Die Männer am Sable Brook hatten genau diesen Auftrag getragen.
André hatte unterdessen ein eigenes, wesentlich handfesteres Problem. Er suchte besonders reine Kohle aus einem heiligen Feuer, weil er wusste, dass er damit Stahl besser aufkohlen und anschließend neu wärmebehandeln konnte. Das Ergebnis sollte härtere, stärkere Klingen ergeben. Geeignetes Material vermutete er unten beim Feuerbandschrein; deshalb bat er die Gruppe, davon etwas mitzubringen, falls sie gefahrlos daran gelangte.
Pianwig hörte sich an, was André brauchte, und wandte sich danach dem großen Mauerdurchbruch zu, durch den die Gruppe in die Festung gelangt war. Das Loch war weiterhin ein offener Weg in einen Ort, den sie gerade erst wieder bewohnten.
„Ihr geht zum Schrein“, sagte Pianwig. „Ich bleibe oben bei André. Die Mauer ist immer noch offen, und wenn hier wieder etwas durchkommt, helfen den Geretteten vier Leute unter der Erde wenig.“
Rose sah zu ihm. „Das war nicht die Einteilung, die ich im Kopf hatte.“
„Dann änder sie“, sagte Pianwig ruhig. „Unten seid ihr zu viert. Hier gibt es eine offene Mauer, einen Schmied und Leute, die sich kaum verteidigen können. Meine Größe ist im Moment hier nützlicher als in einem engen Gang.“
Rose mochte es nicht, wenn jemand ihre Planung vorwegnahm. Sie mochte brauchbare Entscheidungen allerdings mehr, als sie diesen Umstand gern zugab. Pianwig war für ein unbekanntes Gewölbe wertvoll; für eine aufgebrochene Festungsmauer war seine Größe unmittelbar nützlich. Außerdem blieb mit ihm jemand bei den Überlebenden, der im Ernstfall mehr war als ein Titel in einem roten Umhang.
„Gut“, sagte sie nach kurzem Abwägen. „Dann bleibst du hier und hilfst André. Wenn sich die Lage oben verändert, entscheidest du selbst, was wichtiger ist; ich möchte nur bei unserer Rückkehr noch eine Festung vorfinden, in die wir hinein können.“
Pianwig sah sich den Schaden an. „Das ist auch mein Plan. Ich kann dir nur nicht versprechen, dass die Mauer danach hübsch aussieht.“
Damit war die Sache für ihn erledigt. Pianwig und Rose sahen einander noch einen Augenblick an. In Roses Vorstellung war es beinahe ein Zugeständnis, ihn hierzulassen; in Pianwigs Vorstellung hatte er lediglich eine Arbeit gewählt, bei der seine Kraft gerade den größeren Nutzen brachte. Keiner musste den Unterschied aussprechen.
André begann bereits, Werkzeug zusammenzutragen. Rose wandte sich Hybris, Söckchen und Faelyn zu. Drei Gefährten würden mit ihr hinuntergehen, einer blieb zurück, um Cinder Keep überhaupt zu einem Ort zu machen, zu dem sie zurückkehren konnten.
Vor ihnen lag der Zugang zum Feuerbandschrein, und irgendwo dahinter hoffte Rose noch immer, eine Spur ihrer Schwester zu finden.
Der Weg zum Feuerbandschrein führte tiefer in Cinder Keep, als Rose erwartet hatte. Oberhalb lagen zerstörte Straßen, Häuser, Netze und das neu entzündete Feuer; hier unten wurde der Stein älter, die Luft kühler und jeder Schritt deutlicher. Die Gruppe hielt sich eng genug zusammen, um in den schmaler werdenden Gängen niemanden aus dem Blick zu verlieren, während Abzweigungen, Türen und niedrige Decken den Weg vorgaben; Söckchen wechselte dabei zwischen kurzen Flügen und dem Boden, sobald für ihre Flügel kein sinnvoller Raum mehr blieb.
Am Ende eines breiteren Ganges stand ein schmiedeeisernes Gittertor. Es passte zu einem Zugang, der einmal bewacht und kontrolliert worden war. Jetzt war es von innen verriegelt.
Rose legte eine Hand an das kalte Metall. Hinter den Stäben lagen nur ein weiterer dunkler Abschnitt und die Umrisse eines Raumes.
„Natürlich“, sagte sie. „Meine Schwester findet einen Ort, der angeblich helfen kann, und selbst Jahre später ist die erste brauchbare Eigenschaft dieses Ortes eine verschlossene Tür.“
Hybris prüfte das Schloss und die Verriegelung, soweit er sie erreichen konnte. „Von innen ist das schwerer.“
„Dann öffnen wir es auf die andere Art.“
Ohne Pianwig fehlte ihnen die einfachste Form roher Gewalt, was Roses Ärger für einen Moment an eine Entscheidung band, die oben vollkommen vernünftig gewesen war. Vor einem verriegelten Gitter wurde Vernunft trotzdem unbequem.
Unüberwindbar war das Tor trotzdem nicht. Die vier setzten gemeinsam Kraft ein, bis die Verriegelung beziehungsweise Befestigung nachgab und der Zugang weit genug offenstand, um hindurchzukommen.
Niemand feierte den Erfolg. Das Geräusch war tief in die Gänge gelaufen.
Hinter dem Tor lagen eine Baracke und mehrere Pritschen. Dieser Bereich war Hawkwoods Wachlokal; der Wachhauptmann hatte hier Dienst getan und deshalb einen Grund, sich ausgerechnet an diesem Zugang aufzuhalten. Als er die Gruppe erkannte, sah er zuerst zum geöffneten Gitter und dann zu dem Gang, der weiter nach unten führte.
„Ihr solltet nicht weitergehen“, sagte Hawkwood. „Cinder Keep ist gerade erst überrannt worden. Ich weiß nicht, was unten noch lebt oder wartet, und genau das ist der Grund, warum ich dort nicht blind hineinlaufe.“
Rose blieb stehen. „Dann weißt du also nicht, dass dort etwas Bestimmtes ist. Du befürchtest nur, dass dort etwas sein könnte.“
„Ja. Und ich befürchte außerdem, dass ihr es aufschreckt und nach oben bringt. Ihr seid im Augenblick einige der wenigen Leute hier, die diese Festung überhaupt verteidigen können. Wenn ihr euch alle unter der Erde von etwas Unbekanntem töten lasst, hilft das niemandem.“
Der Einwand war vernünftiger, als Rose lieb war, doch er änderte ihr Ziel nicht. „Meine Schwester war hier. Sie wollte in den Schrein, weil sie dort Hilfe gegen die Umbra gesucht hat. Amalthea muss die Flamme unten wieder entzünden. Wir drehen nicht an deinem Wachraum um, nur weil niemand eine vollständige Liste der Gefahren besitzt.“
Faelyn beobachtete Hawkwood einen Moment. „Wenn du selbst nicht mitwillst, bleib hier. Aber wenn du keine konkrete Information hast, kannst du aus deiner Vorsicht keine Gewissheit machen.“
Hawkwood wollte genau das: selbst oben bleiben und zugleich verhindern, dass die anderen weitergingen. Je länger die Diskussion dauerte, desto deutlicher wurde, dass er ihnen entweder folgen oder erneut versuchen würde, sie aufzuhalten.
Rose ließ den Blick kurz zwischen Hybris, Söckchen und dem protestierenden Wachhauptmann wandern. „Dann bleibt er hier, und zwar so, dass wir uns nicht in der nächsten Biegung erneut über dieselbe Entscheidung unterhalten.“
Hybris verstand sofort, zog sein Seil hervor und band Hawkwood mit Söckchens und Roses Zustimmung an Armen und Beinen. Der Wachhauptmann protestierte, zunächst über die Entscheidung, dann über die Ausführung und schließlich über die Würde seines Amtes.
„Das ist entwürdigend“, sagte er. „Ich bin der Wachhauptmann dieser Festung.“
„Dann bewachst du jetzt sehr gründlich diese Stelle“, sagte Hybris, während er den letzten Knoten festzog.
Söckchen betrachtete die Fesseln. „Wenn du hierbleibst, kannst du wenigstens nichts aufschrecken und wir müssen nicht dauernd prüfen, ob du uns hinterherläufst.“
Am Ende knebelten sie Hawkwood ebenfalls. Rose versprach ihm, dass sie ihn auf dem Rückweg mitnehmen würden; sein Blick machte deutlich, dass er über diese Zusicherung mehrere Meinungen gleichzeitig hatte, während sie sich bereits wieder dem Gang zuwandte. Der Abstieg wurde dunkler. Das Licht von oben verschwand endgültig, und sie mussten sich auf das verlassen, was sie selbst mitbrachten. Rose hasste die Abhängigkeit von kleinen Lichtquellen. Der Schein zeigte immer nur einen Ausschnitt und ließ den Rest des Ganges sofort größer erscheinen, als er sein musste. Rose hielt das Licht bewusst klein; falls dort unten etwas darauf reagierte, wollte sie es nicht schon aus der Ferne auf sich aufmerksam machen.
Mit der Entfernung zum oberen Cinder Keep verschwanden auch die vertrauten Geräusche. Kein Hämmern von André, keine Stimmen der Befreiten, kein Knacken des äußeren Feuers drang bis hierher; übrig blieben die eigenen Schritte, einzelne Wassertropfen und die Frage, wie lange dieser Zugang schon ohne regelmäßige Wache gewesen sein mochte. Entsprechend sorgfältig las die Gruppe den Weg: Bodenwechsel, Nischen, Abzweigungen und Engstellen wurden nicht nur als mögliche Gefahr betrachtet, sondern auch als Dinge, die sie auf dem Rückweg wiedererkennen mussten. Rose überließ diese Aufmerksamkeit gern den anderen, weil ihre eigene Konzentration längst weiter unten lag.
Für Söckchen wurde die Enge zunehmend lästig. In manchen Passagen blieb sie am Boden, und als eine Feder einmal am Stein entlangschrammte, genügte Hybris ein kurzer Blick. „Alles gut“, sagte sie, worauf er nickte und es dabei beließ. Mehr brauchte es zwischen ihnen nicht; auch danach blieben sie nah genug beieinander, ohne einander in der schmalen Passage die Bewegungsfreiheit zu nehmen.
Rose dachte an Savilyn, stellte sich jedoch nicht vor, wie ihre Schwester diese Gänge gegangen war. Dafür wusste sie zu wenig. Allein die Möglichkeit reichte, um jede Stufe persönlich werden zu lassen. Savilyn war hierhergekommen, nachdem Rose sie nicht hatte heilen können. Vielleicht war sie allein gewesen. Vielleicht nicht. Vielleicht hatte sie genau dieselbe Dunkelheit gesehen. Rose verweigerte sich jeder dieser Vermutungen, sobald sie begann, wie eine Erinnerung zu klingen.
Jede weitere Treppe war eine Distanz, die ihre Schwester überwunden haben musste, sofern sie tatsächlich hier hinuntergelangt war. Das Wissen half nicht bei der Frage, wie. Amalthea hatte gesagt, man habe ihr den Zugang verwehrt. Dennoch führte die Spur nirgendwo anders hin. Rose konnte die beiden Tatsachen nicht zusammenfügen, also trug sie sie nebeneinander weiter.
Der Gang mündete in einen dunklen Raum. Zuerst wirkten die Gestalten darin wie zurückgelassene Rüstungen. Dann erkannte Faelyn Knochen. Drei Skelette standen oder lagen zwischen den Resten des Wachraums. Ihre Körper waren verbrannt, schwarz und spröde, während die Rüstungen erstaunlich gut erhalten wirkten. Der Gegensatz war so auffällig, dass alle vier innehielten.
„Das Feuer hat die Knochen erwischt“, sagte Hybris leise. „Die Rüstung sieht dafür zu gut aus.“
Rose betrachtete die schwarzen Überreste. „Dann wissen wir zumindest, dass der Anblick keine vernünftige Erklärung mitbringt.“
Faelyn trat nicht näher als nötig. Er suchte nach Bewegung, nach einem Weg zum Tor auf der anderen Seite und nach einer Stelle, von der aus er freie Sicht hätte, falls die Skelette doch nicht so tot waren, wie sie aussahen.
Söckchen stellte die naheliegende Frage. „Führt der einzige Weg zum Schrein wirklich genau zwischen diesen drei verbrannten Skeletten hindurch?“
Rose sah zum Tor hinter den Gestalten. „Das Tor liegt auf der anderen Seite, und ich sehe keinen zweiten Durchgang. Also ja, solange uns keiner von euch einen besseren Weg zeigt.“
Die Skelette richteten sich auf.
Metall schabte über Stein, als die verbrannten Körper ihre überraschend intakten Rüstungen mit sich hochzogen. Amalthea wich an die Wand zurück und ließ die Gefährten vor sich; sie war mit ihnen als Feuerhüterin und Führerin zum Schrein gekommen, nicht als zusätzliche Kämpferin.
Faelyns erster Pfeil traf einen der Wächter, drang jedoch schlecht durch Rüstung und verbrannte Knochen; der kurze Ruck genügte trotzdem, damit Hybris bereits in die entstehende Lücke ging und die Gestalt mit beiden Dolchen zurückzwang. „Der Treffer war schlechter, als ich gehofft hatte“, sagte Faelyn, während seine Hand schon den nächsten Pfeil suchte. Ohne Pianwig mussten sie den engen Raum anders nutzen: Rose hielt sich weit genug zurück, um Magie wirken zu können, Faelyn suchte zwischen den Bewegungen seiner Gefährten nach Schusslinien, und vor ihnen banden Hybris und Söckchen die Skelette so dicht, dass keines ungehindert zu Amalthea durchkam.
Söckchen führte das Großschwert im Maul gegen Knie, Hüften und die Stellen, an denen die Rüstungsteile gegeneinander arbeiteten. Als ihre Klinge einem der verbrannten Wächter das Bein unter dem Körper wegriss, war Hybris bereits an derselben Seite und brachte die taumelnde Gestalt zu Boden, ehe sie sich neu ausrichten konnte. Gleichzeitig drängte das zweite Skelett auf Rose zu; Faelyns nächster Pfeil lenkte es gerade weit genug ab, dass sie aus der Linie kam und einen kurzen Feuerstoß zwischen die Rüstungsteile setzte. Die verkohlten Knochen brachen auf, Söckchens noch laufende Bewegung fand den Rest, und ein schwerer Hieb ließ auch diesen Wächter zusammenfallen.
Der letzte blieb in Bewegung, während die anderen beiden bereits auf dem Stein lagen. Hybris band ihn von vorn, Faelyn setzte einen weiteren Pfeil in die Auseinandersetzung, und Söckchen hielt die Seite zu Amalthea geschlossen, bis sich für Rose eine freie Linie öffnete. Wilde Flamme brach aus ihren Händen und erfasste die Gestalt so vollständig, dass die schwarzen Knochen in der vergleichsweise unversehrten Rüstung nachgaben und auf dem Stein zusammenfielen.
Danach warteten sie mehrere Atemzüge mit erhobenen Waffen. Die Skelette blieben liegen. Wer diese Wächter gewesen waren, warum ihre Körper verbrannt waren, weshalb die Rüstungen vergleichsweise unversehrt geblieben waren und welche Kraft sie überhaupt wieder aufgerichtet hatte, wusste keiner von ihnen. Rose zwang sich, die Fragen mitzunehmen statt an Ort und Stelle eine Erklärung zu erfinden.
Hinter dem Wächterraum wurde der Weg stiller, und je näher sie dem inneren Bereich kamen, desto stärker veränderte sich Roses Verhältnis zu jedem Schritt. Bis hierher hatte sie ein Ziel verfolgt. Nun begann der Gedanke, Savilyn tatsächlich zu finden, sich gegen den Wunsch zu stellen, sie möge gerade nicht hinter der nächsten Tür sein. Solange ihre Schwester fehlte, gab es Möglichkeiten. Ein Fund konnte diese Möglichkeiten verkleinern.
Als Roses Schritte langsamer wurden, passte sich die Gruppe ihrem Tempo an, ohne daraus eine Frage zu machen. Hybris ließ den Abstand vor sich schrumpfen, die anderen blieben geschlossen bei ihnen, und niemand zwang Rose zu einer Erklärung, die sie selbst nicht formulieren konnte.
Vor dem nächsten Tor blieb Rose stehen. „Wenn Savy dort hinter diesem Tor ist, sprechen wir zuerst mit ihr. Niemand greift sie an, nur weil sie verändert aussieht oder nicht sofort auf uns reagiert. Wir geben ihr die Chance, uns zu verstehen.“
Hybris antwortete ohne Witz. „Machen wir. Wenn sie uns aber angreift, warten wir nicht so lange auf eine Antwort, bis jemand von uns am Boden liegt.“
Rose hielt seinen Blick aus. „Einverstanden. Wir versuchen zuerst zu sprechen, und wir verteidigen uns, wenn sie uns keine andere Wahl lässt.“
Die anderen akzeptierten diese Grenze. Söckchen blieb nah genug, um reagieren zu können, ohne den Kampf zu eröffnen, und Faelyn senkte den Bogen, ohne ihn wegzulegen. „Ich halte ihn bereit und warte auf dein Zeichen. Wenn du etwas anderes von mir brauchst, sag es mir vorher, solange wir noch Zeit dafür haben.“
Die direkte Sorge war für Rose beinahe schwerer anzunehmen als ein Einwand. „Das werde ich.“
Sie öffneten das Tor. Dahinter führte eine erste Folge breiter Stufen auf ein Zwischenplateau, von dem aus weitere Stufen in die eigentliche Halle hinabführten. Der Feuerbandschrein war rund und gewaltig, mindestens dreißig Meter im Durchmesser, vielleicht mehr; selbst ihr mitgebrachtes Licht reichte nicht zuverlässig bis an jede Wand.
Drei große Feuerschalen zeichneten sich im Licht ab, während Steinbauten und Nischen außerhalb des Lichtkreises verschwanden. Im Zentrum lag eine große runde Steinplatte, breit genug, dass sie wie ein eigener Teil des Bodens wirkte.
Rose stieg die letzten Stufen hinab und suchte nach Savilyn, obwohl sie nicht wusste, wonach genau sie Ausschau hielt: nach einem vertrauten Gesicht, nach Stoff, nach einer Stimme oder nur nach irgendeinem Hinweis, dass der Weg ihrer Schwester wirklich hier geendet hatte.
Dann ging ein tiefes Zittern durch den Boden.
Staub löste sich an der Fuge um die zentrale Steinplatte. Der gesamte Kreis hob sich langsam an, und mit ihm kam eine menschliche Gestalt nach oben, die bereits auf der Platte lag beziehungsweise stand. Savilyn war nicht unter dem Stein verborgen; sie wurde von ihm in die Halle gehoben.
Rose erkannte ihre jüngere Schwester sofort. Savilyn sah in diesem ersten Augenblick noch menschlich aus. Die Jahre, die Entfernung und der Schrecken des Ortes änderten nichts daran, dass Rose das Gesicht kannte, bevor sie bewusst nach einem Merkmal suchte.
„Savy.“
Savilyn stand auf der angehobenen Steinplatte, und für Rose schrumpfte die Halle auf die Entfernung zwischen ihnen zusammen. In diesem ersten Augenblick sah ihre Schwester noch menschlich aus: verändert von den Jahren und der Umbra, aber eindeutig Savilyn. Rose sagte ihren Namen und wartete auf die Reaktion, die jede Erinnerung in ihr verlangte.
„Savy.“
Savilyn wandte sich ihr nicht zu; kein Erkennen, kein Zögern und nicht einmal Verwirrung veränderten ihr Gesicht. Rose sprach noch einmal, diesmal länger, weil sie sich weigerte, die Stille sofort als Antwort zu akzeptieren. „Savy, ich bin hier. Du musst mir nichts erklären. Sieh mich einfach an oder sag irgendetwas, damit ich weiß, dass du mich hörst.“ Doch auch darauf kam keine Reaktion.
Dann begann ihr Körper sich zu verändern. Innerhalb von vielleicht zwanzig Sekunden wuchs sie auf vier oder fünf Meter Höhe. Schultern, Rumpf und Gliedmaßen verschoben sich gegeneinander, verschmolzen an falschen Stellen und verrenkten sich weiter, als ein menschlicher Körper es hätte überstehen können. Schwarze, schleimige Umbra zog über die Gestalt, bis kaum noch unveränderte Haut zu sehen war. An beiden Armen bildeten sich gewaltige Klingen, groß genug, dass jede Bewegung den Raum um sie herum zur Gefahrenzone machte.
Rose hielt die Hände noch leer. „Savy. Bitte.“
Auch während der Verwandlung kam keine erkennbare Antwort. Als sie abgeschlossen war, griff die Gestalt einfach an.
Der Angriff kam schnell und mit einer Reichweite, die niemand unbedacht betreten konnte. Rose wich aus der ersten Linie zurück, während die Gruppe beinahe im selben Augenblick auseinanderzog und auf die Klingen reagierte; aus der Wiederbegegnung wurde ein gemeinsamer Kampf, noch ehe jemand Zeit hatte, diesen Übergang als Entscheidung zu begreifen.
Rose rief Savilyns Namen weiter, sooft der Kampf ihr überhaupt Luft dafür ließ. Keine der Ansprachen änderte etwas. Savilyn reagierte weder auf „Savy“ noch auf Rose selbst; sie griff an, als stünde ihr eine Gruppe Fremder gegenüber.
Die gewaltigen Armklingen zwangen sie immer wieder auseinander und zurück. Wo sich Raum öffnete, griff die Gruppe gemeinsam an, doch Rose rief Savilyn weiter beim Namen und suchte selbst zwischen den Gegenangriffen nach einem Zögern, das nicht kam. Für Hybris, Söckchen und Faelyn war es ein Kampf gegen ein Wesen, das sie töten wollte; für Rose blieb jeder eigene Angriff zugleich ein Angriff auf ihre Schwester.
Was sie nicht tat, war Savilyn in Gedanken in zwei bequeme Wesen zu trennen. Das Monstrum und ihre Schwester standen im selben Körper. Rose suchte trotzdem nach einem Blick, einem Zögern oder einem Laut, der ihr erlaubte, noch eine andere Lösung zu versuchen. Es kam nichts.
„Ich bin es“, rief Rose in einem kurzen Abstand zwischen zwei Angriffen. „Röschen. Du hast mir geschrieben, dass wir uns wiedersehen. Ich bin hier, Savy. Gib mir irgendetwas, womit ich arbeiten kann.“
Savilyns nächste Bewegung ließ keinen Raum für eine Antwort. Der Kampf setzte sich fort, bis sie schließlich nicht mehr kämpfen konnte; als die Gewalt endete, blieb für Rose kein Triumph, sondern nur die Stille nach einem Kampf, den sie nie hatte gewinnen wollen.
Savilyns veränderter Körper verlor seine Form. Schwarze Masse, Klingen und die verrenkten Proportionen brachen nicht wie ein gewöhnlicher Leichnam zusammen, sondern zerfielen binnen kurzer Zeit zu Asche, die auf Stein und Platte niederging. Niemand griff danach; Rose sah nur auf die Stelle, an der eben noch ihre Schwester gestanden hatte.
Savilyn bewegte sich nicht mehr. Rose ging zu ihrer Schwester; es waren nur wenige Schritte, doch sie brauchte dafür länger als für jeden Abschnitt des Abstiegs, weil Bewegung wenigstens noch eine Handlung war und am Ende dieses kurzen Weges nur der Zustand vor ihr blieb. Die anderen ließen ihr Raum und drängten weder auf Worte noch darauf, dass sie sich sofort von Savilyn löste.
Sie kniete neben dem veränderten Körper. Es gab nichts Elegantes an ihrer Haltung. Ihre Kleidung war schmutzig, die Hände zitterten, und die kontrollierte Ordnung, mit der sie sonst selbst Angst in Anweisungen verwandelte, hatte keinen sinnvollen Gegenstand mehr. Savilyn hatte den Schrein erreicht. Sie hatte hier ihre letzte Hoffnung gesucht. Rose war ebenfalls angekommen, nur zu spät, um zu wissen, ob der Ort ihrer Schwester jemals etwas anderes angeboten hatte als diesen Zustand.
„Das war nicht der Plan“, sagte sie. „Du solltest hier etwas finden, das dich heilt. Ich sollte dich finden, dir erklären, dass Weglaufen eine völlig inakzeptable Lösung war, und dich dann nach Hause bringen. So hätte das gehen sollen.“
Die Worte waren zu schlicht für alles, was darin lag. Vielleicht blieben sie gerade deshalb stehen.
Die Gefährten blieben in ihrer Nähe, ohne aus dieser Nähe eine Forderung zu machen. Hybris setzte sich einige Schritte entfernt auf den Stein und schwieg; die anderen hielten sich so weit zurück, dass Rose Raum hatte, aber niemand erst durch die Halle suchen müsste, falls sie doch etwas brauchte.
Rose blieb bei Savilyn und wartete auf Bewegung, auf eine Stimme, auf irgendein Zeichen, das sie noch einmal zu einer Handlung zwingen konnte. Nichts kam.
Tränen kamen später als die Gedanken. Zuerst blieb Roses Gesicht still, während ihre Atmung unregelmäßiger wurde. Fassung war das nicht. Der Zusammenbruch hatte lediglich noch keine Form gefunden. Vor Savilyn hatte Rose immer geglaubt, dass Verantwortung bedeutete, im entscheidenden Augenblick die richtige Handlung zu finden. Hier gab es keinen solchen Augenblick mehr. Der Kampf war vorbei, und keine Anweisung konnte ihn in Rettung zurückverwandeln.
Ihr Kopf suchte weiter nach Möglichkeiten, weil er nichts anderes gelernt hatte. Heilung, Umbra, Feuerbandschrein, die misslungenen Zauber, Skulla, Joclyn, der Brief und die Spieluhr zogen durch ihre Gedanken. Rose prüfte jeden Ansatz und verwarf ihn wieder, bis die unerträgliche Tatsache übrig blieb, dass Savilyn besiegt war und sie keine nächste Maßnahme kannte.
Faelyn wartete lange, bevor er sprach. Sein Interesse an Rose hatte am Vortag leicht und offen begonnen, doch hier gab es nichts zu flirten, und er verstand das offenbar, ohne aus Rücksicht eine große Geste zu machen.
„Rose“, sagte er vorsichtig. Sie hob den Kopf; sein Blick ging zu den Feuerschalen, nicht zu Savilyn. Erst nach dieser langen Weile erinnerte Amalthea die Gruppe daran, dass der Schrein selbst noch eine Aufgabe besaß: Die zentrale Flamme war erloschen, und ihre Wiederentzündung verlangte nach ihrer Erklärung zwei persönliche Opfer – Gegenstände, die für ihre Besitzer tatsächlich etwas bedeuteten.
Faelyn löste ein kleines Stück Geweih aus seiner Ausrüstung. Es stammte vom ersten Hirsch, den er selbst erlegt hatte, und er hielt es einen Augenblick länger fest, bevor er es in die vorbereitete Feuerstelle gab. Hybris folgte mit einem eigenen persönlichen Gegenstand und legte auch ihn in die vorbereitete Feuerstelle.
Söckchen trat danach an die zentrale Schale und übernahm den letzten Schritt. Zunächst geschah wenig, dann griff das Feuer und wuchs so rasch, dass sie zurückweichen musste. Licht fuhr über die mehr als dreißig Meter breite Halle, eine hohe Feuersäule erhob sich aus der zentralen Schale, und der kalte Stein lag plötzlich in warmem, flackerndem Schein; die Gruppe wich der Hitze aus, während Rose neben dem Ort blieb, an dem Savilyn zu Asche zerfallen war.
Die Flamme war gewaltig. Savilyn blieb tot.
Beide Tatsachen existierten nebeneinander, und keine durfte die andere erklären. Rose wollte nicht hören, dass der Verlust notwendig gewesen sei, damit Cinder Keep wieder brannte. Sie wollte keine Bedeutung, die den Tod ihrer Schwester in einen Preis verwandelte. Wenn dieses Feuer etwas Gutes bewirkte, dann war das gut. Es machte den Weg hierher trotzdem nicht gerecht.
Söckchen ging näher an den Bereich des Feuers heran, soweit die Hitze es zuließ. Nahe der Schale lagen mehrere Kohlebrocken. Sie nahm einige davon mit dem Maul auf. André hatte am Morgen nach Kohle gefragt, und für Söckchen war es selbstverständlich, eine brauchbare Sache mitzunehmen, wenn sie direkt vor ihr lag.
Die schwarzen Brocken zwischen Söckchens Zähnen zogen Hybris’ Aufmerksamkeit auf sich. „Du weißt überhaupt nicht, was für Kohle das ist oder ob man die einfach aus dem Schrein mitnehmen sollte.“
Mit mehreren Kohlebrocken im Maul war Söckchens Antwort ohnehin nur undeutlich zu verstehen. „Andre hap' Pohle gewuchp um vaftehp bafom mäh alf fie. Wem fie nupflof ift, ham wih eim paa Pwockem pu fiel wetraven; wemm mif, hap eh ämplif Maperial füh bi Fmiebe.“
Das genügte als Begründung. Während die anderen sich für den Rückweg bereitmachten, blieb Rose bei Savilyn stehen, bis sie sicher war, dass sie den nächsten Schritt gehen konnte, ohne sich sofort wieder umzudrehen; Söckchen wartete mit der Kohle im Maul in der Nähe der Flamme.
Dann begann über ihnen eine Glocke zu läuten.
Glockengeläut drang gedämpft durch Stein und Gewölbe bis in die Halle. Es kam von draußen beziehungsweise aus dem oberen Cinder Keep und war trotz der Tiefe deutlich zu hören.
Der genaue Zusammenhang blieb ihnen verborgen, doch das Läuten war eindeutig mit dem Feuer verbunden: Das Entzünden der zentralen Schale hatte irgendwo in Cinder Keep die Glocken in Bewegung gesetzt.
Im Feuer konnte das Glockengeläut für die anderen ein Zeichen des Erfolgs sein, vielleicht sogar der Beginn von etwas Neuem. Für Rose blieb es ein Klang, der unmittelbar nach Savilyns Tod kam und deshalb für immer beides tragen würde: Hoffnung und Verlust.
Faelyn trat an ihre Seite. Er berührte sie nicht.
„Wir müssen zurück“, sagte Rose schließlich, und ihre Stimme hielt. „Oben sind Menschen, die wissen müssen, dass die zentrale Flamme wieder brennt, und ich brauche Antworten darauf, was jetzt mit Savy geschieht. Hier unten finde ich sie im Augenblick nicht.“ Während die anderen zum Aufbruch bereitstanden, drehte sie sich ein letztes Mal zu Savilyn um.
Dann machten sie sich auf den Weg aus dem Feuerbandschrein, während über ihnen die Glocken weiterläuteten.
Als die Glocke über Cinder Keep schlug, stand Pianwig mit beiden Händen an dem großen Mauerdurchbruch, durch den die Gruppe am Vortag in die Festung gelangt war. Seit Stunden arbeiteten er und André von Astora daran, aus der offenen Wunde in der Befestigung wenigstens wieder etwas zu machen, das einen Angriff verlangsamte; niemand hätte das Ergebnis mit der alten Mauer verwechselt, doch das war vorerst auch nicht nötig. Entscheidend war, dass zwischen draußen und den wenigen Menschen im Inneren wieder mehr lag als ein Graben voller Leichen und die Hoffnung, dass keine weiteren Kreaturen denselben Weg nahmen.
Der erste Glockenschlag ließ André innehalten. Sein Hammer sank bis auf Kniehöhe, während er den Kopf zur Mitte der Festung drehte, obwohl die Dächer und Mauern den Zugang zum unterirdischen Schrein verdeckten. Pianwig hielt das schwere Stück, das sie gerade in Position gebracht hatten, noch einen Augenblick fest, bis klar war, dass nichts nachgab, und nahm dann langsam die Schulter davon.
Bevor einer von ihnen etwas sagte, schlug die Glocke erneut, klarer diesmal und lang genug nachhallend, dass selbst die Geräusche an der Mauer für einen Augenblick dahinter verschwanden.
„Die Glocke kommt aus Richtung des Schreins“, sagte Pianwig. „Wenn sie mit der Flamme verbunden ist, haben die anderen dort unten gerade irgendetwas ausgelöst.“
André nickte. Beim dritten Schlag legte er den Hammer ganz aus der Hand. „Ja. Diese Glocke hat lange geschwiegen. Dass sie wieder läutet, ist ein gutes Zeichen, auch wenn ich noch nicht weiß, was es die anderen gekostet hat.“
Mehr wussten sie in diesem Augenblick nicht, und Pianwig machte keinen Versuch, aus dem Klang eine Bedeutung herauszuhören, die André ihm noch nicht erklären konnte. Rose, Hybris, Söckchen und der Elb, den sie erst kurz zuvor aus einem der Kokons befreit hatten, waren in den Feuerbandschrein hinabgestiegen; dort unten hatte eine Frau auf sie gewartet, die Rose als ihre Schwester erkannt hatte, und Pianwig hatte sich entschieden, oben zu bleiben, weil der Mauerdurchbruch ebenfalls ein Problem war, das jemand lösen musste. Nun stand die Glocke zwischen beiden Aufgaben und machte deutlich, dass die andere geendet hatte, ohne zu verraten, wie.
In den Straßen tauchten erste Bewohner auf. Manche waren noch so schwach, dass sie sich an Türrahmen oder Wänden abstützten, andere hatten bereits begonnen, Schutt aus Hauseingängen zu tragen oder die langen Spinnenfäden von Dachkanten zu reißen. Sie sahen zur Mitte der Festung, dann zu André, weil der Schmied offenbar eher als die meisten wusste, was ein solcher Klang bedeutete. André gab ihnen keine Erklärung. Er wartete.
Pianwig nahm den Hammer wieder auf. „Wir können hier stehen und auf den nächsten Glockenschlag warten, aber davon erfahren wir auch nicht schneller, was unten passiert ist. Wenn die anderen zurückkommen, ist es besser, wenn dieses Loch bis dahin geschlossen ist.“
André sah ihn an, dann auf die unfertige Sperre. Die Unruhe blieb in seinem Gesicht, doch sie hinderte seine Hände nicht. „Du hast recht. Wir machen die Öffnung erst dicht; danach können wir ihnen entgegengehen.“
Sie arbeiteten weiter. Den größten Teil des Materials mussten sie nicht suchen: Die beim Mauerdurchbruch herausgeschlagenen Steine lagen noch überall im und vor dem Grabenbereich. Pianwig schleppte die brauchbaren Brocken zurück, hob Stücke, für die andere mehrere Helfer gebraucht hätten, und hielt sie in Position, während André entschied, wie sich aus dem vorhandenen Material wenigstens wieder eine belastbare Sperre setzen ließ. Der Rhythmus war nun ein anderer, weil jeder Hammerschlag zwischen dem Nachhall der Glocke lag; keiner verwechselte die improvisierte Arbeit mit einer endgültigen Wiederherstellung, aber jeder eingepasste Stein machte aus der offenen Wunde wieder ein Stück Mauer.
Für Pianwig war gerade das beruhigend. Ein Loch musste nicht schön geschlossen werden, um aufzuhören, ein offener Eingang zu sein, und eine Festung musste nicht vollständig wiederaufgebaut sein, bevor man begann, sie zu verteidigen. Während André an einer Stelle prüfte, ob die Sperre unter Druck nachgab, ging Pianwig mehrere Schritte zur Seite, betrachtete den Durchbruch aus einem anderen Winkel und stellte sich vor, was ein Angreifer dort sehen würde: keine freie Öffnung mehr, sondern Widerstand, Lärm und Zeitverlust. Zeit war in einer belagerten Welt häufig wertvoller als Stein.
Die Helfer schienen ähnlich zu denken. Einer der Geretteten blieb nach einer kurzen Pause bei ihnen, obwohl seine Bewegungen noch langsam waren; ein anderer trug kleinere Teile heran und nahm sie wieder weg, sobald André den Kopf schüttelte. Niemand sprach von Wiederaufbau, als wäre Cinder Keep mit ein paar Stunden Arbeit gerettet. Sie taten einfach das Nächste, das getan werden musste, und genau daraus entstand etwas, das am Vortag gefehlt hatte: der Eindruck, dass dieser Ort wieder Menschen besaß, die mit einem Morgen rechneten.
Als sie fertig waren, war der Durchbruch geschlossen genug, dass kein großes Wesen mehr einfach hindurchmarschieren konnte. Pianwig trat zurück und betrachtete das schiefe Werk mit allen drei Augen; an mehreren Stellen erkannte man sofort, dass hier in wenigen Stunden ersetzt worden war, was früher vermutlich mit sehr viel mehr Zeit errichtet worden war, doch die Mauer bildete wieder eine Grenze.
„Das hält erst einmal“, sagte Pianwig. „Es ist keine fertige Mauer, aber hier läuft uns nichts Großes mehr ohne Widerstand hinein.“
André prüfte eine der Stellen mit der Hand. „Für jetzt reicht mir das. Sobald wir mehr Material und Zeit haben, bauen wir es ordentlich.“ Pianwig nickte; mehr musste eine provisorische Reparatur vorerst leisten.
Die anderen kehrten zurück, bevor Pianwig entscheiden musste, welche Arbeit als Nächstes anstand, und schon aus der Entfernung war klar, dass sie mehr hinter sich hatten als einen Gang durch ein unterirdisches Gewölbe. Nach dem Glockengeläut hätte ein Fremder vielleicht Jubel erwartet; stattdessen kam die Gruppe stiller zurück, als sie hinabgestiegen war, mit einer Müdigkeit, die nicht nach einem einfachen Erfolg aussah. Rose hielt sich mit jener bewussten Genauigkeit aufrecht, die bei ihr oft dann erschien, wenn sie Erschöpfung oder Schmerz keinen Einfluss darauf geben wollte, wie sie gesehen wurde, und Faelyn blieb in ihrer Nähe, obwohl er erst seit kurzer Zeit frei war und jede Gelegenheit gehabt hätte, sich nach der Krise wieder von diesen Menschen zu lösen. Pianwig nahm beides zur Kenntnis, ohne sofort nach einer Erklärung zu verlangen.
Pianwig prüfte mit einem Blick, ob jemand unmittelbar Hilfe brauchte, und blieb erst danach länger an Faelyn hängen. Rose fing die stumme Frage auf. „Pianwig, das ist Faelyn. Wir haben ihn aus einem der Kokons geholt, und er war mit uns unten im Schrein.“
Faelyn hob eine Hand. „Hallo. Unter angenehmeren Umständen hätte ich vermutlich etwas mehr aus einer Vorstellung gemacht, aber im Moment reicht mir, dass wir alle wieder oben sind.“
Pianwig nickte. „Pianwig. Wenn du mit ihnen aus dem Schrein zurückgekommen bist, hast du für den Anfang schon mehr Erklärung geliefert als die meisten Leute, die ich neu kennenlerne.“
„Dann sind die Erwartungen erfreulich überschaubar.“
Mehr brauchten sie zunächst nicht. Faelyn war mit ihnen aus dem Schrein gekommen, Rose behandelte ihn bereits wie einen Teil der Gruppe, und niemand wirkte, als müsse über seine Anwesenheit noch abgestimmt werden. Pianwig akzeptierte Menschen selten aufgrund einer Einführung; dass Faelyn denselben Weg zurückgekehrt war wie die anderen, sagte ihm vorerst genug.
Die provisorisch geschlossene Mauer zog Roses Aufmerksamkeit auf sich; sie prüfte die Reparatur, als sei das Werk in ihrem Auftrag entstanden, obwohl sie keine einzige Anweisung dazu gegeben hatte. „Das ist wesentlich besser.“
„Der Durchbruch war offen, also haben André und ich ihn geschlossen“, sagte Pianwig. „Schön ist es nicht, aber etwas, das von draußen hineinwill, muss sich jetzt wenigstens wieder Mühe geben.“
„Das hatte ich bemerkt“, sagte Rose. „Und ich gebe zu, dass mir dieser Zustand wesentlich besser gefällt als der vorherige.“
Rose musterte ihn kurz und ließ es dabei bewenden. Bei einem anderen hätte die knappe Antwort leicht wie Widerstand geklungen; bei Pianwig war sie schlicht die vollständige Begründung seiner Arbeit.
Hybris trat an die Mauer und pfiff leise durch die Zähne. „Ihr wart beschäftigt.“
„Ihr auch“, erwiderte André.
Der Schmied hatte seinen Blick auf Söckchen gerichtet. Noch sagte er nichts, doch seine Aufmerksamkeit war so deutlich, dass das kleine Einhorn nach wenigen Schritten selbst langsamer wurde. Zwischen ihren Zähnen hielt sie mehrere schwarze Brocken, die sie aus dem Schrein mitgebracht hatte. Kohlenstaub klebte an ihrem Maul.
Bevor André sie ansprechen konnte, fiel der Gruppe beinahe gleichzeitig auf, dass noch jemand fehlte: Hawkwood. Sie waren bereits im Begriff, zum Schreinzugang zurückzugehen, als dort eine rote Stoffkante erschien.
Hawkwood kam selbst heraus – noch immer gefesselt und mit so wenig Bewegungsfreiheit, dass ihm nur übrigblieb, über den Boden zu robben. Der rote Umhang schob sich hinter ihm her, während er den Körper in kleinen, mühsamen Wellen vorwärtsbewegte; für einige Sekunden erinnerte der Wachhauptmann weniger an einen Offizier auf dem Weg zu seinen Leuten als an eine sehr wütende Raupe.
Söckchen starrte ihn an. „Er hat es allein geschafft.“
Hybris ging hin, kniete sich vor Hawkwood und zog ihm den Knebel aus dem Mund. Der Wachhauptmann holte tief Luft und beschwerte sich zunächst über die Fesseln und unmittelbar danach darüber, dass man ihn überhaupt hatte liegenlassen. Rose ließ ihn einige Sätze lang reden, bevor sie mit merklich sinkender Geduld aufzählte, was in der Zwischenzeit geschehen war: drei verbrannte Wächter waren gefallen, Savilyn war gefunden und bekämpft worden, und die zentrale Flamme brannte wieder.
Hawkwoods Kränkung verschwand dadurch nicht, doch sie verlor hörbar an Lautstärke. Hybris löste schließlich die Knoten, und Hawkwood kam langsam wieder auf die Beine.
Pianwig betrachtete den Wachhauptmann nur kurz. Er hatte wenig Geduld mit Menschen, die in Gefahr die Verantwortung abgaben, doch Hawkwood war weder sein Untergebener noch jemand, über dessen Mut er ein Urteil sprechen musste; entscheidend war, ob der Mann Cinder Keep außerhalb eines Kampfes brauchbar sein konnte. Dass er am Leben war und sich wieder bewegen konnte, genügte fürs Erste. Rose hingegen speicherte das Bild des robbenden Wachhauptmanns sichtbar gründlicher ab.
Hawkwoods Rückkehr erklärte noch immer nicht, was André beschäftigte. Der Schmied trat auf Söckchen zu und ging vor ihr in die Knie, damit sein Blick nicht weit über ihren Kopf hinwegführte.
„Woher habt Ihr diese Kohle?“, fragte er. „Ich möchte wissen, aus welchem Teil der Festung sie stammt, bevor ich sie in die Esse werfe.“
Söckchen öffnete vorsichtig das Maul und ließ die Brocken auf einen flachen Stein fallen. „Aus dem Feuerbandschrein. Sie lag dort unten bei der großen Flamme, und du hattest gesagt, dass du Kohle brauchst, also habe ich ein paar Stücke mitgenommen.“
André nahm einen davon auf. Er strich mit dem Daumen über eine Bruchkante, drehte das Stück zum Licht und betrachtete anschließend Söckchens Schwert. An der Waffe hafteten noch Spuren dessen, was im Feuerbandschrein geschehen war, doch der Schmied schien weniger die Klinge als die Verbindung zwischen ihr, der Kohle und dem Geläut zu prüfen.
„Die Glocke“, sagte er leise.
Rose kam näher. „Die zentrale Flamme brennt.“
André hob den Kopf. „Wer hat sie entzündet?“
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Die Antwort war einfach, doch das Schweigen um sie herum gab ihr ein Gewicht, das Söckchen selbst offensichtlich nicht gefiel; schließlich wandte sie sich wieder André zu.
„Ich“, sagte sie.
André schloss die Finger um den Kohlebrocken. In seinem Gesicht veränderte sich wenig, doch er richtete sich nicht wieder auf. Stattdessen legte er eine Hand an die Brust und senkte den Kopf vor einem Einhorn, das kaum bis an sein Knie reichte und noch schwarzen Staub um das Maul trug.
Die unerwartete Förmlichkeit machte die Gruppe still. Niemand außer André schien genau zu wissen, welche Bedeutung seine Geste trug, und selbst Roses Erschöpfung trat für einige Augenblicke hinter der Frage zurück, weshalb ein erwachsener Mann vor Söckchen kniete.
Söckchen legte den Kopf schief. „Was machst du?“
André hob den Blick zu ihr. „Ich begrüße die Aschefürstin.“
Der Titel bezeichnete keine sichtbare Verwandlung, die man Söckchen hätte ansehen können. André erklärte ihn eher als spirituelle Führungs- und Amtsrolle von erheblichem Gewicht – eine religiöse Würde, deren genaue Stellung den Abenteurern selbst kaum geläufig war. Gerade deshalb klang das Wort für Söckchen zunächst wesentlich größer, als sie sich nach dem Abstieg fühlte.
Das Wort blieb länger zwischen ihnen stehen als Andrés Verbeugung.
Aschefürstin.
Söckchens Blick wanderte vom Schmied zu Rose, als müsse irgendwo in deren Gesicht eine Erklärung verborgen sein, die den Zusammenhang zwischen einem brennenden Schwert, einer Glocke und einem plötzlich erworbenen Titel nachvollziehbar machte. Rose verstand die Bedeutung offenbar ebenfalls nur teilweise; sie hob das Kinn, achtete auf Andrés Haltung und sagte zunächst nichts, weil sie ungern über Dinge urteilte, deren Regeln jemand anders besser kannte.
„Ich heiße immer noch Söckchen“, sagte das Einhorn schließlich. „Wenn dieser Titel irgendetwas Wichtiges bedeutet, kannst du mir das gern erklären, aber ich möchte nicht jedes Mal anders heißen, nur weil ich irgendwo ein Feuer angezündet habe.“
André richtete sich etwas auf, blieb aber vor ihr knien. „Dein Name ändert sich dadurch nicht. Aschefürstin bezeichnet, was du im Schrein geworden bist, nicht wer du vorher warst.“
„Damit kann ich leben. Dann darfst du mich trotzdem einfach Söckchen nennen.“
Hybris trat neben sie und betrachtete André mit offenem Interesse. Die Vorstellung, dass ausgerechnet Söckchen durch eine Handlung, die sie vermutlich auch ohne jedes Zeremoniell ausgeführt hätte, zu einer Figur von größerer Bedeutung geworden war, schien ihn eher zu freuen als zu beunruhigen. Er sagte dennoch nichts dazu; die letzten Stunden hatten selbst ihm gezeigt, dass nicht jeder ungewöhnliche Augenblick durch einen Scherz besser wurde.
Rose übernahm die Frage, die Söckchen nicht stellte. „Was bedeutet dieser Titel praktisch? Ich möchte wissen, ob wir von einem Ehrennamen sprechen oder ob Söckchen dadurch Pflichten, Rechte oder Fähigkeiten bekommen hat, von denen wir vor fünf Minuten noch nichts wussten.“
André blickte zur Mitte der Festung, wo die Glocke inzwischen verstummt war. „Der Titel folgt aus dem, was im Schrein geschehen ist, aber die Regeln dahinter kenne ich nicht gut genug, um Euch etwas zu versprechen. Amalthea wird Euch erklären können, was davon für Söckchen tatsächlich wichtig ist.“
Das war für Rose eine unbefriedigende Antwort, doch eine ehrliche. Sie ließ sie gelten.
Söckchen schob mit dem Huf einen der Kohlebrocken näher an André. „Du wolltest die hier.“
Der Schmied wechselte ohne sichtbare Mühe vom feierlichen Ernst zu der Sache, die er verstand. Er nahm die Kohle auf, prüfte mehrere Bruchflächen und wog zwei Stücke gegeneinander. Die Brocken waren dunkel und unscheinbar genug, dass Rose darin keinen Grund für seine plötzliche Aufmerksamkeit erkannt hätte, wäre er nicht so sorgfältig mit ihnen umgegangen.
„Ja“, sagte André und drehte einen der Brocken zwischen den Fingern. „Das ist die Art Kohle, nach der ich gesucht habe: besonders reines Material aus einem heiligen Feuer. Damit kann ich den Stahl besser aufkohlen und anschließend neu wärmebehandeln. Das macht aus einer schlechten Klinge kein Wunderwerk, aber aus einer guten kann ich eine stärkere und verlässlichere machen.“
Er versprach keine geheimnisvolle zusätzliche Magie, die er selbst nicht erklären konnte. Der Nutzen war für ihn zunächst handwerklich: bessere Stahlqualität, härtere und belastbarere Waffen. Als Gegenleistung bot er an, Pianwigs und Söckchens Klingen zu überarbeiten, soweit ihr Zustand es zuließ.
Die Schmiede selbst war noch weit von einem ordentlichen Arbeitsplatz entfernt. Spinnenfäden klebten in den oberen Ecken, Staub lag auf Flächen, auf denen er nichts verloren hatte, und manche Werkzeuge mussten erst aus dem Durcheinander gerettet werden, das die verlassenen Wochen hinterlassen hatten. André behandelte das alles nicht wie eine Tragödie, sondern begann zu räumen, Brauchbares beiseitezustellen und die Feuerstelle freizumachen; die Gruppe half dort, wo Kraft, freie Hände oder ein günstiger Winkel die Arbeit tatsächlich beschleunigten, während Söckchen mit auffälliger Geduld verfolgte, was aus der Kohle wurde, die sie aus dem Schrein mitgebracht hatte.
Als André schließlich gewöhnliches Brennmaterial entzündete und die ersten Kohlebrocken in die vorbereitete Esse legte, gewann der Raum durch die Arbeit seine alte Funktion zurück. Hitze sammelte sich, Metall begann wieder Geräusche zu machen, die in einer Schmiede selbstverständlich sein sollten, und mehrere der geretteten Bewohner blieben im Eingang stehen, weil ein funktionierendes Handwerk in diesem Augenblick fast so viel über die Zukunft von Cinder Keep sagte wie die große Flamme unter ihnen. Die zentrale Flamme versprach Schutz und eine Aufgabe; die Esse versprach Nägel, Beschläge und Waffen.
Pianwig zog sein Schwert und reichte es ihm mit dem Griff voraus. Die Entscheidung benötigte keine Diskussion. Wenn ein Schmied sagte, er könne aus einer benutzten Waffe eine bessere machen, war das für Pianwig ein hinreichender Grund, sie ihm zu geben.
Söckchen folgte nach kurzem Zögern. „Du darfst es verbessern, aber ich bekomme genau dieses Schwert wieder. Ich möchte nach dem heutigen Tag nicht noch einen Gegenstand verlieren, an den ich mich gerade gewöhnt habe.“
André nahm ihr Schwert mit beiden Händen entgegen. „Du bekommst dein eigenes Schwert zurück. Ich arbeite daran, ich tausche es nicht gegen irgendeine andere Klinge aus.“
„Gut. Dann vertraue ich dir das ausnahmsweise an.“
Während André die übergebenen Waffen an sich nahm, näherte sich Amalthea, und Roses Aufmerksamkeit löste sich von der Schmiede, bevor sie selbst über irgendeine Verbesserung ihrer Ausrüstung nachdachte.
Die Feuerhüterin ging langsam. Die Befreiung aus dem Kokon und die Ereignisse im Schrein lagen noch keine lange Zeit zurück, trotzdem trug sie sich mit jener stillen Selbstverständlichkeit, die Rose schon beim ersten Gespräch an ihr wahrgenommen hatte. Es war keine Unterwürfigkeit und kein Versuch, Autorität zu zeigen; Amalthea schien einen Platz in Cinder Keep einzunehmen, den sie nicht ständig beweisen musste.
Amaltheas Anblick traf Rose härter, als sie erwartet hatte, weil die Feuerhüterin aus dem Schrein kam und damit alles mit sich brachte, was Rose seit dem Kampf in eine Ordnung zu zwingen versucht hatte.
„Wir haben uns lange nicht gesehen“, sagte Rose.
Amaltheas Mundwinkel zuckten leicht. „Allerdings.“
Sie hielt etwas in beiden Händen. Erst als sie näher kam, erkannte Rose das weiße Taschentuch, sorgfältig zusammengelegt und so gehalten, dass nichts von seinem Inhalt verloren gehen konnte.
Amalthea hatte die Asche nach dem Kampf unten im Schrein selbst eingesammelt. Die anderen hatten Savilyn dort zurückgelassen, ohne in diesem Augenblick überhaupt daran zu denken, dass von ihrem zerfallenen Körper etwas bewahrt werden könnte; erst die Feuerhüterin hatte die Reste sorgfältig aufgenommen und in das weiße Tuch gelegt.
Alles um Rose verlor an Bedeutung, als Amalthea das Tuch vor ihr hielt. „Hier ist die umbrale Asche deiner Schwester“, sagte die Feuerhüterin. „Man sagt, solange sie warm ist, besteht Hoffnung.“
Rose nahm das Tuch nicht sofort. Ihre Finger hoben sich, hielten wieder inne und berührten schließlich vorsichtig den Stoff. Wärme drang hindurch, schwach, aber eindeutig. Sie war nicht die Hitze des Feuers, das Savilyn verschlungen hatte, und auch keine Restglut, die nach wenigen Atemzügen erlöschen musste. Die Wärme war gleichmäßig genug, dass Rose die Hand ganz darum schloss.
„Savy“, sagte sie leise.
Niemand korrigierte den Namen zu etwas Feierlicherem. Niemand sprach überhaupt.
Amalthea ließ das Taschentuch in Roses Hände sinken. „Solange die Asche warm bleibt, gibt es Hoffnung.“
Rose hob den Blick. „Von welchem Zeitraum sprechen wir? Muss ich in den nächsten Tagen eine Lösung finden, oder bleibt mir tatsächlich Zeit, nach Wissen zu suchen?“
„Die Wärme kann mehrere Jahre anhalten“, sagte Amalthea. „Einen genaueren Zeitraum kann ich dir nicht nennen, aber du musst nicht so handeln, als blieben dir nur wenige Tage.“
Die Antwort hob das Geschehen im Schrein nicht auf: Savilyn stand weiterhin nicht vor ihr, ihre Stimme kehrte nicht zurück, und die Wärme in Roses Händen verwandelte den Tod ihrer Schwester in keinen Irrtum. Sie eröffnete jedoch eine Möglichkeit, und Möglichkeiten behandelte Rose anders als Trauer, weil man ihnen folgen, sie prüfen und notfalls gegen Widerstand durchsetzen konnte.
„Dann sag mir, wie ich sie zurückbringe“, sagte Rose. „Wenn die Wärme bedeutet, dass eine Rückkehr möglich ist, muss es irgendwo einen Vorgang, ein Ritual oder wenigstens eine Überlieferung dazu geben.“
Amalthea schwieg kurz. „Ich weiß nicht, wie man es tut. Wenn ich es wüsste, würde ich dir nicht nur Hoffnung geben und dich mit der Hälfte einer Antwort stehen lassen.“
Roses Blick wurde so scharf, dass Hybris unwillkürlich einen halben Schritt näher rückte; er kannte diese Reaktion gut genug, um für den Fall in Reichweite zu bleiben, dass aus der Frage etwas anderes wurde. Amalthea wich ihr trotzdem nicht aus.
„Wer könnte es dann wissen?“, fragte Rose. „Ich brauche einen Namen oder wenigstens einen Ort, an dem Menschen solche Dinge überhaupt aufgezeichnet haben.“
„Im Großen Archiv könnte entsprechendes Wissen erhalten geblieben sein“, sagte Amalthea. „Ich kenne dort keinen bestimmten Text und keinen bestätigten Fall, den ich dir nennen könnte. Aber das Archiv besitzt den Ruf, Wissen zu bewahren, das anderswo längst verloren ist. Wenn ich irgendwo nach einer Antwort über warme umbrale Asche und eine mögliche Rückkehr suchen müsste, würde ich dort beginnen.“
„Und wo liegt dieses Archiv genau?“
„In Lothric, beim Schloss. Über den heutigen Zustand des Ortes weiß ich allerdings kaum mehr als du; seit vielen Jahren kommen von dort nur wenige verlässliche Nachrichten.“
Der Name lag Rose näher als jede andere Spur, und zugleich weiter entfernt, als ihr gefiel. Von den Adeligen in Lothric hatte seit ungefähr zwanzig Jahren kaum jemand etwas Verlässliches gehört. Ob im Schloss überhaupt noch Menschen lebten, wer den Zugang kontrollierte und in welchem Zustand sich das Große Archiv befand, konnte Amalthea ihr nicht beantworten.
Rose blickte auf das Tuch hinunter. Die Ungewissheit war groß genug, dass ein vorsichtigerer Mensch vielleicht zunächst gefragt hätte, ob eine Reise dorthin überhaupt vernünftig war, doch Rose dachte bereits in anderen Kategorien. Das Große Archiv war ein Ziel, also brauchte sie einen Weg dorthin, Informationen über Schloss Lothric und genug Zeit, Savilyns Asche warm und unversehrt zu halten; dass all diese Punkte schwierig waren, machte die Sache weder weniger notwendig noch grundsätzlich verhandelbar.
Zum ersten Mal seit dem Kampf besaß ihre Trauer dadurch eine Richtung. Das war gefährlich, weil Hoffnung bei Rose schnell die Form eines Anspruchs annahm: Wenn irgendwo Wissen existierte, das ihre Schwester zurückbringen konnte, dann war es ihrer Vorstellung nach nur vernünftig, dass dieses Wissen gefunden, verstanden und angewendet wurde. Die Welt hatte ihr Savilyn genommen; Rose sah keinen Grund, weshalb sie die Welt mit dieser Entscheidung davonkommen lassen sollte.
Faelyn stand seitlich hinter ihr. Er sagte nichts, doch als Rose das Taschentuch fester umschloss, fing sie seinen Blick auf und erkannte darin weder Mitleid noch den Versuch, ihr eine passende Reaktion vorzuschreiben. Das gefiel ihr mehr, als sie in diesem Augenblick sagen konnte.
Hybris fragte stattdessen: „Gibt es bei der Aufbewahrung irgendetwas, das wir auf keinen Fall falsch machen dürfen? Muss die Asche an Feuer, trocken, dunkel oder sonst irgendwie geschützt werden?“
Amalthea schüttelte den Kopf. „Ich kenne keine besondere Bedingung außer sorgfältiger Aufbewahrung. Verliert nichts davon und bewahrt sie so auf, dass nichts verschüttet wird; über weitere Bedingungen weiß ich selbst zu wenig, um euch eine Regel zu nennen.“
„Dann brauchen wir etwas, in dem Rose sie auf Reisen sicher halten kann“, sagte Hybris.
„Ich verliere meine Schwester nicht“, erwiderte Rose, schärfer als nötig.
Hybris hob beide Hände. „Das war keine Unterstellung. Ich meine nur, dass ein Taschentuch im Wald keine besonders gute Truhe ist.“
Der Blick auf das weiße Tuch zwang Rose gegen ihren ersten Impuls zu der Einsicht, dass der Einwand sachlich berechtigt war. „Dann finden wir etwas Geeignetes.“ Sie faltete den Stoff sorgfältig so, dass die Asche sicher darin lag, und hielt das Bündel weiterhin in beiden Händen.
Söckchen trat näher, blieb aber außerhalb von Roses unmittelbarer Reichweite. „Wenn Amalthea sagt, dass Hoffnung besteht: Ist Savy dann wirklich noch in dieser Asche, oder ist das eher etwas, das man für eine Wiederbelebung braucht?“
Rose senkte den Blick auf das kleine Bündel. „Ich weiß es nicht. Ein Teil von ihr ist hier, und im Augenblick reicht mir das als Grund, weiterzusuchen.“
„Dann suchen wir nach dem Teil, den wir noch nicht verstehen“, sagte Söckchen. „Das ist besser, als hier zu sitzen und so zu tun, als gäbe es keine nächste Möglichkeit.“
Die Schlichtheit der Aussage traf Rose unerwartet. Sie hätte eine vorsichtigere Formulierung verlangen können, eine, die zwischen Seele, Körper, Asche und den Grenzen unbekannter Magie unterschied, doch in diesem Moment wollte sie keine vernünftige Einschränkung hören.
„Ja“, sagte sie. „Das tun wir.“
Pianwig stand etwas abseits bei André. Er hatte das Gespräch nicht unterbrochen, obwohl jedes Wort deutlich genug zu hören gewesen war. Als Rose zu ihm blickte, nickte er einmal. Es war kein Schwur und keine feierliche Versicherung. Gerade deshalb nahm sie ihn ernst.
Die nächsten Stunden verliefen ruhiger, weil Cinder Keep ihnen zum ersten Mal einen Ort bot, an dem die unmittelbare Gefahr nicht jede Entscheidung bestimmte. Für die Gruppe wurden Räume im Bereich der Wache hergerichtet. Nichts daran war luxuriös, und Rose hätte unter anderen Umständen ausführlichere Einwände gegen Staub, beschädigte Möbel und den Zustand der Schlafplätze gehabt; nach dem Wald, der Brücke, der Riesenspinne und dem Feuerbandschrein war ein Raum mit Wänden, einer schließenden Tür und der Aussicht auf mehrere Stunden Schlaf jedoch ein Wert, den selbst sie nicht kleinreden konnte.
Die Ruhe tat der Gruppe unterschiedlich gut, doch schließlich fanden alle ihre eigene Form, sie überhaupt zuzulassen: Ausrüstung wurde griffbereit abgelegt, Vorräte geordnet und Plätze so gewählt, dass niemand im Schlaf über Söckchen steigen musste. Rose kannte die Gewohnheiten der älteren Gefährten inzwischen gut genug, um Abweichungen zu bemerken; bei Faelyn wusste sie dagegen noch nicht, welche seiner Bewegungen Gewohnheit und welche Anspannung waren. Dass er dennoch in ihrer Nähe blieb, gefiel ihr, und sie fragte bewusst nicht, ob es wegen ihr war.
Rose setzte sich zuletzt, das Taschentuch auf den Handflächen, und öffnete es erst wieder, als die Stimmen der anderen leiser wurden und sie die Asche sehen konnte. Sie berührte sie nicht. Die Wärme des Stoffes genügte.
Ihre Schwester war tot, daran änderte auch Amaltheas Hoffnung nichts, und Rose weigerte sich, den Schmerz mit einer angenehmeren Bezeichnung zu verkleiden. Zugleich bedeutete die warme Asche, dass noch eine Möglichkeit bestand, aus dem Verlust eines Tages mehr zu machen als ein Andenken.
Schloss Lothric und das Große Archiv standen nun zwischen ihr und einer Hoffnung, die am Morgen noch nicht existiert hatte. Rose schloss das Tuch wieder und legte es so nah bei sich ab, dass sie die Hand nur ausstrecken musste, um es zu berühren; wie schwierig der Weg nach Lothric auch werden mochte, sie würde ihn finden.
Am Morgen roch Cinder Keep nach gebratenem Fleisch, und noch bevor Rose die Tür des Wachraums öffnete, ließ sie dieser so gewöhnliche Geruch einen Augenblick innehalten, weil er in der beschädigten Festung beinahe fremd wirkte. Am Tag zuvor hatten die Straßen nach Staub, altem Blut, Spinnenfäden und kalter Asche gerochen; nun mischte sich Rauch aus einer benutzten Feuerstelle darunter, irgendwo klapperte Geschirr, und durch das Mauerwerk drangen Stimmen von Menschen, die einander Werkzeuge, Wasser oder Anweisungen zuriefen.
Die Festung war weiterhin beschädigt. Ihre Zugbrücke war kein Wunderwerk geworden, das Tor trug die Spuren der vergangenen Kämpfe, und an der Mauer war unübersehbar, wo Pianwig und André den großen Durchbruch nur provisorisch geschlossen hatten; trotzdem hatte Cinder Keep aufgehört, sich wie ein leerer Körper anzufühlen, denn Menschen bewegten sich darin, trugen Schutt fort, richteten Eingänge her und taten all die kleinen Dinge, die nur dann sinnvoll waren, wenn man fest damit rechnete, am nächsten Tag ebenfalls noch hier zu sein.
Der Unterschied traf Rose stärker, als sie erwartet hatte. Am Vortag hatte sie Cinder Keep als versprochene Zuflucht erreicht und eine Ruine gefunden, deren Flamme erloschen, deren Bewohner eingesponnen und deren Verteidigung aufgebrochen war; nun war derselbe Ort noch immer hässlich beschädigt, aber er besaß wieder Absichten, weil gekocht, repariert und in Andrés Schmiede gearbeitet wurde. Die Welt außerhalb der Mauern blieb unverändert finster, doch innerhalb von Cinder Keep bestand Zukunft für einige Stunden aus einer Reihe sehr konkreter Aufgaben.
Rose trug Savilyns Asche bei sich. Das weiße Taschentuch lag so sicher verstaut, wie es unter den Umständen möglich war, und bevor sie den Raum verlassen hatte, hatte sie die Wärme erneut geprüft. Sie war noch da.
Faelyn wartete bereits im Gang. Sein Blick blieb kurz an Rose hängen, wanderte dann zu dem kleinen Bündel, dessen Umriss unter ihrer Kleidung kaum zu erkennen war, und kehrte in ihr Gesicht zurück.
„Hast du überhaupt geschlafen?“, fragte Faelyn. „Du siehst eher aus, als hättest du die Hälfte der Nacht damit verbracht, nachzudenken.“
„Ausreichend, um heute zu funktionieren“, sagte Rose. „Mehr muss Schlaf im Augenblick nicht leisten.“
Faelyn nahm die Antwort hin, obwohl sie offensichtlich genauer gewählt war als ehrlich. „Dann solltest du wenigstens etwas essen. Unten gibt es Frühstück, und diesmal riecht es tatsächlich nach einem bewohnten Ort.“
„Den Geruch habe ich bemerkt. Wer hat sich freiwillig an die Feuerstelle gestellt?“
„Hawkwood. Offenbar ist Kochen eine der Gefahren, vor denen er weniger Angst hat.“
Rose sah ihn an. „Das erklärt meine Skepsis gegenüber dem Geruch.“
Faelyn lächelte nur; unten hatte Hawkwood tatsächlich gekocht. Der Wachhauptmann, der sich im Feuerbandschrein als wenig brauchbar erwiesen hatte, stand bei einer Feuerstelle und bereitete gebratenes Fleisch und weitere Vorräte vor, als wäre dies eine Aufgabe, bei der ihm weder Mut noch Entschlossenheit abverlangt wurden. Die anderen hatten sich bereits zum Essen verteilt; zwischen Tellern, Ausrüstung und geretteten Vorräten suchte Söckchen mit sichtbarer Aufmerksamkeit allerdings noch immer nach einem Hinweis darauf, dass irgendwo etwas Besseres als Fleisch verborgen sein könnte.
„Es gibt wirklich keinen Kuchen?“, fragte Söckchen und musterte die Vorräte, als hätte Hawkwood möglicherweise einen besseren Teil des Frühstücks versteckt.
Hawkwood schüttelte den Kopf. „Fleisch und das, was wir aus den brauchbaren Vorräten retten konnten. Für Kuchen fehlt uns im Augenblick ziemlich viel.“
„Dann ist das kulinarisch ein schlechter Anfang, aber ich nehme, was da ist.“
Hybris schob ihr ein Stück von seinem Essen hin. „Du kannst meinen Anteil kritisieren, wenn deiner nicht reicht.“
Söckchen sah erst das Fleisch, dann ihn an. „Ich kritisiere unabhängig von der Menge.“
Die kleine Vertrautheit zwischen Hybris und Söckchen war so selbstverständlich, dass niemand darauf reagierte. Rose setzte sich, nahm ihre Portion und sprach während der ersten Minuten wenig; wichtiger war ihr der Eindruck, dass die Gruppe nach Schlaf, Wärme und einem halbwegs gewöhnlichen Frühstück wieder belastbarer wirkte, auch wenn die vergangene Nacht bei genauerem Hinsehen noch immer in ihren Bewegungen saß.
Amalthea kam, bevor das Frühstück ganz beendet war, wartete, bis alle ihr Aufmerksamkeit schenkten, und erklärte dann, dass die Wiederentzündung der zentralen Flamme nur ein Anfang gewesen sei. Weitere große Feuer mussten wieder entzündet und geschützt werden; vor allem aber sollten die Aschefürsten auf ihre Throne im Feuerbandschrein zurückkehren.
Rose legte ihr Messer neben den Teller. „Warum müssen die Aschefürsten zurückkehren? Wenn wir Leute durch die halbe Welt suchen sollen, möchte ich wenigstens verstehen, welches Problem ihre Rückkehr lösen soll.“
Amalthea konnte ihnen keine vollständige Lehre über die Flamme oder die Umbra geben. Sie wusste, dass die Rückkehr der Aschefürsten notwendig war, damit das Feuer seine eigentliche Aufgabe erfüllen konnte; wie stark es dadurch wurde, was außerhalb Cinder Keeps geschah und weshalb gerade die freiwillige Mitwirkung entscheidend war, blieb auch für die Gruppe nach ihrer Erklärung offen.
Hybris lehnte sich mit den Unterarmen auf die Knie. „Wenn du sagst, sie sollen zurückkehren: Muss das wirklich freiwillig sein? Es macht einen ziemlich großen Unterschied, ob wir vier Leute finden sollen oder vier Leute davon überzeugen müssen, etwas zu tun, das sie offenbar bisher nicht tun wollten.“
„Sie müssen freiwillig zurückkehren“, sagte Amalthea. „Warum die Flamme diesen eigenen Willen verlangt, kann ich euch nicht vollständig erklären. Es reicht offenbar nicht, einen Fürsten körperlich herzubringen und auf einen Thron zu setzen; er muss selbst mitwirken. Was genau dabei geschieht, weiß ich nicht.“
Hybris verzog den Mund. „Dann ist der schwierige Teil also tatsächlich das Überzeugen.“
Pianwig kaute zu Ende, bevor er sprach. „Dann sag uns zuerst, wen wir überhaupt suchen und wo diese Leute zuletzt verlässlich waren. Überzeugen können wir sie erst, wenn wir sie gefunden haben.“
Amalthea nannte die Fürsten, die ihrem Ruf bislang nicht gefolgt waren. Die Legion der Untoten galt gemeinsam als einer von ihnen. Sie bewachte den Abgrund und hielt sich vermutlich in der Feste des Abgrundes auf; dort konnten zugleich Informationen über andere Fürsten zu finden sein.
Aldrich der Götterfresser war für einen maßlosen Appetit bekannt und sollte sich in der Kathedrale der Tiefe befinden. Was ihn von Cinder Keep fernhielt und ob er überhaupt bereit war, mit Fremden über eine Rückkehr zu sprechen, wusste Amalthea dagegen nicht.
Yhorm der Gigant befand sich vermutlich in der Profanen Hauptstadt.
Prinz Lothric hielt sich möglicherweise noch immer in Schloss Lothric auf, wo sein Bruder Lorian ihn beschützte. Seit ungefähr zwanzig Jahren war über die Herrschaft dort kaum Verlässliches bekannt.
Über die Gründe ihres Fernbleibens wusste Amalthea wenig. Man sagte, die Aschefürsten hätten resigniert oder sich von ihrer Aufgabe abgewandt, doch weder bei Aldrich noch bei der Legion, Yhorm oder Lothric konnte sie der Gruppe eine verlässliche persönliche Motivation nennen. Wer sie überzeugen wollte, musste diese Gründe erst bei den Fürsten selbst herausfinden.
Bei diesem Namen wurde Rose aufmerksamer. Mit Schloss Lothric verbanden sich für sie zwei Ziele: Dort lag das Große Archiv, an das sie ihre Hoffnung auf Savilyns Rückkehr knüpfte, und vermutlich hielt sich dort zugleich einer der gesuchten Aschefürsten auf. Zwei Wege, die sich an derselben Stelle trafen, gefielen ihr deutlich besser als zwei getrennte Reisen.
„Dann ist Lothric ohnehin eines unserer Ziele“, sagte Rose. „Dort befindet sich ein Aschefürst, und im Großen Archiv könnte das Wissen liegen, das ich für Savy brauche. Zwei Gründe für dieselbe Reise sind besser als einer.“
„Ja, aber vermutlich nicht als erster Weg“, erwiderte Hybris. „Wir wissen noch nicht einmal, wie wir in das Schloss kommen oder ob die Straßen dorthin überhaupt benutzbar sind. Wenn wir vorher Informationen sammeln können, sollten wir das tun.“
Rose hielt seinen Blick. „Damit kann ich leben. Ich möchte nur, dass Lothric nicht irgendwann unter vier anderen Aufgaben verschwindet, weil der Weg unbequem ist.“
„Das wird bei dir kaum passieren. Ich sage nur, dass ein Ziel nicht dadurch näher wird, dass wir es am dringendsten wollen.“
Faelyn fragte nach den Wegen zu den genannten Orten. Amalthea konnte keine sichere Route geben, sondern lediglich Richtungen und bekannte Orientierungspunkte; die Welt außerhalb von Cinder Keep hatte sich verändert, Wege waren verschwunden, Siedlungen aufgegeben worden, und manche Informationen waren so alt, dass niemand sagen konnte, wie viel von ihnen noch stimmte.
Rose versuchte sofort, den Auftrag in eine brauchbare Reihenfolge zu bringen. Die vier von Amalthea genannten Fürsten bedeuteten vier Ziele, von denen jedes weit genug entfernt lag, um eine eigene Reise zu verlangen, und zugleich wussten sie von keinem einzigen, ob er überhaupt bereit war, mit Fremden zu sprechen. Die verlangte Freiwilligkeit machte aus jedem Fürsten ein eigenes Problem: Einen Gegner konnte man besiegen, einen widerstrebenden Herrscher musste man verstehen, überzeugen oder mit etwas konfrontieren, das ihm wichtiger war als sein Rückzug.
Faelyn formulierte den Kern des Problems nüchterner. „Wir sollten nicht davon ausgehen, dass alle aus demselben Grund wegbleiben. Wenn wir wissen, was jeder will, wissen wir vielleicht auch, womit wir anfangen müssen.“
Pianwig brachte die Diskussion zurück auf den unmittelbar nächsten Schritt. „Welche dieser Spuren ist von hier aus die nächste oder wenigstens die verlässlichste? Wenn wir keine genaue Karte haben, sollten wir mit dem Ziel anfangen, bei dem wir am ehesten wissen, wohin wir laufen.“
Die Frage brachte die Gruppe zurück zur praktischen Seite des Auftrags. Amalthea konnte Richtungen nennen, aber keine Reise so sicher planen, als wäre die Welt zwischen Cinder Keep und den genannten Orten unverändert geblieben. Rose begann trotzdem bereits, Namen gegeneinander abzuwägen, bis Amalthea das Gespräch mit einem Gegenstand unterbrach, der für Söckchen bestimmt war.
Der Dolch war klein und gewunden, gerade groß genug, dass Söckchen ihn bequem im Maul tragen konnte. Seine Form erinnerte an Söckchens Schwert, ohne eine bloße verkleinerte Kopie zu sein. André hatte ihn über Nacht gefertigt.
Söckchen beugte sich vor und nahm den Griff zwischen die Zähne.
Die Klinge begann zu leuchten.
Söckchen erstarrte. „Leuchtet der Dolch immer, sobald ihn jemand anfasst, oder macht er das gerade nur bei mir?“
„Bei dir“, sagte Amalthea. „Die Klinge reagiert auf deine Verbindung zur Flamme.“
„Und diese Verbindung habe ich jetzt, weil ich die zentrale Flamme entzündet habe?“
„Ja. Das ist ein Teil dessen, was dein Status als Aschefürstin bedeutet.“
Söckchen warf Hybris einen Blick zu, in dem sich Misstrauen gegenüber der gesamten Entwicklung mit einem gewissen Stolz darauf mischte, dass immerhin ihr Dolch leuchtete. „Das ist noch immer ein seltsamer Titel.“
Amalthea erklärte die Funktion so weit, wie sie sie kannte. Der Dolch sollte eine Art Feuerreise ermöglichen: Über bereits besuchte, mit der Flamme verbundene Feuer konnte Söckchen die Gruppe mitsamt ihrer getragenen Ausrüstung versetzen, und die Entfernung schien dabei keine praktische Grenze zu setzen. Ob wirklich immer Körperkontakt nötig war, wie viele Menschen maximal mitreisen konnten und welche weiteren Bedingungen galten, wusste Amalthea nicht sicher; für den ersten Versuch beschlossen sie deshalb, eng zusammenzubleiben.
„Dann testen wir die Funktion, solange wir noch in Cinder Keep sind“, entschied Rose. „Ich möchte nicht erst irgendwo im Wald herausfinden, welche Teile der Erklärung wir falsch verstanden haben.“
Hybris hob eine Braue. „Dagegen habe ich ausnahmsweise nichts. Wenn etwas schiefgeht, ist ein bekannter Schrein dafür vermutlich der beste Ort.“
„Wir befinden uns bereits am sichersten Ort für einen Versuch. Es wäre unsinnig, die Funktion erst dann kennenzulernen, wenn wir sie dringend brauchen.“
Niemand fand einen praktischen Einwand, der gegen einen Versuch an diesem sicheren Ort sprach.
Am oberen Feuer stellten sich Rose, Pianwig und Faelyn dicht genug zu Söckchen, um für den Versuch gemeinsam erfasst zu werden. Hybris blieb außerhalb dieses engen Kreises und erklärte, dass er den Weg nach unten lieber zu Fuß nehmen wolle.
„Warum willst du laufen?“, fragte Söckchen. „Wenn wir den Dolch testen, wäre es doch sinnvoller, wenn alle mitkommen.“
„Gerade deshalb gehe ich unten hin“, sagte Hybris. „Einer von uns sollte sehen, wo ihr tatsächlich auftaucht, ob ihr gleichzeitig ankommt und ob irgendetwas Merkwürdiges passiert, das man von innen nicht bemerkt.“
„Du willst also unter anderem wissen, ob wir in einer Wand landen.“
Hybris lächelte. „Das wäre eine ziemlich wichtige Beobachtung, ja. Ich würde es nur gern herausfinden, ohne selbst mit in der Wand zu stecken.“
Er lief voraus in Richtung des Schreins, während die anderen beim Feuer blieben. Unten stellte er sich am äußeren Rand des großen runden Raumes auf, weit genug von der zentralen Flamme entfernt, dass eine ungenaue Ankunft ihn nicht sofort traf. Er wartete.
Oben steckte Söckchen den Dolch in die Glut. Für einen kaum messbaren Augenblick schien die Umgebung von Flammenstreifen überzogen zu werden, als zöge Feuer an den Reisenden vorbei, statt sie zu verbrennen; dann war der Ortswechsel bereits geschehen.
Die Flamme schlug höher, und im nächsten Augenblick standen Rose, Söckchen, Pianwig und Faelyn im Feuerbandschrein wenige Schritte von der zentralen Flamme entfernt. Es gab keinen spürbaren Reiseweg und keine lange Zwischenzeit, nur den kurzen Eindruck vorbeiziehender Flammen und danach anderen Stein unter den Füßen. Hybris zuckte trotz seiner Vorbereitung zusammen, fing sich und grinste.
„Gut“, sagte er. „Keine Wand.“
Rose strich ihr Kleid glatt, als sei unmittelbare Teleportation ein Vorgang, der vor allem eine ordentliche Haltung danach verlangte. „Es funktioniert.“
Söckchen nahm den Dolch wieder auf. Ihre Ohren standen deutlich aufrechter als zuvor.
Erst dann kam ein dünnes, heiseres Kichern aus der Dunkelheit jenseits der Flamme. Die entspannte Haltung nach dem gelungenen Versuch verschwand sofort; Hände gingen zu Waffen, Körper drehten sich in dieselbe Richtung, und zwischen den jetzt deutlicher sichtbaren steinernen Thronen entdeckten sie schließlich den Mann, der längst dort saß und sie beobachtete. Fünf dieser gewaltigen Sitze standen um den runden Raum verteilt, vier davon leer.
Auf dem fünften saß ein kleiner, hagerer alter Mann, dessen Krone und heruntergekommen-königliche Kleidung einen seltsamen Gegensatz zu dem gewaltigen steinernen Sitz bildeten. Ein Pelzmantel lag um seine schmalen Schultern, sein Körper wirkte darin beinahe verloren, und in einer Hand hielt er einen Dolch, dessen Form Söckchens neuem Werkzeug auffallend ähnelte. Als er sprach, war seine Stimme überraschend hoch; die Wortwahl dagegen war gewählt und leicht verschlungen, als bevorzuge er selbst bei einfachen Antworten eine Formulierung, die noch einen zweiten Sinn offenließ.
„Ihr seid also diejenigen, deren Hand das Feuer wieder geweckt hat“, sagte der kleine Mann mit seiner hohen Stimme. „Die Glocke kündigte euch an, doch euer eben gewählter Weg hinein war … sagen wir: weniger feierlich und dafür bemerkenswert schneller.“
Rose stellte sich gerader hin. „Und Ihr seid offenbar der einzige Mensch in diesem Raum, den uns bisher niemand vorgestellt hat. Darf ich erfahren, mit wem wir sprechen?“
Der Mann neigte den Kopf. „Ludleth von Courland. Und da der zweite Teil für eure Aufgabe wahrscheinlich wichtiger ist: Ich bin ein Aschefürst.“
Sein Blick fiel auf Söckchen und blieb dort mit unverhohlener Überraschung hängen. „Und wenn mein Auge mich nicht täuscht, hat die Flamme zugleich eine neue Aschefürstin angenommen. Eine unerwartete Gestalt für eine solche Würde – doch die Flamme pflegt sich wenig um Erwartungen zu kümmern.“ Der Ton war eher erfreut als spöttisch.
Söckchen sah auf die vier leeren Throne und dann auf seinen. „Du bist also wirklich freiwillig hergekommen und hast dich auf deinen Thron gesetzt? Niemand musste dich suchen oder überzeugen?“
„Ich bin aus eigenem Willen zurückgekehrt“, sagte Ludleth. „Dass die anderen diesen Willen teilen, solltet ihr daraus allerdings nicht ableiten.“
Das schlichte Ja gab dem Auftrag, den Amalthea ihnen gestellt hatte, erstmals einen greifbaren Beleg. Bis dahin waren die fehlenden Fürsten Namen, Entfernungen und ein Problem gewesen, dessen Lösung vollständig unbekannt blieb; Ludleth dagegen saß bereits dort, wo einer von ihnen sitzen sollte, weil er den Ruf gehört hatte und ihm gefolgt war.
Rose trat näher. „Wenn Ihr einer von ihnen seid, kennt Ihr die anderen zumindest besser als wir. Sagt uns bitte, wo wir mit der Suche anfangen sollen und welche dieser Angaben noch halbwegs verlässlich sind.“
Ludleth schüttelte den Kopf. „Ich kenne einige wahrscheinliche Aufenthaltsorte, aber ich weiß nicht bei jedem Fürsten, wo er sich in diesem Augenblick befindet. Nehmt die Richtungen als Spuren, nicht als Versprechen.“
Er konnte bestätigen, dass Aldrich vermutlich in der Kathedrale der Tiefe zu finden war. In derselben Gegend stiegen Kreaturen aus dem Abgrund empor, während die Legion der Untoten in ihrer Feste versuchte, sie zurückzuhalten; schon dadurch erschien die Route dorthin sinnvoll, weil ein Weg möglicherweise zwei der gesuchten Fürsten berührte, selbst wenn niemand wusste, welche von beiden Begegnungen zuerst möglich sein würde. Yhorm befand sich nach Ludleths Wissen in der Profanen Hauptstadt; mehr über dessen gegenwärtigen Zustand konnte oder wollte er nicht verlässlich sagen.
Als Rose nach Prinz Lothric fragte, blickte Ludleth sie länger an, ohne dass sich daraus eine klare Warnung oder Zustimmung lesen ließ. Schloss Lothric blieb das am schlechtesten greifbare Ziel: ein nahezu verstummter Herrschaftssitz, ein Prinz, den seit langer Zeit kaum jemand gesehen hatte, ein starker Bruder an seiner Seite und irgendwo dort das Große Archiv, das für Rose längst mehr war als ein Eintrag auf ihrer Reiseroute.
Rose fragte weiter, und auch die anderen nutzten die Gelegenheit, die brauchbaren Lücken in Ludleths Wissen auszuloten. Als Hybris wissen wollte, weshalb ausgerechnet er selbst zurückgekehrt war, gab der kleine Mann allerdings keine Antwort, die mehr erklärte als seine Anwesenheit: Er war gekommen, weil er dem Ruf folgen wollte; was ihn von den anderen unterschied, blieb offen.
Pianwig betrachtete die vier leeren Throne. „Dann fehlen vier. Wir finden zuerst heraus, welche Spur am verlässlichsten ist, und arbeiten uns von dort weiter.“ Faelyn ergänzte, dass sie bei jedem zuerst verstehen müssten, warum er nicht längst hier saß; wenn die Rückkehr freiwillig sein sollte, würde vermutlich nicht dieselbe Lösung bei allen funktionieren.
Rose ignorierte die Bemerkung und ordnete die Informationen. Die Feste des Abgrundes bot sich als brauchbarer erster Ansatz an, weil dort zugleich die Legion und Hinweise auf Aldrich zu finden sein konnten. Schloss Lothric blieb ihr persönliches Ziel, doch sie wusste zu wenig über den Weg dorthin, um die Gruppe sofort in diese Richtung zu führen.
Als sie den Schrein wieder verließen, hatte der Auftrag eine Form angenommen. Er war noch immer gewaltig, schlecht erklärt und vermutlich gefährlicher, als irgendeiner von ihnen im Augenblick abschätzen konnte, doch sie kannten Namen, Orte und mindestens einen Beweis dafür, dass ein Aschefürst freiwillig zurückkehren konnte. Ludleth blieb auf seinem Thron zurück, klein genug, dass der Sitz ihn beinahe verschluckte, und gerade dieses Bild nahm Rose mit nach oben: vier leere Throne, ein besetzter, und eine Flamme, deren Zukunft offenbar davon abhing, dass die Leere verschwand.
André gab ihnen vor dem Aufbruch Bündel mit Essen. Amalthea stand bei der wieder entzündeten Flamme und verabschiedete sie mit ruhiger Stimme.
„Möge die Flamme euch leiten“, sagte Amalthea. „Und verlasst euch außerhalb dieser Mauern lieber aufeinander als auf alte Wegbeschreibungen. Die Welt hat sich schneller verändert als viele Karten.“
Söckchen trug den neuen Dolch. Die Waffen, die sie und Pianwig André zur Überarbeitung gegeben hatten, waren zum Aufbruch ebenfalls wieder bei ihnen. André hatte die Klingen mit der reinen Kohle neu behandelt und den Stahl verbessert; er erklärte es als Aufkohlen und erneute Wärmebehandlung, und praktisch fühlten sich die Waffen danach schlicht stärker und verlässlicher an. Mehr Magie behauptete selbst André nicht. Als erstes Ziel wählten sie die Untotensiedlung.
Hinter Cinder Keep wurde die Welt schnell wieder still. Der Weg zur Untotensiedlung dauerte ungefähr einen halben Tag, vielleicht etwas länger, und führte durch eine Landschaft, die jede Strecke mühsamer machte, als sie auf einer Karte ausgesehen hätte.
Schlechtes Wetter hing über den felsigen Höhen. Wind trieb feuchte Kälte durch Einschnitte, Geröll rutschte unter Stiefeln und Hufen, und an mehreren Stellen fiel der Weg so steil an Klippen ab, dass die Gruppe hintereinander gehen musste. Zwischen dunklen Felswänden hielten sich Geräusche lange; Schritte, das Klirren einer Schnalle oder eine Waffe an Rüstung kehrten von den Wänden zurück, bis selbst eigene Laute für einige Atemzüge wie etwas Fremdes hinter ihnen klangen.
Die Gruppe bewegte sich in einer Formation, die sich dem Gelände ständig anpassen musste: In übersichtlicheren Abschnitten ging Hybris ein Stück voraus, während die engen Passagen sie wieder dicht zusammenzwangen; Felsformen, wenige Spuren von Vegetation und der wechselnde Wind bestimmten dabei ebenso den Weg wie das lose Geröll, das Söckchen nach Möglichkeit aus der Luft umging.
Rose sprach weniger als sonst. Seit Amalthea ihr Savilyns Asche gegeben hatte, kehrte ihre Hand immer wieder an die Stelle zurück, an der sie das weiße Tuch trug. Die Reise führte vorerst von Schloss Lothric fort, doch sie akzeptierte den Umweg, weil auch der Auftrag der Aschefürsten vorankommen musste und weil ein sicherer Weg nach Lothric ohnehin noch nicht vor ihnen lag.
Die Pausen blieben kurz. Cinder Keeps Bündel machten den Proviant für den Moment weniger knapp als auf der Anreise zur Festung, doch niemand wollte in den offenen, windigen Felsabschnitten länger sitzen als nötig.
Der Geruch kündigte die Untotensiedlung an, bevor sie sie sahen.
Am anderen Ende fehlte ein Stück von ungefähr zehn Metern. Eine provisorische Hängekonstruktion hatte die Lücke offenbar einmal geschlossen, doch sie war in der Mitte gerissen; Reste von Seilen und Planken hingen in die Tiefe und bewegten sich im Wind. Jenseits des Abgrunds standen zwei Türme neben einem Tor. Ein schmaler Steg verband Teile der oberen Anlage, bot aber vom abgebrochenen Brückenende aus keinen einfachen Zugang.
Über allem kreisten Krähen, zu viele, um sie zu übersehen, und groß genug, dass einzelne Flügelschläge selbst auf diese Entfernung erkennbar blieben. Der Schwarm zog seine Kreise über den Türmen und den abgesackten Dächern der Siedlung, als gehöre ihm der Luftraum über dem Ort; Faelyn beobachtete die Vögel länger als die anderen, weil Tiere für ihn zunächst Hinweise waren, bevor sie zu Gegnern wurden. Ihr Verhalten passte schlecht zu gewöhnlichem Aasfraß: Sie kreisten zu geschlossen und zu beharrlich über den Türmen, während unter ihnen genug Verwesung lag, um einen normalen Schwarm längst auf den Boden zu locken. „Die gefallen mir nicht. Sie sitzen zu ruhig da und beobachten genau den Bereich, durch den wir müssen.“
Hybris sah hoch. „Mir gefällt der Rest der Siedlung bisher auch nicht, aber bei den Krähen verstehe ich wenigstens, was du meinst. Wenn die auf Bewegung reagieren, hängen wir beim Überqueren ziemlich offen da.“
„Genau die Krähen meine ich. Den Rest dürfen wir gern danach problematisch finden.“
„Dann haben wir schon zwei konkrete Probleme.“
„Dort drüben, oberhalb des Tores, ist ein Balken, der noch stabil genug aussieht“, sagte Faelyn. „Wenn ich einen Widerhakenpfeil hineinbekomme und wir das Seil daran sichern, haben wir wenigstens einen kontrollierbaren Übergang statt fünf verschiedene Sprungversuche.“
Hybris trat an die Bruchkante und sah hinunter. „Ich könnte trotzdem springen. Wenn ich drüben bin, kann ich das Seil zusätzlich sichern und ihr müsst nicht darauf vertrauen, dass nur der Pfeil hält.“
Rose maß Hybris’ Vorschlag an der Lücke. „Du könntest dabei auch abstürzen. Das macht aus deinem Zusatzplan noch keinen überzeugenden Sicherheitsbeitrag.“
„Beides schließt sich nicht aus.“
„Das ist kein überzeugendes Argument.“
Söckchen blickte über die Schlucht. „Ich kann fliegen.“
Rose wandte sich zu ihr. „Ausgezeichnet. Dann fliegen wir zuerst hinüber und sehen uns an, wo das Seil ankommen soll.“
Söckchens Ohren zuckten. Körperliche Nähe war für sie keine Kleinigkeit, und Rose wusste das inzwischen gut genug, um sie nicht einfach zu greifen. Sie besprachen die Überquerung knapp, bis klar war, wie Rose sich halten konnte, ohne an Horn oder Flügel zu geraten.
Faelyn kniete bereits beim Seil und bereitete den Widerhakenpfeil vor. Er legte die Leine so aus, dass sie sich beim Schuss nicht um Steine oder Ausrüstung wickelte, prüfte die Verbindung und bestimmte den Balken oberhalb des Tores als Ziel. Hybris stand weiterhin an der Kante und schätzte die Entfernung mit einer Aufmerksamkeit ein, die erkennen ließ, dass sein Vorschlag vom Sprung kein bloßer Scherz gewesen war.
Rose betrachtete ihn von der Seite. Sie hatte inzwischen genug Erfahrung mit Hybris, um zu wissen, dass eine riskante Idee bei ihm nicht automatisch eine dumme Idee war; problematisch war eher, dass seine Einschätzung von „vertretbar“ stark davon abhing, ob er selbst glaubte, die nötige Bewegung zu beherrschen. „Wenn Faelyns Seil funktioniert, benutzt du es.“
Hybris sah weiterhin über die Lücke. „Wenn es funktioniert, brauchen wir vielleicht beides.“
Rose wollte widersprechen, ließ es aber, weil sie selbst bereits plante, das Problem auf einem fliegenden Einhorn zu umgehen.
„Wartet, bis wir drüben sind“, sagte Rose.
„Natürlich“, antwortete Hybris.
Roses längerer Blick genügte, damit er ergänzte: „Ich warte.“
Söckchen breitete die Flügel aus, und der Flug über die Schlucht dauerte nur wenige Augenblicke, doch für Rose war jeder davon lang genug, um sehr genau zu wissen, wie viel leerer Raum unter ihr lag. Sie hielt sich so, wie sie es abgesprochen hatten, und vermied jede hektische Bewegung, obwohl der Wind zwischen den Felswänden ungleichmäßig gegen sie drückte. Söckchen korrigierte den Kurs ohne große Mühe und setzte auf dem plankigen Steg zwischen den Türmen auf.
„Siehst du“, sagte sie. „Einfach.“
Rose löste die Hände und stellte beide Füße fest auf das Holz. „Für dich.“
Der erste Turm stand offen. Im Inneren war es dunkler, und der Verwesungsgeruch, der draußen bereits über der Siedlung hing, wurde hier so stark, dass Rose instinktiv flacher atmete. Ein großes Kurbelrad oder ein vergleichbarer Hebelmechanismus nahm einen Teil des Raumes ein. Daran hing eine Gestalt in zusammengeflickter Rüstung.
Die Gestalt bewegte sich nicht. Rose blieb auf Abstand, betrachtete sie und urteilte schließlich: „Tot.“
Söckchen trat einen halben Schritt näher. „Vielleicht.“
„Das ist normalerweise ausreichend.“
Rose streckte den Stab vor und stieß die Gestalt damit an.
Der vermeintliche Leichnam fuhr herum, und ein Kreischen riss durch den Turm. Unter den Rüstungsteilen bewegte sich ein Körper, der längst keine natürliche Kraft mehr besitzen durfte; Knochen und vertrocknete Reste hielten eine Waffe, während in den Augen ein kaltes, eisblaues Licht aufflammte.
Rose wich zurück und hob den Stab. „Nein.“
„Vielleicht will er reden“, sagte Söckchen. „Es wäre wenigstens praktisch zu wissen, ob da noch irgendetwas drin ist, das uns versteht.“
„Der will nicht reden.“ Rose deutete auf das Skelett. „Bis jetzt kreischt es und versucht uns anzugreifen. Ich würde seine Gesprächsbereitschaft entsprechend niedrig einschätzen.“
„Das Kreischen ist immerhin eine Reaktion. Ich sage nur, dass ich noch nicht sicher bin, ob es völlig geistlos ist.“
Sie antwortete mit Magie. Die wilde Flamme brach aus ihren Händen, schoss jedoch am Skelett vorbei und durch das beschädigte Dach. Draußen wurde der Himmel für einen Augenblick orange. Mehrere Krähen, die zu tief über dem Turm gekreist hatten, gerieten in die Hitze, stürzten brennend zur Seite oder verschwanden flatternd aus der Formation.
Am anderen Brückenende schlugen die Flammen sichtbar aus dem Dach. Für eine Deutung blieb wenig Zeit; Faelyn hatte den Widerhakenpfeil bereits angelegt, während Pianwig das Seil frei hielt. „Schieß.“
Im Turm hatte Söckchen inzwischen eine andere Lösung gefunden. Sie griff nach einem der Proviantbrote, die André ihnen mitgegeben hatte, und hielt es dem Skelett hin.
Rose starrte sie an. „Was tust du?“
Söckchen hielt das Brot weiterhin hin. „Vielleicht reagiert es auf Nahrung. Wir wissen doch überhaupt nicht, was davon noch wie ein Mensch funktioniert.“
Rose starrte sie an. „Es besteht überwiegend aus Knochen und hat bisher kein einziges verständliches Wort gesagt. Ich halte Essen für einen sehr optimistischen Verhandlungsansatz.“
„Dann finden wir das wenigstens heraus, bevor wir ihm nur noch Schwerter anbieten.“
Das Skelett sagte nichts. Sein Schwert sank jedoch ein Stück. Der Kopf neigte sich, und eine knöcherne Hand griff unbeholfen nach dem Brot.
Für einen kurzen Augenblick standen Rose, Söckchen und das umbrale Wesen in einer so absurden Ruhe beieinander, dass selbst Rose nicht sofort handelte. Gerade die Irritation machte die Kreatur unheimlicher, weil für einen Atemzug etwas in ihr reagierte, das an Gewohnheit, Erinnerung oder einen alten menschlichen Impuls erinnerte, ohne dass irgendjemand sagen konnte, ob tatsächlich noch etwas von der Person vorhanden war, die diese Rüstung einmal getragen hatte.
Söckchen beobachtete die ausgestreckte Hand aufmerksam. Ihr Versuch war nicht von Mitleid allein getragen; sie wollte wissen, ob das Wesen auf etwas anderes als Gewalt reagieren konnte, und solange das Schwert gesenkt blieb, war ein Stück Brot ein erstaunlich billiger Test.
Draußen ließ Faelyn die Sehne los. Der Widerhakenpfeil schoss über die Lücke, setzte sich in dem Balken oberhalb des Tores fest und zog das Seil hinter sich straff; gemeinsam mit Pianwig sicherte Faelyn die Verbindung gerade lange genug, um ihre Belastung zu prüfen, bevor er selbst mit der Überquerung begann.
Rose hob im Turm erneut den Stab, worauf das Skelett reagierte. Beim folgenden Gerangel fiel das Brot aus dem offenen Bereich des Turms und verschwand nach unten. Das eisblaue Licht in den Augen des Wesens wurde heller. Es schlug nach Rose, die dem Hieb auswich und mehrere Schritte zurückwich.
„Nicht mal zielen kannst du“, sagte sie.
Das Skelett hob langsam die freie Hand und deutete auf das Loch im Dach, durch das Roses eigener Feuerangriff verschwunden war.
Rose hielt inne, während Söckchen ein Geräusch machte, das sehr verdächtig nach unterdrücktem Lachen klang.
„Das war Absicht“, sagte Rose.
Das Skelett hob wieder das Schwert. Während Faelyn am Seil über die Lücke kletterte, entschied Hybris, dass er lange genug gewartet hatte. Er ging einige Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang. Für einen Moment hing sein Körper über der Schlucht, dann erreichten seine Hände einen Balken auf der anderen Seite. Er schlug hart dagegen, bekam Halt und zog sich hoch.
Faelyn, der den wesentlich kontrollierteren Weg gewählt hatte, sah ihn an, als Hybris neben ihm auftauchte.
„Das Seil war fertig.“
„Hab ich gesehen.“
„Warum dann der Sprung?“
Hybris blickte zurück über die Lücke. „Weil er funktioniert hat.“
Faelyn schüttelte den Kopf und kletterte weiter, während der Kampf im Turm bereits sein Ende fand. Söckchen stieß mit dem Schwert im Maul vor und führte die Klinge schräg durch den morschen Körper des Wächters; zwischen Schulter und Hüfte brach die Gestalt auseinander, Rüstungsteile schlugen auf den Boden, Knochen rollten unter das Kurbelrad und das blaue Licht erlosch, noch ehe Faelyn und Hybris ganz in den Raum gelangt waren.
Söckchen zog das Schwert zurück, behielt den Griff aber im Maul. „Jepf hap ef mipf mäh pu favem“, nuschelte sie, deutlich genug, dass Rose sie verstand.
Rose sah auf das Loch im Dach. „Bedauerlich.“
Die kurze Ruhe endete mit dem Schwarm, den Roses erster Feuerstoß auseinandergerissen hatte und der nun durch die beschädigte Dachöffnung in den Turm stürzte. Flügel füllten den Raum, Krallen schabten über Holz und Metall, und innerhalb weniger Sekunden war die Sicht auf mehr als ein paar Schritte fast unmöglich.
Rose reagierte instinktiv mit Feuer. Die Flamme schoss erneut nach oben und traf vor allem den Bereich über dem Schwarm.
„Fie fim umpeh bih!“, rief Söckchen um den Schwertgriff herum; die Warnung kam gepresst und etwas verwaschen, weil sie die Klinge im Maul behielt.
„Das sehe ich!“
„Offembah mif!“, kam es um den Schwertgriff herum zurück.
Pianwig überquerte die Lücke als Letzter, doch seine Erfahrung auf Schiffen ließ ihn Gewicht, Zug und Halt so sicher einschätzen, dass er beinahe gemeinsam mit Faelyn und Hybris in den Turm kam. Dort sprang er unmittelbar in den Schwarm und schlug mit dem Rundschild nach den Vögeln; der Hieb erwischte keinen von ihnen, fuhr dafür aber so nahe an Söckchens Horn vorbei, dass sie den Kopf ruckartig zur Seite riss.
„Piamwiv!“, presste Söckchen um den Griff herum hervor.
„Daneben“, sagte er.
„Baf hap im vemehp!“, nuschelte sie zurück.
Hybris zog beide Dolche und ging in den Schwarm, dessen Enge seine kurzen, kontrollierten Bewegungen wesentlich besser vertrug als Pianwigs weite Schildschläge. Während er mit dem ersten Angriff mehrere Tiere erwischte, arbeitete Faelyn bereits daran, den wertvollen Widerhakenpfeil aus dem Balken zu lösen, ohne den sie weder Seil noch Ausrüstung vollständig zurückbekamen.
„Faelyn!“, rief Rose zu ihm.
„Ich komme.“
„Wir werden von Krähen angegriffen.“
„Deshalb möchte ich den Pfeil gern wiederhaben, bevor wir weiter müssen.“
Rose ärgerte sich, weil sie gegen diesen praktischen Grund wenig einwenden konnte.
Ein Teil des Schwarms ging auf Söckchen nieder. Krallen rissen durch Fell und trafen sie, bevor sie sich mit einem Flügelschlag freimachen konnte; Hybris brach seinen bisherigen Angriff sofort ab und änderte die Richtung.
„Söckchen!“
„Im bim mof ba!“, rief Söckchen. Mit dem Großschwert zwischen den Zähnen klang selbst diese klare Feststellung leicht genuschelt.
Für den Augenblick genügte ihm das, und er schlug weiter.
Mit der linken Hand spießte er mehrere Krähen auf und trieb sie gegen einen Balken, wo die Körper hängen blieben. Der zweite Dolch arbeitete durch den verbliebenen Schwarm, schneller und glücklicher, als Hybris selbst erwartet hatte. In einem offenen Feld hätte die Zahl der Tiere ihn vermutlich überfordert, doch im Turm mussten sie eng an ihm vorbei, und genau das machte seine kurzen Waffen plötzlich geeigneter als große Schläge. Vögel taumelten mit verletzten Augen davon, prallten gegen Wände oder fanden die Fenster nicht mehr richtig; mehrere schafften es hinaus und stürzten jenseits des Turms ab.
Als der letzte zusammenhängende Teil des Schwarms auseinanderbrach, blieb im Raum nur noch das Schlagen einzelner Flügel und schwerer Atem. Söckchen ließ das Großschwert auf die Dielen sinken; erst ohne den Griff zwischen den Zähnen wurde ihre Stimme wieder klar.
Hybris ging sofort zu Söckchen. „Zeig.“
„Später.“
„Söckchen.“
Sie drehte sich so, dass er die verletzte Stelle sehen konnte, ohne sie anzufassen. „Da. Zufrieden?“
„Nein.“
„Gut.“
Als der Schwarm auseinanderbrach, hatte Faelyn den Pfeil gelöst und Pianwig bereits den Kurbelmechanismus erreicht. Rose deutete darauf. „Pia, kurbel mal das Tor hoch.“
Pianwig packte das Rad und setzte seine Kraft ein. Der Mechanismus bewegte sich schwer, dann hob sich das Tor unter ihnen.
Vom geöffneten Tor wanderte Hybris’ Blick zurück zur zehn Meter breiten Lücke in der Brücke.
„Das Tor ist offen“, stellte er fest.
Rose nickte. „Ja.“
Hybris deutete zurück. „Und die Brücke ist immer noch kaputt.“
Für einen kurzen Augenblick sagte niemand etwas, weil dieselbe praktische Lücke im Plan allen gleichzeitig auffiel.
Faelyn wickelte das Seil zusammen. „Zumindest wissen wir jetzt, dass die Kurbel funktioniert.“
Rose hob das Kinn. „Das war selbstverständlich Teil des Zwecks.“
Hybris ließ ihr die Behauptung.
Sie bewegten sich weiter in Richtung des zweiten Turms. Dort hörten sie ein Rascheln zwischen Mauerwerk und Gerümpel. Rose blieb stehen und rief in dessen Richtung: „Komm raus. Gehorche! Ich bin eine Hexe!“
Das Rascheln verstummte, dann entfernte sich jemand hastig. Rose setzte ihm keine Magie hinterher; nach Skelett, Krähen und zerstörter Brücke war ein fliehender Mensch vorerst weniger dringlich als der Weg in die Siedlung.
Erst beim heruntergekommenen Gasthaus sahen sie die Gestalt wieder. Ein dünner Mann mit gewaltigem Schlapphut trat aus einem Durchgang, hielt bewusst Abstand und hob beide Hände so weit, dass niemand darin eine Waffe suchen musste.
„Das Rascheln vorhin war ich“, sagte er, bevor Rose fragen konnte. „Ich bin euch ein Stück gefolgt. Als es im Turm mit den Krähen und dem Skelett losging, habe ich mich versteckt und gewartet, bis ihr entweder wieder herauskommt oder gar nicht mehr. Danach bin ich zurück.“
Hybris musterte ihn. „Du folgst fremden Leuten über eine kaputte Brücke und versteckst dich, sobald es gefährlich wird. Das ist zumindest konsequent.“
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Konsequent genug, um noch zu leben. Und wenn ihr meinen Rat wollt: Geht von hier aus nicht einfach weiter, nur weil ihr das Tor geschafft habt. Tiefer in der Siedlung wird es nicht besser.“
Rose deutete an ihm vorbei in die abgesackten Straßen. „Dann sag uns wenigstens, wovor du warnst, bevor du von uns erwartest, dass wir umdrehen.“
„Vor Leuten, die einen brennenden Baum für etwas Heiliges halten, vor Wegen, die nicht mehr dort enden, wo sie sollten, und vor allem davor, so zu tun, als wäre dieser Ort noch eine normale Siedlung. Mehr kann ich euch auch nicht versprechen.“
Der Fremde stellte sich als Greyrat vor, und Hybris musterte ihn, ohne erkennen zu lassen, wie genau er dabei auf Hände, Haltung und mögliche Waffen achtete. „Wohnst du tatsächlich noch hier, oder hältst du dich nur in der Siedlung auf, weil du etwas suchst?“
„Noch wohne ich hier“, sagte Greyrat. „Ob das so bleibt, hängt davon ab, ob ich finde, weshalb ich überhaupt noch hier bin.“
Greyrat war ein Dieb. Er suchte eine Frau namens Loretta, seine Freundin, und trug einen Ring mit blauem Stein bei sich, der ihr gehörte. Woher er den Ring hatte, erklärte er nicht vollständig, und niemand erhielt eine Antwort, die sicher verriet, ob Loretta ihn ihm selbst gegeben hatte; Faelyn fragte deshalb, ob Greyrat wisse, wo sie sich aufhalte.
„Ich weiß, wo ich suchen muss“, sagte er. „Das ist nicht dasselbe.“
Hinter Greyrat lag tiefer in der Siedlung ein rötlicher Schein zwischen den Dächern, obwohl keine Abendsonne existierte, die ihn erklären konnte.
Rose deutete in Richtung des roten Scheins. „Was genau brennt dort, und warum klingt das so, als wäre es etwas, das wir vor dem Weitergehen kennen sollten?“
Greyrat drehte den Kopf in dieselbe Richtung. „Die Birke. Sie brennt, und um sie herum hat sich eine Gruppe versammelt, die irgendeine Art Ritual daraus macht. Was genau sie daran glauben, kann ich euch nicht erklären. Ich halte mich weit genug fern, dass sie mich nicht zu ihrer Erklärung dazunehmen.“
Greyrat wusste lediglich, dass die Gruppe den Baum und das Feuer in den Mittelpunkt ihrer Zusammenkünfte stellte. Ob die Birke schon vorher eine besondere Bedeutung für die Siedlung besessen hatte oder erst durch diese Leute dazu geworden war, konnte er nicht verlässlich sagen. Wer zu Lorettas Haus wollte, musste an diesem Teil der Siedlung vorbei.
Söckchen sah in Richtung des roten Scheins. „Natürlich müssen wir da vorbei.“
Greyrat hob die Schultern. „Ihr könnt auch hierbleiben und warten, bis sich dort etwas verändert. Ich verspreche euch nur nicht, dass die Siedlung dadurch angenehmer wird.“
Rose antwortete sofort. „Wir bleiben nicht hier und hoffen darauf, dass ein Kultplatz sich von selbst aus unserem Weg entfernt. Wir sehen uns an, womit wir es zu tun haben, und entscheiden dann.“
Greyrat nickte, als habe er mit keiner anderen Antwort gerechnet.
„Dann solltet ihr euch die brennende Birke ansehen, bevor ihr entscheidet, wie ihr daran vorbeikommt.“
Greyrat blieb beim Gasthaus zurück, während Faelyn und Hybris den Zugang nahmen, den er ihnen gezeigt hatte. Der Weg führte durch einen dunkleren Teil des Gebäudes, in dem der Geruch von Verwesung so stark wurde, dass selbst Hybris, der in den letzten Tagen genug tote Dinge gesehen hatte, den Mund schloss und flacher atmete.
Die Ursache hing über ihnen: Von der Decke baumelten sackartige Gebilde, in denen sich menschliche Formen abzeichneten. Manche waren nur noch an einem Arm, einer Schulter oder der Krümmung eines Rückens zu erkennen; andere hatten sich so weit geöffnet, dass verwesende Überreste sichtbar wurden. Faelyn hob den Blick nur lange genug, um sicherzugehen, dass nichts davon lebte oder sich aus eigener Kraft bewegte.
„Wir gehen unter den Dingern durch und bleiben möglichst in der Mitte“, sagte Hybris leise. „Wenn da oben noch irgendetwas lebt oder fällt, will ich wenigstens Platz haben, zur Seite zu kommen.“
Faelyn nickte. „Und wir fassen nichts von den Säcken an. Solange wir nicht wissen, wie sie befestigt sind oder was darin noch steckt, bringt uns Neugier hier nichts.“
„Darüber musst du mich bei verwesenden Leichensäcken wirklich nicht lange überzeugen.“
Die Treppe dahinter führte ungefähr zehn Stufen tiefer zu einer Empore. Durch Öffnungen im Mauerwerk sahen sie auf einen Platz, der gegenüber den umliegenden Gebäuden abgesackt wirkte. In seiner Mitte stand die Birke.
Der Baum brannte; Flammen liefen über Stamm und Äste, ohne dass die Krone bereits zusammengebrochen war. Das Feuer war groß genug, um den Platz in ein rötliches Licht zu tauchen, und doch bewegten sich die Gestalten ringsum so dicht daran, als spürten sie die Hitze kaum. Für Hybris war gerade das verstörender als das Feuer selbst. In Cinder Keep bedeutete eine Flamme Schutz, Wärme und einen Ort, an dem Menschen näher zusammenrückten, weil draußen die Umbra wartete; hier standen Menschen freiwillig um einen brennenden Baum und wirkten, als habe das Feuer ihnen jede eigene Regung abgenommen.
Faelyn sah weniger auf die Bedeutung des Feuers als auf die Wege. Vom Platz führten mehrere Durchgänge zwischen die Häuser, nicht alle waren frei, und auf einer Seite lag ein Gittertor, dessen Position er sich ebenso einprägte wie Mauervorsprünge und offene Sichtlinien; falls sie denselben Raum später durchqueren mussten, wollte er vor dem ersten Schritt wissen, wohin ein Rückzug überhaupt möglich war.
Faelyn zählte ungefähr zehn Verehrer. Näher am Baum stand ein hagerer Mann, der in beiden Händen einen langen Stab hielt, auf dessen Spitze ein Schädel saß; er hob die Waffe nicht zum Angriff, sondern schlug ihr unteres Ende in regelmäßigen Abständen auf den Boden.
Bei einem Schlag hoben die übrigen Kultisten gleichzeitig die Arme, beim nächsten ließen sie sie wieder sinken, sodass aus der Menge ein einziger langsamer Rhythmus wurde.
Der Rhythmus war langsam, aber vollständig gemeinsam. Die Gestalten wirkten nicht wie eine Gruppe, die miteinander sprach oder einander beobachtete; sie folgten demselben Takt, als hätte der Stab etwas in ihnen ersetzt, das sonst eigene Entscheidungen traf.
Hybris beobachtete den gemeinsamen Rhythmus lange genug, um auf eine Erklärung zu verzichten. Was die Menschen an der Birke glaubten, wusste er nicht, doch ungefähr zehn Personen folgten einem einzigen Takt und reagierten dabei kaum auf ihre Umgebung; eine Gruppe musste ihre Gründe nicht erklären, um gefährlich zu sein.
Faelyn deutete auf eine Öffnung, von der aus sie besser sehen konnten, ohne selbst auf dem Platz zu stehen. „Wir sollten die anderen holen, bevor wir irgendeine Entscheidung treffen. Zu zweit können wir beobachten, aber wenn wir durch diesen Platz müssen, sollen alle wissen, was dort wartet.“
Hybris nickte, doch bevor sie sich zurückzogen, kam Bewegung von der anderen Seite des Platzes.
Ein Riese trat zwischen den Gebäuden hervor. Er trug eine eingewickelte Leiche auf dem Rücken, als sei ihr Gewicht kaum mehr als ein Bündel Holz. Ohne anzuhalten ging er zur brennenden Birke, hob den Körper und warf ihn in das Feuer.
Die Flammen nahmen das Bündel auf, ohne dass auch nur einer der Kultisten den gemeinsamen Rhythmus unterbrach. Der Riese entfernte sich anschließend wieder in Richtung des Gittertors, das Faelyn bereits bemerkt hatte.
Faelyn und Hybris zogen sich zurück, ohne noch länger zu warten, ob der Riese einen zweiten Körper holen würde. Auf dem Rückweg sprachen sie kaum, weil beide ihre Aufmerksamkeit für den Boden und die hängenden Überreste brauchten; erst kurz vor den anderen hielt Hybris an.
„Das sind keine Leute, bei denen ich einfach auf den Platz gehen und nach Lorettas Haus fragen möchte“, sagte Hybris. „Solange sie auf den Baum und den Typen mit dem Stab starren, haben wir aber vielleicht eine Chance, ohne Gespräch durchzukommen.“
Faelyn nickte. „Genau. Wenn ihre Aufmerksamkeit beim Ritual bleibt, bewegen wir uns am Rand und vermeiden es, zwischen ihnen und die Birke zu geraten.“
„Und wenn einer von ihnen doch auf uns aufmerksam wird?“
Faelyn dachte einen Augenblick nach. „Dann möchte ich vorher wissen, wo unser Ausgang liegt. Wir sollten das Tor sehen und wissen, ob es offen ist, bevor wir einen Platz voller Leute provozieren.“
Als sie der Gruppe berichteten, blieb Greyrat still, denn für ihn war weder der Kult noch der Riese überraschend. Hybris und Faelyn fassten Beobachtungen, mögliche Wege und das Gittertor zusammen; als die eingewickelte Leiche zur Sprache kam, zog sich Roses Mund zusammen.
Rose sah zu Greyrat. „Lorettas Haus liegt wirklich hinter diesem Platz? Wenn wir dort hinmüssen, möchte ich wissen, ob das Tor unser einziger brauchbarer Durchgang ist.“
Greyrat nickte. „Das Haus liegt in dem Teil der Siedlung dahinter. Es gibt Wege außen herum, aber keinen, den ich euch empfehlen würde, wenn ihr heute noch dort ankommen wollt.“
„Dann nehmen wir das Tor, sofern wir es geöffnet bekommen, und verschwenden keine Zeit mit einem Umweg, dessen Zustand niemand kennt.“
Der Bericht ließ vor allem zwei brauchbare Tatsachen übrig: Die Kultisten gingen fast vollständig in ihrem Ritual auf, und der offene Platz würde die Gruppe trotzdem sichtbar machen, sobald sie näher kam. Pianwig interessierte deshalb vor allem, wie weit das Gittertor entfernt war, durch das der Riese verschwunden war.
Greyrat zeigte die Richtung, und Rose überlegte. Es gab einen Unterschied zwischen einem gefährlichen Gegner und einer gefährlichen Gruppe, die gerade nicht auf sie achtete. Solange die Kultisten ihrem Rhythmus folgten, war der Platz weniger ein Schlachtfeld als ein Hindernis, das man schnell überqueren konnte; zugleich gefiel ihr der Gedanke nicht, sich von einer Horde fanatischer Fremder den Weg diktieren zu lassen, und genau dieser gekränkte Führungsinstinkt machte ihre nächste Idee weniger vernünftig, als sie selbst sie vermutlich formuliert hätte.
Nach einer Weile verlor Rose die Geduld mit dem Beobachten und nahm eine Kupfermünze und schnippte sie auf den Platz.
Die Münze schlug auf Stein, sprang einmal und blieb liegen.
Einige Köpfe bewegten sich geringfügig. Niemand löste sich aus der Reihe.
Hybris sah Rose an. „Damit wäre die wissenschaftliche Frage geklärt.“
„Welche wissenschaftliche Frage meinst du?“
„Ob sie auf Geld reagieren.“
Rose ignorierte ihn. „Wir gehen.“
Die Gruppe überquerte den Platz in einer kompakten Formation. Pianwig hielt sich auf der den Kultisten zugewandten Seite, ohne aus der Deckung seines Körpers bereits eine Drohung zu machen; die übrigen verteilten ihre Aufmerksamkeit zwischen dem hageren Mann, dem Weg des Riesen und dem Gittertor, während Söckchen so niedrig flog, dass sie nicht unnötig über den Köpfen der Verehrer auffiel.
Für mehrere Schritte geschah nichts, bis der Mann mit dem Schädelstab zu ihnen sah.
Der Mann hob den Stab und brüllte über den Platz: „Sünder auf dem Pfad der Reinigung. Zeit für die letzte Beichte!“ Hybris und Faelyn verstanden daraus weiterhin keine verlässliche Lehre und wussten weder, wer dieser Mann war noch welche Rolle er im Ritual tatsächlich besaß. Sicher war nur, dass seine Ansprache den Platz auf die Fremden lenkte.
Rose blieb stehen. Der hagere Mann lächelte und warf sich rückwärts in die brennende Birke, wo sein Körper zwischen den Flammen verschwand; mit ihm brach auch der gemeinsame Rhythmus der Verehrer ab.
Die Kultisten senkten ihre Arme diesmal nicht mehr gemeinsam. Erst drehte einer den Kopf, dann ein zweiter, und innerhalb weniger Atemzüge sahen alle zur Gruppe.
Rose hob das Kinn. „Ich bin der neue Prophet“, rief sie.
Hybris drehte langsam den Kopf zu ihr. „Rose.“
„Ich habe ihre Aufmerksamkeit bereits.“
„Das ist der Teil, der mich beunruhigt.“
Ob „Prophet“ überhaupt ein Titel war, den diese Leute benutzten, wusste keiner der Gefährten; Rose brauchte in diesem Augenblick keine religionsgeschichtliche Gewissheit, sondern ihre Aufmerksamkeit.
Ob die Kultisten Rose glaubten, spielte fast keine Rolle. Die Behauptung reichte, um die ganze Gruppe aus ihrer Trance zu reißen. Körper wandten sich ihnen zu, Hände griffen nach Werkzeugen und Waffen, und das dumpfe Gleichmaß des Rituals verwandelte sich in ein unübersichtliches Murmeln.
Rose reagierte, bevor die ersten von ihnen losliefen. Nebel quoll über den Platz, dicht genug, um Sichtlinien zu brechen und die Gruppe aus dem unmittelbaren Blick der Eiferer zu nehmen.
„Zum Tor“, befahl sie, und diesmal brauchte niemand eine Diskussion, bevor sie losliefen.
Im Nebel war der Platz größer, als er von der Empore gewirkt hatte. Die Birke blieb als rotes Leuchten durch den Dunst sichtbar, während Stimmen hinter ihnen lauter wurden; die Gruppe hielt sich an den Umrissen der anderen und an den wenigen Punkten, die sich zuvor einprägen ließen, wobei Söckchen knapp über dem Boden blieb, um nicht aus der Deckung aufzusteigen. Hybris fand als Erster das Gittertor.
Die Gruppe blieb dadurch zusammen, obwohl niemand mehr frei sehen konnte. Roses Nebel war kein perfekter Schutz, aber er nahm den Kultisten den Vorteil ihrer Zahl, weil aus einer geschlossenen Menge einzelne Geräusche und Schatten wurden; für die Gefährten bedeutete er im Gegenzug, dass jeder Schritt zum Tor auf Erinnerung, Nähe und wenigen sichtbaren Punkten beruhte.
Das Gittertor war verschlossen. „Natürlich“, murmelte Hybris und ging sofort an das Schloss.
Seine Dietriche waren schneller in der Hand, als Rose den Fluch ausgesprochen hatte, der ihr selbst auf der Zunge lag. Hybris arbeitete am Mechanismus, während hinter ihnen die Geräusche der Kultisten im Nebel näherkamen und die übrigen Gefährten den Platz so gut im Blick hielten, wie es die schlechte Sicht erlaubte.
Dann bewegte sich etwas auf der anderen Seite des Gitters, und der Riese erschien.
Er grinste, als er Hybris kniend vor dem Schloss sah, und griff von innen nach dem Mechanismus. Das Tor öffnete sich.
Hybris warf sich zurück, als eine große Hand nach ihm griff; die Finger schlossen sich ins Leere, und noch aus der Ausweichbewegung zog er beide Dolche, schlug im Vorbeigehen nach dem Riesen und stieß sich von ihm weg. Hinter ihm war das Tor nun offen. „Dann halten wir es offen“, sagte Rose, hob bereits den Stab und schickte die ersten Eisspieße gegen den Riesen. Sie brachen gegen seinen Körper und verletzten ihn, doch die Wirkung blieb deutlich geringer, als Rose erwartet hatte. Ihr Gesicht veränderte sich sofort, weil ein Zauber, der in ihrer Vorstellung einen Gegner dieser Größe wenigstens zurückdrängen sollte, kaum mehr erreicht hatte, als ihn auf sie aufmerksam zu machen.
„Das hätte mehr tun sollen.“
„Hat es nicht“, sagte Pianwig und zog sein Schwert. Er klang weder spöttisch noch überrascht; für ihn war die Information bereits vollständig, sobald klar war, dass der Riese weiterstand.
Während Faelyn Seil und Pfeil für den Rückweg vorbereitete und Pianwig ihm half, die Verbindung so zu sichern, dass sie im Kampf nicht sofort verrutschte, drangen bereits die ersten Eiferer aus dem Nebel. Söckchen wartete darauf nicht: Mit dem Schwert im Maul schoss sie an der Seite des Riesen hoch und stieß mit dem ganzen Körper gegen seinen Hals; die Klinge traf, hinterließ an dem massigen Gegner jedoch nur eine vergleichsweise geringe Verletzung.
„Beh ifp pu bip“, nuschelte Söckchen um den Schwertgriff herum, als sie wieder Abstand gewann.
„Dann schneid öfter“, antwortete Hybris.
Faelyn bekam keine Gelegenheit, den vorbereiteten Schuss sofort gegen den Riesen zu nutzen, weil zwei Kultisten aus dem Nebel auf ihn eindrangen, ihn trotz seines Ausweichens trafen und aus der Position zwangen. Fast gleichzeitig griff der Riese nach einer Säge, die in seinen Händen wie eine Kriegswaffe wirkte, und schwang sie gegen Söckchen; sie wich an, doch die gezahnte Kante erwischte sie und riss durch Fell und Schutz.
Söckchens kurzer, hoher Schrei schnitt selbst durch den Lärm des Platzes. Hybris brauchte die Wunde nicht vollständig zu sehen, um zu begreifen, dass der Treffer ihren üblichen Trotz für einen Atemzug durchbrochen hatte; seine Aufmerksamkeit sprang zu ihr, obwohl der Riese zwischen ihnen stand. Als Söckchen sich in der Luft fing und oben blieb, die Flügel unruhiger als zuvor, genügte ihm das wenigstens, um nicht blind durch den Gegner zu stürmen.
„Im bim mof ba!“, rief Söckchen, bevor Hybris fragen konnte; weil das Großschwert weiterhin in ihrem Maul lag, kam der Satz gepresst und undeutlich, aber unverkennbar an.
Hybris glaubte ihr den zweiten Teil des Satzes mehr als alles, was sie über die Verletzung selbst hätte sagen können.
Rose ließ wilde Flamme in die herandrängenden Eiferer fahren. Drei gerieten in Brand, zwei brachen fast sofort zusammen, während der dritte weiter taumelte; im selben Kampfbeat stürmte Pianwig zum Riesen und traf ihn an der Schulter. Der Schlag brachte den großen Mann nicht zu Fall, zwang ihn aber, sich Pianwig zuzuwenden, sodass zwischen Söckchen und der Säge endlich jemand stand, der dem Gegner mit eigener Masse begegnen konnte. Roses nächste Druckwelle schleuderte die brennenden Kultisten zugleich vom Gitter zurück in Richtung der Birke. Der Nebel riss an mehreren Stellen auf, sodass für kurze Augenblicke Flammen, rennende Körper und der rote Baum zugleich sichtbar wurden.
Zwischen den aufreißenden Nebelfetzen fand Faelyn endlich eine Schusslinie auf den Riesen. Der Pfeil verfehlte und schlug in unmittelbarer Nähe des Gegners ein, während Pianwig bereits dessen nächsten Hieb knapp auswich und trotzdem in Reichweite blieb; hinter dieser gebundenen Front legte Söckchen Teile der Rüstung ab, die sie nach dem Treffer mehr behinderten als schützten, und gewann dadurch wieder Beweglichkeit.
Der Kampf drängte sich um das offene Gitter zusammen. Hinter ihnen lag der Weg fort vom Platz, vor ihnen kamen weitere Kultisten aus dem Nebel, manche brennend, manche nur als dunkle Umrisse. Rose konnte die Gruppe nicht aus dem Kampf führen, solange der Riese jeden von ihnen beim Durchgang greifen konnte; für wenige Augenblicke mussten sie deshalb einen freien Weg schaffen, den alle fünf lebend nutzen konnten, mehr war in diesem Moment nicht nötig.
Ohne dass jemand Zeit für eine Absprache hatte, ergab sich aus Position und Fähigkeit eine gemeinsame Aufgabe: Pianwig hielt den Riesen beschäftigt, während die anderen den Raum am Tor frei hielten, Schusslinien suchten und jene Kultisten zurückdrängten, die den Rückweg unmittelbar blockierten. Mehr als diesen schmalen Korridor brauchten sie für den Moment nicht.
Faelyns verfehlter Pfeil lag noch in unmittelbarer Nähe des Riesen, als Pianwig aus dem nächsten Schlagwechsel eine Möglichkeit erkannte, die mehr versprach als ein weiterer normaler Schwerthieb. Er hob die Klinge und zog damit die Aufmerksamkeit des Gegners auf den angekündigten Angriff, brach die Bewegung jedoch ab, griff stattdessen nach dem Widerhakenpfeil und rammte die gezahnte Spitze mit seiner ganzen Kraft in das Auge des Riesen. Ob Faelyn den Pfeil zurückhaben wollte, war eine Frage für später.
Der Mann schrie. Pianwig zog den Pfeil wieder heraus, und der Widerhaken kam nicht allein zurück: Auge, Gewebe und ein Teil des Gehirns hingen an der Spitze. Der Riese verlor augenblicklich die Spannung im Körper und fiel einfach um, als wäre mit diesem einen brutalen Zug alles, was ihn aufrecht gehalten hatte, fortgerissen worden.
Pianwig ließ den Pfeil los. „Jetzt“, sagte er, und die Gruppe setzte sich durch das Tor ab.
Der Tod des Riesen und die brennenden Kultisten hatten den Platz in Chaos versetzt. Einige Eiferer liefen noch durch den Nebel, andere sammelten sich bereits wieder, doch keiner erreichte das Tor rechtzeitig; die Gruppe zog geschlossen hindurch, wobei Hybris nur so lange am Durchgang blieb, bis sicher war, dass niemand zurückblieb.
Hinter ihnen fiel das Tor zu. Sie verriegelten es von ihrer Seite und nahmen den Schlüssel mit.
Hinter den Stäben erschienen die ersten Kultisten. Hände griffen nach dem Metall, Schläge hallten durch den Durchgang, doch das Tor hielt.
Rose stand einige Schritte entfernt und atmete schwer, während der Nebel auf dem Platz bereits dünner wurde und dahinter die Birke weiterbrannte.
Der Mann mit dem Schädelstab war im Feuer verschwunden und der riesenhafte Leichenträger gefallen; welche religiösen Rollen beide tatsächlich besessen hatten, wusste die Gruppe weiterhin nicht.
Dass alle vollständig auf der anderen Seite standen, genügte Rose als Ergebnis. Hinter ihnen blieb der tote Riese am Tor zurück, während die Verletzten sich so bewegten, wie es im Augenblick am wenigsten schmerzte, und Hybris den mitgenommenen Schlüssel verstaute.
Dann gingen sie weiter, bevor jemand hinter dem Gitter eine bessere Idee bekam.
Sie entfernten sich vom Gitter, bis die Schläge der Kultisten nur noch gedämpft zwischen den Häusern zu hören waren; erst dann hielt Rose an.
Die Flucht hatte genug Abstand geschaffen, um die eigenen Verletzungen wieder wahrzunehmen, und damit wurden sie sofort lästiger. Besonders Faelyns Treffer durch die Eiferer und Söckchens Wunde von der Säge verlangten Aufmerksamkeit; auch der Rest der Gruppe trug Spuren des Kampfes, doch nichts davon zwang sie unmittelbar zum Anhalten.
Rose prüfte Söckchen zuerst mit den Augen. „Wie schlimm ist die Wunde? Ich möchte wissen, ob wir sie hier sofort versorgen müssen oder ob du noch bis zu einem sicheren Gebäude kommst.“
„Ich kann noch fliegen und ich kann das Schwert halten“, sagte Söckchen. „Es tut weh, aber ich kippe euch nicht in den nächsten zwei Minuten um.“
Hybris drehte sich zu ihr. „Das ist wenigstens eine brauchbarere Antwort. Zeig mir die Stelle trotzdem, sobald wir nicht mehr direkt vor diesem Tor stehen.“
Sie sahen einander einen Augenblick an. Hybris kannte sie lange genug, um zu wissen, wann Drängen nur dazu führte, dass sie ihre Schmerzen noch entschlossener kleinredete. Er nickte schließlich und ließ sie selbst weitergehen, blieb danach aber näher bei ihr als zuvor.
Faelyn bewegte sich vorsichtiger, als er erkennen lassen wollte, doch solange er mit dem Bogen umgehen und ohne Hilfe gehen konnte, sagte Rose nichts. Ihr eigener Maßstab für Fürsorge war selten sanft: Sie griff ein, wenn sie es für nötig hielt, und erwartete im Gegenzug, dass niemand aus Stolz eine Verletzung so lange verschwieg, bis sie zum Problem der ganzen Gruppe wurde.
„Wir bleiben hier nicht stehen“, sagte sie. „Das Tor hält im Augenblick. Wir wissen nicht, ob es einen zweiten Zugang gibt.“
Hybris tastete nach dem Schlüssel, den sie mitgenommen hatten. „Diesen Weg benutzen sie jedenfalls nicht so schnell.“
Pianwig warf einen letzten Blick zurück. „Weiter.“
Greyrat fanden sie wieder in der Nähe des Gasthauses. Er trat aus einem dunklen Durchgang, sobald er sie erkannte, und betrachtete nacheinander ihre Verletzungen, das Blut auf Pianwigs Waffe und den Schlüssel bei Hybris.
Greyrat sah kurz zurück zum Tor. „Und der Riese? Wenn der wieder hinter uns herkommt, hält das Gitter ihn nicht lange auf.“
„Der kommt nicht wieder“, sagte Pianwig. „Er ist tot. Die übrigen Kultisten sind im Augenblick das größere Problem.“
Greyrat nickte. Sein Blick blieb kurz bei Söckchen hängen, als er die Wunde sah, dann wandte er sich ab. „Dann kommt mit. Je länger wir hier stehen, desto mehr Zeit haben die anderen, einen zweiten Weg zu finden.“
Er führte sie durch die abgesackten Wege der Siedlung. Manche Gassen verliefen noch dort, wo man sie zwischen zwei Häuserreihen erwartet hätte, andere endeten an eingestürzten Wänden oder führten über Treppen in Bereiche, die tiefer lagen als die ursprünglichen Straßen. Greyrat erklärte wenig. Seine Ortskenntnis zeigte sich darin, dass er an Abzweigungen nicht zögerte und Stellen mied, an denen der Boden schon unter dem Gewicht eines einzelnen Menschen unsicher wirkte.
Während sie gingen, wurde der rote Schein der Birke schwächer. Die Siedlung wirkte abseits des Kultplatzes ruhiger, aber nicht lebendiger. Türen standen offen, Fenster waren vernagelt, und zwischen Geröll lagen Dinge, die jemand zurückgelassen hatte, weil ihr Besitzer geflohen, gestorben oder nie wiedergekommen war.
Greyrat sprach während des Weges kaum und berührte mehrmals den Ring mit dem blauen Stein. Niemand kommentierte die kleine Geste; sie wirkte weniger wie die Gewohnheit eines Mannes, der einen Gegenstand besaß, als wie das Festhalten an der Person, die dahinter fehlte.
Faelyn brach schließlich das Schweigen. „Wie weit ist es noch bis zu Lorettas Haus? Wenn wir gleich dort sind, würde ich Söckchens Wunde lieber unter einem Dach ansehen als mitten auf der Straße.“
„Nur noch ein Stück“, sagte Greyrat. „Das Haus liegt gleich in diesem Teil der Siedlung. Wenn die Tür noch offen ist, sind wir in wenigen Minuten drin.“
Greyrats Stimme wurde leiser, und kurz darauf blieb er vor einem Haus stehen.
Die Tür stand offen, doch Greyrat ging zunächst nicht hinein. „Loretta?“, rief er in das Haus, und als keine Antwort kam, blieb er noch einen Augenblick vor der Schwelle stehen.
Rose blickte an ihm vorbei in den ersten Raum. „Wir gehen zusammen hinein. Wenn dort etwas passiert ist, musst du es nicht zuerst allein finden, und falls noch jemand im Haus ist, sind wir besser nicht über die ganze Tür verteilt.“ Greyrat widersprach nicht.
Im Inneren war das Haus verwüstet. Möbel lagen umgestürzt, Dinge waren aus Regalen oder Schränken gerissen worden, und an mehreren Stellen zogen sich dunkle Spuren über Wand und Boden. Das Blut war längst getrocknet. In der Nähe lag ein Küchenmesser, dessen Klinge ebenfalls dunkel verfärbt war.
Greyrat blieb mitten im Raum stehen; einen Körper gab es nicht.
Gerade das machte den Raum schwerer zu lesen. Die Blutmenge und der Zustand des Hauses ließen kaum Raum für eine gute Erklärung, doch ohne Loretta selbst konnten sie weder sicher sagen, wie sie gestorben war, noch ob sie überhaupt hier gestorben war. Eine kurze Suche nach Spuren und in den angrenzenden Bereichen ergab nichts, das aus dem verwüsteten Zustand eine verlässliche Geschichte machte oder eine lebende Loretta erwarten ließ.
Rose blieb bei Greyrat. Sie kannte Verlust gut genug, um zu wissen, dass es Augenblicke gab, in denen eine schnelle Versicherung nur den Sprecher beruhigte. Der Dieb hatte sie hergeführt, weil er eine Antwort wollte; nun stand er in einem Raum, der fast alles sagte und gerade den einen endgültigen Beweis verweigerte.
Greyrat ging zu einer der Spuren und kniete sich hin. Er berührte sie nicht.
„Sie ist wahrscheinlich tot“, sagte Greyrat. „Ich sehe hier nichts, das mir einen vernünftigen Grund gibt, etwas anderes zu glauben.“ Niemand widersprach.
Nach einer Weile setzte Greyrat sich auf die Fersen und starrte auf das Küchenmesser. „Ich habe damit gerechnet, dass es so enden könnte“, sagte er, und gerade deshalb brach seine Stimme nicht. „Hier verschwinden Leute. Man findet Blut oder gar nichts, und irgendwann lernt man, die Möglichkeit mitzudenken. Das macht es nur nicht leichter, wenn man dann tatsächlich vor dem Haus steht.“
Die Sachlichkeit seiner Stimme machte den Satz nicht gleichgültig. Eher klang er, als habe Greyrat die Möglichkeit oft genug gedacht, um nun eine Formulierung zu besitzen, die ihn nicht sofort auseinanderbrechen ließ.
Die Gruppe ließ Greyrat die Stille, anstatt sie mit einer Hoffnung zu füllen, die der verwüstete Raum nicht hergab. Hybris verzichtete auf den naheliegenden Hinweis, dass sie Lorettas Tod nicht sicher beweisen konnten; die anderen blieben in der Nähe, hielten den Raum und den Zugang im Blick und warteten, bis Greyrat selbst wieder sprach.
„Ihr habt mich bis hierher gebracht“, sagte Greyrat schließlich. „Ohne euch hätte ich den Kultplatz nicht durchquert und wüsste immer noch nicht, was mit Loretta passiert ist.“
Hybris schüttelte leicht den Kopf. „Wir haben dir geholfen, aber du hast uns im Gegenzug durch eine Siedlung geführt, die wir nicht kennen. Das war nicht einseitig.“
„Trotzdem wäre ich allein nicht durch diesen Platz gekommen. Dafür schulde ich euch etwas.“
Er stand auf und griff unter seine Kleidung. Was er hervorholte, war ein Schmuckstück, das er Drachenträne nannte. Es besaß nach seiner Erklärung die Fähigkeit, die Lebenskraft seines Trägers zu stärken.
Rose betrachtete es eingehend. Sie fragte nach der Wirkung, ohne aus Greyrat mehr Wissen herauszupressen, als er tatsächlich besaß, und akzeptierte schließlich, dass manche Dinge in dieser Welt benutzt wurden, lange bevor jemand ihre Funktionsweise vollständig erklären konnte. Nach den vergangenen Tagen war das kaum noch ungewöhnlich.
„Das ist mehr wert als eine Wegbeschreibung“, sagte Hybris.
„Ich brauche es nicht.“
Rose nahm das Schmuckstück entgegen, nachdem sie Greyrat gefragt hatte, ob er sich sicher sei. Sie stellte die Frage nur einmal. Als er bestätigte, dass es sein Dank an die Gruppe war, legte sie die Drachenträne an.
„Dann nehme ich sie an.“
Greyrats Blick ging zurück in Lorettas Haus. Mit dem Fund war sein eigentliches Ziel verschwunden, ohne dass an seine Stelle bereits ein neues getreten wäre.
Faelyn wartete, bis Greyrat das Schmuckstück aus der Hand gegeben hatte. „Was machst du jetzt? Wenn du Loretta hier nicht mehr findest, gibt es noch einen Grund für dich, in dieser Siedlung zu bleiben?“
Greyrat hob die Schultern. „Bis heute war die Suche nach ihr der Grund, weshalb ich noch hier war. Ich wollte ohnehin morgen aufbrechen, wenn ich irgendwie durchkomme. Nur wusste ich noch nicht, wohin.“
Rose antwortete, bevor die Unsicherheit länger im Raum stehen konnte. „Dann komm nach Cinder Keep. Die Festung wird wieder aufgebaut. Dort gibt es Feuer, Mauern, Menschen und Arbeit. Ich verspreche dir keinen Palast, aber im Augenblick ist es sicherer als diese Siedlung, und das ist eine ziemlich niedrige Hürde.“
Greyrat musterte sie skeptisch. „Ihr würdet jemanden aufnehmen, der euch gerade gesagt hat, dass er Dieb ist?“
„Ich habe gesagt, dass du dort wohnen kannst. Daraus folgt keineswegs die Erlaubnis, die Leute zu bestehlen, die gerade versuchen, den Ort wieder aufzubauen.“
Hybris schaltete sich ein. „Das ist tatsächlich ein wichtiger Unterschied. Wenn du ihn beachtest, dürfte die Einladung wesentlich entspannter bleiben.“
Söckchen richtete die Ohren auf. „Und wenn du ausgerechnet von uns klaust, musst du damit rechnen, dass wir dich wiederfinden. Wir kennen dich jetzt schließlich schon.“
Greyrat schwieg einen Moment und sah in Lorettas verwüstetes Haus. Die Entscheidung fiel nicht sofort; erst nachdem er den Raum noch einmal betrachtet hatte, nickte er langsam. „Hier hält mich nichts mehr, wenn Loretta wirklich fort ist. Wenn Cinder Keep wieder Feuer und Mauern hat, ist das zumindest ein Ort, an dem ich nicht jede Nacht damit rechne, dass irgendein Kult vor der Tür vorbeizieht. Gut. Ich komme mit – morgen.“
Zum ersten Mal seit dem Betreten des Hauses bewegte sich etwas in Greyrats Gesicht, das fast ein Lächeln hätte sein können.
Sie verließen Lorettas Haus schließlich und kehrten mit Greyrat zu dem heruntergekommenen Gebäude zurück, in dem er selbst lebte. Dort blieben sie für die Nacht; nach dem Kampf, der Brücke und dem Weg durch die Siedlung war niemand daran interessiert, im Dunkeln weiterzuziehen, also sicherten sie den Raum so gut es unter den Umständen möglich war, behandelten die Verletzungen und teilten den verbliebenen Proviant.
Greyrat wirkte in den eigenen vier Wänden kaum heimischer als die Gruppe. Er kannte jeden Winkel, aber die Art, wie er sich bewegte, erinnerte eher an jemanden, der gelernt hatte, mit einem Ort auszukommen, als an jemanden, der ihn mochte. Als Rose erneut Cinder Keep erwähnte, fragte er deshalb weniger nach Komfort als nach Sicherheit: ob dort tatsächlich Feuer brannte, ob das Tor wieder hielt und ob Menschen dort lebten. Die Antworten klangen noch bescheiden, doch sie waren konkreter als alles, was die Untotensiedlung ihm im Augenblick bot.
Bei der Versorgung der Wunden setzte Söckchen die übliche Grenze: helfen ja, festhalten oder unnötig im Fell herumfassen nein. Danach richtete sich die Gruppe für die Nacht so ein, dass Verletzte Ruhe bekamen und der Zugang trotzdem im Blick blieb.
Rose saß etwas abseits und trug die Drachenträne nun am Körper, während sie Savilyns Asche näher bei sich bewahrte als alles andere. Die beiden Gegenstände standen für völlig verschiedene Arten von Hoffnung: Der eine war der Dank eines Mannes, der gerade begriffen hatte, dass er seine Freundin vermutlich verloren hatte; der andere war das, was von Roses eigener Schwester geblieben war.
Greyrat hielt Lorettas Ring in der Hand und drehte ihn so langsam zwischen den Fingern, dass der blaue Stein nur gelegentlich das schwache Licht auffing. Niemand fragte ihn, ob er den Ring in Cinder Keep weitertragen würde oder was er dort mit Lorettas Erinnerung anfangen wollte. Für solche Fragen war der Raum noch zu frisch.
Greyrats Haus besaß genug Möbel, um wenigstens den Eindruck einer Verteidigung zu erzeugen. Pianwig schob einen schweren Schrank vor das größte Fenster, Hybris verkeilte einen Tisch unter der Klinke der Hintertür, und Faelyn prüfte die schmaleren Öffnungen danach, ob zwischen Holz und Mauer noch etwas hindurchgreifen konnte. Was übrig blieb, war kein befestigter Unterschlupf, aber ein Raum, in den niemand lautlos gelangen würde.
Greyrat beobachtete die Arbeit zunächst, als müsse er sich daran gewöhnen, dass fünf Fremde sein Zuhause behandelten wie eine Stellung, die sie halten wollten. Dann stellte er einen Topf über die Feuerstelle und begann zu kochen.
Der Geruch wurde nach einigen Minuten so vielschichtig, dass Hybris seine Tätigkeit an der Tür unterbrach. Er drehte den Kopf, schnupperte noch einmal und sah Greyrat an. „Ich frage das nicht aus Undankbarkeit. Ich frage, weil ich gern wüsste, worauf ich mich einlasse. Was genau ist da drin?“
Greyrat rührte mit einem Holzlöffel durch die dunkle Brühe. „Wasser.“
Hybris wartete.
„Abgekocht“, ergänzte Greyrat.
„Das beruhigt mich bei dem Teil, der vorher Wasser war. Und der Rest?“
Greyrat hob den Löffel, betrachtete etwas, das daran hing, und ließ es wieder in den Topf fallen. „Trockenfleisch ist auch drin. Irgendwo.“
Rose saß bereits an der Feuerstelle, so aufrecht, als könne Haltung allein verhindern, dass die Untotensiedlung an ihrer Kleidung und Würde haften blieb. Sie neigte den Kopf über den Topf, ohne ihm näher zu kommen. „Du hast bemerkenswert schnell von einer Zutatenliste zu einer Versicherung über die hygienische Behandlung des Wassers gewechselt.“
„Das Wasser ist sicher“, sagte Greyrat.
„Das war nicht meine Sorge.“
Söckchen schnupperte ebenfalls. Ihre Ohren stellten sich auf, legten sich wieder leicht zurück und entschieden sich offenbar gegen eine eindeutige Meinung. „Wenn es Essen ist, esse ich es. Aber wenn morgen etwas in meinem Bauch zurückspricht, bekommt Greyrat Ärger.“
„Es spricht nicht zurück.“ Greyrat sagte es mit der Ruhe eines Mannes, der diese Grenze seines Kochens bereits für einen Erfolg hielt.
Pianwig zog den Schrank noch eine Handbreit weiter, bis das Holz über den Boden schabte. „Wenn es satt macht, reicht das.“
Faelyn warf einen Blick in den Topf. „Ich glaube, genau auf diese Einstellung baut das Rezept.“
Sie aßen trotzdem. Die Welt außerhalb des Hauses machte Anspruchslosigkeit zu einer überlebenswichtigen Fähigkeit, und selbst Rose hatte auf der Reise lange genug von Rationen gelebt, um zwischen schlechtem Essen und gefährlichem Essen zu unterscheiden. Greyrats Eintopf fiel nach allem, was sie feststellen konnten, in die erste Kategorie. Er war warm, enthielt tatsächlich Fleisch und gab dem Körper mehr, als sein Geruch versprach.
Als die erste Schale geleert war und draußen nur noch gelegentliche Geräusche zwischen den verlassenen Häusern durch die verbarrikadierten Fenster drangen, erzählte die Gruppe Greyrat, weshalb sie überhaupt weiterziehen wollte. Rose übernahm den Anfang, weil sie solche Erklärungen nur ungern dem Zufall überließ.
„Cinder Keep brennt wieder, aber damit ist unser Problem nicht gelöst. Amalthea braucht die übrigen Aschefürsten auf ihren Thronen, und sie müssen freiwillig zurückkehren. Wir wissen ungefähr, wo einige von ihnen zu finden sind. Aldrich soll in der Kathedrale der Tiefe sein, die Legion bei der Feste des Abgrundes, und die anderen liegen noch weiter auseinander.“
Greyrat sah von ihr zu Söckchen. „Und das kleine Einhorn gehört da jetzt auch dazu?“
Söckchen richtete sich ein wenig höher auf. „Ja. Ich bin eine Aschefürstin.“
„Das ist neu.“
„Für mich auch.“
Hybris stützte die Unterarme auf die Knie. „Uns würde schon helfen, wenn wir nicht aus Versehen drei Tage in die falsche Richtung laufen. Du kennst die Gegend besser als wir. Wie kommen wir von hier zur Kathedrale, und gibt es unterwegs etwas, bei dem du uns dringend empfehlen würdest, nicht neugierig zu werden?“
Greyrat legte den Löffel beiseite und zeichnete mit einem Finger eine grobe Linie auf die staubige Tischplatte. „Ihr verlasst die Siedlung auf der anderen Seite. Dahinter beginnt die Crow Marsh. Haltet euch an die Wege, so gut es geht. Weiter draußen kommt ihr an eine Gabelung; eine Richtung führt zur Kathedrale der Tiefe, die andere zu den Abgrundwächtern. Wenn ihr zu Aldrich wollt, müsst ihr durch Hollow Brooks.“
„Ein Dorf?“, fragte Faelyn.
„Eine Siedlung im Sumpf. Fremde sind dort nicht gerade beliebt.“ Greyrat verzog leicht den Mund. „Zumindest waren sie das nie, wenn ich dort vorbeikam. Wenn ihr mit jemandem reden müsst, sucht Lydia. Sie hat dort etwas zu sagen.“
Rose betrachtete die krummen Linien auf dem Tisch. „Und die verlassene Festung, von der du vorhin gesprochen hast?“
Greyrat setzte einen Punkt hinter Hollow Brooks. „Liegt auf dem Weg zur Kathedrale. Davor oder dahinter kommt ein größerer Friedhof, je nachdem, welchen Weg ihr genau nehmt. Ich kann euch die Richtung geben, aber keine saubere Karte. Im Sumpf sehen Entfernungen anders aus, und manche Wege bleiben nicht so, wie man sie in Erinnerung hat.“
„Das genügt fürs Erste“, sagte Pianwig. „Wenn der Weg sich teilt, entscheiden wir dort. Hauptsache, wir wissen, dass Hollow Brooks nicht das Ziel ist.“
Greyrat nickte. „Bleibt dort nicht länger, als ihr müsst.“
Die Warnung war nicht dramatisch genug, um wie eine Geschichte zu klingen, und gerade deshalb nahm Hybris sie ernst. Greyrat hatte in der Untotensiedlung zwischen einem brennenden Kultbaum, einem Riesen und verwesenden Häusern gelebt. Wenn jemand mit diesem Maßstab ein Dorf lediglich als unfreundlich bezeichnete und trotzdem zur Vorsicht riet, lohnte sich Aufmerksamkeit.
Später teilten sie die Wachen ein. Niemand versuchte, die verbarrikadierte Tür zu öffnen. Einmal scharrte etwas draußen über die Straße, ein anderes Mal schlug irgendwo Holz gegen Holz, doch die Geräusche entfernten sich wieder. Das Feuer sank langsam zusammen, Greyrats Haus kühlte aus, und die wenigen Stunden Schlaf, die zwischen den Wachwechseln blieben, genügten, um die Müdigkeit von der gefährlichen in die erträgliche Sorte zu verwandeln.
Am Morgen gab es keinen Sonnenaufgang, der ihnen sagte, dass die Nacht vorbei war. Die dauernde Dunkelheit machte aus Tageszeiten Unterschiede in der Helligkeit, nicht in der Farbe des Himmels. Greyrat war trotzdem vor den meisten anderen wach. Als Hybris aus seiner Decke kroch, saß der Dieb bereits am Tisch und verpackte Reste des Eintopfs.
Hybris sah auf die kleinen Bündel. „Du willst das wirklich mitnehmen.“
„Ihr wollt weiter durch den Sumpf.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Greyrat schob ihm eines der Pakete hin. „Besser als nichts.“
Das war schwer zu widerlegen. Hybris nahm es und roch vorsichtshalber nicht daran.
Greyrat hatte genug vorbereitet, dass jeder etwas bekam. Selbst Rose nahm ihr Bündel an, betrachtete es einen Moment mit der Miene einer Frau, der man einen gesellschaftlich schwierigen Gegenstand überreicht hatte, und verstaute es anschließend sorgfältig bei den übrigen Rationen. Söckchen war weit weniger kompliziert; sie akzeptierte Essen grundsätzlich als brauchbare Form von Fürsorge, solange niemand versuchte, ihr dabei vorzuschreiben, wie sie es zu essen hatte.
Vor der Tür trennten sich ihre Wege. Greyrat wollte zurück nach Cinder Keep, so wie er es am Vorabend beschlossen hatte. Die Gruppe musste in die entgegengesetzte Richtung.
Rose erklärte ihm den Weg zur Festung noch einmal, obwohl Greyrat ihn vermutlich besser verstand als sie. „Wenn du am Sable Brook vorbeikommst, hältst du dich an den Weg zur Festung. Das Tor ist wieder benutzbar. Sag ihnen, dass wir dich geschickt haben, und such notfalls Amalthea oder André. Niemand dort wird dich für einen Kultisten halten, solange du nicht mit brennender Birke auf dem Rücken auftauchst.“
Greyrat zog den riesigen Schlapphut tiefer. „Ich versuche, das zu vermeiden.“
Hybris hielt ihm die Hand hin. „Und wenn du vor uns dort bist, sag André, dass wir noch leben. Sonst baut er vielleicht schon Waffen für unsere Nachfolger.“
Greyrat schlug ein. „Kommt lieber selbst zurück.“
Dann ging er. Seine dünne Gestalt verschwand zwischen den Häusern der Untotensiedlung, den Ring mit dem blauen Stein weiterhin bei sich, während die Gruppe sich dem anderen Ausgang zuwandte.
Dort ähnelte die Befestigung dem Zugang, durch den sie am Vortag gekommen waren. Das Tor stand offen, die Fallbrücke lag über dem tiefen natürlichen Graben, und dahinter führte ein schmaler Weg aus der zerstörten Siedlung hinaus. Unter ihnen verlor sich der Grund in Dunkelheit und Geröll; jenseits der Brücke begann die Landschaft fast ohne Übergang feuchter zu werden.
Die Crow Marsh kündigte sich nicht durch eine Grenze an. Der Boden wurde weich, das Unterholz dünner, und zwischen den Bäumen sammelte sich Wasser in dunklen, unbewegten Flächen. Links und rechts des Weges standen Stämme, die morsch und halb tot aussahen, obwohl an manchen Ästen noch Blattwerk hing. Jedes Lüftchen ließ die Blätter trocken gegeneinander rascheln, ein Geräusch, das nicht zu der Nässe unter ihren Füßen passen wollte.
Der Pfad selbst blieb zunächst deutlich genug. Faelyn ging mit offenem Blick, Hybris achtete mehr auf den Boden als auf die Bäume, und Pianwig setzte jeden Schritt so, dass der feste Rand des Weges unter seinem Gewicht nicht unnötig ausbrach. Rose hielt sich in der Mitte der Gruppe. Söckchen konnte den schlechtesten Boden einfach überfliegen, blieb jedoch nah genug, um auf dieselben Dinge aufmerksam zu werden wie die anderen.
Die Kutsche stand vielleicht dreißig Schritte abseits des Weges.
Sie war klein genug für eine Postkutsche, zugleich zu fein gearbeitet für irgendeinen gewöhnlichen Transport. Ein Rad war bereits fast vollständig im Morast verschwunden; der Wagenkasten hing schief, und dunkles Wasser stand bis über die Achsen. Kein Tier war davor gespannt, niemand bewegte sich in der Nähe.
Hybris blieb stehen. „Entweder ist die seit Tagen leer, oder jemand sitzt darin und wartet sehr geduldig darauf, dass wir näher kommen.“
„Wir könnten auch weitergehen“, sagte Rose.
„Das wäre vernünftig.“
„Dann bin ich erfreut, dass wir uns einmal einig sind.“
Hybris schob bereits das Gewicht auf die Fußballen. „Ich habe nur nicht gesagt, dass ich es tue.“
Rose schloss kurz die Augen. „Natürlich nicht.“
Faelyn musterte die Fläche zwischen Weg und Kutsche. „Der Boden sieht schlechter aus als hier. Wenn du hinübergehst, prüf jeden Schritt. Lautlos zu sein hilft dir nicht, wenn du bis zur Brust einsinkst.“
„Ich bin Wildborn und ich bin Schurke. Wenn jemand dort ist, komme ich näher heran als Pianwig.“ Hybris sah zu dem Riesen. „Nichts Persönliches.“
„Ich wäre überrascht gewesen, wenn du mich zum Schleichen schickst“, sagte Pianwig. „Nimm das Seil.“
Hybris hatte es bereits in der Hand.
Die ersten Schritte außerhalb des Pfades bestätigten seine Einschätzung nur zur Hälfte. Er bewegte sich so leise, dass weder Wasser platschte noch ein Ast brach. Gleichzeitig gab der Boden unter seinen Hufen mit einer Geduld nach, die viel gefährlicher war als ein plötzliches Einsinken. Erst versank er bis über die Hufe, dann bis an die Fesseln, und mit jedem vorsichtigen Schritt wurde das Moor weicher.
Faelyn hob die Hand. „Hybris. Zurück.“
„Ich habe es fast.“
Er hatte die Kutsche fast erreicht, was nicht dasselbe war wie einen sicheren Plan zu besitzen. Zwei Meter vor dem Wagen stand er bereits so tief im Schlamm, dass jeder Versuch, einen Huf zu heben, den anderen weiter hinunterzog.
Hybris blieb still, mehr aus praktischer Vernunft als aus Sorge um Geräusche. „Gut. Das ist unangenehm.“
Söckchen hob ab. „Ich kann zu dir fliegen.“
„Noch nicht. Wenn ich hier rauskomme, ohne dass du im nächsten Ast hängst, ist das einfacher.“
Er löste das Seil, suchte an der Kutsche nach einem brauchbaren Vorsprung und warf. Beim ersten Zug rutschte es nur über nasses Holz; beim zweiten verhakte es sich an einem Teil des Wagenkastens. Hybris zog vorsichtig daran. Die Kutsche bewegte sich nicht.
„Wenn das Ding jetzt auseinanderfällt, komme ich zurück und behaupte, ich hätte es absichtlich getestet.“
„Du kommst zuerst zurück“, sagte Rose. „Die Erklärung darf danach schlecht sein.“
Hybris legte das Gewicht in das Seil. Der Morast hielt seine Beine fest, gab sie aber mit einem feuchten Saugen frei, sobald er sich mehr zog als trat. Er arbeitete sich Zentimeter für Zentimeter vor, bis er den Wagen erreichte und sich an der Seite hochziehen konnte. Als er auf dem schrägen Trittbrett saß, fehlte etwas.
Er blickte zurück auf zwei dunkle Löcher im Schlamm.
Seine geräuschdämpfenden Hufschuhe waren fort.
„Das ist ärgerlich“, sagte er.
„Was?“, rief Faelyn vom Weg.
Hybris hob eine Hand. „Nichts, was wir ausgraben sollten.“
Aus der Nähe erkannte er die feine Arbeit am Wagenkasten besser. Unter Schlamm, Ranken und feuchten Flecken lag ein Wappen, dessen Linien ihm bekannt vorkamen: das Zeichen Lothrics. Die Kutsche war kein zufälliges Fuhrwerk irgendeines Sumpfbewohners. Wer auch immer sie hierhergebracht hatte, war zumindest mit dem Herrschaftsgebiet oder dem Haus Lothric verbunden gewesen.
Der Wagen ruckte.
Hybris hielt sofort still. Das Gewicht seines Körpers hatte offenbar genügt, ein Gleichgewicht zu zerstören, das der Morast bisher nur zögernd verändert hatte. Die Kutsche sank tiefer, zuerst kaum sichtbar, dann mit einem langsamen Kippen, bei dem Wasser über den unteren Rand des Wagenkastens lief.
„Hybris“, sagte Pianwig laut genug, dass kein Zweifel an seiner Meinung blieb. „Runter da.“
„Gleich.“
Hybris warf einen schnellen Blick ins Innere. Polster, feuchtes Holz, Schlamm – und eine Truhe. Sie war klein genug, dass er sie sofort erreichte, und unverschlossen. Gier war in diesem Augenblick weniger ein Charakterfehler als eine sehr effiziente Form von Aufmerksamkeit.
Er hob den Deckel. Zwei Tränke.
Mehr Zeit gab ihm die Kutsche nicht. Der Wagen sackte wieder ab, und diesmal neigte sich die ganze Seite unter ihm. Hybris griff die beiden Fläschchen, stieß sich ab und sprang in Richtung des Weges. Seine Hufe trafen den festen Rand unsauber, aber er bekam genug Boden unter sich, um nicht wieder im Morast zu landen.
Hinter ihm gluckste das Wasser.
Die Kutsche sank vollständig. Erst verschwand das Trittbrett, dann das Wappen; zuletzt blieb ein Stück Dach über der schwarzen Oberfläche, bevor auch das langsam unter Schlamm und trübem Wasser verschwand. Die Ranken schlossen sich darüber, als hätte der Sumpf lediglich etwas zurückgenommen, das ihm ohnehin gehörte.
Hybris kam zu den anderen und hielt die beiden Fläschchen hoch.
Rose betrachtete zuerst ihn, dann den Ort, an dem eben noch eine Kutsche gestanden hatte. „Du hast gerade deine Hufschuhe verloren, beinahe dich selbst hinterhergeworfen und ein vermutlich lothrisches Fahrzeug endgültig versenkt.“
„Das Fahrzeug war schon dabei.“
„Natürlich.“
„Und ich lebe noch.“ Hybris ließ die beiden Tränke zwischen den Fingern klirren. „Außerdem haben wir jetzt die hier.“
Söckchen landete neben ihm und betrachtete seine schlammigen Beine. „Du stinkst jetzt mehr nach Sumpf als Greyrats Eintopf nach Essen.“
Hybris grinste. „Das ist erstaunlich präzise.“
Faelyn nahm ihm eines der Fläschchen kurz ab, ohne den Verschluss zu öffnen. „Wir wissen trotzdem nicht, was drin ist.“
„Dann trinken wir sie nicht, bis wir es wissen.“
Pianwig sah noch einmal zur Stelle im Moor. „Und die Kutsche?“
Hybris deutete auf die letzten Kreise im Wasser. „Prunkvoll, klein, Zeichen von Lothric. Sonst nichts, was ich gesehen habe. Jetzt ist sie weg.“
Rose zog den Blick von der schwarzen Wasserfläche zurück auf den Weg. Die Verbindung zu Lothric war interessant, doch ein versunkenes Wappen erklärte weder, wem die Kutsche gehört hatte, noch warum sie fernab einer sicheren Straße im Moor lag. „Dann behalten wir die Tränke, merken uns den Fund und gehen weiter. Ich würde ungern noch einen von euch aus dieser Landschaft ziehen müssen, nur weil irgendwo etwas glänzt.“
Hybris sah an sich hinunter. „Die nächsten glänzenden Dinge dürfen näher am Weg liegen.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung. Hinter ihnen lag nur noch glattes, dunkles Wasser zwischen den Bäumen; vor ihnen führte der Pfad tiefer in die Crow Marsh, und über seiner Oberfläche begann sich ein dünner weißlicher Dunst zu sammeln.
Der Nebel kam nicht von einem einzelnen Wasserloch. Er hob sich zugleich zwischen den Wurzeln, aus den schwarzen Pfützen neben dem Weg und von den flachen Wasserflächen weiter draußen, als würde die gesamte Crow Marsh langsam ausatmen.
Zunächst reichte der Dunst kaum über ihre Knöchel. Hybris bemerkte ihn vor allem deshalb, weil seine vom Schlamm befreiten Hufe darin verschwanden und wieder auftauchten. Nach wenigen Minuten stand das Weiß bereits höher, strich um Pianwigs Beine und legte sich in Fetzen über den Weg, während die Bäume jenseits der nächsten zwanzig Schritte undeutlicher wurden.
Faelyn ging langsamer. „Bleibt auf dem Pfad. Wenn wir uns hier verteilen, finden wir einander im schlechtesten Fall erst wieder, nachdem der Boden entschieden hat, wen er behalten will.“
„Ich habe meinen Beitrag an den Sumpf für heute geleistet“, sagte Hybris. „Mehr bekommt er nicht.“
Rose hielt die Arme dichter am Körper. Der Nebel selbst war nicht kalt genug, um die Bewegung zu erklären; unangenehm war eher, wie sehr er die Umgebung verkleinerte. Wo eben noch ein morscher Baum, ein Pfahl oder eine Wasserfläche zu sehen gewesen war, blieben plötzlich nur graue Abstände.
Dann sprach jemand im Nebel.
„Er kennt meinen Namen.“
Die Stimme war nah genug, dass Rose den Kopf drehte, aber weit genug entfernt, um keinen Sprecher zu erkennen. Sie gehörte weder Greyrat noch einem der Gefährten. Der Satz hing einen Augenblick zwischen den Bäumen und verlor sich, bevor jemand antworten konnte.
„Hörst du es auch?“
Diesmal kam die Stimme von der anderen Seite.
Pianwig hob den Schild ein wenig. „Ja.“
„Das war vermutlich nicht an dich gerichtet“, sagte Faelyn.
„Ich weiß.“
Ein dritter Satz glitt durch den Dunst.
„Ich bringe Holz für die Flamme.“
Der Satz war der beunruhigendste von allen, weil er zu etwas gehörte, das die Gruppe kannte. Seit Cinder Keep hatte das Wort Flamme für sie einen Ort, einen Auftrag und eine Bedeutung bekommen. In diesem Nebel klang es dagegen wie ein Bruchstück aus einem Gespräch, dessen Rest längst verschwunden war.
Faelyn blieb stehen und lauschte in die Richtung, aus der die letzte Stimme gekommen war. „Sie bewegen sich nicht mit uns. Zumindest höre ich keine Schritte, die dazu passen.“
Hybris wandte den Kopf langsam von einer Seite zur anderen. „Vielleicht sind es auch keine Leute. Der erste Satz klang, als würde jemand über einen anderen sprechen. Der zweite wie eine Frage. Der dritte wie eine Erinnerung. Das ist nicht gerade eine Unterhaltung.“
„Dann behandeln wir es auch nicht wie eine“, sagte Rose. „Wir laufen weiter, wir bleiben zusammen und wir antworten nicht. Wenn tatsächlich jemand Hilfe braucht, kann er sich zeigen. Ich lasse uns nicht von Stimmen vom Weg locken.“
Pianwig stimmte zu, ohne den Schild zu senken. „Wenn etwas will, dass wir in den Sumpf gehen, soll es näher kommen. Wir gehen nicht hinterher.“
Die Entscheidung gab ihnen wenigstens eine Regel. Sie setzten sich wieder in Bewegung, langsamer als zuvor, und hielten den Abstand so klein, dass jeder noch die Umrisse der anderen im Nebel erkennen konnte. Söckchen flog diesmal nicht voraus. Der Vorteil von Höhe verschwand, sobald über dem Weg nur noch mehr Weiß lag, und zwischen den Ästen hätte sie sich eher von den anderen getrennt als einen besseren Überblick gewonnen.
Keine der Stimmen wiederholte sich. Stattdessen wurden die Pausen dazwischen länger, bis selbst das Ausbleiben eines neuen Satzes unangenehm wurde. Der Sumpf raschelte, Wasser tropfte von Blättern, irgendwo knarrte ein morscher Stamm; jedes gewöhnliche Geräusch bekam plötzlich das Gewicht einer möglichen Ankündigung.
Söckchen drehte die Ohren nach vorn. Die Worte waren klar genug, um verstanden zu werden, doch in ihnen lag nichts von einem Menschen, der tatsächlich eine Last trug oder einen Weg entlangkam. Kein Schritt folgte. Kein Ast knackte. Der Nebel gab ihnen Stimmen und verweigerte die Körper dazu.
„Ruft nicht zurück“, sagte Rose. „Wir wissen nicht, wer das ist, und ich sehe keinen Vorteil darin, etwas im Sumpf darüber zu informieren, dass wir es hören können.“
Hybris sah zu den Seiten des Weges. „Ich hätte eher gefragt, ob es wenigstens weiß, wo Hollow Brooks liegt.“
„Du wirst es nicht fragen.“
„Ich habe gesagt, ich hätte gefragt.“
Die nächste Berührung kam ohne Stimme.
Söckchens hinteres Bein zuckte, als hätte sich eine Wurzel darum gelegt. Sie sah nach unten. Nichts lag auf dem Weg, doch der Nebel an ihrem Bein sammelte sich zu einer dichteren Form, zog sich hoch und bekam innerhalb eines Atemzugs etwas, das an Schultern und Kopf erinnerte.
Das Gesicht blieb undeutlich. Der Mund nicht.
Die Gestalt riss ihn auf und schrie Söckchen aus nächster Nähe an. Der Ton war hoch, scharf und zu groß für den dünnen Körper, aus dem er kam. Gleichzeitig fuhr ein Arm durch Söckchens Kopf, ohne Blut, ohne sichtbare Wunde, als bestünde entweder das Wesen oder das Einhorn für diesen einen Augenblick nur aus Nebel.
Söckchen wich nicht lange genug zurück, um aus dem Schreck Angst werden zu lassen. Ihr Kopf schnellte zum Schwert, die Zähne schlossen sich um den Griff, und als die Gestalt für ihren nächsten Angriff dichter wurde, trieb sie die Klinge mit einem kurzen Schwung aus Hals und Schultern nach vorn.
Stahl traf Brust.
Der Widerstand kam überraschend plötzlich. Söckchens Schlag schleuderte die Erscheinung mehrere Schritte zurück, mitten zwischen die Gefährten, wo sie auf eine Art stehen blieb, die mit Gewicht nur wenig zu tun zu haben schien.
Ihr Kopf drehte sich einmal vollständig um die eigene Achse.
Der zweite Schrei ließ selbst den Nebel vibrieren.
Rose hatte bereits die Hand gehoben. Feuer sammelte sich vor ihren Fingern und schlug in die Brust der Kreatur. Die Flamme traf, doch statt dass Stoff oder Fleisch brannte, verlor das Wesen seine Konturen. Der Körper zerfiel zu einer dunklen Rauchwolke, durchsetzt von grauen Fetzen, die sich auseinanderzogen und gleich darauf wieder zueinander fanden.
Hybris ging hinein, bevor die Form ganz zurückkehrte. Seine beiden Dolche schnitten durch die Stelle, an der eben noch ein Gesicht gewesen war, und fanden nur kühlen Widerstand, kaum mehr als feuchte Luft. Aus der schwarzen Masse kam ein Laut, der fast wie Lachen klang.
Hybris verzog das Gesicht. „Das ist unhöflich.“
Pianwig trat seitlich an ihm vorbei und rammte den Rundschild durch die sich verdichtende Wolke. Diesmal reagierte das Wesen. Die Masse wurde zur Gestalt, nur für einen Augenblick, und taumelte unter dem Stoß.
Faelyn suchte nach einem Muster zwischen Körper und Nebel. „Wenn es fest wird, kann man es treffen. Pianwig, einmal Bauch raus und das Ding vom Weg schieben.“
Pianwig warf ihm im Vorbeigehen einen Blick zu. „Ich bin Riese, nicht fett!“
Das Klingeln hinter ihnen begann so leise, dass Rose es im ersten Augenblick für einen Nachhall des Schreis hielt.
Dann kam Wind auf.
Eine kleine Glocke irgendwo am Weg schlug stärker gegen Metall oder Holz, erst unregelmäßig, dann in rascher Folge. Der Nebel bewegte sich gegen die Richtung des Windes. Hinter Hybris hob sich eine zweite dunkle Gestalt aus dem Weiß.
„Hinten“, rief Faelyn.
Hybris drehte sich gerade weit genug, um den langen Arm an sich vorbeifahren zu sehen. Er machte einen Schritt zur Seite. Die Hand des Wesens schnitt durch den Raum, in dem eben noch seine Schulter gewesen war, und verlor sofort wieder ihre klare Form.
Faelyn hatte den Bogen bereits gespannt. Beide Geister standen für einen Moment fast hintereinander: der erste näher bei Pianwig und Söckchen, der zweite weiter hinten neben Hybris. Faelyn ließ los.
Der Pfeil ging durch den Kopf des vorderen Wesens und traf auch den hinteren. Zwei geisterhafte Gesichter ruckten auf derselben Linie zurück, ehe ihre Konturen wieder zu Nebel ausfransten.
Rose nutzte die Öffnung. Wilde Flamme sammelte sich in ihrer Hand, heller als das stumpfe Licht der Marsh, und sie setzte einen Schritt zurück, um Abstand zu gewinnen.
Ihre Ferse stieß gegen einen Holzpfahl.
Der Zauber schoss über die Geister hinweg und verlor sich im Nebel.
Rose fing sich mit einer Hand am Pfahl ab. Die gekränkte Wut über den Fehlschlag war schneller da als jede vernünftige Neubewertung. „Bleib stehen!“
Der nähere Geist tat ihr den Gefallen nicht. Er löste sich in eine schwarze Wolke auf und stürzte auf sie zu, kaum noch als Körper erkennbar. Rose riss den Arm vor das Gesicht, doch die dunkle Masse fuhr durch ihren Oberkörper, kalt und widerstandslos, bevor sie sich hinter ihr wieder sammelte.
Für einen Herzschlag war da nur dieses falsche Durchdringen: keine Klinge, kein Schlag, sondern das Gefühl, dass etwas den eigenen Körper durchquert hatte, ohne ihn als Grenze anzuerkennen.
Rose drehte sich sofort um.
Der zweite Geist verdichtete sich weiter hinten nach Faelyns Pfeil wieder. Diesmal hielt Rose ihren Stand. Die Wilde Flamme traf ihn mitten in der Form, bevor er sich erneut auflösen konnte.
Feuer fraß nicht über eine Oberfläche; es ging durch die Gestalt hindurch. Der Geist zerfiel von innen, erst an Brust und Gesicht, dann an den Armen, bis der gesamte Körper in grauen Fetzen auseinanderbrach und sich im übrigen Nebel verlor.
Der letzte Gegner war noch bei Rose.
Hybris sah, wie die schwarze Wolke nach ihrem Durchflug wieder dichter wurde. Ein Kopf zeichnete sich ab, dann Schultern. Er wartete nicht darauf, dass der Rest folgte.
Beide Dolche kamen von unterschiedlichen Seiten. Die Klingen trafen genau in dem Augenblick, in dem aus dem Nebel wieder etwas Schneidbares wurde, und rissen durch den gerade entstehenden Kopf. Der Geist schrie ein letztes Mal. Die Stimme brach mitten im Ton ab, und die Gestalt platzte nicht, sondern verlor einfach ihren Zusammenhalt.
Dicker, grauschwarzer Nebel blieb an der Stelle hängen.
Niemand bewegte sich sofort. Faelyn hielt den Bogen noch oben, Pianwig stand mit dem Schild zwischen Rose und dem Rest der Straße, und Söckchen hatte das Schwert weiterhin im Maul. Erst als keine neue Glocke anschlug und sich aus dem Dunst kein dritter Körper formte, sank die unmittelbare Kampfspannung.
Hybris betrachtete die Reste vor sich. Anders als der übrige Nebel zerfielen sie langsam in kleine, faserige Büschel. Sie sahen absurd weich aus.
Er streckte einen Finger hinein.
Rose sah es. „Nein.“
Hybris zog etwas von der Masse ab.
„Hybris.“
Er probierte.
Für einen Moment sagte er nichts.
Söckchen ließ das Schwert aus dem Maul sinken. „Und?“
Hybris kaute einmal, obwohl es kaum etwas zu kauen gab. „Wie Zuckerwatte.“
Rose starrte ihn an.
„Ranzige Zuckerwatte“, ergänzte er.
„Du hast soeben einen Teil eines unbekannten Sumpfgeistes gegessen.“
„Nur ein bisschen.“
Pianwig senkte den Schild. „Wenn du davon stirbst, war das vermeidbar.“
Hybris schluckte und sah noch einmal auf den zerfallenden Rest. „Ich lebe noch.“
„Das ist seit der Kutsche bereits zum zweiten Mal dein vollständiges Argument“, sagte Rose.
Diesmal hatte sie recht genug, dass Hybris keine weitere Verteidigung versuchte.
Der Humor verging wieder, als sie sich an den eigentlichen Angriff erinnerten. Ein Gegner, der durch einen Körper hindurchfahren konnte, ohne eine Wunde zu hinterlassen, war schwieriger einzuschätzen als ein Tier mit Zähnen oder eine Klinge. Bei sichtbarem Blut wusste man wenigstens, worauf man reagieren musste.
Rose strich über die Stelle an ihrer Kleidung, durch die der Geist gegangen war. Der Stoff war unbeschädigt. „Wenn jemand von euch später etwas Ungewöhnliches bemerkt, sagt es sofort. Ich möchte nicht erst nach einer Stunde erfahren, dass diese Dinger irgendeinen Effekt hinterlassen haben, nur weil außen nichts zu sehen ist.“
Hybris nickte. „Gilt auch für dich.“
Rose sah ihn an, als hätte er einen unnötigen Zusatz geliefert, widersprach aber nicht.
Söckchen schüttelte sich einmal vom Kopf bis zu den Hinterläufen. Das Schwert lag wieder griffbereit. „Bei mir ist nichts. Es war nur eklig.“
„Das reicht mir fürs Erste“, sagte Faelyn. „Wenn wir Hollow Brooks erreichen, können wir dort fragen, ob sie diese Wesen kennen.“
Sie warteten, bis der letzte dichtere Rest sich aufgelöst hatte, und prüften einander auf sichtbare Verletzungen. Söckchens erster Kontakt hatte keine erkennbare Wunde hinterlassen. Auch Rose zeigte dort, wo der Geist durch sie gefahren war, keine äußere Veränderung. Gerade das machte die Angriffe schwer einzuschätzen; die Gruppe konnte nur feststellen, dass sie noch stehen und weitergehen konnten.
Faelyn sah zurück zu dem Glockenpfahl. „Das Läuten hat begonnen, bevor der zweite kam. Wenn die Glocken hier öfter stehen, könnten sie eine Warnung sein.“
„Oder der Wind“, sagte Pianwig.
„Oder beides. Ich würde mich jedenfalls umdrehen, wenn die nächste anfängt.“
Rose strich Schmutz von ihrem Ärmel, soweit das überhaupt noch einen sichtbaren Unterschied machte. „Einverstanden. Und wir essen nichts mehr, das uns angreift, bevor wir wissen, was es ist.“
Hybris hob beide Hände. „Das war ein Versuch, kein neues Reiseprinzip.“
Der Weg zog sich weiter durch die Marsh. Der Nebel blieb, doch nach dem Kampf kam ihnen jedes Geräusch darin verdächtiger vor. Wenn ein Blatt über den Boden strich, richteten sich Blicke in die Richtung; wenn ein Windstoß durch die Bäume ging, wartete Faelyn unwillkürlich auf das nächste Klingeln. Keines kam.
Nach einer Weile veränderte sich der Geruch.
Zuerst war es kaum mehr als eine wärmere Note zwischen feuchter Erde und altem Wasser. Dann wurde verbranntes Holz deutlich. Kein scharfer Brandgeruch, kein verkohltes Haus, sondern Rauch, wie er über einem Lagerfeuer hing. Echte Wärme kündigte sich an, lange bevor sie ihre Quelle sahen.
Söckchen hob den Kopf. „Da brennt etwas.“
„Absichtlich“, sagte Faelyn. „Zumindest riecht es so.“
Die Bäume öffneten sich ein wenig. Vor ihnen erhob sich eine Landschaft aus Pfählen, Plattformen und schmalen Stegen über dem Moor. Häuser standen auf Stelzen, miteinander durch Holzwege verbunden, die sich über dunkles Wasser zogen. In der Mitte der Siedlung brannte eine große Flamme; ihr Licht war selbst durch Nebel und Entfernung deutlich zu erkennen.
Ein Zaun aus Schlingpflanzen, Lianen und verflochtenem Holz umgab die äußeren Bereiche. Mehrere Fackeln brannten daran. Im Vergleich zur Untotensiedlung wirkte der Ort beinahe lebendig, obwohl keine Stimmen zu ihnen herübertrugen.
Rose blieb am Rand des Weges stehen. „Hollow Brooks.“
„Wenn Greyrat recht hatte“, sagte Hybris.
Pianwig prüfte die Stege mit einem langen Blick. „Die sind für mich gebaut oder sie werden es gleich herausfinden.“
Faelyn wollte gerade etwas antworten, als ein Surren durch die Luft schnitt.
Der Pfeil schlug vor ihnen in das Holz des Weges.
Sein Schaft war pechschwarz.
Aus der Siedlung kam eine Stimme.
„Das ist nah genug!“
Der Pfeil steckte schräg im Holz zwischen ihnen und Hollow Brooks. Niemand musste den schwarzen Schaft berühren, um die Absicht zu verstehen.
Pianwig ging automatisch einen halben Schritt nach vorn, weit genug, dass sein Schild im Ernstfall einen Teil der Gruppe decken konnte. Faelyn suchte mit den Augen die Stege und Dächer ab, ohne den eigenen Bogen zu heben. Wer dort geschossen hatte, besaß Höhe, Deckung und eine klare Sichtlinie; ein voreiliges Anlegen der Sehne hätte aus einer Warnung leicht einen Kampf gemacht.
Rose hingegen trat nicht zurück. Sie hob die leeren Hände so weit, dass der unsichtbare Schütze sie sehen konnte, und sprach in Richtung des Dorfes.
„Wir wollen keinen Streit. Wir müssen durch Hollow Brooks, weil der Weg außen herum offenbar nicht benutzbar ist, und wir haben eine Aufgabe, die weit über dieses Dorf hinausgeht.“
Die Antwort kam aus einer erhöhten Position links vom Tor. „Dann erfüllt sie woanders.“
Rose atmete hörbar durch die Nase. „Wir suchen die Aschefürsten. Einer von ihnen reist bereits mit uns. Wenn ihr also einen Grund braucht, weshalb fünf erschöpfte Reisende nicht im Sumpf erschossen werden sollten, bevor ihr überhaupt ihre Namen kennt, halte ich das für einen brauchbaren Anfang.“
Ein kurzes Schweigen folgte.
Hybris sah zu Söckchen. „Das war vermutlich dein Einsatz.“
Söckchen hob die Flügel ein Stück. „Ich kann auch einfach sagen, dass ich die Aschefürstin bin.“
„Ich glaube, Rose hat den Satz schon in eine Rede eingebaut.“
Auf der Plattform bewegte sich endlich jemand. Eine hochgewachsene Gestalt trat aus der Deckung. Der Elb hatte schwarze Haut und hielt einen schlanken, ebenso dunklen Langbogen gespannt. Seine Augen wirkten aus der Entfernung wie helle Punkte. Der Pfeil auf seiner Sehne zeigte nacheinander auf Pianwig, Rose und Hybris, ohne dass der Bogen dabei auch nur für einen Augenblick wirklich sank.
„Ihr geht direkt durch“, sagte er. „Kein Herumstreifen. Kein Ärger. Auf der anderen Seite wieder raus.“
„Damit kann ich arbeiten“, sagte Rose.
Hinter dem Schützen erschien eine Frau. Sie stand nicht mit einer Waffe da; stattdessen winkte sie die Gruppe näher, als wolle sie aus der angespannten Begrüßung wenigstens einen geordneten Eintritt machen. Der Elb ließ sie passieren, während die Gefährten die Treppe hinauf auf den ersten Steg stiegen.
Faelyn ging an ihm vorbei und hielt den Blick nur kurz auf dessen Gesicht. Etwas an dem Fremden gefiel ihm nicht. Es war kein einzelnes Merkmal, das er hätte benennen können, eher die Summe aus Haltung, Beobachtung und der Selbstverständlichkeit, mit der der Bogen trotz gewährtem Durchlass schussbereit blieb.
„Kennst du die Art?“, fragte Hybris leise, sobald sie einige Schritte weiter waren.
Faelyn schüttelte kaum sichtbar den Kopf. „Nicht gut genug, um etwas Sicheres zu sagen. Ich würde ihn nur im Blick behalten.“
Der erste Eindruck von Hollow Brooks war enger, als die Siedlung von außen gewirkt hatte. Die Häuser standen auf Pfählen über dem Morast, manche kaum größer als Hütten, andere breit genug für mehrere Räume. Schmale Stege verbanden sie in verschiedenen Höhen. Wo Holz fehlte, waren Bohlen mit Seilen, Ranken oder groben Nägeln ersetzt worden. Unter allem lag dunkles Wasser, aus dem Pflanzen bis an die Unterseiten der Plattformen wuchsen.
Im Zentrum brannte das Feuer.
Auf dem Weg dorthin begegneten ihnen nur wenige Bewohner. Eine ältere Frau trug einen Korb über einen Seitensteg und wich früh genug aus, dass Pianwig nicht an ihr vorbei musste; zwei andere Menschen standen vor einer Hütte, verstummten jedoch, als die Fremden mit dem bewaffneten Elben im Rücken näherkamen. Niemand begrüßte sie. Niemand stellte sich ihnen offen entgegen. Hollow Brooks wirkte weniger feindselig, als Greyrats Warnung vermuten ließ, dafür deutlich vorsichtiger.
Hybris bemerkte, dass die Blicke der Bewohner nicht lange auf der Gruppe lagen. Sie gingen immer wieder zu den Waldschattenelben zurück. Der Pfeil am Eingang war offenbar nicht die einzige Sache, die hier bestimmte, wie Menschen sich bewegten.
Rose bemerkte etwas anderes: Trotz der Enge war die Siedlung gepflegter als die Untotensiedlung. Bohlen waren ausgebessert, Fackeln nachgesetzt, Ranken am Zaun gebunden. Wer hier lebte, hatte nicht aufgegeben. Gerade deshalb störte sie die fremde Wachsamkeit in den Gesichtern. Ein Ort, der noch funktionierte, sollte nicht aussehen, als müsse jeder Satz vorher geprüft werden.
Je näher sie kamen, desto stärker unterschied es sich von einem gewöhnlichen Herdfeuer. Die Flamme war groß genug, um einen eigenen freien Platz zu verlangen, und die Stege liefen sternförmig auf diesen Mittelpunkt zu. Menschen konnten sich dort wärmen, Vorräte trocknen oder Wege kreuzen, ohne in die Häuser treten zu müssen. In einer Welt, in der echtes Licht selten und geschützte Wärme kostbar war, erklärte allein die Anordnung, weshalb dieses Feuer mehr bedeutete als Bequemlichkeit.
Bei der Flamme wartete die Frau, die sie hereingewinkt hatte. Aus der Nähe erinnerte sie Rose auf unangenehm konkrete Weise an Amalthea: nicht im Gesicht, sondern in Haltung, Gewand und der Art, wie sie sich neben einem wichtigen Feuer bewegte, als sei dessen Schutz eine Aufgabe und kein Hintergrund.
Neben ihr saßen zwei weitere Elben mit schwarzer Haut. Ihre Augen glühten gelblich im Feuerschein. Keiner stand auf, als die Gruppe näherkam.
Rose übernahm die Vorstellung, bevor jemand anders die Gelegenheit bekam. „Hallo. Ich bin Lady Ambrosia Rose.“
Die Frau nickte. „Ich bin Lydia.“
„Wie geht es euch?“
„Gut.“
Die Antwort kam schnell genug, dass Rose sie sofort misstrauisch machte. Lydia lächelte dabei nicht, und ihre Schultern standen einen Hauch zu hoch, als hielte sie seit Stunden eine Spannung fest, die sie nicht zeigen wollte.
Rose ließ den Blick kurz über den Platz wandern. „Braucht ihr mit irgendetwas Hilfe?“
„Nein, danke.“ Lydia deutete auf das Feuer. „Aber wärmt euch erst einmal. Ihr kommt aus der Marsh, und niemand muss frieren, nur weil er weiterwill.“
Das Angebot war aufrichtig genug, doch Rose hatte den Pfeil noch im Kopf. „Danke. Dafür haben wir im Augenblick wenig Zeit. Wir wollen zur Kathedrale der Tiefe und suchen den Weg dorthin. Könnt ihr uns weiterhelfen?“
Bei der Kathedrale tauschten die beiden Elben am Feuer einen Blick. Lydia bemerkte es ebenfalls.
„Andere Reisende wollten auch dorthin“, sagte sie. „Sie sind noch hier.“
Rose sah zu den beiden Waldschattenelben. „Dann haben wir offenbar ein gemeinsames Ziel. Wir suchen die Aschefürsten, und Söckchen gehört selbst zu ihnen.“
Lydias Blick ging sofort zu dem kleinen Einhorn. Für einen Moment verschwand die bedrückte Höflichkeit aus ihrem Gesicht und machte echtem Interesse Platz. „Eine Aschefürstin?“
„Ja“, sagte Söckchen. „Ist noch nicht besonders lange so.“
„Dann solltet ihr vielleicht doch—“
„Nein.“ Einer der beiden Elben am Feuer stand auf. „Sie wollten durch. Dann gehen sie durch. Wir brauchen hier keine weiteren Gäste.“
Der Ton war nicht laut, aber er besaß die Sicherheit von jemandem, der sich an diesem Ort mehr Entscheidungsrecht nahm, als ihm Lydia gerade zugestanden hatte.
Hinter der Gruppe entstand Bewegung. Ein Mann kam über einen Seitensteg, beide Arme voll mit Fläschchen, Tinkturen, Bandagen und kleinen Tontöpfen. Ein weiterer schwarzhäutiger Elb ging dicht hinter ihm und trieb ihn mit knappen Worten vorwärts.
Lydia wandte sich halb zu ihnen. „Das ist Frede, unser Dorfheiler.“
Frede schaffte kaum mehr als einen gehetzten Blick in Richtung der Fremden. Der andere Elb drängte ihn weiter, und wenige Augenblicke später verschwand der Heiler in einer Hütte.
Rose folgte ihm mit den Augen. „Er sieht beschäftigt aus.“
„Er ist im Moment sehr einseitig beschäftigt, weil unsere Dorfgäste—“
„He, halt.“ Einer der Elben unterbrach Lydia scharf. „Das reicht. Mehr musst du denen nicht sagen.“
Die Flamme knackte zwischen ihnen.
Hybris hatte in seinem Leben genug Menschen erlebt, die freundlich taten, wenn sie etwas wollten, und genug andere, die drohten, ohne dazu die Stellung zu besitzen. Hier war die Sache unangenehmer. Lydia war offensichtlich die Person, zu der der Wachposten sie hatte durchlassen wollen, doch die Elben sprachen über sie hinweg und schränkten ein, was sie Fremden erzählen durfte. Keiner der Dorfbewohner widersprach offen.
Rose richtete sich noch ein wenig gerader auf. Ihre Stimme wurde nicht lauter. „Ist euch eigentlich klar, mit wem ihr sprecht?“
Der Elb, der Lydia unterbrochen hatte, zog die Brauen zusammen.
„Ich bin Lady Ambrosia Rose. Wenn ihr mich schon in einem Dorf anhalten lasst, das euch offensichtlich nicht gehört, erwarte ich wenigstens, dass man mich ausreden lässt und die Frau neben euch ihre eigenen Sätze beendet.“
Die Wirkung war stärker, als selbst Rose vermutlich erwartet hatte. Die beiden Elben wechselten einen Blick; einer nahm sichtbar Spannung aus den Schultern.
„Das war uns nicht klar, Euer Hochwohlgeboren.“
Rose akzeptierte die Anrede mit einem kleinen Nicken, als habe sie genau diese Korrektur verlangt und nichts anderes. Dass sie die Rangordnung einer fremden Assassinen-Gruppe im Sumpf mit einem Titel beeinflussen konnte, gefiel ihr offensichtlich.
Hybris nutzte den kurzen Stillstand. Er wandte sich an Lydia. „Du entscheidest hier, oder? Greyrat hat uns gesagt, wir sollen nach dir fragen.“
Lydia zögerte. „Ja. Also—heute ja. Mein Vater war der Dorfhäuptling. Er ist vor ein paar Jahren gestorben, und danach bin ich irgendwie in die Rolle hineingewachsen. Es gab keinen Tag, an dem jemand mir einen Titel übergeben hat.“
Die Formulierung klang nicht nach falscher Bescheidenheit. Lydia trug ihre Verantwortung, ohne daraus denselben Anspruch abzuleiten wie Rose. Für Rose war Führung etwas, das einer geeigneten Person zustand; für Lydia wirkte sie eher wie Arbeit, die nach dem Tod ihres Vaters liegen geblieben war und von jemandem hatte aufgehoben werden müssen.
„Aber wenn jemand wissen will, was Hollow Brooks macht, fragt er dich.“
„Meistens.“
Rose warf einen Blick zu den Elben. „Dann würde ich dieses Gespräch gern dort fortsetzen, wo du deine Antworten selbst auswählen kannst.“
Lydia verstand. „Kommt mit zu mir.“
Keiner der Waldschattenelben versuchte, sie aufzuhalten. Der Wachposten am Eingang blieb auf seinem Steg, die beiden am Feuer setzten sich wieder, und Lydia führte die Gruppe über einen Seitenweg zu einem größeren Haus. Es stand ebenso auf Pfählen wie die übrigen Gebäude, besaß aber genug Platz, dass mehrere Menschen darin sitzen konnten, ohne einander im Weg zu sein.
Erst als die Tür geschlossen war, ließ Lydia die Schultern sinken.
Rose nahm den nächstbesten Sitzplatz, ohne zu fragen, und sah Lydia direkt an. „Sie sind nicht von hier.“
„Nein.“
„Wie viele?“
„Fünf insgesamt. Vier von ihnen können sich noch frei bewegen. Ihr Anführer wurde auf dem Weg verletzt.“ Lydia setzte sich ihnen gegenüber. „Sie wollten ebenfalls zur Kathedrale. Sie kamen zurück, weil er nicht weiterkonnte.“
Pianwig verschränkte die Arme. „Und seitdem bleiben sie hier.“
„Ja.“
Lydia sah zu der kleinen Feuerstelle in ihrem Haus, als läge dort eine einfachere Antwort. „Am Anfang dachte ich, es wären zwei oder drei Nächte. Verletzte Reisende nimmt man auf, wenn man kann. Dann wurde klar, dass Halandir nicht besser wird. Seitdem wächst bei ihnen die Ungeduld und bei uns die Sorge, wie lange wir das tragen sollen.“
„Ihr versorgt sie mit?“, fragte Rose.
„Sie haben eigenes Essen und jagen, soweit sie können. Es geht nicht nur um Vorräte. Vier bewaffnete Fremde verändern einen kleinen Ort, selbst wenn sie nichts stehlen. Die Leute gehen ihnen aus dem Weg. Frede schläft kaum. Und keiner von uns weiß, was passiert, wenn Halandir schlechter wird.“
Pianwig nickte langsam. „Dann ist das Problem nicht, dass fünf Leute hier essen. Das Problem ist, dass vier davon entscheiden, was alle anderen tun sollen.“
„Ja“, sagte Lydia. „So ungefähr.“
„Freiwillig geht der Heiler nicht so schnell“, sagte Hybris. „Der Mann eben hat ihn eher getrieben.“
Lydia rieb die Hände aneinander. „Sie bieten Schutz. Das muss ich ihnen lassen. Seit sie hier sind, hält sich vieles vom Dorf fern, das sonst näher an die Stege käme. Sie sind Kämpfer, gute offenbar. Aber sie kommandieren herum. Sie behandeln Frede, als wäre er nur für sie da, und wenn er sagt, dass etwas nicht geht, hören sie nicht gern zu.“
Rose lehnte sich zurück. „Mit anderen Worten: Sie schützen euch vor Dingen außerhalb des Dorfes und sorgen dafür, dass ihr innerhalb des Dorfes aufpassen müsst, was ihr sagt.“
Lydia antwortete erst nach einem Moment. „So würde ich es nicht vor ihnen formulieren.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Dann ja.“
Söckchen scharrte mit einem Huf über das Holz. „Warum schmeißt ihr sie nicht raus?“
Lydia sah zu ihr. „Weil sie zu fünft gekommen sind und vier von ihnen gesund genug sind, bewaffnet durch mein Dorf zu laufen. Weil der fünfte schwer verletzt ist. Und weil ich nicht weiß, was passiert, wenn ich ihnen sage, sie sollen ihren Anführer in den Sumpf tragen und verschwinden.“
Die Antwort gefiel Söckchen nicht; gerade deshalb ließ sie sie gelten.
Faelyn hatte bisher wenig gesagt. „Wisst ihr, was ihren Anführer verletzt hat?“
„Nur, was sie erzählen. Etwas im Sumpf oder auf dem Weg zur Kathedrale. Groß, dünn, mit Geweih. Frede bekommt die Wunden nicht geschlossen.“
„Umbra?“, fragte Rose.
„Ich weiß es nicht sicher.“ Lydia sah zur Tür, obwohl sie geschlossen war. „Frede sagt, dass mit den Wunden etwas nicht stimmt. Mehr habe ich von ihm nicht bekommen, seit sie ihn praktisch dauerhaft in die Heilerhütte schicken.“
Hybris sah zu Faelyn. Dass einer von ihnen ein Elb war und der andere gut darin, sich unauffällig zu bewegen, machte die nächste Idee fast zu offensichtlich.
„Wir könnten mit ihnen reden“, sagte er. „Nicht alle fünf auf einmal. Zwei von ihnen sitzen am Feuer. Faelyn hat vielleicht einen leichteren Einstieg, und wenn wir wissen, warum sie wirklich zur Kathedrale wollen, können wir besser entscheiden, ob wir ihnen aus dem Weg gehen oder etwas mit ihnen anfangen.“
Faelyn nickte. „Ich würde außerdem gern wissen, was genau den Anführer verletzt hat. Wenn dieselbe Kreatur auf unserem Weg liegt, betrifft uns das ohnehin.“
Rose hob einen Finger. „Reden. Nicht provozieren. Wir müssen noch durch dieses Dorf.“
Hybris lächelte leicht. „Ich hatte vor, charmant zu sein.“
„Das beruhigt mich weniger, als du glaubst.“
Pianwig sah zwischen ihnen und Lydia hin und her. „Wir bleiben hier, bis wir wissen, was draußen los ist. Wenn etwas schiefgeht, kommt zurück. Ein Dorf auf Stegen ist kein guter Ort, um verteilt zu kämpfen.“
„Das war tatsächlich auch mein Plan“, sagte Faelyn.
Rose sah ihm einen Augenblick länger nach als nötig, als er sich mit Hybris zur Tür wandte. „Dann versuch, heil zurückzukommen. Wir haben gerade erst beschlossen, dich mitzunehmen.“
Faelyn lächelte. „Ich gebe mir Mühe.“
Hybris öffnete die Tür. Draußen lag das große Feuer wieder im Zentrum der Stege, und daran saßen noch immer die beiden Waldschattenelben.
Er sah zu Faelyn. „Also gut. Du bist der Elb. Ich habe schlechten Eintopf. Irgendetwas davon wird schon funktionieren.“
Das Feuer in der Mitte von Hollow Brooks erleichterte die Orientierung, weil fast jeder größere Steg darauf zulief. Es erschwerte gleichzeitig jede heimliche Bewegung. Wer von Lydias Haus zur Heilerhütte wollte, musste entweder am zentralen Platz vorbei oder einen unnötig langen Bogen über schmalere Seitenwege nehmen, auf denen Fremde noch auffälliger gewesen wären.
Hybris und Faelyn entschieden sich deshalb gegen Heimlichkeit. Sie gingen direkt zurück zum Feuer.
Die beiden Waldschattenelben saßen noch dort, wo die Gruppe sie verlassen hatte. Der linke hielt die Arme verschränkt und blickte schon so, als hätte er das Gespräch abgelehnt, bevor es begonnen hatte. Der rechte saß etwas lockerer, beobachtete aber ebenso genau, wer sich näherte. Im Feuerschein waren ihre gelb glühenden Augen deutlicher zu erkennen; zusammen mit der schwarzen Haut verlieh ihnen das etwas Fremdes, das über bloße Herkunft hinausging.
Hybris blieb in angenehmer Gesprächsentfernung stehen. „Was macht ihr hier? Ist alles gut?“
Der linke Elb antwortete nicht. Der andere hob lediglich eine Schulter.
„Gut“, sagte Hybris. „Dann fange ich anders an. Ich habe noch Eintopf, den ich mit euch teilen kann. Und wenn wir schon am selben Feuer sitzen, wäre es praktisch zu wissen, wie ihr überhaupt heißt.“
Der linke sah ihn an. „Nicht interessiert.“
Hybris legte den Kopf schief. „Das ist aber ein komischer Name. Ihr seid nicht von hier, oder?“
Der Blick des Elben wurde noch grimmiger. Er schwieg.
Faelyn setzte sich auf die freie Seite des Feuers, weit genug entfernt, dass die beiden Fremden den Platz nicht als Einkreisung verstehen konnten. „Er meint das leider ernst mit dem Eintopf. Wir haben alle ein Paket davon bekommen.“
Der rechte Waldschattenelb sah auf Hybris’ Gepäck. „Was für ein Eintopf?“
Hybris hätte mehrere ehrliche Antworten geben können, und keine davon wäre besonders werbend gewesen. „Einer von einem Mann, der lange genug in der Untotensiedlung überlebt hat, um zu wissen, dass man essen sollte, wenn man die Gelegenheit dazu hat.“
„Das klingt nicht nach einer Zutatenliste.“
„Die hat er uns auch nicht gegeben. Aber man sollte essen, wenn man Gelegenheit dazu hat.“
Der Elb streckte tatsächlich die Hand aus.
Hybris gab ihm einen Teil des Lunchpakets. Es war kalt inzwischen, zäh an den Stellen, an denen das Fett wieder fest geworden war, und roch genauso schwer zu beurteilen wie am Vorabend. Der Waldschattenelb nahm einen Löffel, kaute und nickte.
„Hm. Das ist lecker. Ein guter Eintopf.“
Hybris hielt sein Gesicht vollkommen ruhig. Es war eine der schwierigeren Täuschungsleistungen des Tages.
Faelyn hob sein eigenes Paket ein Stück. „Ich habe auch noch welchen, falls ihr beide etwas wollt.“
Der linke Elb schüttelte den Kopf, bevor Faelyn das Bündel überhaupt ganz geöffnet hatte.
Der andere aß noch einen Löffel und wirkte anschließend deutlich weniger entschlossen, die Fremden sofort wieder loszuwerden. „Entschuldigung, dass wir so abweisend waren. Ich heiße Glaid.“ Er deutete mit dem Löffel zur Seite. „Der Griesgram da heißt Ferex. Er nimmt das etwas zu ernst, glaube ich.“
Ferex sah ihn an. „Ich nehme Fremde ernst.“
„Das habe ich gesagt.“
Hybris setzte sich nun ebenfalls. Die Veränderung war klein, aber wichtig: Aus zwei bewaffneten Wächtern am Feuer waren noch lange keine Freunde geworden, doch wenigstens besaßen sie Namen.
„Was seid ihr für Elben?“, fragte er. „Ich kenne einiges, aber euch hätte ich nicht sofort eingeordnet.“
Faelyn antwortete zuerst. „Waldschattenelben. Ich habe von ihnen gehört.“
Glaid sah zu ihm. „Und was erzählt man?“
Faelyn überlegte, statt aus Höflichkeit eine weichere Antwort zu wählen. „Dass ihr gute Krieger seid. Und gute Mörder.“
Glaid lächelte. „Töten ist quasi mein Hobby.“
Ferex kommentierte die Formulierung nicht. Gerade dadurch klang sie weniger wie ein Scherz, als Hybris lieb gewesen wäre.
„Dann nehme ich an, ihr seid nicht als Händler unterwegs“, sagte Hybris.
„Nein.“
„Pilger?“
„Auch nicht.“
„Dann wird die Auswahl langsam interessant.“
Glaid lehnte sich etwas zurück. „Du stellst viele Fragen für jemanden, der selbst noch nicht gesagt hat, was er im Sumpf macht.“
Das war fair. Hybris nickte in Richtung des Weges, aus dem sie gekommen waren. „Wir wollen zur Kathedrale der Tiefe. Das ist kein Geheimnis. Alles andere hängt davon ab, wen wir dort finden und ob derjenige mit uns reden will.“
Ferex und Glaid tauschten einen Blick.
Faelyn bemerkte ihn ebenso. „Ihr wolltet auch dorthin.“
Glaid gab das Zögern auf. „Ja. Wir waren auf dem Weg. Dann wurde unser Anführer verletzt, und jetzt warten wir, bis er wieder reisen kann.“
„Halandir“, sagte Ferex. „Er entscheidet, wann wir weiterziehen.“
Hybris legte die Hände locker auf die Knie. „Vielleicht können wir helfen. Wir müssen ohnehin in dieselbe Richtung, und wenn ihr deshalb hier festsitzt, wäre es besser zu wissen, ob euch etwas fehlt, das wir unterwegs finden können.“
Ferex schüttelte den Kopf. „Das entscheidet Halandir.“
„Kann ich ihn fragen?“
„Wenn er wach ist.“
„Ist er das?“
Glaid sah zum Steg der Heilerhütte. „Vermutlich nicht.“
Hybris ließ die Antwort einen Moment stehen. „Was hat ihn erwischt?“
Diesmal war es Glaid, der nicht sofort antwortete. Der lockere Ton, den der Eintopf geschaffen hatte, verschwand ein Stück.
„Etwas Großes“, sagte er schließlich. „Lang und dürr. Geweih auf dem Kopf. Von weitem dachte ich zuerst, es wäre ein Tier, aber dafür war die Form falsch. Zu viel Knochen, zu wenig Körper. Als wäre nur ein Skelett übrig und hätte trotzdem noch genug an sich, um dich aufzureißen.“
Faelyn sah ins Feuer. „Wie hat es sich bewegt?“
„Schnell genug.“
„Allein?“
„Das eine Wesen hat gereicht.“
Hybris stellte sich die Beschreibung vor: langer Körper, Geweih, Knochen. Etwas daran war unangenehm genug, um Aufmerksamkeit zu verdienen, aber noch zu allgemein, um daraus mehr als eine Warnung zu machen.
„Ich springe gern durch Bäume“, sagte er. „Da muss es mich erst mal kriegen.“
Glaid schnaubte leise. „Wenn du ihm begegnest, versuch trotzdem, nicht darauf zu bauen.“
Faelyn fragte weiter, sachlicher. „War das auf dem direkten Weg zur Kathedrale?“
„Auf unserer Route, ja. Mehr sage ich dir dazu nicht, solange Halandir selbst nicht entschieden hat, wie viel ihr wissen sollt.“
Ferex nickte einmal. Für ihn war das Gespräch offenbar bereits weiter gegangen, als ihm gefiel.
Hybris hätte drücken können, doch die Grenze war klar genug. „Dann wäre Halandir tatsächlich derjenige, mit dem wir reden müssen.“
Glaid legte das leere Essgefäß beiseite. „Ich wollte sowieso zur Hütte vom Heiler. Wenn du mitkommen willst, tu das. Vielleicht ist Halandir wach. Vielleicht weiß der Heiler wenigstens, wie du helfen kannst.“ Sein Gesicht wurde härter. „Der ist allerdings unfähig und kriegt gar nichts hin.“
Faelyn hob leicht die Brauen. Noch vor wenigen Minuten hatte Glaid sich für den Eintopf bedankt; jetzt sprach er über den Dorfheiler, als wäre dessen Versagen eine persönliche Beleidigung. Der Widerspruch sagte mehr über die Lage als jede Warnung Lydias.
Hybris stand auf. „Ich komme mit.“
Faelyn blieb sitzen. „Ich bleibe noch hier. Wenn Halandir nicht ansprechbar ist, müssen wir vielleicht ohnehin mit mehreren von euch reden.“
Ferex sah zu ihm. „Du kannst auch einfach schweigen.“
„Kann ich. Aber wir haben gerade erst angefangen.“
Glaid ging vor, Hybris folgte ihm über den Steg zur Heilerhütte.
Währenddessen saßen Rose, Pianwig und Söckchen noch mit Lydia in deren Haus. Durch die Wände drang das dumpfe Knacken des großen Feuers, und hin und wieder vibrierte das Holz unter Schritten auf den äußeren Stegen.
Rose hatte die grobe Lage verstanden, doch für sie reichte es nicht, nur zu wissen, dass die Waldschattenelben lästig waren. Sie wollte wissen, weshalb deren Weg zur Kathedrale führte.
„Wir wollen die Aschefürsten zusammenführen“, sagte sie. „Amalthea ist überzeugt, dass ihre Rückkehr die Flamme stärken kann. Ob das die Umbra tatsächlich besiegt oder nur zurückdrängt, weiß ich nicht; was wir sicher wissen, ist, dass die Fürsten nicht von allein zu ihren Thronen zurückkehren.“
Lydia sah zu Söckchen. „Und du bist bereits eine von ihnen.“
„Ja.“ Söckchen legte die Vorderhufe auf den Boden. „Ich bin auch freiwillig da. Das scheint wichtig zu sein.“
„Die anderen wollen nicht?“
Rose verschränkte die Hände. „Das ist die Schwierigkeit. Ludleth ist zurückgekehrt. Die übrigen haben offenbar Gründe, es nicht zu tun. Aldrich soll in der Kathedrale der Tiefe sein, und ich rechne nicht damit, dass jemand mit dem Beinamen Götterfresser sich von einer höflichen Bitte beeindrucken lässt.“
Pianwig saß so, dass er die Tür im Blick hatte. „Wir müssen ihn trotzdem lebend dazu bringen, selbst zurückzugehen. Einfach umhauen und auf einen Thron legen reicht nach allem, was Amalthea gesagt hat, nicht.“
Lydia schwieg kurz. „Dann habt ihr ein Problem, falls die Elben wirklich dasselbe wollen.“
Rose hob den Blick. „Du glaubst, sie suchen ebenfalls einen Aschefürsten.“
„Ich weiß, dass sie zur Kathedrale wollten. Ich weiß, dass sie nach dem Angriff umgekehrt sind und hier warten, bis Halandir wieder laufen kann. Was sie dort genau vorhaben, sagen sie uns nicht.“ Lydia zog eine Hand über die Tischkante. „Aber wenn euer Ziel ein Aschefürst ist und ihres ebenfalls etwas in der Kathedrale, solltet ihr zumindest damit rechnen, dass ihr euch in die Quere kommt.“
Rose mochte keine Konkurrenten, besonders keine, deren Beruf mit dem gezielten Töten anderer Menschen zusammenhing. „Dann wäre es vernünftig, ihnen die Reise auszureden.“
Söckchen drehte den Kopf zu ihr. „Wie?“
Rose dachte sichtbar nach. „Ich könnte ihnen die Zukunft vorhersagen.“
Pianwig sah sie an.
„Eine schlechte Zukunft“, ergänzte Rose. „Sehr überzeugend. Qualvoller Tod, furchtbares Ende, all die Dinge, die Menschen im Allgemeinen davon abhalten sollten, einen bestimmten Weg zu nehmen.“
„Kannst du ihre Zukunft sehen?“, fragte Söckchen.
Rose machte eine kleine Pause. „Nicht zuverlässig genug, dass ich mich darauf verlassen würde.“
„Dann wäre es gelogen.“
„Es wäre eine strategische Darstellung eines sehr wahrscheinlichen Risikos.“
Pianwig lehnte sich zurück. „Wenn sie wirklich Assassinen sind, werden sie wegen einer schlechten Prophezeiung wahrscheinlich nicht nach Hause gehen. Leute, die für Geld töten, rechnen meistens damit, dass jemand zurückschlägt.“
Rose sah ihn an, sagte aber nach kurzem Überlegen nicht, dass er unrecht hatte. „Möglicherweise. Dann bleibt die Frage, ob wir sie loswerden oder gebrauchen können.“
Lydia zog die Stirn kraus. „Gebrauchen?“
„Wenn Aldrich nicht freiwillig kommt, brauchen wir irgendwann eine Lösung für einen sehr mächtigen Gegner, den wir trotzdem zu einer freiwilligen Entscheidung bringen müssen. Ich behaupte nicht, dass vier Waldschattenelben dieses Problem lösen. Aber zusätzliche Kampfkraft ist unter solchen Umständen nicht wertlos.“
Söckchen schnaubte. „Solange sie Frede in Ruhe lassen.“
„Das wäre eine Bedingung“, sagte Rose.
Lydia sah zwischen ihnen hin und her. Ihre Sorge um Hollow Brooks stand jeder größeren Strategie entgegen; für sie waren die Waldschattenelben kein theoretischer Vorteil in einem späteren Kampf, sondern vier bewaffnete Gäste, die schon jetzt zu viel bestimmten. Trotzdem nickte sie langsam. „Wenn ihr glaubt, dass ihr sie braucht, werde ich euch nicht davon abhalten. Euer Auftrag ist größer als unser Dorf. Aber wenn ihr eine Möglichkeit findet, Halandir zu heilen und sie damit weiterziehen, wäre mir das lieber.“
Rose nahm die Aussage als eine Art Segen. „Dann finden wir zuerst heraus, was ihnen fehlt. Danach entscheide ich, ob eine Prophezeiung noch nötig ist.“
Söckchen sah zu Pianwig. „Ich glaube, sie will die Prophezeiung trotzdem ausprobieren.“
„Wahrscheinlich“, sagte Pianwig.
Rose ignorierte beide mit Würde.
In der Heilerhütte war Würde gerade knapper.
Hybris hörte Glaids Stimme schon auf den letzten Schritten des Steges. Als der Waldschattenelb die Tür aufstieß, stand Frede im vorderen Teil des Raumes zwischen Regalen, Arbeitsflächen und einem chaotischen Vorrat aus Fläschchen, Gläsern, Töpfen, Tinkturen und zusammengerollten Bandagen.
„Ich habe dir gesagt, dass es nicht geht“, sagte Frede. Seine Stimme war müde und zu schnell. „Ich habe die Wunden gereinigt, verbunden, die Kräuter gewechselt, ich habe versucht, die Entzündung zurückzudrängen. Nichts davon hält. Sobald ich glaube, dass eine Stelle ruhiger wird, verändert sich die nächste.“
Glaid trat näher. „Dann versuch etwas anderes.“
„Ich habe nichts anderes.“
„Unser Anführer liegt seit Tagen da.“
„Und ich kann ihn nicht gesund machen, nur weil du mir drohst.“
Der letzte Satz kostete Frede sichtbar Überwindung. Glaid reagierte nicht mit einem Ausbruch; er packte den Heiler und stieß ihn in Richtung Tür.
Frede stolperte über die Schwelle und fiel direkt vor Hybris auf den Steg.
Für einen Augenblick blieb er dort liegen. Angst, Erschöpfung und die Demütigung des Sturzes hielten ihn stärker fest als die eigentliche Wucht.
Hybris sah erst zu Frede, dann zu Glaid. Die freundliche Seite des Elben am Feuer war noch dieselbe Person. Das machte die Szene eher schlimmer als einfacher.
„Ich bin hier, weil du gesagt hast, vielleicht könne ich helfen“, sagte Hybris ruhig. „Wenn du den einzigen Heiler des Dorfes vom Haus wegwirfst, verbessert das seine Arbeit vermutlich nicht.“
Glaids Hand lag am Schwert. „Er hat seine Arbeit nicht gemacht.“
Frede stemmte sich auf die Knie. „Ich habe alles gemacht, was ich kann.“
Hybris bot ihm eine Hand an. „Dann wäre es vielleicht sinnvoll, wenn mir jemand zeigt, was überhaupt das Problem ist, bevor wir entscheiden, wer unfähig ist.“
Glaid hielt seinen Blick einen Moment. Schließlich trat er zur Seite. „Geh rein.“
Hybris half Frede auf, konnte aber nichts daran ändern, dass der Heiler draußen blieb, während Glaid selbst an der Tür Position bezog. Die Hand des Waldschattenelben verließ den Schwertgriff nicht.
Die Hütte roch nach Kräutern, Alkohol, altem Blut und etwas Bitterem, das Hybris nicht kannte. Regale standen voll mit Reagenzgläsern, kleinen Flaschen und Tontöpfen; manche waren sauber beschriftet, andere so oft angefasst worden, dass auf ihren Oberflächen nur noch verschmierte Spuren lagen. Am hinteren Ende stand eine Pritsche. Daneben ein Stuhl.
Auf der Pritsche lag ein schwarzhäutiger Elb.
Sein Oberkörper war großflächig bandagiert. Die Verbände zogen sich über Brust und Bauch, manche frisch, andere an den Rändern dunkel verfärbt. Er war bewusstlos oder zumindest so tief weggetreten, dass er auf das Öffnen der Tür nicht reagierte.
Auf dem Stuhl saß eine Elbin. Ihr rechter Arm hing in einer Schlinge. Die Müdigkeit in ihrem Gesicht war so deutlich, dass Hybris keine besondere Menschenkenntnis brauchte, um zu erkennen, wie lange sie schon an diesem Bett gesessen hatte.
Er blieb in einigem Abstand stehen. „Ich bin Hybris. Glaid hat gesagt, ich darf nachsehen, ob wir helfen können.“
Die Elbin betrachtete ihn aufmerksam, aber ohne die Aggressivität der Männer am Feuer. „Anowyn.“
Hybris deutete auf ihren Arm. „Du siehst aus, als könntest du selbst einen Heiler gebrauchen.“
„Der Arm wird wieder.“ Ihr Blick ging zur Pritsche. „Er nicht, wenn wir nichts finden.“
„Halandir?“
Sie nickte. „Mein Mann.“
Hybris trat näher, jedoch erst, als Anowyn keine Einwände zeigte. Zwischen den Verbänden waren Stellen zu erkennen, an denen die Haut um die Wunden herum nicht normal aussah. Große Schnitte zogen sich über den Oberkörper; in ihrer Umgebung verliefen Adern in einem hellen Blau, flächig und unnatürlich deutlich, als hätte etwas unter der Haut eigene Wege gezeichnet.
Hybris’ Gesicht verlor den Rest seines lockeren Ausdrucks. „Umbra.“
„Ja.“
Das Wort veränderte nichts an Halandirs Zustand und machte ihn doch verständlicher. Hybris hatte inzwischen genug von der Verderbnis gesehen, um sie nicht mit einer gewöhnlichen Krankheit zu verwechseln. Umbra hielt sich nicht an die Grenzen, die ein Heiler gewohnt war: Sie konnte Körper verändern, Tote wieder aufrichten und Wunden so fremd machen, dass selbst saubere Verbände nur noch die Oberfläche ordneten.
Anowyn zog mit der linken Hand die Decke über Halandirs Seite etwas höher, ohne die Verbände zu berühren. „Am Anfang haben wir gehofft, Ruhe würde reichen. Dann haben wir gehofft, Frede hätte nur noch nicht das richtige Mittel versucht. Irgendwann hört man auf, jedes Mal Hoffnung zu nennen, wenn jemand mit einer neuen Schale Kräuter hereinkommt.“
Hybris sah kurz zur Tür. „Glaid klingt, als hätte er diesen Punkt noch nicht erreicht.“
„Glaid kann schlecht warten.“
„Das habe ich gesehen.“
Anowyns Mund wurde schmal. „Er sollte Frede nicht anfassen. Das sage ich ihm.“
„Gut.“ Hybris ließ den Ton sachlich. „Ich verstehe, dass ihr euren Anführer nicht verlieren wollt. Aber wenn der Heiler Angst hat, bevor er die Hütte betritt, hilft das Halandir auch nicht.“
Anowyn nickte. Ihr Blick blieb auf ihrem Mann. „Wir sind es gewohnt, dass ein Problem eine Person hat, die man finden kann, oder einen Weg, den man gehen kann. Das hier liegt einfach da und wird nicht beeindruckt davon, wie gut jemand kämpfen kann.“
Hybris kannte dieses Gefühl besser, als er in diesem Raum erklären wollte. Er setzte sich nicht, aber seine Haltung wurde ruhiger. „Dann brauchen wir ein Problem, gegen das man etwas tun kann. Wenn Duskroot wirklich in der Festung wächst, ist das wenigstens eine Richtung.“
„Frede kann nichts dagegen tun.“
Anowyn schüttelte den Kopf. „Nicht mit dem, was er hier hat. Ich weiß, dass Glaid ihn dafür hasst, aber der Mann hat versucht, was er kann.“
Von der Tür kam keine Reaktion. Ob Glaid sie gehört hatte, war nicht zu erkennen.
Hybris beugte sich nicht weiter über Halandir. Er hatte genug gesehen, um zu verstehen, dass dies keine gewöhnliche Wunde war. „Gibt es etwas, das helfen könnte?“
„Frede glaubt es.“
„Woran?“
„Duskroot. Manche nennen es Hexenschilf. Er sagt, dass die Pflanze gegen solche Infektionen helfen könnte.“ Anowyn rieb mit der linken Hand über den Rand ihrer Schlinge. „Er hat hier keines. Es soll in der Halbwegsfestung wachsen.“
Hybris dachte an Greyrats Wegbeschreibung. „Die verlassene Festung auf dem Weg zur Kathedrale.“
„Ungefähr auf halber Strecke von hier dorthin, ja.“
„Und ihr seid wegen Halandir umgekehrt, bevor ihr sie erreicht habt?“
Anowyn nickte. „Wir konnten ihn nicht weitertragen, ohne ihn umzubringen. Hollow Brooks war näher. Seitdem warten wir.“
Das erklärte den Aufenthalt. Es entschuldigte nicht jede Drohung gegen Frede, aber Hybris konnte zumindest nachvollziehen, warum vier Assassinen, die vermutlich gewohnt waren, Probleme mit Gewalt zu lösen, zunehmend schlechter damit umgingen, dass ihr Anführer vor ihnen lag und sich durch nichts zwingen ließ, gesund zu werden.
„Wir müssen ohnehin an der Halbwegsfestung vorbei“, sagte er. „Wir können nach Duskroot suchen.“
Anowyn sah ihn lange an, als prüfe sie, ob der Satz nur eine höfliche Möglichkeit war. „Warum?“
Hybris hob eine Schulter. „Weil wir zur Kathedrale wollen. Weil ihr sonst hier bleibt. Weil Lydia euch gern los wäre, ohne einen Kampf daraus zu machen. Und weil ich nicht sehe, was wir davon hätten, eine Pflanze stehen zu lassen, wenn sie deinem Mann helfen kann.“
Die Offenheit brachte Anowyn für einen Moment aus dem Takt. Dann nickte sie. „Wenn ihr geht, gebe ich euch die drei anderen mit.“
Hybris hob die Brauen. „Drei?“
„Die, die mitgehen können. Ihr sucht für uns eine Pflanze in einem Gebiet, in dem Halandir angegriffen wurde. Ich werde euch nicht einfach allein hinausschicken und darauf hoffen, dass ihr wiederkommt.“
„Wir sind selbst fünf.“
„Und wir kennen den Weg.“
Das war ein berechtigter Einwand. Hybris dachte trotzdem an Lydia, an Frede vor der Tür und an die Blicke der Bewohner auf dem zentralen Steg. Drei zusätzliche Assassinen konnten im Sumpf ausgesprochen nützlich oder ausgesprochen kompliziert sein, vor allem weil sie nicht auf Rose, Pianwig oder irgendeinen anderen aus seiner Gruppe hörten.
„Ich verspreche dir, dass wir Duskroot suchen“, sagte er. „Die Begleitung bespreche ich erst mit den anderen. Ich kann das nicht allein für alle entscheiden, und drei bewaffnete Leute nimmt man besser nicht nur deshalb mit, weil eine einzelne Person gerade ja gesagt hat.“
Anowyn akzeptierte das mit einem müden Nicken. „Dann besprecht es. Ich will nur nicht, dass ihr glaubt, ich würde euch wegen Halandir in eine Gefahr schicken und selbst nichts beitragen.“
Hybris sah auf ihren verletzten Arm. „Du bleibst bei ihm. Das ist auch etwas.“
„Es fühlt sich nicht nach viel an.“
„Das muss es nicht.“
„Gut.“
„Und Frede sollte wieder an Halandir arbeiten dürfen, ohne dass jemand ihn durch die Tür wirft.“
Anowyn schloss kurz die Augen. „Ich rede mit Glaid.“
Hybris glaubte ihr. Er glaubte nur noch nicht, dass Glaid sich leicht beruhigen würde.
Als er die Hütte verließ, stand Frede einige Schritte entfernt und sortierte hastig Bandagen, die ihm beim Sturz aus den Armen gefallen waren. Hybris ging zu ihm.
„Duskroot“, sagte er. „Du glaubst, es könnte helfen?“
Frede blickte auf. „Könnte. Mehr verspreche ich nicht. Ich habe solche Wunden nicht oft gesehen, und schon gar nicht so weit fortgeschritten. Wenn die Pflanze noch dort wächst und wenn wir sie richtig verarbeiten, haben wir wenigstens etwas, das anders wirkt als alles, was ich versucht habe.“
„Was heißt richtig verarbeiten?“
„Das erkläre ich euch, wenn ihr sie habt. Erst müsst ihr sie finden.“ Frede straffte die Bandagen in seinen Armen. „Und bringt lieber mehr mit, als ihr glaubt zu brauchen.“
Hybris nickte. „Wir versuchen es.“
Am Feuer hatte sich das Gespräch inzwischen in eine unerwartete Richtung entwickelt.
Ferex war weniger abweisend geworden, seit Glaid und Hybris gegangen waren. Vielleicht lag es daran, dass Faelyn nicht drängte. Er stellte Fragen, wenn sie sinnvoll waren, und ließ Antworten stehen, wenn Ferex keine weiteren Details geben wollte.
„Du schießt“, sagte Ferex irgendwann und deutete auf Faelyns Bogen.
„Seit ziemlich lange.“
„Seit wann kämpfst du?“
Faelyn dachte kurz nach. „Schon als Kind. Nicht ständig, und ich würde daraus keine Heldengeschichte machen. Aber früh genug, dass mir Waffen nie fremd waren.“
Ferex nickte, als wäre das eine Antwort, die er verstand. „Dann bist du wenigstens nicht nur wegen hübscher Ausrüstung unterwegs.“
Faelyn sah an sich hinunter. Nach Cinder Keep, der Untotensiedlung und dem Sumpf war an seiner Ausrüstung wenig hübsch. „Das wäre inzwischen auch schwer zu behaupten.“
Ferex lächelte zum ersten Mal kaum sichtbar.
Faelyn nutzte den kleinen Erfolg nicht für eine weitere Spitze. „Ihr arbeitet als Gruppe zusammen, seit Langem?“
„Lang genug.“
„Und man kommt einfach dazu?“
Ferex sah ihn an. „Willst du?“
Faelyn grinste. „Wenn ich mich schwarz anmale, könnte ich zumindest versuchen, nicht sofort aufzufallen.“
Ferex lachte tatsächlich. Es war kurz und rau, aber eindeutig. „Ich werde es in Erwägung ziehen.“
Damit war aus dem angespannten Gespräch kein Freundschaftsbund geworden. Doch der Abstand zwischen ihnen hatte sich verändert, und Faelyn war neugierig genug, ihn weiter zu testen.
„Wenn ihr so gute Kämpfer seid, wie man erzählt, sollten wir wenigstens wissen, wer stärker ist.“
Ferex legte den Kopf schief. „Willst du schießen?“
„Armdrücken reicht fürs Erste.“
Sie fanden eine flache Stelle am Rand der Plattform. Die Unterarme kamen auf das Holz, die Hände griffen ineinander. Ferex sah deutlich zu zufrieden damit aus, dass Faelyn selbst die Idee vorgeschlagen hatte.
„Bereit?“
„Bereit.“
Faelyn verlor.
Nicht knapp. Ferex hielt den Druck, wartete einen kurzen Augenblick und drückte Faelyns Hand anschließend so sauber auf das Holz, dass jede Diskussion über das Ergebnis überflüssig war.
Faelyn betrachtete seine eigene Hand. „Gut. Das war eindeutig.“
Ferex lehnte sich zurück. „Du wolltest wissen, wer stärker ist.“
„Mit dem Arm. Ich möchte eine Revanche.“
„Noch einmal?“
„Nein. Beindrücken.“
Ferex starrte ihn an und begann wieder zu lachen. „Du änderst die Disziplin, bis du gewinnst?“
„Ich erweitere die Untersuchung.“
Diesmal mussten sie ihre Position ändern. Ferex setzte sich beziehungsweise legte sich so, dass beide genug Platz hatten, ohne vom Steg zu rutschen. Das Duell sah schon vor seinem Beginn weniger würdevoll aus als Armdrücken.
Faelyn gewann.
Als Hybris vom Heilerhaus zurückkam, sah er deshalb Faelyn stehen und Ferex auf dem Boden liegen.
Er blieb stehen. „Hast du was verloren?“
Ferex richtete den Oberkörper auf. „Vorsichtig, du Witzbold!“
Faelyn hob beide Hände. „Wir haben nur Armdrücken gemacht, und ich habe verloren. Danach haben wir Beindrücken gemacht, und da habe ich gewonnen.“
Hybris sah von einem zum anderen. „War das ein Fail und ein Win? Also ein Failwin?“
Faelyn schloss für einen Moment die Augen.
Ferex grinste.
Damit war der Name geboren.
„Nein“, sagte Faelyn.
„Doch“, sagte Hybris.
„Nein.“
„Ich werde ihn sparsam verwenden.“
Faelyn sah ihn an. „Das glaube ich dir nicht.“
Der kurze Unsinn löste nicht das Problem des Dorfes, doch er nahm der Begegnung etwas von ihrer ursprünglichen Härte. Ferex blieb ein gefährlicher Fremder und Mitglied einer Gruppe, die Frede unter Druck setzte; zugleich war er nun jemand, mit dem Faelyn gelacht und Kräfte gemessen hatte. Glaid wiederum hatte Hybris gerade durch eine Tür gelassen und vorher den Dorfheiler zu Boden gestoßen. Die Waldschattenelben wurden mit jedem Gespräch schwerer als einfache Gegner zu behandeln.
Hybris setzte sich noch einmal ans Feuer. „Ich habe Halandir gesehen.“
Ferex wurde sofort ernst.
„Er ist nicht ansprechbar. Die Wunden sehen nach Umbra aus. Frede glaubt, dass Duskroot helfen könnte, und das soll in der Halbwegsfestung wachsen.“
„Das wissen wir“, sagte Ferex.
„Anowyn hat gesagt, sie würde uns drei von euch mitgeben, wenn wir hinziehen.“
Ferex nickte langsam. „Wenn sie das sagt, wird sie einen Grund haben.“
Faelyn griff nach seinem Bogen. „Wir müssen das mit den anderen besprechen. Die Festung liegt ohnehin auf unserer Route.“
Glaid kam in diesem Moment aus Richtung der Heilerhütte zurück. Seine Stimmung hatte sich nicht sichtbar verbessert, doch er hielt Hybris nicht auf.
„Wir reden später“, sagte Hybris. „Wenn wir gehen, sagen wir euch Bescheid.“
Ferex hob die Hand zum Abschied. „Und übe Armdrücken, Failwin.“
Faelyn blieb einen halben Schritt stehen.
Hybris grinste so breit, dass jede Hoffnung auf ein schnelles Ende des Spitznamens starb.
Sie kehrten zu Lydias Haus zurück.
Rose erwartete sie mit der Geduld einer Person, die der festen Überzeugung war, dass wichtige Informationen schneller zu ihr gelangen sollten. „Ihr wart lange weg.“
„Wir haben einiges herausgefunden“, sagte Faelyn.
„Und er heißt jetzt Failwin“, ergänzte Hybris.
Faelyn sah ihn an. „Das gehört nicht zu den wichtigen Informationen.“
Söckchens Ohren gingen nach vorn. „Warum?“
„Später“, sagte Faelyn.
Hybris war versucht, es sofort zu erklären, doch Halandirs Zustand hatte Vorrang. Er berichtete vom Heilerhaus, von Anowyn und der Verletzung. Bei der Beschreibung der hellblauen Adern wurde Lydia still.
„Frede hat Umbra vermutet“, sagte sie. „Er wollte es nicht laut sagen, solange er nicht sicher war.“
„Anowyn nennt es ebenfalls so“, sagte Hybris. „Normale Behandlung bringt nichts. Duskroot könnte helfen. Die Pflanze soll in der Halbwegsfestung wachsen, ungefähr auf unserem Weg zur Kathedrale.“
Rose fasste die Verbindung sofort zusammen. „Wenn wir das Duskroot holen, kann Frede versuchen, Halandir zu heilen. Wenn Halandir wieder reisen kann, haben seine Leute keinen Grund mehr, Hollow Brooks festzuhalten.“
Lydia nickte. „Genau.“
Pianwig sah zu Hybris. „Wie sicher ist die Heilung?“
„Gar nicht. Frede sagt, es könnte helfen. Mehr nicht.“
„Dann planen wir nicht so, als wäre es sicher.“ Pianwig sah zu Lydia. „Aber die Festung liegt auf unserem Weg. Wenn wir dort suchen können, ohne unser eigentliches Ziel aufzugeben, ist es sinnvoll.“
Söckchen stimmte schneller zu. „Wir holen es. Wenn die Pflanze helfen kann und wir sowieso dorthin müssen, lassen wir sie nicht stehen.“
Rose nickte. Auch für sie war die Entscheidung einfach, sobald mehrere Ziele in dieselbe Richtung wiesen. „Einverstanden. Wir beschaffen Duskroot. Danach sehen wir, ob Halandir gesund genug wird, seine Leute aus diesem Dorf zu führen.“
Hybris fügte hinzu: „Anowyn will uns drei von ihnen mitgeben.“
Die Reaktion im Raum war deutlich zurückhaltender.
Lydia sah zur Tür.
Rose lehnte sich zurück. „Drei.“
„Ja.“
„Welche?“
„Hat sie nicht gesagt. Wir wollten später reden, wenn wir einen Plan haben.“
Faelyn setzte sich. „Ferex ist zumindest nicht völlig unzugänglich. Glaid kann freundlich sein, wenn er will. Trotzdem wissen wir nicht, weshalb sie wirklich zur Kathedrale wollen.“
„Und wir haben gesehen, wie freundlich Glaid zu Frede ist, wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft“, sagte Hybris.
Lydia blieb bei ihrer vorsichtigen Sprache. „Sie würden euch im Sumpf vermutlich helfen. Aber wenn ihr sie mitnehmt, wissen sie danach auch genau, welchen Weg ihr nehmt, was ihr sucht und wie ihr vorgeht.“
Rose trommelte einmal mit einem Finger auf die Tischplatte. Die zusätzliche Kampfkraft war verlockend, besonders wenn Aldrich am Ende tatsächlich Gewalt erforderte. Gleichzeitig wollte sie ungern drei professionelle Mörder in eine Mission einladen, deren Ziel sie möglicherweise selbst beanspruchten.
„Wir wissen nicht, ob sie Konkurrenz sind“, sagte Faelyn. „Bis jetzt ist das nur eine Vermutung, weil sie ebenfalls zur Kathedrale wollen.“
„Richtig“, sagte Rose. „Und wenn wir ihnen alles erzählen, bevor wir es wissen, sorgen wir selbst dafür, dass sie die Möglichkeit bekommen.“
Pianwig verschränkte die Arme. „Dann nehmen wir sie nicht mit.“
Rose wandte sich ihm zu. „Du würdest drei zusätzliche Kämpfer ablehnen, obwohl wir davon ausgehen, dass der Weg nicht sicher ist?“
„Ja. Zusätzliche Kämpfer sind nur dann ein Vorteil, wenn sie auf unserer Seite bleiben.“ Pianwig deutete mit dem Kinn in Richtung des zentralen Feuers. „Die da hören auf Halandir. Nicht auf uns. Wir kennen ihren Auftrag nicht, wir wissen nicht, was sie in der Kathedrale wollen, und Glaid hat eben gezeigt, wie er reagiert, wenn jemand ihm nicht geben kann, was er erwartet. Das reicht mir.“
Rose widersprach nicht sofort. „Für die Halbwegsfestung mag das stimmen. Für Aldrich könnte sich die Rechnung ändern.“
Faelyn schob den Bogen ein Stück zur Seite. „Dann können wir später immer noch neu entscheiden. Wenn Duskroot funktioniert und Halandir wieder ansprechbar ist, haben wir zumindest die Möglichkeit, mit demjenigen zu reden, der sie tatsächlich führt. Im Moment würden wir drei Leute mitnehmen, ohne zu wissen, ob ihr Anführer uns überhaupt helfen will.“
„Und wir würden ihnen zeigen, wo die Pflanze wächst“, sagte Lydia. „Wenn sie sie zuerst finden und beschließen, dass Halandir alles davon braucht, habt ihr vielleicht dieselbe Suche zweimal.“
Hybris nickte. „Außerdem weiß ich nicht, ob Glaid nach fünf Minuten wieder der freundliche Kerl mit Eintopf ist oder der, der Frede durch die Tür wirft. Beides gehört offenbar zu ihm.“
Söckchen zog die Nase kraus. „Ich mag den zweiten nicht.“
Rose faltete die Hände. „Das ist eine erstaunlich einfache moralische Zusammenfassung, aber ausnahmsweise nicht unbrauchbar.“
Hybris sah zu Pianwig. „So einfach?“
„Ja. Wir brauchen die Pflanze für Halandir. Dafür brauchen wir nicht Halandirs Leute. Wenn sie mitkommen und sich als hilfreich erweisen, gut. Wenn sie mitkommen und uns aufhalten, haben wir ein Problem mehr. Ohne sie kennen wir das Risiko im Sumpf wenigstens schon ungefähr.“
Söckchen nickte. „Außerdem nerven sie Lydia.“
„Das ist kein taktisches Argument“, sagte Rose.
„Ist trotzdem wahr.“
Lydia unterdrückte ein Lächeln.
Rose ließ den Gedanken länger laufen. „Wenn wir ihnen offen sagen, dass wir allein gehen, werden sie vielleicht darauf bestehen, uns zu begleiten. Anowyn hat das Angebot nicht gemacht, weil sie uns besonders gernhat, sondern weil ihr Mann von unserer Rückkehr abhängen könnte.“
„Dann sagen wir es ihnen später“, sagte Hybris.
„Oder gar nicht.“ Rose richtete sich auf. „Wir verlassen Hollow Brooks, bevor sie merken, dass wir aufbrechen. Eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Wir holen Duskroot, kommen zurück, Frede behandelt Halandir, und wenn alles funktioniert, können sie danach tun, was sie wollen.“
Faelyn sah zur Wand, hinter der das große Feuer lag. „Wir müssten aus dem Dorf kommen, ohne am zentralen Platz vorbei zu müssen. Der Wächter am Tor beobachtet den einzigen offensichtlichen Ausgang.“
Lydia antwortete diesmal sofort. „Es gibt andere Wege.“
Alle sahen zu ihr.
Sie zögerte nur kurz. „Unter den Stegen. Nicht bequem, aber ihr könnt Hollow Brooks verlassen, ohne über den Hauptzugang zu gehen. Ich müsste euch zeigen, wo.“
Rose sah sie prüfend an. „Und du wärst bereit, uns zu helfen, obwohl die Waldschattenelben glauben, wir warten hier auf eine gemeinsame Entscheidung.“
Lydia atmete langsam aus. „Ich will Halandir nicht tot sehen. Ich will auch seine Leute nicht bekämpfen. Aber ich will mein Dorf zurück. Wenn ihr Duskroot holen könnt, ohne dass drei weitere bewaffnete Gäste euch begleiten und danach vielleicht mit einem Aschefürsten zurückkommen oder sich mit euch um ihn streiten, halte ich das für die bessere Lösung.“
Hybris nickte. Das war die erste Formulierung des Tages, in der Lydia ihre Interessen nicht mehr hinter Diplomatie versteckte.
„Dann wissen nur wir davon“, sagte Rose. „Und du.“
Faelyn hob eine Hand. „Bevor wir das festmachen: Wir müssen zurückkommen. Wir holen die Pflanze nicht, um sie mitzunehmen und danach direkt zur Kathedrale weiterzugehen. Wenn Halandir der Grund ist, weshalb wir das tun, muss Duskroot wieder hierher.“
„Natürlich“, sagte Rose. „Die Abkürzung wäre sonst keine Lösung für Hollow Brooks.“
Hybris ergänzte: „Und wenn die Pflanze nicht hilft, wissen wir wenigstens, dass wir unsere nächsten Schritte neu planen müssen. Ich will nur nicht, dass hier jemand so tut, als hätten wir gerade eine sichere Heilung gefunden.“
Lydia nickte dankbar. „Frede hat nie versprochen, dass es sicher funktioniert. Er hat nur gesagt, dass es das Einzige ist, von dem er noch glaubt, dass es helfen könnte.“
Pianwig sah zu Rose. „Dann ist die Reihenfolge klar. Rauskommen. Festung finden. Duskroot suchen. Zurückbringen. Erst danach reden wir über Kathedrale und Elben weiter.“
Rose neigte den Kopf. „So schlicht hätte ich es nicht formuliert, aber ja.“
„Frede?“
„Der muss nur wissen, dass wir Duskroot holen wollen“, sagte Pianwig. „Je weniger Leute den Zeitpunkt kennen, desto weniger können ihn aus Versehen verraten.“
Faelyn stimmte zu. „Wir sollten trotzdem nicht überstürzt los. Der Sumpf ist im Nebel schon bei normalem Weg gefährlich. Wenn Lydia einen sicheren Pfad kennt, nehmen wir uns die Zeit, ihn uns erklären zu lassen.“
Rose nickte. „Wir gehen heimlich, aber nicht blind.“
Söckchen schlug einmal mit dem Schweif. „Und wenn die Elben merken, dass wir weg sind?“
„Dann sind wir hoffentlich bereits weit genug draußen“, sagte Hybris.
Lydia sah zum Fenster. Draußen liefen Schritte über die Stege; jemand rief etwas, das im Holz und im Wasser unter ihnen verschwand. „Wenn ihr wirklich ohne sie gehen wollt, sagt nur mir Bescheid. Je weniger Leute davon wissen, desto geringer ist die Chance, dass daraus vorher noch ein Streit wird.“
Damit war die Entscheidung getroffen, auch wenn ihre Ausführung noch vor ihnen lag.
Für einen Moment blieb es still im Haus. Die Gruppe hatte ursprünglich nur durch Hollow Brooks hindurchgehen wollen. Wenige Stunden später planten sie einen heimlichen Aufbruch aus genau dem Dorf, dessen Bewohner sie zunächst kaum hatten betreten lassen, um für den Anführer jener Fremden eine Heilpflanze zu suchen, die den Ort selbst unter Druck setzten. Das war weder geradlinig noch besonders elegant. Es war allerdings die erste Lösung, die jedem Beteiligten zumindest eine reale Möglichkeit gab, seine Lage zu verbessern.
Rose sah Lydia an. „Wenn wir zurückkommen und Halandir geheilt wird, erwartest du dann, dass sie sofort gehen?“
„Ich erwarte gar nichts sofort. Aber dann haben sie keinen Grund mehr, Frede hier festzuhalten oder zu behaupten, Halandir könne nicht bewegt werden. Alles Weitere kann ich mit ihnen besprechen, wenn ihr Anführer selbst wieder sprechen kann.“
„Das klingt vernünftig“, sagte Faelyn. „Im Augenblick reden wir über eine Gruppe, deren wichtigste Person nicht einmal an der Entscheidung teilnehmen kann.“
Hybris verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Und falls Halandir aufwacht und sich als noch schlimmer herausstellt als Glaid?“
Lydia hob müde eine Schulter. „Dann haben wir wenigstens ein neues Problem statt immer dasselbe.“
Das brachte kein Lachen hervor, aber ein kurzes gemeinsames Ausatmen. Mehr Entlastung gab die Lage nicht her.
Hollow Brooks hatte ihnen innerhalb weniger Stunden mehr gegeben als einen Wegweiser. Die Siedlung war zu einem Zwischenziel geworden, das sie nicht einfach hinter sich lassen konnten: Ein verwundeter Assassinenführer lag mit Umbra in den Adern, sein Heiler wusste nicht weiter, seine Gefährten bedrängten ein Dorf, das sie zugleich schützten, und irgendwo in einer verlassenen Festung sollte eine Pflanze wachsen, die vielleicht genug änderte, um alle diese Probleme wenigstens in Bewegung zu bringen.
Rose sah in die Runde. „Dann machen wir es so. Wir bleiben hier nicht länger, als wir müssen. Sobald wir unauffällig aufbrechen können, gehen wir zur Halbwegsfestung, suchen Duskroot und kommen zurück.“
Faelyn sah zur Tür. „Wenn wir offen mit gepackten Sachen über die Stege laufen, merken sie, dass etwas nicht stimmt.“
Lydia nickte. „Dann legen wir den genauen Zeitpunkt erst fest, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Mehr sollten wir jetzt nicht besprechen.“
Pianwig verschränkte die Arme. „Mir reicht, dass nur Lydia davon weiß. Je länger wir hierbleiben, desto mehr Gelegenheit haben die anderen, sich in unseren Plan einzumischen.“
Hybris warf einen Blick zum Fenster. „Das ist mir recht. Ich möchte ungern aufwachen und feststellen, dass Glaid schon drei Leute mit gepackten Taschen vor die Tür gestellt hat.“
Rose strich über die Tischkante. „Dann ist das entschieden. Wir bleiben lange genug, um nicht wie Flüchtende auszusehen, und kurz genug, dass aus ihrem Angebot keine Begleitung wird.“
Hybris hob einen Finger. „Und wir sagen Anowyn vorher nicht, dass ihre drei Leute doch nicht mitkommen.“
„Genau.“
Faelyn lehnte sich zurück. „Das wird unangenehm, falls wir ihnen beim Hinausgehen begegnen.“
„Dann solltest du Ferex vielleicht nicht gerade erklären, dass du seinem Team beitreten willst“, sagte Hybris.
Faelyn sah ihn an. „Das war ein Scherz.“
„Failwin, ich bin sicher, er hat das völlig verstanden.“
„Wenn du diesen Namen noch einmal benutzt, bevor wir die Festung erreicht haben, lasse ich dich beim nächsten versunkenen Wagen selbst zurücklaufen.“
Hybris grinste. „Das klingt nicht nach einem Nein für später.“
Rose hob die Hand, bevor daraus ein längerer Schlagabtausch wurde. „Genug. Wir haben einen Plan.“
Der Satz brachte die Gruppe zurück zur Sache. Draußen brannte das Feuer von Hollow Brooks weiter, warm und hell genug, um die Stege für einige Schritte aus der dauernden Dunkelheit zu lösen. An seinem Rand saßen Waldschattenelben, die noch glaubten, am nächsten Aufbruch beteiligt zu werden.
Nur Lydia sollte wissen, dass die Gruppe beschlossen hatte, ohne sie zu gehen.
Cersei sah zum dritten Mal aus dem Fenster, bevor Hybris überhaupt bemerkte, dass sie das tat.
Bis dahin war es ein Abend wie viele andere gewesen, oder jedenfalls nah genug daran, dass ein zehnjähriger Junge die Unterschiede nicht sofort zählen musste. Das Feuer in der kleinen Kochstelle hielt die Hütte warm, auf dem Tisch warteten Schalen auf das Essen, und Hans saß auf seinem Platz und beschäftigte sich mit dem, was vor ihm lag, während draußen der Wald hinter der Lichtung schwarz zwischen den Palisaden stand. Über den strohgedeckten Dächern von Light Hope lag dieselbe Dunkelheit wie immer; sie gehörte zur Welt, so wie Regen, Hunger und die Geschichten darüber, was jenseits der Befestigungen lebte.
Hybris kannte diese Geschichten. Er kannte auch die Regeln, die aus ihnen entstanden waren. Man ging nicht allein in den Wald. Man verließ die Lichtung nicht ohne Grund. Wenn die Glocke schlug, diskutierte man nicht darüber, ob man wirklich gemeint war. Und solange das große Feuer in der Mitte des Dorfes brannte, fühlten sich die Regeln meistens an wie Dinge, die Erwachsene erfunden hatten, damit Kinder nicht an Orte liefen, an denen sie nichts verloren hatten.
Von der Tür ihrer Hütte bis zum Feuer waren es nur wenige Dutzend Schritte. Hybris hätte sie im Dunkeln gehen können, ohne darüber nachzudenken: an der Stelle vorbei, an der der Boden bei Regen zuerst weich wurde, um den Pfosten herum, an dem manchmal Werkzeug lehnte, dann auf den breiteren Teil des Platzes, wo man die Wärme schon spürte, bevor man die Flammen richtig sah. Light Hope war klein genug, dass beinahe jeder Weg irgendwann an diesem Feuer vorbeiführte. Es war Treffpunkt, Schutz und Orientierung zugleich. Selbst Kinder wussten, dass sein Holz kein gewöhnlicher Vorrat war, den man vergaß, wenn man müde wurde.
Jenseits der Häuser schlossen Palisaden und zwischen die Bäume gesetzte Wehrbauten die Lichtung ab. Nichts daran war prächtig. Die Befestigungen waren aus dem entstanden, was der Wald hergab und was seine Bewohner mit Händen, Werkzeug und Zeit aufrichten konnten. Für Hybris bedeuteten sie trotzdem Sicherheit. Hinter ihnen begann die Welt, in der Erwachsene leiser sprachen, wenn sie von Spuren erzählten, in der Jagdgruppen nicht ohne Waffen gingen und in der es Dinge gab, die vom Licht fernblieben, solange man Glück hatte.
Er hatte nie ernsthaft bezweifelt, dass Light Hope bleiben würde. Häuser konnten ein neues Dach brauchen, Pfosten konnten faulen, und manchmal kam jemand verwundet von einer Jagd zurück; das alles gehörte in dieselbe Kategorie wie schlechtes Wetter und knappe Vorräte. Das Dorf selbst war für ihn keine Sache, die verschwinden konnte. Kinder mussten an irgendetwas so glauben dürfen, ohne es jeden Abend neu zu begründen.
An diesem Abend war sein Vater noch nicht zurück.
Cersei rührte das Essen um, stellte den Löffel ab und warf wieder einen Blick zum Fenster. Diesmal folgte Hybris ihrem Blick. Draußen war nichts zu sehen außer einem Stück des Dorfplatzes, dem warmen Schein des Schutzfeuers und dahinter den dunklen Umrissen der Befestigung. Kein Trupp kam durch das Tor. Kein vertrautes Stimmengewirr kündigte die Jäger an.
„Mama, was, warum guckst du immer raus? Also, was ist denn, warum isst du nicht was?“
Cersei wandte sich ihm zu. Sie versuchte gar nicht erst, überrascht zu tun. „Ich frag mich tatsächlich, wo euer Vater bleibt.“
Hans hob den Kopf. Der Name Haralampos war länger als alles, was man brauchte, wenn man nur seinen kleinen Bruder vom Tisch wegholen oder ihn davor warnen wollte, irgendetwas Dummes anzufassen. Für Hybris war er Hans, und Hans sah jetzt ebenfalls zum Fenster, als könne die bloße Aufmerksamkeit zweier Kinder Jamie schneller nach Hause bringen.
„Vielleicht haben sie einfach mehr gefunden“, sagte Hybris. „Wenn die Jagd gut war, müssen sie das Zeug ja auch zurücktragen.“
„Vielleicht.“ Cersei nahm den Löffel wieder auf, ohne weiterzurühren. „Es wird trotzdem spät.“
Hybris sah zur Wand. Jamies Bogen war fort, ebenso die Dinge, die er für die Jagd mitgenommen hatte. Das schwere Langschwert hing noch dort. Es war zu groß für Hybris, um damit etwas Sinnvolles anzufangen, und wahrscheinlich gerade deshalb interessant genug, dass er es schon oft betrachtet hatte. „Ja, aber Mama, die haben ja Waffen, die können sich ja verteidigen. Wollen wir sie suchen gehen?“
Cersei schüttelte den Kopf, noch bevor er fertig gesprochen hatte. „Ich würde alleine gehen, du musst dich um deinen Bruder kümmern, ich will euch nicht in Gefahr rein.“
Hybris verzog den Mund. Die Antwort enthielt gleich zwei Dinge, die ihm nicht gefielen: dass sie gehen könnte, und dass er dabei zu Hause bleiben sollte. „Aber hast du dann ’ne Waffe?“
Ihr Blick folgte seinem zur Wand. „Im Zweifel wüsste ich mich zu verteidigen.“
Das war keine Antwort auf seine Frage und gleichzeitig eine viel interessantere. Hybris drehte sich ganz zu ihr. „Hast du damals schon was gekämpft oder so, oder wieso weißt du sowas? Gab es mal ’ne Zeit, wo du kämpfen musstest?“
Cersei ließ ein kurzes Geräusch hören, halb Seufzen, halb müdes Lachen. „Leben im Zeitalter des Umbra, hier muss jeder kämpfen. Das kommt für dich auch noch, mein Jüngchen.“
„Ich will aber eigentlich gar nicht weg“, sagte Hybris. „Also wenn Papa wieder da ist. Warum muss ich dann kämpfen lernen, wenn ich hierbleibe?“
Der Gedanke, Light Hope eines Tages freiwillig zu verlassen, war für ihn ungefähr so vernünftig wie der Vorschlag, das Dach abzubauen, weil es manchmal repariert werden musste. Es gab den Wald, und es gab das Dorf. Im Wald jagten Erwachsene, suchten Holz oder kamen mit Geschichten zurück. Im Dorf lebte man. Dass andere Leute an anderen Feuern dasselbe über ihre Orte dachten, war Wissen ohne Bedeutung.
Cersei sah ihn einen Augenblick an, als müsse sie entscheiden, wie viel Zukunft ein zehnjähriger Junge an einem Abend brauchte, an dem sein Vater zu spät war.
„Weil Hierbleiben nicht heißt, dass alles andere euch in Ruhe lässt.“ Sie stellte die Schale vor Hans und dann die nächste vor Hybris. „Ich hoffe, ihr braucht es nie. Das meine ich ernst. Aber hoffen ist kein Ersatz dafür, zu wissen, was man tut, wenn etwas durch die Palisade kommt.“
Hans sah zwischen ihnen hin und her. „Muss ich auch?“
„Nicht heute“, sagte Cersei.
Hybris grinste. „Siehst du? Ich zuerst. Wenn ich gut genug bin, musst du vielleicht gar nicht.“
„Das ist nicht, wie das funktioniert“, sagte Cersei.
„Könnte aber.“
Sie schob ihm die Schale näher. „Iss.“
Für einige Minuten gehorchten beide Jungen. Das Geräusch von Löffeln, das Knistern der Kochstelle und das fernere Knacken des großen Feuers draußen füllten die Hütte. Cersei setzte sich schließlich ebenfalls, doch ihre Aufmerksamkeit blieb geteilt. Jedes Mal, wenn draußen Schritte über den Dorfplatz liefen, hob sie den Kopf. Zweimal waren es Nachbarn. Einmal trug jemand Holz zum Schutzfeuer. Niemand kam zum Haus.
Hybris versuchte eine Weile, das Essen wichtiger zu machen als das Fenster. Das gelang ungefähr so lange, bis Cersei bei einem Geräusch draußen wieder innehielt. „Wenn du wirklich losgehst, gehst du dann allein?“
„Wenn ich gehe, dann sehe ich zuerst, ob noch jemand mitkommt.“
„Das ist besser als allein.“
„Deshalb habe ich es gesagt.“
Er schob einen Löffel durch seine Schale. „Und wir bleiben hier.“
„Ja.“ Cersei sah zu Hans und anschließend wieder zu Hybris. „Ihr bleibt im Haus. Wenn etwas passiert, nehmt ihr den Verschlag. Du weißt, wie.“
Hybris kannte ihn. Unter dem Bett lag eine flache, mit Brettern abgedeckte Grube, groß genug, dass zwei Kinder sich hineinzwängen konnten. Sie war keine gemütliche Geheimkammer und nie als solche behandelt worden. Das Stroh darüber diente dazu, die Öffnung zu verbergen; die wenigen Male, in denen Cersei ihnen gezeigt hatte, wie man hineinkam, hatte sie darauf bestanden, dass sie nicht damit spielten.
„Wenn nur Papa zu spät ist, brauchen wir den doch nicht.“
„Wenn nur euer Vater zu spät ist, nicht.“
„Und wenn irgendwas anderes ist?“
„Dann fragst du nicht lange, ob es wirklich nötig ist.“
Hybris nickte, zunächst mehr, um das Thema abzuschließen, als weil er die Möglichkeit ernst nahm. Hans hatte aufgehört zu essen und sah jetzt zu ihm. Hybris verzog das Gesicht zu einem Grinsen. „Du kriechst einfach zuerst rein. Dann weiß ich wenigstens, ob noch Platz ist.“
„Du bist größer.“
„Eben.“
Cersei schüttelte den Kopf, und für einen kurzen Moment war die Anspannung in ihrem Gesicht schwächer. „Ihr passt beide. Das haben wir ausprobiert.“
„Damals war ich kleiner.“
„So viel größer bist du seitdem auch nicht geworden.“
Hybris setzte zu einer Antwort an, überlegte es sich anders und aß demonstrativ einen weiteren Löffel. Wenn Jamie jetzt durch die Tür gekommen wäre, hätte sich der Abend wahrscheinlich in eine Geschichte darüber verwandelt, wie unnötig Cersei sich Sorgen gemacht hatte. Hybris hätte diese Version gern genommen.
Hybris bemerkte, dass Cersei kaum aß. „Wenn Papa später kommt, kannst du ihm sagen, dass wir ohne ihn angefangen haben. Dann ärgert er sich vielleicht und kommt morgen pünktlich.“
„Das werde ich ihm ausrichten.“
„Und wenn er nicht kommt?“ Hans stellte die Frage leise.
Cersei antwortete erst nach einem Atemzug. „Dann sehen wir, was wir tun müssen.“
Hans schob seine Schale ein Stück von sich weg. „Wenn Papa morgen wieder da ist, muss ich dann trotzdem zu Hause bleiben?“
Cersei sah zu ihm. „Morgen reden wir darüber, wenn wir wissen, was los ist.“
„Das heißt ja.“
Hybris grinste zu seinem Bruder. „Natürlich heißt das ja. Du bist sieben.“
„Du bist zehn.“
„Eben. Viel älter.“
„Drei Jahre.“
„In deinem Alter ist das fast die Hälfte.“
Cersei schloss kurz die Augen. „Ihr könnt euch gern weiter über Mathematik streiten, solange ihr dabei esst.“
Für wenige Atemzüge gewann der Alltag noch einmal. Hans nahm den Löffel wieder, Hybris sah zufrieden aus, weil er irgendeine Form von Sieg beanspruchen konnte, und Cersei saß mit ihnen am Tisch. Später würde Hybris sich nicht daran erinnern, was genau in den Schalen gewesen war. Er würde sich an das Fenster erinnern, an das Schwert und an die Glocke. Gerade deshalb blieb dieser kleine, bedeutungslose Streit wichtig: Er war das Letzte, was an jenem Abend noch gewöhnlich gewesen war.
Hybris mochte den Satz nicht. Erwachsene sagten solche Dinge, wenn es einen Plan gab, den sie Kindern noch nicht erklären wollten, oder wenn es keinen gab und sie verhindern wollten, dass jemand das bemerkte. Er wollte nachfragen, doch Cerseis Blick glitt wieder zum Fenster, und diesmal blieb er dort.
Die Alarmglocke schlug an.
Der erste Ton war so laut, dass Hans den Löffel fallen ließ. Der zweite ließ keinen Raum mehr für die Hoffnung, jemand könne sich vertan haben. Das Läuten raste über die Lichtung, metallisch und hart, und beinahe gleichzeitig veränderte sich draußen das Dorf. Stimmen wurden zu Rufen. Türen schlugen. Irgendwo bellte jemand einen Befehl, den Hybris nicht verstand.
Cersei war schon aufgestanden.
„Ihr wisst, was ihr tut.“
Jetzt war ihre Stimme anders. Die Unruhe vom Abend war verschwunden, nicht weil sie weniger Angst hatte, sondern weil für Unruhe keine Zeit mehr blieb. Sie griff unter das Bett, riss die darüberliegenden Bretter und das Stroh zur Seite und hob den Rahmen weit genug an, dass die verborgene Grube darunter frei wurde.
Hans sprang zuerst hinein. Hybris folgte, obwohl sein Körper in eine andere Richtung wollte: zur Tür, zum Fenster, irgendwohin, wo er sehen konnte, was geschah. Cersei wartete, bis beide im Verschlag lagen. Der Raum war eng genug, dass Hans’ Schulter gegen seine gedrückt wurde.
„Bleibt unten“, sagte sie.
Hybris sah zu dem Langschwert an der Wand. „Mama.“
Cersei folgte seinem Blick, ging hinüber und nahm die Waffe von den Halterungen.
Mit einer Hand.
Hybris vergaß für einen Augenblick die Glocke. Er hatte die Klinge oft gesehen und mehr als einmal versucht, sich vorzustellen, wie schwer sie sein musste. Cersei zog sie von der Wand, als hätte sie nie etwas anderes getan, prüfte den Griff und drehte sich zurück.
Stabile Alte, dachte Hybris.
Dann senkte sie das Bett über ihnen.
Dunkelheit schloss sich um die Brüder, nur an den Rändern sickerten schmale Streifen Feuerlicht durch Stroh und Bretter. Das Läuten draußen hielt an. Erst klang es wie ein Signal. Dann ging es zwischen Schreien und dem Krachen von Holz unter.
Hans griff nach Hybris’ Arm. „Was ist das?“
„Weiß ich nicht.“
„Kommt Mama wieder?“
„Natürlich.“ Hybris sagte es sofort, weil jede andere Antwort unbrauchbar gewesen wäre. „Die hat Papas Schwert.“
Etwas traf draußen gegen eine Wand. Die gesamte Hütte zitterte. Staub rieselte durch eine Ritze auf Hybris’ Wange, und irgendwo über ihnen fiel ein Gegenstand zu Boden. Schritte rannten vorbei, erst zwei, dann mehr. Jemand draußen schrie so nah, dass beide Jungen zusammenzuckten.
Hans’ Finger schlossen sich fester um seinen Arm.
Hybris flüsterte: „Nicht reden.“
Die Zeit im Verschlag verlor jede Form. Manchmal lagen zwischen zwei Geräuschen nur Atemzüge, manchmal so lange, dass Hybris glaubte, der Angriff könne vorüber sein. Dann folgte wieder ein Krachen, ein Schrei oder ein Geräusch, das er nicht kannte und auch später keinem Tier zuordnen konnte. Mehrmals vibrierte der Boden unter ihnen. Einmal klang es, als werde etwas Schweres über das Dach gezogen. Ein anderes Mal prasselte Regen plötzlich lauter auf die Hütte, vielleicht weil ein Teil des Strohs fortgerissen worden war.
Irgendwann roch die Hütte nach nasser Erde und Rauch. Der Geruch kam nicht aus der Kochstelle; er war schärfer, fremder und wechselte mit jedem Luftzug, der durch neue Ritzen drang. Hybris konnte nicht sehen, was draußen brannte, doch in seinem Kopf begann er das Dorf aus Geräuschen zusammenzusetzen. Ein Schlag links musste ein Zaun gewesen sein. Das Brechen weiter hinten vielleicht ein Dach. Schritte, die plötzlich abbrachen, bedeuteten etwas, worüber er nicht nachdenken wollte.
Hans zitterte an seiner Seite. In der Enge konnte Hybris jede Bewegung spüren. Er legte den Arm um seinen Bruder und zog ihn näher, obwohl sie dadurch kaum noch Platz hatten. „Mama hat gesagt, wir bleiben hier“, flüsterte Hans nach einer langen Weile.
„Dann bleiben wir hier.“
„Auch wenn sie nicht kommt?“
Hybris presste die Lippen zusammen. „Sie kommt.“
Es war das zweite Mal an diesem Abend, dass er eine Antwort gab, weil die Alternative nicht brauchbar war. Diesmal wusste er das selbst.
Von draußen kam ein Kreischen, hoch und rau zugleich, so laut, dass Hybris den Kopf einzog. Hans krallte sich an ihn. Das Geräusch entfernte sich wieder, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Danach hörten sie eine Stimme. Jemand rief nach einer anderen Person, einmal, zweimal, dann gar nicht mehr.
Hybris dachte an Cersei mit dem Langschwert. Eine Hand. Sie hatte die Waffe mit einer Hand genommen. Er hielt sich an diesem Bild fest, weil es besser war als alles, was der Lärm ihm anbot. Cersei konnte kämpfen. Erwachsene mussten kämpfen können, hatte sie selbst gesagt. Jamie konnte kämpfen. Die Leute im Dorf konnten kämpfen. Also musste irgendwann der Moment kommen, in dem draußen die richtigen Geräusche übrig blieben.
Stattdessen wurde es für eine Weile fast still.
Hans hatte irgendwann aufgehört zu weinen. Er hielt Hybris’ Ärmel noch immer fest und atmete so flach, dass Hybris zwischendurch den eigenen Atem anhielt, nur um sicherzugehen, dass der kleinere Bruder noch da war. In der Dunkelheit konnte er sein Gesicht kaum sehen. Er tastete nach Hans’ Hand und drückte sie einmal.
Hans drückte zurück.
Diese kleine Antwort wurde für einige Minuten zur ganzen Welt. Solange Hans zurückdrückte, waren sie zu zweit. Solange sie zu zweit waren, mussten sie nur warten. So einfach konnte ein Kind eine Nacht machen, die außerhalb des Verschlags gerade ein Dorf zerstörte.
Diese Stille war schlimmer. Solange jemand schrie, lief oder etwas gegen etwas anderes schlug, gab es noch Leute, die handelten. Jetzt hörte Hybris nur Regen und das Knacken von Holz. Er begann zu glauben, dass sie vielleicht wirklich warten müssten, bis Cersei das Bett anhob und sagte, es sei vorbei.
Hans begann leise zu weinen. Hybris legte ihm eine Hand auf den Mund, nicht grob, nur fest genug, dass sie beide daran erinnert wurden, was Cersei gesagt hatte. Sein eigener Atem war zu schnell. Er versuchte, langsam zu zählen, verlor die Zahl und fing wieder von vorn an.
Er dachte an Jamie. Vielleicht war die Jagdgesellschaft zurückgekommen und kämpfte draußen. Vielleicht war sein Vater sogar schon im Dorf und wusste nur nicht, wo sie waren. Vielleicht war Cersei bei ihm. Vielleicht war das alles bald vorbei, und dann würden Erwachsene erklären, was geschehen war, und die Kinder müssten nur noch so tun, als hätten sie keine Angst gehabt.
Dann kam ein Geräusch, das näher war als alle anderen.
Etwas schabte an der Außenwand entlang. Nicht wie jemand, der sich abstützte, sondern über eine größere Fläche, langsam genug, dass Holz splitterte. Hybris spürte Hans neben sich erstarren. Beide Jungen lagen so still, dass jeder Atemzug zu laut wirkte.
Das Schaben zog weiter.
Eine Stimme draußen rief etwas. Darauf folgte ein Schlag, ein kurzer Schrei und wieder dieses Kreischen.
Hybris presste die Stirn gegen den Rand des Verschlags. Er wollte Cersei rufen. Das Verbot lag ihm ebenso klar im Kopf wie die Angst: unten bleiben, nicht reden, warten. Noch gehorchte er.
Ein Teil der Wand brach.
Der Knall war so nah, dass Hans einen erstickten Laut in Hybris’ Hand machte. Durch die Ritzen fiel plötzlich mehr Licht, aber es war nicht das ruhige Orange der Kochstelle. Es flackerte unregelmäßig über den Boden. Ein Schatten schob sich durch den Raum, größer als jeder Erwachsene, den Hybris kannte, und blieb stehen.
Hybris hielt den Atem an.
Nichts geschah.
Dann bewegte sich das Bett.
Es hob sich nicht langsam, als würde jemand darunter greifen. Eine gewaltige Kraft riss es mit einem einzigen Ruck hoch und zur Seite. Stroh, Holzsplitter und ein Stück der Bettdecke flogen durch die Hütte. Regenluft schlug in den Verschlag.
Über den Brüdern hing etwas, für das Hybris keinen Namen besaß.
Ein riesiger Körper schwebte über den Dielen. Zwischen ihm und dem Boden blieb ein sichtbarer Spalt, obwohl die Masse aus Knochen, Haut und fremden Gliedmaßen schwer genug aussah, um jedes Brett darunter zu zerbrechen. Teile davon waren behaart, andere blank bis auf das Gerippe; verwesende Haut hing in Lappen zwischen Formen, die nicht zusammengehörten. Über allem saß ein Schädel, der entfernt an einen Hirsch erinnerte und dadurch nur schlimmer wurde. Er war zu groß, falsch proportioniert, und sein Geweih ragte noch weiter über ihn hinaus.
Eine Pranke hielt das Bett, als wäre es ein Deckel aus dünnem Holz.
Die andere kam nach unten.
Hans schrie.
Hybris griff nach seinem Bruder, erwischte Stoff, Haut, irgendetwas, doch die Finger der Kreatur schlossen sich schneller um den kleineren Körper. Hans wurde aus der Grube gehoben. Hybris hielt noch einen Augenblick an ihm fest, bis die Kraft ihn zwang loszulassen.
„Bruder, Hilfe!“
Hybris sprang hoch, obwohl er nichts hatte, womit er kämpfen konnte. Seine Finger kratzten an der Kante des Verschlags vorbei, fanden keinen Halt, erreichten Hans nicht. Die Klaue hob den Jungen vor den Schädel des Wesens.
Dann schloss sie sich.
Nicht schnell.
Hans wand sich, trat, schrie erneut. Hybris schrie seinen Namen zurück, bis seine Stimme riss. Die Finger der Kreatur verstärkten den Griff weiter, als prüfe sie etwas in der Hand. Hans’ Bewegungen wurden kleiner.
Schließlich hing er still.
Die Welt machte danach kein Geräusch weniger. Regen schlug gegen die zerstörte Hütte. Irgendwo brannte Holz. Leute schrien noch immer. Für Hybris war trotzdem nur das reglose Gewicht in der Klaue vorhanden.
Die Kreatur ließ Hans nicht zu Boden. Ihr Schädel drehte sich.
Zu Hybris.
Die Pranke kam erneut.
Er war zehn Jahre alt, unbewaffnet und hatte gerade gesehen, wie sein Bruder vor seinen Augen starb. Später hätte Hybris nicht sagen können, welcher Gedanke ihn in Bewegung setzte. Vielleicht gab es keinen. Sein Körper entschied schneller als alles, was in seinem Kopf noch funktionierte.
Er sprang aus der Grube, nicht unter dem schwebenden Leib hindurch, sondern seitlich daran vorbei. Eine Klaue fuhr hinter ihm über die Dielen. Etwas strich so nah an seinem Kopf vorbei, dass Luft seine Haare bewegte. Hybris prallte gegen einen umgestürzten Schemel, fing sich mit beiden Händen ab und rannte zur offenen Wand der Hütte.
Hinter ihm kreischte das Wesen.
Draußen regnete es.
Light Hope war fort.
Hybris stand einen Herzschlag lang im Regen und kannte die Lichtung trotzdem gut genug, um zu wissen, wo alles hätte sein müssen. Dort hatte ein Dach die Sicht auf den hinteren Wall verdeckt; jetzt lag es aufgebrochen im Weg. Dort war der breite Pfosten am Rand des Platzes gewesen; von ihm ragte nur noch ein gesplitterter Stumpf aus dem Schlamm. Der vertraute Abstand zwischen Haus, Feuer und Tor war derselbe geblieben, aber die Dinge, die diesen Abstand ausgefüllt hatten, lagen zerbrochen ineinander.
Er suchte automatisch nach bekannten Gesichtern und bereute jeden Blick, der auf einem Körper landete. Ein Teil von ihm wollte zu jedem Verwundeten laufen. Ein anderer wusste, dass die Kreatur noch hinter ihm war. Kinder konnten in einem sicheren Dorf glauben, dass Erwachsene immer entschieden, wem zuerst geholfen wurde. Auf diesem Platz war niemand mehr da, der diese Entscheidung für ihn traf.
Die Häuser standen noch an einigen Stellen, doch das Dorf, das Hybris am Abend gekannt hatte, existierte nur noch in Fetzen. Dächer waren eingebrochen, Palisaden aufgerissen, Wege voller Schlamm, Splitter und Körper. Verwundete lagen zwischen den Trümmern. Manche bewegten sich. Die meisten lagen still genug, dass Hybris nicht stehen blieb, um genauer hinzusehen.
Das große Feuer in der Mitte der Lichtung war erloschen.
Dieser Anblick traf ihn anders als die zerstörten Häuser. Ein Haus konnte man reparieren. Eine Palisade konnte neu gesetzt werden. Das Feuer hatte immer gebrannt, so lange Hybris sich erinnern konnte; Erwachsene trugen Holz dorthin, kontrollierten es, sprachen über seinen Schutz und behandelten seine Wärme wie etwas, das nicht ausgehen durfte. Jetzt lag die Feuerstelle schwarz und nass im Regen. Dünner Rauch kroch über verkohltes Holz.
Hybris drehte sich hektisch um. „Mama!“
Keine Antwort.
Er lief.
Beim nächsten Haus lag jemand unter einem Balken. Weiter vorn bewegte sich eine Gestalt auf Händen und Knien durch den Schlamm. Hybris sah zum Tor, weil das Tor ein Ausgang war und weil irgendwo jenseits davon Jamie sein musste, wenn er noch lebte. Vielleicht kamen die Jäger zurück. Vielleicht kamen sie genau jetzt.
Die Palisade am Hauptzugang war aufgebrochen. Kein Tor hing mehr dort, wo es sein sollte; nur Holzsplitter, zerdrückte Erde und ein breiter dunkler Weg führten aus der Lichtung.
Cersei lag dazwischen.
Hybris erkannte zuerst das Schwert. Die lange Klinge lag halb im Schlamm, noch immer in ihrer Hand. Dann sah er das Lederwams, dunkel vom Regen, und ihren Körper.
Er war bei ihr, bevor er wusste, dass er losgelaufen war.
„Mama.“
Cersei reagierte. Nur wenig, aber genug. Ihre Augen fanden ihn.
Hybris fiel neben ihr auf die Knie. Schlamm spritzte an seine Beine. „Ist Papa wieder da?“
Ob sie die Frage verstand, wusste er nicht. Falls Cersei antwortete, ging es im Regen, im entfernten Krachen und in Hybris’ Erinnerung verloren. Sie zog den Mund zu einem kleinen Lächeln, das mehr Kraft kostete, als ein Lächeln kosten sollte.
„Pass auf dich auf.“
Hybris schüttelte den Kopf. „Nein. Du musst— wir können noch—“
Mehr bekam er nicht zusammen.
Cerseis Blick blieb noch einen Augenblick bei ihm. Dann nicht mehr.
Hybris beugte sich über sie und klammerte sich an ihr nasses Lederwams. Er weinte mit dem Gesicht gegen ihre Brust, ohne darauf zu achten, dass Regen und Schlamm ohnehin jede Spur davon verwischten. Er wusste nicht, wie lange er dort blieb. Lange genug, dass der Körper unter ihm nicht wieder atmete. Kurz genug, dass das Kreischen aus Richtung ihres Hauses noch immer durch Light Hope ging.
Er sagte ihren Namen noch einmal, dann noch einmal leiser. Cersei hatte ihm wenige Minuten zuvor erklärt, dass jeder irgendwann lernen müsse zu kämpfen. Hybris hatte daraus eine Frage über Zukunft gemacht, über Training und darüber, ob er das Dorf überhaupt je verlassen wollte. Jetzt lag sie am offenen Tor, und nichts von dem, was sie ihm hätte beibringen können, half dabei, einen Toten wieder zum Atmen zu bringen.
Sein Blick glitt über ihre Hand am Schwertheft. Die Finger waren noch darum geschlossen. Hybris wusste nicht, ob sie bis zum Ende gekämpft hatte oder ob sie die Waffe einfach nicht mehr hatte loslassen können. Beides passte zu dem Bild, das er von ihr behalten wollte. Er legte kurz seine Hand auf ihre, klein gegen die ihre, und zwang sich dann, aufzusehen.
Der Platz war zu offen. Das Tor hinter Cersei war kein Schutz mehr, und aus Richtung des Hauses kam wieder das Geräusch von etwas Schwerem, das sich durch Trümmer bewegte. In der Dunkelheit hinter den zerstörten Gebäuden konnte Hybris keine Form erkennen, doch er brauchte sie auch nicht zu sehen. Sein Körper erinnerte sich bereits an die Klaue.
Das Geräusch brachte Bewegung zurück in seine Hände.
Hybris sah das Langschwert.
Er griff nach dem Heft und zog. Die Klinge löste sich aus Cerseis Hand, schleifte aber sofort durch den Schlamm. Hybris stemmte beide Hände dagegen. Er bekam die Spitze hoch, dann einen Teil der Klinge, doch das Gewicht zog seine Arme wieder nach unten.
„Komm schon.“
Er zog erneut. Das Schwert bewegte sich, aber nur langsam, viel zu langsam. Jeder Schritt würde damit zu einem Kampf gegen die Waffe selbst. Hinter den zerstörten Häusern bewegte sich etwas Großes.
Hybris verstand die Rechnung, obwohl er sie hasste.
Wenn er das Schwert mitnahm, starb er mit dem Schwert.
Er ließ los.
Die Klinge fiel in den Schlamm.
„Tut mir leid“, flüsterte er, ohne zu wissen, ob er mit Cersei, Jamie oder der Waffe sprach.
An Cerseis Gürtel fand er ein Messer. Das konnte er tragen. Am zerstörten Eingang brannte eine Fackel noch schwach genug, dass er sie aus einer Halterung reißen konnte. Feuer in einer Hand, Messer in der anderen: Das war alles, was von seinem Zuhause mit in den Wald ging.
Bevor er loslief, sah Hybris ein letztes Mal zurück. Das tote Feuer lag zwischen den Häusern wie ein schwarzes Loch im Dorfplatz. Kein Erwachsener rief ihn zurück. Niemand sagte ihm, welchen Weg er nehmen sollte, wo Jamie war oder ob irgendwo noch ein sicherer Raum auf ihn wartete. Zum ersten Mal in seinem Leben bestand eine Entscheidung nur daraus, dass Stehenbleiben schlimmer war als irgendeine Richtung vor ihm.
Hybris rannte durch das aufgebrochene Tor.
Hinter Light Hope lag der Wald, vor dem man ihn sein ganzes Leben gewarnt hatte. Jetzt war er der einzige Ort, an dem er nicht bleiben musste.
Die Fackel machte die Dunkelheit nicht kleiner; sie gab ihr nur einen Rand. Nasse Zweige schlugen gegen Hybris’ Arme, Wurzeln rissen an seinen Hufen, und mehr als einmal rutschte er auf aufgeweichtem Boden weg. Er stand jedes Mal wieder auf. Hinter ihm glaubte er Geräusche zu hören, wusste aber nicht, ob etwas folgte oder ob jeder brechende Ast inzwischen dasselbe Kreischen in seinem Kopf trug.
Er lief, bis seine Lungen brannten. Dann lief er weiter.
Das Messer wurde in seiner Hand glitschig. Die Fackel verlor Funken, fing sich wieder, verlor sie erneut. Hybris hielt beide fest. Er hatte Hans nicht festhalten können. Das Schwert hatte er zurücklassen müssen. Cersei hatte er nicht helfen können. Diese beiden Dinge würde er nicht auch noch verlieren.
Seine Hufe und die Sohlen seiner Füße schmerzten irgendwann so sehr, dass jeder Schritt einzeln durch seinen Körper schlug. Das Feuer vor ihm wurde zu einem verschwommenen orangefarbenen Fleck. Der Wald bestand nur noch aus Stämmen, Atem und dem nächsten Platz, an den er den Fuß setzen musste.
Der Wald veränderte sich im Laufen. Anfangs kannte Hybris noch einzelne Formen am Rand der Lichtung, Wege, die Jäger genommen hatten, Bäume, die aus Erzählungen oder kurzen Ausflügen vertraut waren. Danach blieb nur Fremde. Die Fackel warf Schatten, die sich mit jedem Schritt verschoben, und jedes Mal, wenn etwas hinter ihm knackte, zog sich sein Rücken zusammen.
Er wusste nicht, wohin er lief. „Weg“ war die einzige Richtung, die noch Bedeutung besaß.
Irgendwann wurde aus der Angst vor dem Wesen die Angst, dass die Fackel ausging. Dann die Angst, dass seine Beine nachgaben. Dann wieder Hans. Erinnerungen kamen nicht in Reihenfolge. Cerseis Hand am Schwert lag neben Hans’ Schrei, das Abendessen neben dem erloschenen Feuer, ihr „Pass auf dich auf“ neben dem Löffel, den Hans hatte fallen lassen.
Hybris lief durch all das hindurch.
Aus diesem Schmerz wurde ein anderer.
Hybris riss die Augen auf.
Hybris erwachte, bevor er verstand, dass er nicht mehr rannte.
Seine Beine waren angespannt, die Hände in die Decke gekrallt, und für einige Atemzüge blieb der Wald aus der Erinnerung näher als das Haus um ihn herum. Der Schmerz in den Hufen war verschwunden, doch sein Körper erwartete ihn noch. Erst die Wärme der Feuerstelle und das trockene Holz über seinem Kopf ordneten die Welt wieder: Hollow Brooks, Lydias Haus, die Nacht nach dem Gespräch mit den Waldschattenelben.
Nicht Light Hope.
Hybris setzte sich auf und wischte sich über das Gesicht. Seine Haut war feucht. In den Augen stand mehr, als er dort haben wollte, also rieb er noch einmal darüber, bis sich Schweiß und Tränen äußerlich ausreichend ähnlich sahen.
Die anderen wurden nach und nach wach. Niemand machte aus seinem Zustand sofort eine Angelegenheit. Söckchen sah etwas länger zu ihm herüber, sagte aber nichts; darin lag mehr Rücksicht, als eine Frage in diesem Augenblick gehabt hätte. Pianwig war ohnehin kein Mann, der einen Gefährten beim Aufwachen mit einer Untersuchung seiner Gefühle begrüßte. Rose brauchte einen Moment, um ihre Umgebung und anschließend sich selbst wieder in einen Zustand zu bringen, den sie für gesellschaftlich akzeptabel hielt, und Faelyn streckte sich noch mit der Vorsicht von jemandem, der am Vortag mehr auf Stegen und durch Sumpf gelaufen war, als sein Rücken gut fand.
Lydia war bereits wach.
Sie hatte an der Feuerstelle ein Frühstück vorbereitet, das mehr Großzügigkeit als Überfluss verriet. Es gab Eier von den wenigen Hühnern, die Hollow Brooks noch hielt, dazu einen warmen Brei, einige Beeren und Brot, das hart genug geworden war, um bei jedem Bissen an bessere Tage zu erinnern. Die Portionen waren nicht groß. Dass Lydia überhaupt fünf Gäste mitversorgte, bedeutete wahrscheinlich, dass sie später selbst weniger hatte.
Hybris nahm eine Schale, roch daran und probierte. Der Geschmack war schlicht, aber nach Greyrats Eintopf wirkte Schlichtheit beinahe wie eine kulinarische Richtung. „Das ist leckeres Müsli, was ihr hier anbietet. Sind da Beeren drin?“
Lydia sah vom Herd zu ihm. „Ja. Unter einem der Stege wächst noch ein kleiner Strauch. Viel ist da nicht dran, aber er hält sich.“
„Der Strauch hat meinen Respekt.“ Hybris nahm noch einen Löffel. „Wenn ich an seiner Stelle hier unten wachsen müsste, hätte ich längst aufgegeben.“
„Das Dorf wäre schlechter dran, wenn alle Pflanzen so denken würden.“
Die Antwort war trocken genug, dass Hybris beinahe lächelte. Beinahe reichte an diesem Morgen.
Lydia bemerkte trotzdem seine geröteten Augen. Sie sagte zunächst nichts, stellte nur die nächste Schale auf den Tisch. Erst als die anderen ebenfalls beschäftigt waren, fragte sie ruhig: „Alles in Ordnung?“
Hybris sah in den Brei. „Ja, das war ’n Albtraum, hab ich öfter. Nee, das bringt eh nichts, ist vorbei, kann man nichts mehr ändern.“
Lydia lehnte sich mit einer Hand an die Kante der Feuerstelle. „Wenn irgendwie Redebedarf ist, sag Bescheid.“
„Ist nett. Wirklich. Aber ich lebe schon eine ganze Weile damit.“
„Das heißt nicht automatisch, dass man nie darüber reden muss.“
Hybris hob eine Schulter. „Muss vielleicht nicht. Will ich gerade aber auch nicht.“
Lydia nickte, ohne beleidigt zu wirken. „Mehr als anbieten möchte ich es nicht. Ich weiß, dass es unangenehm sein kann. Wenn du Redebedarf hast, meld dich einfach.“
„Mach ich.“
Er wusste nicht, ob das stimmte. Es war trotzdem die höflichste Antwort, die er hatte.
Hybris spürte die Blicke der anderen nicht als Druck, eher als freie Stellen im Gespräch. Niemand zwang ihn, den Traum zu erklären. Genau das machte es leichter, am Tisch sitzen zu bleiben. Er konnte essen, den Löffel halten und so tun, als sei ein Teil seines Morgens gewöhnlich. Später würde vielleicht jemand fragen. Söckchen wahrscheinlich früher als die anderen, wenn sie glaubte, dass er wirklich etwas sagen wollte. Für den Moment genügte es, dass niemand aus seinem Gesicht eine Aufgabe machte.
Er kannte den Unterschied zwischen Verdrängen und Vertagen. Light Hope war nicht vergessen, nur weil er jetzt Brei mit Beeren aß. Die Erinnerung war zwanzig Jahre alt und heute Nacht trotzdem scharf genug gewesen, um ihn mit schmerzenden Beinen aufwachen zu lassen. Ein Frühstück würde das nicht lösen. Eine Unterhaltung am Tisch ebenso wenig.
Also nahm Hybris den nächsten Löffel.
Das Frühstück gab der Gruppe etwas Einfacheres zu tun als über Träume zu sprechen. Pianwig nahm, was auf den Tisch kam, ohne die Härte des Brotes zu kommentieren. Söckchen widmete den Eiern deutlich mehr Aufmerksamkeit als dem Brei. Rose probierte von allem und schaffte es, selbst ein knappes Sumpffrühstück so zu essen, als hätte sie sich lediglich für eine ungewöhnlich rustikale Variante entschieden. Faelyn fragte Lydia nach den Beeren und dem Weg, weniger aus kulinarischem Interesse als weil jede Pflanze, die in diesem Morast freiwillig wuchs, Aufmerksamkeit verdiente.
Erst als die Schalen leerer wurden, erinnerte sich Rose an das, was sie eigentlich in der Nacht hatten tun wollen.
„Wir wollten verschwinden, bevor eure Gäste merken, dass wir überhaupt aufbrechen.“
Lydia setzte sich nun ebenfalls. „Über Nacht heimlich aufbrechen, ist vielleicht auch gar keine so gute Idee. Die Geräusche, die ich da heute Nacht nach draußen gehört hab, laden nicht ein, das Dorf bei Nacht zu verlassen. Aber euer Plan steht nach wie vor, dass ihr zur Halbwegsfestung aufbrecht.“
„Er steht“, sagte Faelyn. „Wir brauchen den Weg zur Kathedrale sowieso, und wenn Duskroot tatsächlich dort wächst, lösen wir vorher noch ein Problem.“
„Mindestens eins“, sagte Hybris. „Wenn wir die Pflanze finden, Frede damit Halandir behandeln kann und die Waldschattenelben anschließend weiterziehen, habt ihr euer Dorf wieder mehr für euch. Wir kommen dafür näher an die Kathedrale. Das ist ein brauchbarer Tausch.“
Lydia nickte. „So sehe ich es auch. Wenn Frede Halandir wieder reisefähig bekommt, wäre uns allen geholfen.“
Rose ließ den Blick über den Raum gehen, als könne sie die politische Lage von Hollow Brooks an den Wänden ablesen. „Mal gucken, was sich machen lässt.“
„Wir geben unser Bestes“, ergänzte Söckchen.
Pianwig legte das letzte Stück Brot zur Seite. „Wir haben ohnehin zugesagt. Wenn das Zeug da wächst, nehmen wir genug mit.“
Damit war die Diskussion praktisch beendet. Nicht jeder musste denselben Grund haben, den Auftrag auszuführen. Hollow Brooks wollte seine Gäste loswerden, Frede wollte einen Verwundeten behandeln, die Waldschattenelben wollten ihren Anführer wieder auf die Beine bekommen, und die Gruppe wollte durch den Sumpf zur Kathedrale. Für den Moment zeigten all diese Interessen in dieselbe Richtung.
Faelyn sah in Richtung des zentralen Feuers draußen. „Wenn Halandir wirklich wieder reisen kann, verschwinden Ferex und Glaid wahrscheinlich von selbst. Dann müssen wir Lydia nicht dabei helfen, sie aus dem Dorf zu werfen.“
„Das wäre mir auch lieber“, sagte Lydia. „Sie sind bewaffnet, sie sind nicht dumm, und solange ihr Anführer hier liegt, glauben sie, dass alles um ihn herum ihrem Zweck dienen muss. Ein offener Streit würde Hollow Brooks mehr kosten als sie.“
Pianwig legte beide Unterarme auf die Knie. „Dann vermeiden wir den Streit. Wir holen die Pflanze. Danach ist es Fredes Problem, ob sie wirkt.“
Rose hob einen Finger. „Fredes medizinisches Problem. Politisch bleibt es ihres.“
„Wenn die Elben gehen, ist das politische Problem weg.“
„Im Idealfall.“
Hybris sah zwischen beiden hin und her. „Ich würde den Idealfall nehmen. Wir haben vor der Kathedrale wahrscheinlich noch genug Gelegenheiten, uns neue Probleme zu suchen.“
Söckchen nickte. „Und Halandir liegt da nicht aus Spaß. Wenn das Kraut hilft, sollten wir es sowieso mitbringen.“
Lydia antwortete darauf nicht sofort. Ihre Erleichterung war klein, aber sichtbar. Die Gruppe hatte am Vorabend zugesagt zu helfen; am Morgen wurde aus dieser Zusage etwas, das trotz Roses Widerwillen nicht mehr wie ein fremder Auftrag klang.
Lydia stand auf. „Ihr folgt einfach dem Weg entlang der Glöckchen.“
Rose hob die Brauen. „Der Weg der Glöckchen.“
„Genau, der geht hinter dem Dorf weiter. Ihr müsst dann aber aufpassen, ein paar von diesen Glöckchen funktionieren nicht mehr, sind auch vielleicht teilweise weg. Ihr müsst echt genau hinhören, dass ihr den Weg nicht verliert. Und dann ist es bis zur Halbwegsfestung ungefähr ein halber Tagesmarsch. Wie gesagt, kommt nicht vom Weg ab, dann sollte es kein Problem sein.“
„Das ‚sollte‘ gefällt mir nicht“, sagte Hybris.
„Der Sumpf interessiert sich nicht dafür, was mir gefällt.“
„Das haben wir schon festgestellt.“ Hybris sah auf seine Hufe. Die geräuschdämpfenden Hufschuhe, die ihn früher noch halbwegs lautlos hatten gehen lassen, lagen irgendwo unter mehreren Schichten Morast bei der versunkenen Kutsche. „Falls wir wieder schleichen müssen, wird das diesmal interessanter.“
Rose musterte seine Hufe und anschließend den Saum ihres Kleides. „Im schlimmsten Fall kann ich Stoff abschneiden. Dann wickeln wir etwas darum.“
Hybris sah demonstrativ auf das Kleid. „Das würde ich gern schriftlich haben.“
„Ich habe gesagt im schlimmsten Fall.“
„Genau deshalb.“
Die Bemerkung war leicht genug, um die Stimmung am Tisch für einen Augenblick anzuheben. Danach wandte Lydia sich dem praktischen Teil zu.
„Ich werde nach vorne gehen und unseren Besuch ablenken.“
Söckchen legte den Kopf schief. „Wie genau?“
„Ich gehe vorne raus und versuche, die Elben irgendwie in ein Gespräch zu verwickeln oder anderweitig abzulenken, dass sie es nicht mitbekommen, und ihr macht euch auf den Weg.“
Faelyn sah in Richtung Tür. „Die sitzen gern am Feuer. Wenn du sie dort hältst, reicht das vermutlich schon.“
„Darauf hoffe ich.“
Lydia führte sie an den Rand des erhöhten Sitzbereichs. Dort lag eine Falltür so in das Holz eingelassen, dass sie zwischen Möbeln und Schatten leicht übersehen werden konnte. Sie öffnete sie, und feuchtwarme Luft stieg aus der Dunkelheit darunter herauf.
„Die solltet ihr nehmen, dann kommt ihr unter dem Steg raus und dann haltet euch einfach entlang des Steges. Da könnt ihr euch auch am Steg festhalten, dass ihr nicht untergeht in dem Morast hier.“
Rose beugte sich über die Öffnung und blickte hinab. „Hast du noch ein kleines Feuerzeug oder so für mich, damit ich mehr Licht machen kann für da unten?“
Lydia gab ihr zwei Feuersteine und deutete zur Kochstelle. „Trockenes Holz liegt da. Nehmt euch, was ihr für zwei Fackeln braucht.“
Rose und Faelyn machten sich daran, Holz und Stoff so zu befestigen, dass daraus brauchbare Fackeln wurden. Söckchen beobachtete die Flammen. Ihre eigenen Fähigkeiten konnten mit bestehendem Feuer arbeiten, aber keine Flamme aus leerer Luft erzeugen; ein Herd war deshalb in diesem Augenblick wertvoller als jede beeindruckende Erklärung von Magie.
Hybris sah noch einmal über die Vorräte. „Schinken hast du zufällig auch?“
Lydia antwortete, ohne aufzusehen. „Da ist kein Schinken.“
„Man kann fragen.“
Als alles vorbereitet war, stellte Rose sich mit der brennenden Fackel an die Öffnung. „Ich hab das Feuer, ich geh vor.“
„Dann geh langsam“, sagte Pianwig. „Wenn du unten stecken bleibst, hängen wir sonst alle hinter dir.“
Rose warf ihm einen Blick zu, der an einem weniger großen Mann möglicherweise Folgen gehabt hätte, und stieg hinab.
Söckchen folgte, indem sie sich mit angelegten Flügeln durch die Öffnung bewegte. Hybris kam danach, Faelyn hinter ihm. Pianwig brauchte am längsten. Für einen Riesen war die Falltür weniger ein Ausgang als eine persönliche Beleidigung des Zimmermanns; er drehte sich, senkte eine Schulter und schaffte es schließlich, ohne das halbe Haus mitzunehmen.
Kurz bevor Lydia ging, sah sie noch einmal nach unten. Das Licht der Fackeln reichte gerade weit genug, dass Hybris ihr Gesicht erkennen konnte. Hoffnung machte Leute manchmal schöner und manchmal älter. Bei Lydia tat sie beides.
Hybris lächelte kurz zu ihr hinauf.
Dann schloss sich die Falltür.
Über ihnen wurden Schritte hörbar. Lydia bewegte sich durch das Haus, öffnete die Tür und ging hinaus. Für einige Atemzüge drangen Stimmen gedämpft durch Bretter und Steg nach unten; die Worte waren nicht zu verstehen, doch ihr Plan hatte begonnen. Jetzt gab es keinen guten Grund mehr, unter dem Haus zu warten.
Rose hob die Fackel. „Los.“
Unter Hollow Brooks war der Sumpf näher.
Die Stelzen verschwanden im dunklen Wasser und Morast, zwischen ihnen liefen Balken und Verstrebungen, an denen sich die Gruppe entlangarbeiten konnte. Rose hielt die Fackel hoch, doch ihr Licht wurde von feuchtem Holz und Nebel geschluckt. Unter den Stegen war es eng genug, dass Pianwig sich stellenweise seitlich bewegen musste.
Schon nach den ersten Schritten sank Hybris tiefer ein, als ihm lieb war. Er packte einen Balken über sich und zog einen Huf aus dem Schlamm. „Ich vermisse meine Schuhe.“
„Die vermissen dich nicht“, sagte Faelyn hinter ihm. „Die haben jetzt eine Kutsche.“
„Dann hoffe ich, sie sind glücklich.“
Rose ging vorn weiter, einen Arm an der nächsten Verstrebung, die Fackel in der anderen Hand. „Könnt ihr euer Wiedersehen später planen? Ich möchte hier heraus, bevor die Ablenkung oben vorbei ist.“
Der Weg unter den Stegen war unangenehm, aber eindeutig. Solange Holz über ihnen verlief, wussten sie wenigstens, in welche Richtung Hollow Brooks auslief. Die Balken gaben Halt, wenn der Boden unter einem Fuß plötzlich weicher wurde. Söckchen hatte es leichter, weil sie knapp über dem Morast fliegen konnte, musste aber zwischen den Stützen auf ihre Flügel achten.
Schließlich senkte sich ein Steg über eine grobe Rampe zum Sumpfboden. Jenseits davon standen die ersten hohen Pfähle mit kleinen Glöckchen.
Hybris wartete, bis Söckchen neben einem der Stäbe vorbeikam, und deutete auf sie. „Guck mal. Ein Söckchenstöckchen. Mit Glöckchen.“
Niemand lachte.
Hybris ging einfach weiter.
Rose löschte die Fackel nicht. Das Feuer machte sie sichtbar, aber hier draußen gab es keinen Grund mehr, den Waldschattenelben etwas vorzuspielen. Vor ihnen lag die Crow Marsh, feucht, dicht und von einem Nebel überzogen, der bereits höher stand als am Vortag.
Hinter ihnen war Hollow Brooks aus dieser Perspektive kaum als Dorf zu erkennen. Die Plattformen standen über ihnen, von Ranken und Stützen getragen; durch Lücken fiel gelegentlich Licht vom zentralen Feuer. Wer nicht wusste, wo die Siedlung lag, hätte im Nebel vielleicht nur einige Pfähle und Fackeln gesehen. Genau dieser Schutz machte verständlich, weshalb Lydia einen offenen Konflikt vermeiden wollte. Ein Ort auf Stelzen konnte sich nicht leisten, dass bewaffnete Elben und fünf Fremde zwischen Häusern und Leuchtfeuer einen Krieg begannen.
Hybris zog sein Gepäck zurecht und prüfte das Seil ein zweites Mal. Nach der Kutsche hatte er keine Lust, den Sumpf noch einmal ohne einen Plan zu betreten. Der Plan war dünn: Glocken hören, Pfosten sehen, nicht versinken. In der Crow Marsh zählte das bereits als Vorbereitung.
Die Glöckchen klingelten leise im Wind.
Der Ton war dünner als am Vortag, weil der Wind schwächer ging. Gerade deshalb mussten sie genauer zuhören. Ein einzelnes Klingeln konnte hinter einem Stamm verschwinden, bevor man sicher war, aus welcher Richtung es gekommen war. Lydia hatte ihnen nicht einfach eine Straße beschrieben. Sie hatte ihnen ein System aus Geräuschen überlassen, das nur so lange funktionierte, wie genug Teile davon noch standen.
Faelyn ging an den ersten Pfahl und prüfte den Boden darum. „Wenn die Markierungen verschwinden, bleiben wir stehen und suchen die nächste. Kein Raten.“
Rose nickte. „Einverstanden.“
Pianwig sah in den Nebel. „Und wenn wir keine finden?“
Hybris klopfte auf sein Seil. „Dann improvisieren wir. Aber erst, nachdem der vernünftige Plan aufgehört hat zu funktionieren.“
„Das ist also der sichere Weg“, sagte Pianwig.
Hybris sah auf einen Pfahl, dessen Glocke schief hing. „Beruhigend, dass der sichere Weg selbst schon kaputtgeht.“
Sie setzten sich in Bewegung.
Anfangs war die Route gut zu verfolgen. Die Pfähle standen in regelmäßigen Abständen, manchmal ergänzt durch einfache kreuzförmige Zeichen. Doch nach einer Weile fehlten die ersten Glocken. Dann standen nur noch leere Stäbe im Schlamm. Einer war ganz umgefallen, ein anderer so von Pflanzen überwachsen, dass Faelyn ihn erst bemerkte, als er direkt danebenstand.
Der Nebel stieg weiter. Pianwig ragte noch deutlich daraus hervor, bei Rose und Hybris stand er bald bis über die Hüften. Söckchen verschwand darin fast vollständig, sobald sie nicht flog.
Rose blieb stehen. „Wir verbinden uns.“
Hybris griff bereits nach seinem Gepäck. „Braucht jemand noch ein Seil?“
Faelyn sah ihn an. „Du klingst jedes Mal überrascht, dass du eins hast.“
„Ich bin jedes Mal erfreut, dass ich rechtzeitig eins eingepackt habe.“
Das Seil reichte nicht, um alle bequem in einer langen Reihe zu sichern. Sie banden es so, dass mehrere von ihnen wenigstens direkten Kontakt hielten. Söckchen blieb ungebunden; sie konnte fliegen und dicht über der Gruppe bleiben. Pianwig ging hinten. Durch seine Größe war er die beste Garantie, dass eine kleine schwarze Einhornsilhouette im Nebel nicht unbemerkt verschwand.
Die ersten hundert Schritte funktionierte die Lösung besser, als Hybris erwartet hatte. Das Seil machte aus fünf einzelnen Entscheidungen eine gemeinsame Bewegung: Wer vorne stehen blieb, zwang die anderen zum Warten; wer hinten stolperte, gab ein kurzes Ziehen weiter, bevor der Sumpf daraus einen Sturz machen konnte. Es war unbequemer als frei zu gehen und genau deshalb sicherer.
Mehr als einmal erwies sich ein scheinbar fester Fleck als dünne Pflanzenschicht über weichem Schlamm. Rose testete den Boden mit dem Fuß, Faelyn mit Blick und Erfahrung, Hybris gelegentlich mit einer pragmatischen Geringschätzung des eigenen Schuhwerks. Pianwig brauchte die meisten Tests nicht, weil sein Gewicht jede Fehleinschätzung sofort eindeutig machte; wenn der Boden unter ihm hielt, reichte er für alle anderen erst recht.
Dann führte der vermeintliche Pfad an einen Bereich, in dem zwei Pfosten fehlten und nur noch ein schiefes Stück Holz aus dem Wasser ragte.
Bis dahin hatte das Seil vor allem beruhigt. Sobald der Boden schlechter wurde, verwandelte es sich in ein Werkzeug, das Aufmerksamkeit verlangte. Wenn Rose vorn einen festeren Tritt fand und zu schnell weiterging, spannte es sich an Hybris’ Hüfte; blieb Faelyn hinter ihm stehen, um eine Spur zu prüfen, zog es in die andere Richtung. Pianwig musste den Abstand so wählen, dass seine deutlich längeren Schritte nicht gleich drei andere aus dem Gleichgewicht brachten.
„Nicht ziehen“, sagte Rose, nachdem das Seil sie zum zweiten Mal an der Taille zurückhielt.
„Dann geh nicht so schnell“, antwortete Hybris. „Das ist keine Parade. Wenn du vorne in ein Loch fällst, möchte ich wenigstens Zeit haben, darüber nachzudenken, ob ich dich rausziehe oder zuerst das Seil löse.“
„Du ziehst mich raus.“
„Wahrscheinlich.“
Pianwig bewegte sich hinter ihnen durch den Nebel. „Wenn einer fällt, bleibt der Rest stehen. Sonst zieht ihr euch nur gegenseitig hinterher.“
Rose drehte den Kopf ein Stück. „Das war ohnehin der Plan.“
„Gut.“
Es war bezeichnend für Pianwig, dass er den Satz nicht als Einwand, sondern als Bestätigung behandelte. Danach passten sie ihren Rhythmus besser an. Wer festen Boden fand, sagte es weiter. Wer einen Schritt testete und merkte, dass der Schlamm zu schnell nachgab, nahm ihn zurück. Die Methode war langsam, aber nach der Kutsche und den Geistern vom Vortag hatte niemand mehr Ehrgeiz, die Crow Marsh durch Geschwindigkeit zu beeindrucken.
Der Sumpf blieb trotzdem anstrengend. Die Luft war so feucht, dass Atem und Schweiß kaum noch voneinander zu unterscheiden waren. Nebel sammelte sich auf Kleidung, Fell und Rüstung, während unter ihnen der Morast bei jedem Schritt saugte. Insekten summten knapp über der Wasseroberfläche. Weiter draußen riefen Vögel, dann verstummten sie wieder, ohne dass die Gruppe einen Grund dafür erkennen konnte.
Hybris hörte genauer auf die Glöckchen als auf die Tiere. Ein heller Ton rechts konnte bedeuten, dass dort noch ein Pfahl stand. Ein dumpferes Klingeln weiter vorn verriet manchmal nur Wind. Das System funktionierte, solange genug davon übrig war, und genau darin lag das Problem: Lydia hatte nicht übertrieben. Manche Glocken waren stumpf, andere fehlten ganz. Je weiter sie kamen, desto öfter mussten sie aus Lücken einen Weg zusammensetzen.
Faelyn blieb an einem halb umgeknickten Pfosten stehen und strich mit den Fingern über das Holz. „Der ist nicht gestern gefallen.“
„Hilft uns das?“, fragte Rose.
„Nur insofern, dass wir nicht auf eine frische Zerstörung reagieren. Der Weg verfällt einfach.“
„Das ist kaum besser.“
„Ich habe nicht gesagt, dass es besser ist.“
Söckchen flog ein kleines Stück nach vorn, kam sofort wieder zurück und landete auf einer festen Stelle. „Da ist noch einer. Aber ohne Glocke.“
Hybris deutete auf den nächsten Schatten im Nebel. „Solange noch Pfähle da sind, nehme ich auch die stumme Version.“
Sie fanden drei weitere Markierungen. Danach keine.
Faelyn kniete sich an den Rand des festeren Bodens und betrachtete Schlamm, Wurzeln und die wenigen Pflanzen, die hier wuchsen. „Wenn das ein Weg war, wird er nicht völlig verschwunden sein. Wir müssen nur erkennen, auf welcher Seite die Leute weitergegangen sind.“
„Und wenn sie im Sumpf weitergegangen sind?“, fragte Rose.
„Dann waren es vermutlich nicht viele.“
Söckchen breitete die Flügel aus. „Ich sehe von oben nach.“
Hybris sah sofort zu den Baumkronen. „Nicht zu hoch. Gestern war da oben schon genug Zeug unterwegs, das ich nicht kennenlernen wollte.“
„Ich fliege nur über den Nebel.“ Söckchen trat näher an den Rand des Pfades. „Was genau soll ich suchen?“
Faelyn deutete in die bisherige Richtung. „Eine weitere Glocke, einen Pfosten, irgendetwas, das nach Weg aussieht. Und wenn du nichts findest, komm zurück, bevor du rätst.“
„Mach ich.“
Söckchen stieg auf.
Für die anderen bedeutete ihr Flug zunächst nur Warten. Rose hielt die Fackel so, dass der Rauch nicht direkt in ihr Gesicht zog, Faelyn beobachtete die wenigen Stellen, an denen Pflanzen aus dem Wasser ragten, und Pianwig stand so ruhig, dass er im Nebel beinahe wie ein weiterer dunkler Pfahl wirkte. Hybris hob den Kopf und versuchte, Söckchens Flügelschläge von dem Rascheln in den Kronen zu unterscheiden.
„Wenn da oben etwas nach ihr schnappt, komm ich nicht schnell genug hin“, sagte er leise.
Pianwig sah ebenfalls nach oben. „Dann muss sie runterkommen.“
„Das ist mir bewusst.“
„Ihr auch.“
Hybris warf ihm einen kurzen Blick zu und nickte. Pianwig hatte recht. Söckchen kannte ihr eigenes Risiko; Sorge änderte nichts daran, dass sie diejenige war, die am besten sehen konnte. Hybris mochte nur Situationen nicht, in denen eine Freundin außer Reichweite geriet und er nichts außer Warten beitragen konnte.
Der Nebel schluckte zuerst ihre Beine, dann den Körper. Nur kurz war die schwarze Gestalt über der weißen Fläche zu sehen. Sie flog nicht bis in die Kronen; dort oben bewegte sich etwas zwischen Ästen, und das trockene Rascheln reichte, um Vernunft attraktiver zu machen als bessere Aussicht.
Nach wenigen Minuten kam Söckchen zurück. „Da vorne ist eine Lichtung. Nicht sehr weit. Ich habe keine durchgehende Reihe von Glocken gesehen, aber die Richtung passt.“
Sie schüttelte kurz die Flügel, auf denen sich feiner Nebel gesammelt hatte. „Oben ist es auch nicht viel besser. Nur heller. In den Bäumen ist irgendwas unterwegs, also würde ich da nicht länger rumfliegen als nötig.“
Hybris nickte sofort. „Dann bleibst du in Sichtweite.“
Söckchen sah ihn an. „Das hatte ich sowieso vor.“
„Gut.“
Er fügte nichts hinzu. Sorge musste nicht jedes Mal als Misstrauen verkleidet werden; bei Söckchen konnte er davon ausgehen, dass sie den Unterschied kannte.
„Siehst du einen besseren Weg?“, fragte Pianwig.
„Nein. Nur weniger Bäume.“
Rose zog am Seil, bis alle wieder näher beieinander standen. „Dann nehmen wir das als nächsten Punkt. Langsam. Niemand geht allein voraus.“
Söckchen flog in kurzen Bögen zwischen Gruppe und Nebelrand, immer weit genug, um die Richtung zu halten, nie so weit, dass Pianwig sie nicht mehr erkennen konnte. Der Boden wechselte zwischen trügerisch festen Inseln und Stellen, die bereits beim ersten Gewicht nachgaben. Mehr als einmal mussten sie einander am Seil zurückziehen.
Nach einer Weile wurden die Bäume vor ihnen dünner.
Die Lichtung lag tatsächlich dort.
In ihrer Mitte stand eine Weide, so groß und tot, dass niemand sie für einen Ruheplatz hielt, sobald sie nah genug waren, um die Äste zu erkennen.
Aus der Entfernung hatten die Dinge in den Ästen wie Stoff ausgesehen.
Das war die freundlichste Deutung, die die Lichtung zuließ, und sie hielt nur so lange, bis die Gruppe näherkam. Zwischen den bleichen Zweigen der gewaltigen Weide hingen tatsächlich Kleidungsstücke, doch manche davon trugen noch Körper. Andere waren um Knochen gewickelt oder hatten sich in den Resten verfangen, die der Wind gegeneinanderschlug. Tierkadaver, menschliche Überreste und einzelne zusammengebundene Knochen bewegten sich über den Köpfen der Reisenden wie ein Windspiel, das niemand hätte bauen sollen.
Der Boden unter dem Baum war festgetreten. Zahlreiche Hufe oder schwere Schritte hatten den Schlamm so oft verdichtet, dass die Gruppe nicht mehr tief einsank. Nichts wuchs dort.
Das allein hätte die Lichtung schon seltsam gemacht. Der übrige Sumpf verschluckte jeden Schritt, doch hier war der Boden von so vielen Bewegungen zusammengedrückt worden, dass er beinahe hart wirkte. Faelyn ging in die Hocke, ohne die Mitte zu betreten, und betrachtete die Spuren. Zu viele lagen übereinander, alt und neu durcheinander, als dass sich daraus eine klare Zahl oder Richtung lesen ließ.
„Da war einiges unterwegs“, sagte er.
Rose sah nach oben. „Offensichtlich.“
„Ich meine auf dem Boden. Nicht nur die Dinge im Baum.“
Hybris folgte einer breiten, inzwischen wieder halb mit Wasser gefüllten Vertiefung. „Und nichts davon hat den Baum gefällt. Das ist schade.“
Pianwig prüfte die Entfernung zum Stamm. „Vielleicht hatten sie denselben Plan wie wir und sind weiter.“
„Das wäre im Moment mein Lieblingsplan.“
Ein Windstoß ging über die Lichtung. Mehrere Knochen schlugen gegeneinander, Stofffetzen flatterten auf und gaben für Sekunden Formen frei, die vorher verdeckt gewesen waren. Niemand musste näher herangehen, um zu erkennen, dass manche Körper schon lange dort hingen und andere nur schwer einzuschätzen waren. Der Baum machte aus den Toten keine Gräber. Er stellte sie aus.
Hybris betrachtete den Baum und sagte, bevor er es sich anders überlegen konnte: „Das sieht ein bisschen aus wie zu Hause.“
Die Worte kamen leichter heraus, als sie sich in ihm anfühlten. Sein Traum lag erst Stunden zurück; tote Körper in einem Baum waren nicht Light Hope, und genau deshalb wollte er den Vergleich sofort wieder zurücknehmen. Söckchen rettete ihn davor, indem sie nach oben sah und sagte: „Die Oma hat schon gesagt, Weiden sollst du meiden.“
Faelyn hob den Blick zu ihr. „Hat sie das wirklich gesagt?“
„Bestimmt irgendwann.“
Ein kleiner Knochen schlug im Wind gegen einen größeren. Das trockene Klacken trug über die Lichtung.
Söckchen legte die Ohren etwas zurück. „Ja. Oma hatte recht.“
Rose ging langsamer. Der Baum bewegte sich nur im Wind, doch die Art, wie die langen Äste herunterhingen, machte es schwer, sie als gewöhnliche tote Pflanze zu behandeln. „Niemand fasst etwas an.“
„Das hatte ich nicht vor“, sagte Pianwig.
Hybris sah auf einen Stofffetzen, der zu hoch hing, um zufällig dort gelandet zu sein. „Ich würde trotzdem gern wissen, ob da irgendwas drinsteckt, das uns gleich anspringt.“
Rose zog die Schultern zurück. „Dann finde ich es heraus.“
Faelyn drehte sich zu ihr. „Musst du dafür näher ran?“
„Nah genug.“
„Das ist keine Entfernungsangabe.“
Rose antwortete nicht, sondern ging bis auf ungefähr einen halben Meter an den Stamm heran. Aus der Nähe war die Rinde grau und aufgerissen. Zwischen den Spalten saß dunkle Feuchtigkeit. Sie hob die Hände und begann den Zauber, mit dem sie verborgene Dinge sichtbar machen konnte.
Die Magie gehorchte ihr zunächst. Kraft sammelte sich, bekam Richtung, drängte auf den Stamm zu.
Dann verschwand sie.
Kein Aufleuchten, keine verborgene Spur, keine sichtbare Reaktion des Baumes. Die Wirkung wurde nicht abgewehrt wie ein Schlag, der auf Widerstand traf; sie verlor sich, als hätte etwas den Zauber aus der Welt genommen, bevor er sein Ziel erreichte.
Rose stand einen Atemzug zu lange still.
Das Scheitern war nicht spektakulär genug, um harmlos zu sein. Hätte der Stamm Funken zurückgeschleudert oder eine sichtbare Barriere gezeigt, hätte Rose einen Gegner benennen können. Stattdessen war ihre Magie einfach fort. Sie sah auf ihre Hände, als müsse dort wenigstens ein Rest des Zaubers zu finden sein, dann auf die Rinde.
Faelyn hob den Bogen nicht, hielt ihn aber so, dass er nicht erst danach greifen musste. „Hat es wehgetan?“
„Nein.“ Rose klang darüber beinahe verärgerter. „Es hat gar nichts getan.“
„Dann würde ich es dabei belassen.“
„Ich hatte nicht vor, denselben Zauber so oft dagegenzuwerfen, bis der Baum aus Mitleid antwortet.“
Dann ging sie rückwärts.
Hybris sah von ihr zum Baum. „Also, immerhin wissen wir jetzt, dass da etwas ist, das Magie schlucken kann.“
„Der Baum hat mich abgewehrt.“
„Möchtest du drüber reden?“
„Nein.“
Das war eindeutig genug, dass selbst Hybris nicht nachsetzte.
Faelyn umrundete den äußeren Rand der Lichtung, ohne unter die tiefsten Äste zu treten. Hinter der Weide fand er zwei weitere Pfähle. An beiden hingen noch Glöckchen. Eines bewegte sich kaum, das andere gab im Wind einen hellen Ton von sich.
„Der Weg geht weiter“, sagte er. „Auf der anderen Seite.“
Pianwig blickte noch einmal zum Baum. „Dann gehen wir.“
Niemand widersprach.
Beim Verlassen der Lichtung ging Pianwig zuletzt. Seine Größe zwang ihn näher an einige herabhängende Äste, als ihm lieb war. Er duckte sich unter einem bleichen Zweig hindurch, an dem mehrere Stoffstreifen hingen, und wartete, bis auch dieser wieder ruhig im Wind schwang, bevor er den anderen folgte.
Söckchen flog diesmal tiefer. Der freie Raum über der Lichtung hatte kurz verlockend gewirkt, doch zwischen den Ästen war genug hängen geblieben, um Höhe nicht mit Sicherheit zu verwechseln.
Hybris sah nicht zurück. Ein toter Baum war nicht Light Hope, und er hatte kein Interesse daran, seinem Kopf zusätzliche Gemeinsamkeiten anzubieten.
Sie ließen die tote Weide hinter sich, ohne zu erfahren, wer die Körper in ihre Äste gebracht hatte, weshalb der Boden so zertrampelt war oder was Roses Zauber verschluckt hatte. In einer weniger gefährlichen Welt wären drei unbeantwortete Fragen vielleicht ein Grund gewesen zu bleiben. In der Crow Marsh reichten zwei funktionierende Glöckchen, um eine bessere Entscheidung anzubieten.
Noch eine Weile begleitete sie das Klacken der Knochen, obwohl der Baum längst im Nebel verschwunden war. Jeder Windstoß trug den Ton weiter zwischen die Stämme. Erst als die nächsten Glöckchen deutlich genug antworteten, löste sich die Erinnerung an das Geräusch aus dem Vordergrund.
Rose ging danach vorsichtiger mit Magie um, zumindest für die nächsten Minuten. Nicht aus Angst vor dem Zaubern selbst, sondern weil die Crow Marsh gerade bewiesen hatte, dass sie Dinge enthielt, die auf Magie anders reagierten als jeder Gegner, den sie bislang einfach hatte verbrennen oder wegstoßen können.
Hinter der Lichtung schloss sich der Sumpf wieder um sie. Die Pfähle standen zunächst deutlicher, verloren sich jedoch bald erneut im Nebel. Die Gruppe verband das Seil neu und setzte die Reise fort.
Faelyn begann, das Gelände genauer zu betrachten. Seit der ersten Erwähnung der Halbwegsfestung hatte etwas in seiner Erinnerung gearbeitet. Er war als junger Elb in dieser Gegend gewesen, auf dem Weg zu einem Bogenschießtraining, doch damals hatte er den Ort anders wahrgenommen. Wege, die einem Kind lang erschienen, konnten später kurz wirken; Bäume verschwanden, Felsen blieben, und der Sumpf besaß genug Nebel, um selbst einen bekannten Umriss fremd zu machen.
„Ich glaube, wir sind nicht vollkommen falsch“, sagte er.
Rose sah zu ihm. „Das ist noch keine Richtung.“
„Ich weiß. Ich versuche gerade, aus einer Erinnerung von damals etwas Brauchbares zu machen.“
„Du warst wirklich hier?“
„In der Nähe. Ich erinnere mich an den Weg zur Festung, aber nicht so, dass ich einfach nach links zeigen kann und damit recht habe.“
Hybris sah in den Nebel. „Dann such dir etwas, das damals schon alt war. Ein großer Stein ist heute eher noch da als derselbe Baum.“
Faelyn nickte. Genau das versuchte er. Er betrachtete die Formen, die aus dem Morast ragten, prüfte die Neigung des Geländes und blieb schließlich bei einer Richtung stehen. Nach einigen Dutzend Schritten war er sich wieder weniger sicher.
„Nein“, sagte er. „Das passt nicht.“
Rose blieb neben ihm stehen. „Was fehlt?“
„Etwas Markantes. Ich habe im Kopf, dass wir an etwas Großem vorbeigekommen sind, bevor der Boden höher wurde. Aber ich weiß nicht mehr, ob es ein Felsen oder eine Ruine war.“
„Dann hör auf, den ganzen Sumpf auf einmal zu erkennen.“ Rose deutete auf die wenigen Formen im Nebel. „Was davon kommt deiner Erinnerung am nächsten?“
Faelyn ließ den Blick langsamer wandern. Rose redete nicht weiter. Sie gab ihm keine Erinnerung, die er nicht hatte, sondern zwang ihn nur, die vorhandene weniger hektisch zu prüfen.
Nach einer Weile blieb sein Blick an einem großen Stein hängen, der halb im Schlamm versunken war. Eine Seite ragte schräg heraus, die andere war fast vollständig überwachsen.
Faelyn ging näher. „Den kenne ich.“
Mit der Nähe kamen weitere Bruchstücke zurück. Kein vollständiger Weg, keine Karte, eher das Gefühl, wie der Stein damals aus dem Boden geragt hatte und dass die Gruppe beim Training nicht direkt darauf zugegangen war. Faelyn drehte sich langsam, verglich Hang und Baumlinien und hob schließlich die Hand.
„Wir müssen dort entlang. Nicht geradeaus. Der feste Boden kommt später wieder höher.“
Rose folgte seinem Finger. „Diesmal sicherer?“
„Ja.“
„Dann reicht mir das.“
Faelyn atmete aus. Der erste Fehlversuch hatte ihn mehr geärgert, als er zeigen wollte. Erinnerung war eine schlechte Art von Können: Man wusste, dass man etwas einmal gekannt hatte, und musste trotzdem akzeptieren, dass der Kopf nur Teile davon herausgab. Roses Hilfe hatte daran nichts Magisches verändert. Sie hatte lediglich verhindert, dass er aus Frust dieselben falschen Formen immer wieder ansah.
Hybris hob eine Braue. „Sicher?“
„Sicher genug, dass ich vorher nicht sicher war und jetzt schon.“
„Das nehme ich.“
Faelyn bestimmte die Richtung neu. Diesmal passte der Verlauf des Bodens zu seiner Erinnerung. Der Weg führte nicht gerade auf den Hügel zu, sondern bog zunächst tiefer durch den Sumpf, ehe er sich wieder in Richtung festeres Gelände wandte.
Pianwig blieb am Ende der Gruppe und nutzte seine Größe, um über den Nebel hinweg nach Veränderungen im Boden zu suchen. Wo die kleineren Gefährten nur eine weiße Fläche sahen, konnte er gelegentlich die Spitzen von Steinen oder trockenere Bereiche erkennen.
Hybris sah zu ihm zurück. „Kannst du von da oben irgendwas Brauchbares sehen?“
„Manchmal.“
„Und?“
„Da vorne sieht fester aus.“ Pianwig deutete über ihre Köpfe hinweg. „Aber ich werfe keinen von euch hin, bevor jemand weiß, ob es wirklich fest ist.“
Rose drehte sich halb um. „Wer hat vorgeschlagen, jemanden zu werfen?“
Hybris hob die Hand. „Ich habe darüber nachgedacht.“
„Natürlich.“
„Ich habe es nicht vorgeschlagen. Das ist Entwicklung.“
Sie gingen weiter.
Je länger die Passage dauerte, desto schwerer wurde die Luft. Feuchtigkeit lag auf Haut und Kleidung, der Nebel machte aus Entfernung eine Schätzung, und die Glöckchen verloren sich erneut. Die anfängliche Aufmerksamkeit wurde zur Arbeit: jedes Klingeln einordnen, jeden Schritt prüfen, das Seil im richtigen Winkel halten, nicht auf die zunehmende Müdigkeit reagieren, indem man schneller ging.
Rose hatte aufgehört, sich über Schlamm an Kleidung zu ärgern. Das allein sagte genug über die Länge des Weges. Pianwig trug das Gewicht seiner Ausrüstung so stoisch wie zuvor, doch selbst er setzte die Füße bewusster. Söckchens Flug wirkte leichter als das Waten der anderen, verlangte über Stunden jedoch ebenso Konzentration.
Irgendwann stand die Gruppe an einem Abschnitt, an dem Faelyns Erinnerung und Pianwigs Aussicht beide keine eindeutige Lösung mehr boten.
Hybris sah zu den Bäumen.
Unter den schweren Ästen lagen Schatten, tiefer als das diffuse Grau des Sumpfes. Zwischen manchen Stämmen berührten sie einander beinahe, verbunden durch Dunkelheit, die für alle anderen nur Lichtmangel war.
Für Hybris war sie ein Weg.
„Ich probiere etwas anderes“, sagte er.
Söckchen sah sofort zu ihm. „Wie weit?“
„Nicht weit auf einmal. Ich bleibe da, wo ihr mich noch ungefähr finden könnt.“
„Ungefähr gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht. Aber der Boden gefällt mir noch weniger.“
Hybris löste sich aus dem Seil. Er trat an einen Stamm, bis der Schatten ihn vollständig erreichte, und ließ die Dunkelheit um sich greifen. Der Wechsel war kein normales Rennen. Einen Augenblick stand er zwischen Wurzeln, im nächsten tauchte er weiter vorn aus einem anderen Schatten auf.
Rose blinzelte. „Das ist ausgesprochen praktisch.“
„Ja“, sagte Hybris von weiter vorn. „Deshalb mache ich es.“
Er bewegte sich erneut. Von Schatten zu Schatten, über erhöhte Wurzeln, an Stellen vorbei, an denen der Morast jeden gewöhnlichen Schritt verlangt hätte. Die Anstrengung saß trotzdem in ihm; Nachtwandeln kostete Kraft, auch wenn der Sumpf sie nicht bekam.
Nach mehreren Sprüngen fand Hybris einen Abschnitt, an dem Wurzeln und festerer Boden eine brauchbare Linie bildeten. Er blieb dort stehen und rief die anderen heran. Von seinem höheren Standpunkt konnte er weiter vorn erkennen, dass der Nebel dünner wurde.
Die Gruppe folgte seiner Route so gut es ohne seine Fähigkeit ging. Pianwig prüfte die Stellen, bevor er sein volles Gewicht darauf setzte. Rose hielt das Seil straff, Faelyn korrigierte die Richtung, und Söckchen flog dort, wo der Boden überhaupt keinen guten Schritt anbot.
Hybris wartete nach jedem größeren Schattenwechsel, bis alle wieder aufgeschlossen hatten. Die Fähigkeit hätte es ihm erlaubt, deutlich schneller vorauszukommen; für die Gruppe wäre das wertlos gewesen. Ein erkannter Weg half nur, wenn man ihn anschließend beschreiben konnte, und im Nebel bedeutete „da vorne“ selten mehr als zwanzig Schritte.
Mehrere Stunden nach dem Aufbruch veränderte sich der Sumpf endlich.
Der Morast wurde flacher. Wurzeln gingen in steinigeren Boden über, das Wasser blieb zurück, und der Nebel sank hinter ihnen zwischen die Bäume. Vor der Gruppe stieg ein Serpentinenweg zwischen Felswänden ungefähr fünfzehn Meter hinauf.
Auf dem Hügel standen Ruinen.
Nach Stunden im flachen Morast war schon die Steigung eine Veränderung, die der Körper sofort bemerkte. Schuhe, Hufe und Rüstung waren nass und schwer, doch jeder Schritt nach oben drückte nicht mehr in Schlamm. Die Luft blieb feucht, wurde zwischen den Felsen aber bewegter. Hinter ihnen lag die Crow Marsh wie eine graue Fläche, aus der nur Kronen und einzelne Pfähle herausragten.
Rose blieb einen Moment stehen und sah zurück. Hollow Brooks war von hier nicht mehr zu erkennen. Die Vorstellung, denselben Weg mit Duskroot wieder zurückzugehen, war nicht besonders angenehm, aber wenigstens wussten sie jetzt, dass er zu schaffen war.
„Halber Tagesmarsch“, sagte Hybris und atmete schwerer, als er gern zugegeben hätte. „Lydia hat nicht gesagt, für wen.“
„Für Leute, die den Weg kennen“, sagte Faelyn.
„Das hätte sie erwähnen können.“
Von unten waren ein halb eingestürzter Turm, Mauerzüge und die Reste eines größeren Gebäudes zu erkennen. Kein Rauch stieg auf. Niemand bewegte sich auf der Mauer.
Hybris legte eine Hand an einen seiner Dolche. „Ich sehe mir an, ob verlassen wirklich verlassen heißt.“
Er ging voraus, nutzte Felsen, Bäume und die gebrochene Geländekante als Deckung. Ohne seine Hufschuhe war jeder Schritt bewusster. Er konnte leise gehen, aber nicht mehr so selbstverständlich lautlos wie früher. Niemand erschien auf einer Mauer. Kein Pfeil kam. Keine Stimme rief ihn an.
Als Hybris nahe genug war, winkte er den anderen nach.
Söckchen flog währenddessen höher. Von oben zeigte die Festung ihr das Ausmaß ihrer Zerstörung: Viele Mauern waren bis auf Grundhöhe niedergebrannt, vom Hauptgebäude standen nur Teile, und hinter dem ehemaligen Tor öffnete sich ein größerer Hof. Auf der gegenüberliegenden Seite fehlte ein Stück der Außenmauer. Dort begann eine Hängebrücke.
Jenseits davon lagen aufgeschichtete Steine. Dahinter erhob sich eine gewaltige Kirche.
Nach Tagen zwischen Wald, Mauern und Sumpf wirkte die Kathedrale fast unwirklich. Sie war kein fernes Gerücht mehr und keine Richtung auf einer improvisierten Karte, sondern ein tatsächliches Bauwerk am anderen Ende der Brücke. Irgendwo dort sollte Aldrich sein, einer der Aschefürsten, die sie nach Cinder Keep zurückbringen mussten.
Söckchen kreiste nur so weit, wie es für den Überblick nötig war. Sie konnte keine Bewohner erkennen, aber die Mauern der Kirche standen zu vollständig, um das Gebäude einfach für eine weitere Ruine zu halten. Zwischen der Festung und dem Ziel lag der Friedhof wie ein eigener Abschnitt, den die Gruppe erst noch verstehen musste.
Söckchen landete wieder bei der Gruppe. „Die Kathedrale der Tiefe ist da hinten. Aber da ist wieder eine schöne Hängebrücke, über die wir vermutlich rüber müssen. Sie sieht noch intakt aus.“
Rose blickte den Serpentinenweg hinauf. „Wenigstens einmal eine Brücke, die nicht bereits in zwei Teilen hängt.“
Söckchen legte den Kopf schief. „Aber sollten wir nicht auf dem Weg zu dieser Kathedrale diese Halbwegsfestung finden?“
Faelyn sah zu den Ruinen. „Ich würde sagen, wir stehen davor.“
„Dann müssten wir hier jetzt ja auch einmal gucken, ob wir hier dieses Kraut finden.“
Das war richtig. Die Kathedrale konnte warten. Halandir nicht unbegrenzt.
Sie stiegen durch das frühere Haupttor, von dem nur noch die Scharniere geblieben waren. Im Vorhof lag verbranntes Holz zwischen Steinen. Das zerstörte Gebäude dahinter war nicht mehr eindeutig zuzuordnen; vielleicht hatten dort Soldaten gelebt, vielleicht Reisende, vielleicht jemand ganz anderes. Zu viel war abgebrannt.
Hinter dem Gebäude öffnete sich der Hof.
Der Gestank traf sie, bevor sie den ganzen Haufen sahen.
Bis dahin hatte die Ruine fast leer gewirkt. Verbranntes Holz, eingestürzte Mauern, ein Hof, den niemand mehr pflegte. Der Geruch machte aus Verlassenheit etwas anderes. Irgendwo hier waren Körper, und zwar mehr, als ein einzelner alter Toter erklären konnte.
Faelyn blieb beim Ausgang des zerstörten Gebäudes stehen und suchte die Mauerlinien ab. Hybris nahm automatisch die andere Seite. Wenn jemand diesen Haufen angelegt hatte und noch in der Nähe war, bot der Hof mehrere Stellen, von denen aus man Fremde beobachten konnte.
Nichts bewegte sich.
Knochen, Rüstungen, Schilde, Schwerter, rostige Metallteile und verwesende Reste lagen so hoch vor dem Durchbruch zur Brücke, dass sie den Weg versperrten. Fliegen summten darüber. Zwischen den Knochen hingen Hautfetzen, Stoff und Dinge, die zu lange im Wetter gelegen hatten, um noch eindeutig zu sein.
Hybris blieb stehen.
Hinter dem Haufen lag die Hängebrücke. Dahinter die Kathedrale.
Vor ihnen lag etwas, das aussah, als hätte der Weg selbst angefangen, Reisende zu sammeln.
Rose ließ den Blick über die Überreste wandern. „Wenn Duskroot hier wächst, hoffe ich, dass es nicht mitten darunter ist.“
„Dann räumen wir“, sagte Pianwig.
Hybris sah auf die Waffenreste zwischen den Knochen. Unter gewöhnlichen Umständen hätte ein Haufen verlorener Ausrüstung zumindest einen Teil seiner Aufmerksamkeit gewonnen. Hier war der Geruch stark genug, dass selbst sein Sammlerinstinkt Abstand hielt.
Faelyn blieb an der Mauer. „Erst herausfinden, warum das hier liegt.“
Die Warnung kam zu spät für Rose, die bereits nach einer besseren Sicht auf die Brücke suchte.
Rose sah zuerst die Brücke und erst danach den Haufen, der ihr die Sicht darauf nahm.
Von Söckchens Erkundung wusste sie, dass der Übergang hinter dem zerstörten Hof begann. Aus ihrer Position war davon nur ein Stück Seil und die obere Linie eines Pfostens zu erkennen; Knochen, Rüstungsteile und verrostetes Gerümpel türmten sich davor so hoch, dass ein sauberer Blick auf die andere Seite unmöglich blieb.
„Wenn ich einen Zielpunkt sehen könnte, müssten wir das vielleicht nicht alles freiräumen“, sagte Rose. „Ein Portal wäre deutlich eleganter.“
Pianwig sah den Haufen an. „Oder ich räume ihn weg.“
„Das wäre die weniger elegante Variante.“
„Funktioniert trotzdem.“
Rose ging einige Schritte näher. Der Geruch wurde mit jedem Schritt schwerer. Zwischen Metall und Knochen lagen dunkle Hautfetzen, manche so flach und schmutzig, dass sie kaum von dem nassen Boden zu unterscheiden waren. Fliegen stiegen auf, sobald ihr Stiefel in ihre Nähe kam.
Faelyn blieb an einer teilweise erhaltenen Mauer. Von dort konnte er sowohl den Hof als auch den Weg hinter der Gruppe überblicken. Hybris bewegte sich ein Stück seitlich, weniger aus einem ausgearbeiteten Plan als aus Gewohnheit; wenn etwas aus dem Haufen kam, wollte er nicht mit allen anderen in derselben Linie stehen.
Rose setzte den nächsten Fuß auf vermeintlich festen Boden.
Der Boden zog sich unter ihr zusammen.
Was sie für einen dunklen, vom Regen festgeklebten Fetzen gehalten hatte, spannte sich plötzlich. Der ganze Streifen verwesender Haut hob sich wie ein Teppich, von unten nach oben gerissen. Rose sprang zurück, gerade bevor die Fläche unter ihrem Gewicht steil anstieg.
Der Knochenhaufen bewegte sich.
Ein Schädel schob sich aus Rüstungen und Leichenteilen. Er erinnerte an Hirsch und Pferd zugleich, ohne wirklich zu einem von beidem zu gehören. Das Geweih darüber war so groß, dass es die Proportionen des Kopfes noch falscher machte. Rauch quoll aus Öffnungen im Schädel, als die Kreatur schnaubte.
Dann öffnete sich der Brustkorb.
Rippen klappten zu beiden Seiten auseinander und bildeten einen zweiten, gewaltigen Schlund. Hautlappen lösten sich vom Gerümpel und hingen von Schultern und Rücken. Zwei enorme Arme schoben sich aus dem Haufen, die Hände langgliedrig und groß genug, um einen Erwachsenen ohne Mühe vom Boden zu heben.
Das Wesen stand nicht auf.
Der fehlende Bodenkontakt machte jede gewohnte Einschätzung schwieriger. Pianwig konnte nicht an Beinen erkennen, wohin das Gewicht ging. Faelyn konnte keine Schrittfolge lesen. Selbst Söckchen, die selbst fliegen konnte, sah keine Flügel oder andere erkennbare Ursache. Die Masse hing einfach dort, mehrere Fingerbreit über dem Stein, und bewegte sich, als wäre Schwerkraft nur eine Empfehlung für andere Körper.
Rose, noch auf dem Rückzug von dem hochgerissenen Hautlappen, brauchte keine Erklärung dafür. Die Pranken kamen bereits.
Zwischen seinen zerbrochenen unteren Knochen und dem Hof blieb ein Spalt. Es schwebte über dem Boden, während Reste von Fell, Fleisch und Stoff darunter im Wind zitterten.
Hybris sah den Schädel.
Es waren nicht einmal die einzelnen Formen, die ihn trafen. Er hätte später nicht sagen können, ob das Geweih wirklich denselben Winkel hatte, ob die Augenhöhlen gleich lagen oder ob die Fleischfetzen an denselben Stellen hingen. Zwanzig Jahre Erinnerung waren kein Maßband. Was sein Körper erkannte, lag tiefer: die falsche Mischung aus Tier und Mensch, die schwebende Masse, die viel zu großen Hände und dieses Gefühl, dass vor ihm etwas stand, das aus Lebendigem nur Material machte.
Seine Finger wurden kalt, obwohl die Luft in der Ruine warm und schwer war. Einer der Dolchgriffe lag nur eine Handbreit entfernt, und trotzdem schien zwischen Hand und Waffe ein ganzer Raum zu liegen. Hybris wollte danach greifen. Er wusste, wie. Er hatte in den Jahren seit Light Hope gelernt, wo Klingen in Fleisch gingen, wie Knochen nachgaben und wie man sich bewegte, bevor ein größerer Gegner die eigene Position begriff. Keine dieser Erfahrungen erreichte den zehnjährigen Jungen, der gerade wieder unter einem Bett lag.
Der Hof verschwand.
Für einen Augenblick war er wieder zehn Jahre alt, zu klein für Cerseis Schwert und zu langsam für die Hand, die nach Hans griff. Er hörte das Kreischen der zerstörten Hütte. Er sah seinen Bruder in einer Klaue hängen, erst kämpfend, dann still. Regen lag wieder auf seinem Gesicht, obwohl die Luft in der Halbwegsfestung trocken und stickig war.
Hybris schrie.
Nicht wie jemand, der einen Gegner einschüchtern wollte. Der Laut brach aus ihm heraus, roh und unkontrolliert, bevor er überhaupt wusste, dass er den Mund geöffnet hatte.
Die Kreatur reagierte nicht auf ihn.
Ihre Hände gingen nach Rose.
Das reichte.
Die Erinnerung ließ Hybris nicht los, aber sie verlor für einen Herzschlag die Herrschaft über seine Beine. Rose stand dort, wo Hans gestanden hatte: in Reichweite einer Hand, die zu groß war, um jemanden einfach nur zu verletzen. Hybris wusste nicht, ob er das Wesen aus Light Hope vor sich hatte. Er wusste nur, was passieren konnte, wenn er wieder stehen blieb.
Rose war nicht hilflos. Das wusste Hybris. Sie hatte Feuer durch Monster getrieben, Skelette zurückgeschleudert und in Hollow Brooks mehr als einmal bewiesen, dass sie sich selbst für deutlich schwerer zu töten hielt, als die Welt vermutlich geplant hatte. Der Gedanke spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Die Hand des Wesens schloss sich, und Erinnerung kannte keine vernünftigen Unterschiede.
Er hörte Hans wieder „Bruder, Hilfe!“ rufen. Die Stimme kam nicht aus dem Hof. Sie kam aus einer Stelle in ihm, die nie aufgehört hatte, diesen einen Satz zu besitzen.
Er sprang.
Hybris traf Rose seitlich und stieß sie aus der Bahn. Einer der knöchernen Finger strich so nah an seinem Rücken vorbei, dass er die Luftbewegung spürte. Rose fing sich auf einem Knie, Hybris kam wenige Schritte weiter auf den Hufen auf und rutschte über den Hof.
„Was—“ Rose drehte sich zu ihm.
„Später.“ Mehr brachte Hybris nicht hervor.
Rose wollte widersprechen, weil „später“ keine Erklärung dafür war, weshalb jemand sie gerade mit dem eigenen Körper aus einer riesigen Knochenhand gerammt hatte. Dann sah sie Hybris’ Gesicht. Der Faun wirkte nicht wie jemand, der eine besonders waghalsige Idee genoss. Seine Augen lagen auf dem Schädel, und in ihnen war eine Art von Erkennen, die Rose bisher nur in Zusammenhang mit Dingen gesehen hatte, die man lieber nicht wiederfand.
Sie hob sich vom Boden. Die Frage blieb bestehen, verlor aber ihren Anspruch auf den nächsten Augenblick.
Die Kreatur glitt Rose nach.
Sie brauchte keine Beine. Ihr Körper beschleunigte über dem Boden, als würde etwas Unsichtbares ihn ziehen. Eine Pranke schlug quer durch den Hof. Rose hob den Arm, zu spät für ein vollständiges Ausweichen. Der Treffer erwischte sie seitlich und schleuderte sie zurück.
Ihre Rüstung nahm einen Teil der Wucht. Der Rest fuhr dennoch durch Schulter und Rippen. Rose sog scharf Luft ein, blieb aber auf den Beinen.
Pianwig setzte sich bereits in Bewegung. „Weg von den Händen.“
„Das hatte ich vor“, presste Rose hervor.
Sie hob beide Hände.
Der Nebel aus dem Sumpf lag noch in flachen Resten zwischen den Steinen der Festung. Rose griff danach, zog die Feuchtigkeit zusammen und verdichtete sie, bis graue Schwaden über den Hof schossen. Innerhalb weniger Atemzüge verschwand die Gruppe in einer dichten Wolke.
Für die Kreatur galt das nur teilweise. Der Wendigo ragte hoch genug auf, dass Schädel, Geweih und Teile der Schultern als dunkle Silhouette über dem Dunst standen. Von außen war schwerer zu erkennen, wo die kleineren Körper sich bewegten. Für die Gefährten blieb das Ziel groß genug, um es nicht zu verlieren.
Die Wirkung veränderte den Hof stärker, als ein gewöhnlicher Sichtschutz es getan hätte. Mauern verschwanden ab Kniehöhe, der Knochenhaufen wurde zu einer grauen Kante, und die Gefährten sahen einander nur noch, wenn sie nahe genug kamen. Pianwig blieb als einziger auch innerhalb der Wolke ein verlässlicher dunkler Umriss. Über ihm schnitt das Geweih des Wendigos durch den Dunst und gab Faelyn einen Zielpunkt, selbst wenn der Rest des Körpers verschwand.
Rose nutzte die eigene Magie, um Abstand zu gewinnen. Der Schmerz vom Prankenschlag saß dumpf in ihrer Seite; jeder tiefere Atemzug erinnerte sie daran, dass die Rüstung nur einen Teil der Wucht abgefangen hatte. Sie zwang den Körper trotzdem in Bewegung. Stillstehen war gegen etwas, das ohne Beine über den Hof glitt, die schlechteste mögliche Form von Würde.
„Nicht verteilen“, sagte Faelyn aus Richtung der Mauer. „Wenn ihr in den Nebel geht, sagt wenigstens, wo ihr seid.“
„Ich bin rechts vom Wendigo“, kam Hybris’ Stimme zurück.
„Bleib dort, bis du freie Sicht hast“, antwortete Faelyn.
Die knappe Antwort hatte keinen wirklichen Humor nötig. Dass sie einander überhaupt noch hören konnten, half mehr als die Worte.
Faelyn nutzte die Mauer als Deckung und ging tiefer in die Hocke. Von dort konnte er durch Lücken im Nebel auf die obere Hälfte des Wesens zielen, ohne unmittelbar in Reichweite der Pranken zu geraten.
Söckchen wartete nicht.
Sie zog das Großschwert und nahm den Griff ins Maul. Die lange Waffe wirkte an ihrem kleinen Körper immer noch absurd, bis sie sich bewegte. Dann verschwand der Widerspruch. Söckchen stürmte aus dem Nebel, schlug mit Flügeln und Beinen gleichzeitig Tempo auf und setzte den ganzen Körper hinter die Klinge.
Das Schwert traf die Seite des Wendigos.
Söckchen spürte den Widerstand bis in Nacken und Schultern. Bei einem lebenden Gegner hätte ein Schlag dieser Art einen Körper zur Seite gerissen. Hier traf die Klinge erst auf Haut, dann auf Knochen, dann auf etwas Weicheres, das keinem anatomischen Aufbau folgte. Sie zog den Kopf durch die Bewegung weiter, damit das Schwert nicht nur einschlug, sondern schnitt.
Ein Hautlappen löste sich und fiel schwer in den Nebel. Darunter kamen mehrere Knochen zum Vorschein, zu dicht und in falschen Winkeln übereinandergelegt. Söckchen hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie arbeitete mit dem, was das Schwert ihr sagte: Widerstand hier, eine Lücke dort, dann wieder harter Knochen.
Hautlappen rissen. Knochen im unteren Bereich zerbrachen mit einem trockenen Knacken, das selbst durch den Nebel deutlich zu hören war. Die Klinge fuhr durch Material, das bei einem lebenden Körper ein Bein hätte sein können.
Der Wendigo sackte trotzdem nicht zu Boden.
Er schwankte in der Luft, verlor einen Teil seiner zusammengesetzten Struktur, fing sich aber wieder. Einzelne Knochen fielen klappernd in den Hof.
Söckchen riss die Klinge zurück und blieb nahe genug, dass sie den nächsten Angriff des Wesens auf sich ziehen konnte. Durch das Schwert im Maul war jedes Wort ohnehin nur undeutlich gewesen; sie verschwendete keine Luft darauf.
Der Wendigo schüttelte sich.
Die langen Fleischfetzen an seinem Körper wickelten sich kurz enger um Rippen und Schultern, dann peitschten sie nach außen. Der Luftstoß zerriss Teile von Roses Nebel. In der Nähe des Monsters wurde die Sicht wieder klarer, während Faelyn und Rose weiter hinten noch Deckung im Dunst behielten.
Hybris hatte sich aufgerichtet. Sein Atem ging zu schnell. Der Schädel blieb derselbe Schädel. Jedes Mal, wenn das Geweih durch den Nebel schnitt, wollte sein Körper eine andere Ruine, einen anderen Regen, einen anderen Tod sehen.
Söckchen stand direkt davor.
Das half.
Sie war nicht Hans. Sie war bewaffnet, schnell und vollkommen imstande, eine schlechte Idee selbst zu wählen. Hybris musste sie nicht retten, nur weil sie nah am Gegner war. Er zwang seine Hände von der Erinnerung zurück an die Dolche.
Der Wendigo beschleunigte.
Ohne Laufbewegung schoss die Masse aus Knochen und Fleisch über den Hof auf Söckchen zu. Sie wich nicht vollständig aus. Stattdessen senkte sie den Kopf, stellte sich mit den Hufen fest und brachte das Großschwert quer zwischen sich und den heranrasenden Körper.
Der Aufprall schob sie über den Boden.
Ihre Hufe zogen Furchen durch Schmutz und Asche, doch die Klinge hielt. Für einen Augenblick sah es aus, als hätte das kleine Einhorn ein Wesen von vielfacher Größe mit einem Stück Stahl an der Bewegung gehindert.
Rose sah die Öffnung.
Sie trat aus dem dichteren Nebel, brachte die Hände nach vorn und entlud einen Kraftstoß.
Die Luft vor ihr verdichtete sich zu einem Schlag, der den Wendigo frontal traf. Die Kreatur wurde von Söckchens Klinge gerissen und rückwärts in den Knochenhaufen geschleudert. Rüstungen flogen auseinander, Schilde kippten um, lose Knochen sprangen über den Hof.
Der Wendigo verlor für einige Augenblicke die Form.
Diese wenigen Augenblicke waren der erste Punkt im Kampf, an dem die Gruppe selbst bestimmte, was als Nächstes geschah. Rose hatte Abstand geschaffen, Söckchen war nicht mehr unmittelbar unter einer Pranke, und Pianwig konnte den Weg zum Haufen wählen, statt nur auf einen Angriff zu reagieren. Faelyn nutzte die Pause, um seine Position hinter der Mauer zu verändern und eine freie Linie an Pianwigs Schulter vorbei zu suchen.
Hybris blieb auf der anderen Seite des Nebels. Der Schrei von vorhin saß ihm noch im Hals. Er zwang sich, die Kreatur nicht als das Bild aus seiner Kindheit zu betrachten, sondern als Gegner vor ihm: groß, beschädigt, zwei Hände, ein Schädel, mehrere Stellen, an denen Knochen bereits gebrochen waren. Das war eine Sprache, die er verstand.
„Pia geht ran“, sagte er mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Faelyn hält Abstand. Söckchen bleibt auf der Seite. Gut.“
Rose hörte ihn trotzdem. „Und du?“
Hybris zog beide Dolche. „Ich suche mir was Weiches.“
Am Wendigo war das optimistisch formuliert.
Sein Brustkorb lag schief zwischen den Überresten, ein Arm unter Schilden begraben, Teile des Unterkörpers überall verteilt. Der Schädel blieb aufrecht genug, dass Rauch aus ihm quoll.
Pianwig kam an.
Er hatte im Nebel keinen Grund, sich beeindrucken zu lassen. Das Ziel war groß, Rose hatte es gerade in einen Haufen geschleudert, und seine Aufgabe bestand in diesem Augenblick darin, dafür zu sorgen, dass es möglichst wenig Zeit bekam, daraus wieder aufzustehen. Pianwig setzte den Schild zuerst ein, nicht als Schutz, sondern als zusätzliche Masse, und traf die bereits verschobenen Knochen mit der Kante, bevor seine Waffe nachkam.
Gerümpel rutschte unter seinen Stiefeln. Ein verrosteter Schild kippte weg, er verlagerte das Gewicht und blieb im Stand. Die meisten Gegner mussten überlegen, wie sie an einem Riesen vorbeikamen. Der Wendigo hatte Arme, die lang genug waren, um diese Rechnung unangenehmer zu machen, doch solange er im Haufen steckte, war Pianwig derjenige, der den Raum bestimmte.
Für einen Mann seiner Größe bewegte er sich schnell, ohne hektisch zu wirken. Er ging mit Schild und Waffe durch die Lücke, die Rose geschaffen hatte, und rammte den taumelnden Körper weiter in den Gerümpelhaufen. Metall krachte gegen Knochen.
„Bleib liegen“, sagte er.
Der Wendigo tat ihm den Gefallen nicht.
Faelyn hatte inzwischen seine Position gewählt. Er legte einen Pfeil auf, wartete, bis Pianwigs Bewegung die Sichtlinie freigab, und schoss knapp an dem Riesen vorbei.
Der Pfeil traf die Hüfte der Kreatur. Er drang zwischen Knochen und Fleisch und blieb stecken.
Faelyn hatte nicht auf eine anatomisch sinnvolle Hüfte gezielt; bei diesem Körper wäre das eine Annahme gewesen, die der Wendigo nicht verdiente. Er hatte den Bereich gewählt, in dem mehrere Strukturen zusammenliefen und der Pfeil etwas finden konnte, das den zusammengesetzten Körper störte. Der Treffer verschob einen Knochen und riss Gewebe mit.
„Da hält etwas“, sagte Faelyn. „Wenn wir mehr davon lösen, fällt er vielleicht auseinander.“
Pianwig sah nicht zurück. „Dann schieß weiter auf Stellen, die halten.“
„Das ist der Plan.“
Der Wendigo schrie.
Der Laut erinnerte Hybris nicht an ein Tier. Er war zu vielstimmig, als käme er durch mehrere Rachen zugleich, obwohl keiner davon wirklich funktionierte.
Der Wendigo richtete sich auf und wandte sich Pianwig zu.
Die Entscheidung des Wesens war sichtbar, obwohl niemand wusste, wie viel Denken hinter ihr stand. Pianwig hatte es gerade mit Schild und Waffe tiefer in den Haufen gedrückt, also wurde der Riese zum nächsten Hindernis. Der Schädel riss herum, das Geweih strich knapp an einer Mauer vorbei, und beide langen Arme kamen gleichzeitig hoch.
Faelyn wartete mit dem nächsten Schuss. Ein Pfeil zwischen Pianwig und zwei heranschlagenden Händen hätte mehr Risiko als Nutzen geschaffen. Rose bewegte sich seitlich, um wieder eine freie Linie für Magie zu bekommen. Söckchen blieb tief auf der anderen Seite des Körpers. Ohne Absprache entstand so ein Ring aus unterschiedlichen Gefahren um den Wendigo: Schild und Klinge vorn, Bogen aus der Deckung, Magie auf Distanz und ein kleines Einhorn dort, wo die Kreatur mit ihrer eigenen Größe am schlechtesten hinsehen konnte.
Beide Pranken schlugen nach dem Riesen.
Pianwig hob den Rundschild. Der erste Treffer fuhr darüber, der zweite traf fast gleichzeitig seitlicher. Holz, Metall und Knochen krachten zusammen. Pianwig wurde einen Schritt zurückgedrückt, blieb aber stehen. Die Wucht ging durch Schild und Rüstung in seinen Körper; genug davon kam an, um eine Verletzung zu hinterlassen, doch nicht genug, um ihn aus dem Kampf zu nehmen.
„Das kann er“, sagte Pianwig, mehr als Feststellung denn als Überraschung.
Der Schildarm vibrierte vom Treffer. Pianwig wechselte den Griff, prüfte die Schulter mit einer kurzen Bewegung und stellte fest, dass sie noch tat, was sie sollte. Das genügte ihm. Er blieb vor dem Wendigo, weil seine Größe und Rüstung dort nützlicher waren als hinter den anderen.
„Pia, nicht beide Hände gleichzeitig nehmen“, rief Rose.
„War nicht mein Plan.“
„Gut.“
Pianwig sah kurz über den Schildrand. „Wenn du ihn wieder wegschleudern willst, sag vorher Bescheid.“
Rose nickte. „Sobald ich eine freie Linie habe.“
Hybris war bereits unterwegs.
Jetzt, da der Wendigo auf Pianwig konzentriert war, gab es einen Weg an den Händen vorbei. Hybris rannte seitlich an den Gerümpelrand, sprang auf einen gekippten Schild und von dort höher.
Beide Dolche gingen in den Schädel.
Die Klingen fanden Lücken im Knochen und drangen tiefer, als Hybris erwartet hatte. Der Treffer riss den Kopf des Wendigos zurück. Hybris wollte die Beine anziehen, sich mit einem Tritt vom Schädel abstoßen und die Dolche im selben Zug wieder herausreißen.
Die Dolche blieben stecken.
Hybris merkte es zuerst an den Schultern. Die Bewegung seines Sprungs wollte ihn zurück in den Hof tragen, die Klingen hielten die Hände am Schädel fest, und einen kurzen, lächerlich langen Augenblick glaubte er, er könne sie einfach mit genug Kraft herausziehen. Dann zog das eigene Gewicht an seinen Armen.
Er hing vor dem Gesicht des Wesens, nah genug, um den Rauch aus den Schädelöffnungen zu riechen. Darunter lag Verwesung, Metall und etwas Altes, Erdiges, das ihn sofort wieder an die Hütte erinnerte. Hybris trat, nicht elegant und nicht geplant. Ein Huf traf Knochen. Der andere rutschte am Geweih ab.
Der Wendigo riss den Kopf zur Seite. Hybris schwang mit. Für die anderen war es beinahe absurd anzusehen; für ihn bestand die Welt aus zwei Dolchgriffen, brennenden Schultern und der sehr konkreten Sorge, dass eine Pranke ihn gleich aus dieser Position pflücken könnte.
„Ich hab’s gleich!“, rief er, obwohl das offenkundig nicht stimmte.
„Du hängst fest“, sagte Pianwig.
Hybris zog noch einmal an den Griffen. „Ich weiß.“
Sein Körper schwang weiter.
Für einen absurden Augenblick hing Hybris mit beiden Händen an den Griffen vor dem Gesicht der Kreatur, die Beine frei über dem Hof.
„Ach, komm schon.“
Der Wendigo riss den Schädel herum.
Hybris klammerte sich fest und trat mit beiden Hufen gegen Knochen und Geweih, mehr um Abstand von den Zähnen und Öffnungen zu halten als um Schaden zu verursachen. Jeder Ruck ging durch seine Arme.
„Hybris!“, rief Söckchen.
Er hätte gern etwas Beruhigendes geantwortet. Dafür hätte er zunächst selbst beruhigt sein müssen.
Pianwig nutzte die Ablenkung.
Der Wendigo musste den Schädel bewegen, um Hybris loszuwerden, und einer der Arme war dadurch weit genug geöffnet. Pianwig ging hinein und schlug mit dem Großschwert auf die Knochenstruktur des Arms. Hybris trat im selben Augenblick gegen den Schädel und zog an seinen Dolchen, sodass der Oberkörper sich gegen die Bewegung spannte.
Pianwigs Klinge traf.
Der Arm brach nicht vollständig ab. Dafür lagen zu viele falsche Verbindungen darin. Einige Knochen splitterten, andere wurden durch Haut gehalten, und ein langer Teil sackte gegen den Brustkorb. Die Pranke verlor dadurch ihre saubere Bewegung. Für einen lebenden Gegner wäre das eine schwere Verstümmelung gewesen. Beim Wendigo war es vor allem eine Verringerung dessen, womit er sie im nächsten Moment erschlagen konnte.
Hybris spürte die Veränderung ebenfalls. Der Schädel ruckte, als der Arm nachgab, und die Dolchgriffe bewegten sich in seinen Händen. Er zog sofort, bekam eine Klinge ein Stück frei und verlor den Fortschritt wieder, als das Wesen den Kopf schüttelte.
„Ich hasse dieses Ding“, sagte er.
Söckchen war nahe genug, um ihn zu hören. Mit dem Schwert im Maul kam ihre Antwort verformt heraus: „Baf pam im fehftehem.“
Unter anderen Umständen hätte Hybris darüber gelacht. Im Augenblick reichte es, dass ihre Stimme vertraut klang.
Knochen splitterten. Der Arm hing danach schief, Teile davon nur noch durch Haut und fremdes Gewebe verbunden.
Der Wendigo reagierte nicht mit Rückzug.
Seine verbliebene Hand fuhr nach unten und grub die langen Finger in den Boden.
Rose spürte die Vibration zuerst. „Weg da!“
Unter ihr brach der Hof auf.
Knochenspitzen schossen aus der Erde, lang und bleich wie Speere. Rose sprang zurück. Faelyn drückte sich hinter seine Mauer. Söckchen machte einen Satz zur Seite, das Schwert weiter im Maul. Die Spitzen verfehlten alle drei knapp und zerbrachen teilweise an Stein.
„Er macht den Boden mit“, sagte Faelyn und legte bereits den nächsten Pfeil auf.
„Hab ich gesehen“, antwortete Rose.
Hybris hing noch immer am Kopf des Wendigos.
Die erste Reihe von Knochenspitzen hatte ihm gezeigt, dass Warten dort oben keine neutrale Handlung war. Solange seine Dolche festsaßen, konnte der Wendigo den Boden gegen die anderen benutzen, während Hybris selbst kaum mehr tat, als das Sichtfeld des Wesens zu stören. Er zog erneut an beiden Griffen, diesmal abwechselnd statt gleichzeitig, in der Hoffnung, wenigstens eine Klinge freizubekommen.
Die linke bewegte sich. Ein Fingerbreit, vielleicht zwei. Dann ruckte der Schädel und klemmte sie wieder ein.
Hybris fluchte. „Rose, ich kriege die Klingen nicht raus.“
„Ich arbeite daran.“
„Dann sag mir, wenn ich loslassen muss.“
„Halt dich erst einmal fest.“
Das konnte er.
Rose sah ihn an, dann die Hände der Kreatur. Der nächste Versuch, ihn mit Gewalt herunterzuziehen, würde ihn unmittelbar in Reichweite der Pranken bringen. Sie hob eine Hand und formte die Magie anders.
Eine geisterhafte Hand entstand über dem Hof, ungefähr so groß wie Rose selbst. Die Finger schlossen sich um Hybris’ Körper.
„Nicht erschrecken“, rief Rose.
„Zu spät!“
Die magische Hand zog.
Rose musste die Bewegung gegen Hybris’ eigenes Gewicht und die feststeckenden Dolche führen. Die geisterhaften Finger schlossen sich fester um seinen Oberkörper, ohne ihn zu zerquetschen, und zogen ihn Zentimeter für Zentimeter vom Schädel weg. Für Hybris fühlte es sich an, als würden die Arme zuerst verlängert und dann plötzlich zurück in die Gelenke gerissen.
„Wenn du die Dolche loslässt, geht es leichter!“, rief Rose.
„Nein!“
Die Antwort kam so schnell, dass Rose nicht nachfragte. Hybris hatte in seinem Leben genug Dinge verloren, weil Loslassen vernünftig gewesen war. Zwei brauchbare Dolche würde er diesem Monster nicht schenken.
Hybris hielt die Dolche fest. Für einen Moment fühlte es sich an, als würden zuerst seine Schultern nachgeben. Dann lösten sich die Klingen mit einem Ruck aus dem Schädel. Die Hand hob ihn weg, über einen Teil des Nebels und hinauf zu einer erhaltenen Wehrmauer.
Rose setzte ihn dort ab.
Die Mauerkrone war schmaler, als Hybris aus der Hand heraus erwartet hatte. Er griff mit einer Hand nach dem Stein, bis die magischen Finger sich lösten, und fand erst dann einen stabilen Stand. Von unten hatte der Kampf aus Nahbereich, Nebel und einzelnen Körperteilen bestanden. Hier oben sah er plötzlich die ganze Anordnung.
Pianwig stand am nächsten zum Wendigo. Söckchen hielt sich auf der gegenüberliegenden Seite. Rose und Faelyn lagen weiter auseinander, beide in Reichweite der Stellen, an denen gerade die Knochenspitzen aus dem Boden gekommen waren. Die Distanz gab Hybris für einen Augenblick genau das, was ihm im Schädel des Monsters gefehlt hatte: Überblick.
Er hätte herunterklettern können. Stattdessen blieb er oben, weil der Wendigo ihn dort vorerst nicht mit den Händen erreichte und weil ein Messer aus der falschen Höhe weniger wert war als ein Paar Augen, das den gesamten Körper sehen konnte.
Hybris landete auf Händen und Hufen, fing einen Dolch beinahe mit der Klinge auf und richtete sich fluchend auf. Unter ihm lag der ganze Hof offen.
„Danke!“, rief er nach unten.
Rose hatte keine Zeit, die angemessene Anerkennung dafür einzufordern.
Der Wendigo glitt auf Söckchen zu.
Die beschädigte Hand bohrte sich erneut in den Boden.
Diesmal war die Bewegung schwerer zu lesen. Der Hof vibrierte, doch die Spitzen kamen nicht exakt dort, wo die ersten ausgebrochen waren. Rose drehte sich, Faelyn sprang aus seiner Deckung, Söckchen setzte zum Abheben an.
Zu spät.
Drei Knochenspeere brachen aus dem Boden.
Der Angriff kam von unten und nahm ihnen damit genau die Sicherheit, die der Nebel bisher gegeben hatte. Rose hatte die Pranken im Blick, Faelyn den Schädel, Söckchen den Nahbereich; keiner von ihnen konnte gleichzeitig beobachten, was unter dem Stein lag. Die Spitzen waren da, bevor ihre Bewegungen vollendet waren.
Rose spürte ein scharfes Reißen. Ihre Kleidung und Haut gaben nach, und der Schmerz war kleiner als der Schreck über die Geschwindigkeit, mit der etwas aus dem Boden durch ihre Verteidigung gekommen war. Faelyn wurde seitlich erwischt und verlor für einen Moment den sicheren Stand an der Mauer. Söckchen hob ab, doch die Spitze streifte nicht bloß Fell: Sie riss eine offene Wunde, bevor sie sich aus der Reichweite zog.
Im ersten Moment wirkten die drei Treffer wie gewöhnliche offene Wunden, so gefährlich wie jede Verletzung in einem Kampf, aber ohne sichtbar besondere Wirkung.
Söckchen stieß einen hohen Laut um das Schwert herum aus und schlug mit den Flügeln, um Abstand zu gewinnen. Faelyn taumelte zur Mauer zurück. Rose presste eine Hand an die verletzte Stelle, nahm sie wieder weg und sah Blut an den Fingern.
Der Wendigo drehte sich.
Die Bewegung begann im Brustkorb und nahm alles mit, was daran hing. Rose erkannte zu spät, dass die langen Fetzen nicht nur totes Gewicht waren. Durch die Drehung wurden sie zu Peitschen. Einer schlug gegen den Boden und zog eine feuchte Spur über Stein, ein anderer strich in Schulterhöhe durch den Nebel.
Pianwig ging hinter den Schild, obwohl ein Stück Haut kaum wie etwas aussah, das einen Riesen verletzen konnte. Der Aufprall auf das Holz bestätigte die Entscheidung. Faelyn duckte sich hinter die Mauer. Rose zog den Kopf ein und spürte den Luftzug über dem Haar. Söckchen legte sich so tief, dass die Klinge ihres Großschwerts beinahe den Boden berührte.
Der Hof wurde für zwei Herzschläge zu einem Kreis aus schlagendem Gewebe. Dann verlor die Rotation Geschwindigkeit.
Verwesendes Gewebe klatschte über Stein und Rüstung, ohne jemanden voll zu erwischen.
Pianwig kam wieder hoch, sobald die Fetzen vorbei waren. „Weiter.“
Söckchen war bereits dabei.
Sie kam aus ihrer geduckten Haltung direkt in die nächste Bewegung. Die Entfernung war kurz, der Wendigo nach der Drehung noch nicht wieder sauber ausgerichtet. Söckchen setzte die Flügel nur dazu ein, den Körper zu beschleunigen und den Winkel zu halten; das eigentliche Gewicht des Schlages kam aus Nacken, Schultern und dem Zug des ganzen kleinen Körpers.
Das Großschwert fuhr tief durch die unteren Strukturen. Ein längerer Knochen brach, ein zweiter wurde vollständig herausgeschlagen. Söckchen riss den Kopf zurück, damit die Klinge nicht zwischen den Resten hängen blieb. Sie hatte Hybris’ Beispiel unmittelbar vor Augen und keinerlei Interesse, es zu wiederholen.
Sie flog niedrig heran, das Großschwert fest im Maul. Beim nächsten Schlag nutzte sie nicht nur die Klinge, sondern ihr gesamtes Gewicht. Stahl fuhr durch die untere Knochenstruktur. Mehrere große Stücke brachen heraus und fielen über den Hof.
Ein lebendes Wesen hätte ohne Beine nicht weitergestanden.
Der Wendigo schwebte.
Schlimmer noch: Teile aus dem Haufen unter ihm bewegten sich. Knochen, die eben noch lose im Gerümpel gelegen hatten, wurden in die zerstörten Bereiche gezogen. Ein Stück Rippe verschob sich. Ein fremder Gelenkknochen fand einen Platz, an den er anatomisch nicht gehörte. Haut spannte sich darüber, nicht heilend, sondern ordnend.
Von der Mauer aus sah Hybris zum ersten Mal den Rücken vollständig.
Bis dahin hatte der Kampf das Wesen in brauchbare Ziele zerlegt: Schädel, Arm, Bein, Hände. Von oben funktionierte diese Ordnung nicht mehr. Der Rücken war kein Rücken im üblichen Sinn, sondern eine Konstruktion aus allem, was der Wendigo gesammelt und in sich aufgenommen hatte. Metall blitzte zwischen Rippen. Ein Stück Leder verschwand unter einer Schicht aus Fell. Kleine Knochen lagen neben großen, ohne dass Größe oder Herkunft irgendeine Rolle spielten.
Hybris sah, wie ein gebrochener Teil aus dem Gerümpel unter dem Wendigo hochgezogen wurde und eine Lücke füllte, die Söckchen gerade geschaffen hatte. Das Wesen heilte nicht. Heilung hätte bedeutet, dass etwas Eigenes zurückwuchs. Der Wendigo ersetzte Verlust durch Fremdes.
Dieser Unterschied war widerwärtiger als Blut.
Der Wendigo war kein Körper, der beschädigt wurde.
Er war ein Haufen, der sich immer wieder zu einem Körper entschied.
Zwischen Wirbeln und Fleisch steckten Metallstücke. Ein alter Griff. Ein Rüstungsteil. Stoff, der vielleicht einmal Kleidung gewesen war. Knochen verschiedener Größen lagen so ineinander, dass kein einzelnes Skelett darin zu erkennen war. Der Gegner bestand aus Opfern.
Hybris’ Magen zog sich zusammen.
Er sah etwas Kleines im verwesenden Geflecht.
Ein Stück Knochen, einen Fetzen, eine Form, die sich in demselben Augenblick verändern konnte, in dem sein Kopf ihr einen Namen gab.
Hans.
Hybris wusste nicht, ob er ihn wirklich sah.
Das Wissen half nicht.
Er beugte sich über die Mauer und würgte. Für einige Atemzüge war jeder Gedanke wieder zu nah an der Grube unter dem Bett. Hans’ Hand an seinem Arm. Hans’ Stimme. Der Moment, in dem das Gewicht in der Klaue aufgehört hatte zu kämpfen.
Unter ihm bewegte sich der Wendigo weiter.
Vielleicht trug er Hans in sich.
Wenn es stimmte, war von seinem Bruder nichts mehr übrig, das Hybris hätte retten können. Diese Erkenntnis war grausam und zugleich klarer als die Bilder, die ihn festhielten. Ein zehnjähriger Junge hatte unter einem Bett geglaubt, er müsse nur irgendwie an die Klaue herankommen. Der erwachsene Hybris auf der Mauer wusste, dass manche Rettungen zwanzig Jahre zu spät nicht mehr existierten.
Was blieb, war verhindern, dass der Wendigo noch jemanden in diese Konstruktion aufnahm.
Vielleicht trug Hybris Hans nur überall dorthin mit, wo ein Geweih groß genug war.
Beides machte ihn krank.
Söckchen löste sich nach ihrem Schlag vom Gegner. Rose sah ihre Flugbahn, wartete, bis sie nicht mehr zwischen ihr und dem Wendigo stand, und hob beide Hände erneut.
Der zweite Kraftstoß traf das Wesen seitlich.
Rose spürte, wie die Magie durch die verletzte Seite zog, und biss die Zähne zusammen. Der Zauber verlangte keine Bewegung, die ein gesunder Körper nicht geschafft hätte, doch Schmerzen machten selbst einfache Haltung zu Arbeit. Sie hielt die Linie, bis der Stoß vollständig fort war.
Der Wendigo wurde von der Druckwelle erfasst, während Pianwig gerade aus seiner Reichweite ging und Söckchen nach oben auswich. Faelyn duckte sich hinter die Mauer, als Staub und kleine Steinbrocken vom Einschlag zurück in den Hof sprangen.
Die Druckwelle riss den Wendigo durch den Hof und schleuderte ihn gegen eine erhaltene Mauer. Stein platzte aus den Fugen. Der ganze Ruinenabschnitt erzitterte, und Hybris musste einen Fuß anders setzen, um auf der Wehrmauer nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Der Wendigo fiel zwischen Trümmer.
Pianwig ging zwei Schritte nach, blieb dann aber außerhalb der Reichweite des Geweihs stehen. Er hatte keinen Grund, in die Trümmer zu springen, solange das Wesen dort lag. Söckchen zog eine enge Kurve über dem Hof. Faelyn hielt den Pfeil auf die Stelle gerichtet, an der sich der Schädel wieder hob.
Alle warteten auf dasselbe Zeichen: eine neue Bewegung, die zeigte, dass der Kampf weiterging.
Hybris sah von der Mauer, wie die Knochen unter dem Wendigo zuckten. Der Körper hatte im Kampf immer wieder gezeigt, dass Zerstörung allein ihn nicht sofort beendete. Ein abgerissener Teil war Material für den nächsten Aufbau geworden. Wenn sie ihm wieder Zeit gaben, würde aus dem Trümmerhaufen vielleicht erneut ein Gegner aufstehen, während Rose, Faelyn und Söckchen bereits verletzt waren.
„Er setzt sich wieder zusammen“, rief Hybris.
Faelyn hielt den Pfeil gespannt. „Ich sehe es.“
Pianwig hob die Waffe. „Dann jetzt.“
Sie kam.
Diesmal blieb er länger unten.
Knochen zuckten. Der Schädel hob sich. Teile des Rückens begannen wieder, sich zusammenzuziehen.
Hybris wischte sich mit dem Unterarm über den Mund.
Etwas in ihm wollte warten, bis die anderen den Gegner endgültig zerstörten. Etwas anderes hatte zwanzig Jahre lang keine Gelegenheit bekommen, auch nur eine einzige Handlung an der Nacht von Light Hope zu ändern.
Er sah Rose unten im Hof, verletzt, aber stehend. Faelyn hielt den Bogen trotz seiner Wunde. Pianwig stand zwischen dem Wendigo und dem Rest der Gruppe. Söckchen zog eine Kurve und kam wieder herum.
Niemand war Hans.
Niemand war Cersei.
Das war der entscheidende Unterschied. Damals hatte Hybris allein entschieden, wohin er lief, weil alle Erwachsenen, die hätten entscheiden können, tot oder verschwunden waren. Hier standen vier Gefährten im Hof. Sie hatten den Wendigo gemeinsam zerlegt, ihn aus Positionen gedrückt, Arme gebrochen, Sicht genommen und einander aus Gefahr geholt. Wenn Hybris jetzt sprang, sprang er nicht als Kind zurück in dieselbe Nacht. Er sprang aus einer Gruppe heraus, die noch da war.
Und Hybris war nicht mehr zehn.
Er sprang von der Mauer.
Es war kein blinder Sprung. Hybris sah, wo der Wendigo lag, wo Rose stand und in welche Richtung Söckchen aus dem unmittelbaren Bereich geflogen war. Er nahm die Mauerkrone mit zwei schnellen Schritten, setzte den letzten Huf auf die Kante und stieß sich ab. Erst nachdem sein Körper in der Luft war, kam der Hass wieder ungeordnet zurück.
Der Abstand nach unten war groß genug, dass der Aufprall ihm durch beide Beine fuhr. Das Fell am Nacken gab unter seinen Hufen nach; darunter traf er auf harte Strukturen und rutschte ein Stück. Hybris ging sofort tief, damit ihn eine Bewegung des Wendigos nicht wieder herunterwarf.
Der Fall brachte ihn auf den pelzigen Nacken des Wendigos. Unter den Hufen gab das Material nach. Was wie Fell aussah, verbarg kaum Fleisch; darunter lagen Knochen und eingearbeitete Reste, die nicht zu einer einzigen Kreatur gehörten.
Hybris setzte beide Dolche an die Wirbelsäule.
Diesmal achtete er darauf, dass die Klingen nicht in einem massiven Schädel festsaßen.
Er rammte sie von außen zwischen die Wirbel.
Diesmal war jeder Teil der Bewegung bewusst. Nicht ruhig, nicht frei von Wut, aber bewusst. Hybris wusste, was Dolche konnten. Er wusste, wie Knochen verbunden waren und wo eine Klinge Hebel bekam. Der Wendigo war anatomisch falsch, doch eine Verbindung zwischen Schädel und Körper musste trotzdem Last tragen. Genau diese Verbindung suchte er.
Die erste Klinge glitt tiefer. Die zweite traf härter, fand nach einem kurzen Rutschen dieselbe Lücke. Hybris verlagerte die Hände, damit die Griffe nicht gegeneinanderstießen, und setzte sein Gewicht darüber.
Die Dolche drangen glatt ein.
Der Wendigo bäumte sich. Hybris ging mit dem Körper herunter, hielt die Griffe fest und drehte beide Klingen gegeneinander. Knochen knirschte unter den Schneiden.
Die Kreatur versuchte, den Schädel herumzureißen.
Hybris zog die Dolche auseinander.
Ein Wirbel brach.
Dann der nächste.
Er hörte nicht auf, als der Kopf bereits schief hing. Die Halbwegsfestung war wieder Regen und Schlamm, der Nacken unter ihm die Hand, die Hans gehalten hatte. Hybris zog, schnitt, hebelte weiter, bis die Verbindung nachgab.
Der Schädel löste sich.
Er fiel in den Matsch des Hofes, das Geweih schlug zuerst auf und riss den Kopf zur Seite.
Der restliche Körper hing noch einen Atemzug in der Luft.
Hybris blieb auf dem Nacken, die Dolche noch in den gebrochenen Wirbeln. Er wartete auf den Ruck, auf die nächste unnatürliche Bewegung, auf irgendein Zeichen, dass selbst ein fehlender Kopf dieses Ding nicht beeindruckte.
Nichts kam.
Dann brach die Ordnung zusammen.
Knochen, Metall, Fell und Haut sackten ineinander. Reste, die sich eben noch gegen Zerstörung neu zusammengesetzt hatten, lagen plötzlich wieder als das da, was sie immer gewesen waren: Teile von Toten.
Hybris sprang vom Körper, bevor er darunter begraben wurde.
Er landete neben dem abgetrennten Schädel.
Rauch quoll schwächer aus den Öffnungen. Kein Arm griff nach ihm. Keine Knochen ordneten sich neu.
Hybris sah auf das Geweih hinab.
Zwanzig Jahre lang hatte er nicht gewusst, ob er das Wesen je wiedersehen würde. Jetzt wusste er noch immer nicht mit letzter Sicherheit, ob es dasselbe war.
Er spuckte auf den Schädel.
Die Geste war kleiner als alles, was vorher geschehen war. Kein Zauber, kein Schwertschlag, kein dramatischer Abschluss. Nur Verachtung. Hybris brauchte keinen Satz darüber, dass die Vergangenheit damit beendet sei. Dafür war er alt genug, um zu wissen, dass tote Dinge manchmal noch sehr lange Gewicht besaßen.
„Für Hans.“
Danach sagte niemand sofort etwas.
Der Nebel, den Rose in den Hof gezogen hatte, löste sich langsam zwischen den Ruinen auf. Pianwig hielt den Schild noch einen Augenblick oben. Faelyn blieb hinter der Mauer, bis er sicher war, dass nichts mehr aus dem Boden kam. Söckchen landete mit dem Großschwert im Maul, Blut an der Wunde und Dreck im Fell. Rose stand mit einer Hand an ihrer Verletzung und sah von dem Haufen zu Hybris.
Der Wendigo bewegte sich nicht mehr.
Hybris wollte dieser Ruhe glauben und misstraute ihr gleichzeitig. In Light Hope hatte er erlebt, wie schnell etwas Sicheres seine Bedeutung verlieren konnte. Also blieb er stehen, bis auch Pianwig sich näher bewegte und Faelyn den Bogen nicht mehr unmittelbar auf den Schädel richten musste.
Das bedeutete noch nicht, dass einer von ihnen ihm sofort vertraute.
Der Wendigo blieb liegen.
Niemand behandelte diese Tatsache sofort als endgültig.
Pianwig ging zuerst näher. Der Schild blieb oben, die Waffe bereit, während er den Abstand zum abgetrennten Schädel verringerte. Das Geweih lag schief im Matsch, groß genug, dass Söckchen später noch darüber nachdenken würde, ob sich irgendetwas davon mitnehmen ließ. Rauch kam nur noch in dünnen Resten aus den Öffnungen.
„Bewegt sich nichts“, sagte Pianwig.
Faelyn hielt den Bogen trotzdem gespannt. „Das hat es vorher auch eine Weile geschafft.“
„Dann warten wir kurz.“
Sie warteten.
Der Körper ordnete sich nicht neu. Keine Knochen glitten ineinander, keine Hand grub sich aus dem Haufen. Der Nebel, den Rose in den Hof gezogen hatte, wurde dünner und gab die Ruinen wieder frei.
Erst jetzt wurde sichtbar, wie viel vom Kampf überall lag. Knochen waren bis an die Mauern geschleudert worden. Zwischen alten Rüstungsteilen steckten frische Bruchstücke. Mehrere der Hautlappen, die zuvor zum Körper gehört hatten, lagen flach auf dem Stein. Der Hof roch nach feuchtem Staub, Verwesung, Blut und dem metallischen Rest von Magie.
Hybris stand einige Schritte vom Schädel entfernt.
Während des Kampfes hatte jeder Gedanke eine Richtung gehabt. Weg von der Klaue. Zu Rose. Dolche in den Schädel. Nicht fallen. Arm zerstören. Wieder hoch. Springen. Schneiden. Jetzt verlangte nichts mehr unmittelbar nach ihm, und genau deshalb wurde es schwerer, den eigenen Körper zu ignorieren.
Seine Schultern schmerzten vom Festhängen an den Dolchen. Die Beine spürten den Sprung von der Mauer. In seinem Hals saß der bittere Rest des Würgens, das ihn beim Anblick des zusammengesetzten Rückens überfallen hatte. Der Kampf hatte gewonnen werden können. Diese einfachste aller Feststellungen passte noch nicht zu der Nacht in seinem Kopf.
Seine Dolche waren noch in den Händen. Er hielt sie nicht kampfbereit; er hatte lediglich noch nicht entschieden, wann er sie wegstecken konnte. Das Zittern in seinen Armen kam teilweise vom Kampf, teilweise von dem, was der Kampf geöffnet hatte. Sein Atem war wieder normaler, aber nicht ruhig.
Söckchen landete in seiner Nähe. Das Großschwert lag noch im Maul. Sie setzte es ab, weil ein Gespräch damit nur in schwer verständlichem Nuscheln geendet hätte, und sah ihn an.
„War das das Ding?“
Hybris blickte zum Schädel. „Ich glaube schon.“
„Von deinem Albtraum?“
Er nickte.
Söckchen fragte nicht sofort weiter. Sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass Schweigen bei Hybris manchmal bedeutete, dass er nichts sagen wollte, und manchmal, dass er erst noch herausfinden musste, was er sagen konnte.
Sie blieb einfach neben ihm stehen. Für jemanden, der sonst gern die schnellste praktische Lösung suchte, war das eine bewusste Form von Hilfe. Hybris bemerkte sie, ohne sich bedanken zu müssen.
„Ich hab da oben gedacht, ich sehe meinen Bruder“, sagte er schließlich so leise, dass nur sie und Rose in der Nähe es sicher hören konnten. „Kann auch sein, dass mein Kopf mir das nur gezeigt hat.“
Söckchen sah zum zusammengefallenen Körper. „Dann weißt du es nicht.“
„Nein.“
„Dann musst du auch nicht so tun, als wüsstest du es.“
Hybris atmete aus. „Praktisch.“
„Bin ich.“
Rose kam näher, eine Hand noch an ihrer Verletzung. „Du kanntest es.“
„Ich kannte so etwas.“ Hybris steckte einen Dolch weg, dann den zweiten. „Wenn das wirklich dasselbe war, dann kenne ich es seit ungefähr zwanzig Jahren.“
Faelyn senkte den Bogen ein Stück. „Das war also kein gewöhnlicher Albtraum heute Morgen.“
Hybris sah kurz zu ihm. „Nein.“
Mehr erklärte er noch nicht. Der Hof war voll mit Dingen, die bewegt, geprüft und durchsucht werden mussten, und praktische Arbeit war im Augenblick einfacher als eine Geschichte, deren Ende gerade mit abgetrenntem Kopf vor ihnen lag.
Söckchen betrachtete das Geweih. „Kann man davon was gebrauchen?“
Hybris atmete durch die Nase aus. Das war eine Frage, die er verstand. „Wenn du es tragen willst, kannst du versuchen, es rauszubekommen. Ich weiß nur nicht, ob ich irgendwas von dem Vieh länger bei mir haben möchte als nötig.“
„Ich hab ja nicht gesagt, dass ich es als Kissen nehme.“
„Gut.“
Rose trat an die zusammengebrochenen Überreste. „Bevor jemand anfängt, Teile davon abzubrechen, möchte ich wissen, was da überhaupt drinsteckt.“
Sie wirkte erneut ihren Enthüllungszauber.
Diesmal verschluckte nichts die Magie. Der Effekt glitt über Knochen und Fleisch und machte deutlicher, was Hybris von der Mauer aus bereits erkannt hatte. Der Wendigo war nicht nur aus organischen Resten zusammengesetzt gewesen. Metallteile lagen tief zwischen Rippen und Wirbeln. Klingenstücke, Beschläge, Rüstungsteile und persönliche Gegenstände waren in den Körper eingearbeitet worden, als hätte die Kreatur ihre Opfer nicht vollständig voneinander getrennt.
Rose ging langsam um den Haufen herum. „Hier ist mehr Metall, als ich dachte.“
Pianwig stieß mit der Spitze seiner Waffe gegen einen verrosteten Schild. „Das meiste ist Schrott.“
„Das meiste.“ Rose blieb stehen.
Zwischen Knochen und verfilztem Fell lag eine lange Klinge. Sie war leicht rostig, aber noch als vollständige Waffe zu erkennen. Rose packte das Heft und zog.
Der Körper gab das Schwert nur widerwillig frei. Ein Stück Gewebe hing an der Parierstange, ein Knochen verkeilte sich kurz, dann kam die Waffe mit einem nassen Geräusch heraus.
Rose hielt sie von sich weg und betrachtete die Länge. „Oh, das ist aber ein langes Schwert. Oh Gott.“
Hybris drehte sich um.
Alles an ihm wurde still.
Die Klinge war älter, rostiger und schmutziger als in seiner Erinnerung. Zwanzig Jahre ließen Metall nicht unberührt. Trotzdem gab es Dinge, die ein Kind tausendmal gesehen hatte, ohne sie bewusst zu studieren: die Form des Hefts, die Proportionen der Klinge, die Art, wie die Waffe insgesamt wirkte. Er hatte sie an der Wand hängen sehen. Er hatte Cersei sie mit einer Hand herunterholen sehen. Er hatte sie nach ihrem Tod durch den Schlamm gezogen, bis das Gewicht ihn zwang loszulassen.
Hybris ging auf Rose zu.
Mit jedem Schritt verschwanden Teile des Hofes aus seiner Aufmerksamkeit. Das Geweih, die Brücke, die anderen Waffen im Haufen wurden unwichtig. Der Abstand zwischen ihm und der Klinge war nur wenige Meter lang, fühlte sich aber an wie die Strecke vom zerstörten Tor von Light Hope in den Wald.
Er erinnerte sich daran, wie das Schwert im Schlamm gezogen hatte. Damals hatte er beide Hände gebraucht, hatte die Spitze kaum oben halten können und schließlich verstanden, dass das Gewicht ihn töten würde, wenn er weiter darauf bestand. Diese Entscheidung war vernünftig gewesen. Hybris wusste das seit Jahren. Ein vernünftiger Entschluss konnte sich trotzdem wie Verrat anfühlen, wenn man zehn war.
„Warte.“
Rose sah von der Klinge zu ihm. „Was?“
„Das kenne ich.“
Sie hielt die Waffe still.
Hybris blieb davor stehen. Er streckte die Hand aus, berührte das Heft zunächst nur mit den Fingerspitzen und schloss sie dann darum.
Es war immer noch schwer.
Nicht mehr zu schwer.
Der Unterschied traf ihn fast stärker als der Anblick selbst.
„Das gehörte meiner Mutter.“
Der Satz machte die Waffe für die anderen augenblicklich zu etwas anderem. Eben hatte Rose ein brauchbares Langschwert aus einem Monster gezogen. Jetzt hielt sie ein Stück aus Hybris’ Erinnerung, und alle wussten genug über seinen Morgen, um nicht nach dem Preis oder dem Zustand der Klinge zu fragen.
Rose veränderte den Griff und überließ ihm die Waffe. „Bist du sicher?“
Hybris nickte. Er nahm das Langschwert mit beiden Händen, mehr aus Vorsicht als aus Notwendigkeit, und sah entlang der Klinge. Rost saß auf dem Metall. Die Waffe war gebraucht, beschädigt vom Alter und allem, was seit Light Hope mit ihr geschehen war, aber sie war da.
„Das hing bei uns zu Hause an der Wand“, sagte er. „Mein Vater hatte es an dem Tag nicht mit zur Jagd genommen. Meine Mutter hat es genommen, als der Angriff angefangen hat.“
Niemand unterbrach ihn.
Hybris strich mit dem Daumen über eine Stelle am Griff, an der Schmutz saß. „Ich hab sie später am Tor gefunden. Sie war schon...“ Er brach den Satz ab, weil die genaue Formulierung nichts verbesserte. „Ich wollte das Schwert mitnehmen. Konnte ich nicht. Ich war zehn und das Ding war viel zu schwer. Also hab ich ein Messer genommen und bin weg.“
Rose sah zum Wendigo. „Dann war das wirklich dasselbe Wesen.“
„Sehr wahrscheinlich.“ Hybris zwang sich, die Sicherheit nicht größer zu machen, als sie war. „Oder es hat das Schwert irgendwie später bekommen. Aber ich weiß nicht, wie wahrscheinlich das sein soll.“
Faelyn trat näher an die Überreste, ohne die Klinge anzufassen. „Wenn der Wendigo Dinge seiner Opfer in sich einbaut, ist das hier ein ziemlich deutlicher Zusammenhang.“
Dass es Wendigos als mehr als ein einzelnes Wesen geben konnte, verhinderte trotzdem eine vollkommen saubere Gewissheit. Ein ähnlicher Schädel allein hätte nicht gereicht. Das Schwert änderte die Wahrscheinlichkeit drastisch, aber niemand konnte erklären, was die Kreatur in den zwanzig Jahren seit Light Hope getan hatte oder auf welchem Weg sie in dieser Festung gelandet war.
Pianwig nickte. „Reicht mir.“
Hybris sah wieder auf das Schwert.
Am Morgen hatte er Lydia gesagt, der Albtraum bringe nichts, weil alles vorbei sei und man nichts mehr ändern könne. Das stimmte weiterhin. Hans wurde durch den toten Wendigo nicht wieder lebendig. Cersei stand nicht auf, nur weil ihre Waffe zurückgekommen war. Light Hope blieb zerstört.
Trotzdem hielt Hybris etwas in den Händen, das er als Kind hatte zurücklassen müssen.
Er wusste nicht, ob sich das wie ein Sieg anfühlen sollte. Es fühlte sich eher an wie eine Tür, die zwanzig Jahre zu spät geöffnet wurde und dahinter keinen Raum mehr besaß.
Söckchen stand noch neben ihm. „Behältst du es?“
Hybris sah sie an. „Ja.“
Die Antwort brauchte keine Erklärung.
Rose wandte sich wieder dem Haufen zu. „Dann möchte ich wenigstens wissen, ob wir außer einem Familienerbstück noch irgendetwas Brauchbares aus diesem abscheulichen Ding ziehen können.“
Sie suchten.
Das Ergebnis war ernüchternd. Waffenreste lagen genug zwischen den Knochen, doch die meisten waren verrostet, stumpf oder so beschädigt, dass selbst André mehr neues Metall als Reparaturarbeit gebraucht hätte. Rüstungsteile waren verbogen oder unvollständig. Persönliche Gegenstände ließen sich kaum noch zuordnen.
Pianwig begann deshalb mit der Aufgabe, die er vor dem Kampf bereits angeboten hatte: Er räumte den Weg frei.
Er packte Schilde und größere Knochenstücke, warf sie zur Seite und schob Metallteile aus dem Durchgang. Hybris legte Cerseis Langschwert zunächst an eine trockene Stelle in Reichweite und half mit kleineren Teilen. Faelyn prüfte zwischendurch den Hofrand, während Rose ihre Wunde provisorisch versorgte und Söckchen das Großschwert säuberte.
Nach und nach wurde der Durchbruch in der Mauer frei.
Die Arbeit half, den Körpern wieder eine normale Aufgabe zu geben. Pianwig hob, schob und warf; Hybris zog kleinere Teile aus dem Weg; Faelyn gab an, welche Stücke den Durchgang wirklich blockierten. Rose beteiligte sich weniger, weil jede falsche Bewegung an ihrer Seite zog, und Söckchen wechselte zwischen Säubern ihrer Klinge und dem Versuch, nicht auf die offene Wunde zu treten.
Unter dem Gerümpel kamen ältere Pflastersteine zum Vorschein. Einige waren dunkel verfärbt, andere von Rost überzogen. Niemand fand Duskroot. Die Pflanze hätte zwischen all dem ohnehin kaum unbemerkt bleiben können, wenn sie so aussah, wie Frede sie beschrieben hatte. Das bedeutete, dass die Suche nach dem Kampf erst noch begann.
Hybris arbeitete mit einem Auge immer wieder bei Cerseis Langschwert. Es lag nur wenige Schritte entfernt. Niemand ging daran. Trotzdem überprüfte er seine Position häufiger, als nötig gewesen wäre. Er bemerkte es selbst und ärgerte sich nicht darüber. Manche Gewohnheiten durften einen Tag lang irrational sein.
Die Hängebrücke dahinter war aus der Nähe besser erhalten, als ihre Entfernung hatte vermuten lassen. Dicke Seile liefen zu kräftigen Pfosten. Einige Bretter fehlten, andere waren angewittert, doch der Großteil der Konstruktion hing noch an seinem Platz.
Pianwig stellte sich an den Anfang und sah hinunter. „Sieht aus, als würde sie halten.“
Rose trat neben ihn, aber nicht so nah an die Kante. „Auch dich?“
„Wahrscheinlich.“
„Das Wort hatten wir heute schon.“
„Dann kennst du es.“
Jenseits der Brücke stand ein Gittertor. Dahinter ragten zahlreiche Steine aus dem Boden, manche schief, manche in Reihen, andere übereinandergeschichtet. Ein Friedhof lag zwischen der Halbwegsfestung und der Kathedrale.
Faelyn trat an den Rand des Durchbruchs und betrachtete den Friedhof länger. „Wenn da wirklich Aldrich irgendwo hinter liegt, werden die Gräber wahrscheinlich nicht das letzte Problem davor sein.“
Rose sah zur Kathedrale. „Dann sollten wir wenigstens nicht erschöpft und halb verblutet dort ankommen.“
Pianwig prüfte einen der Brückenpfosten mit der Hand. „Deshalb rasten wir.“
Söckchen setzte sich neben ihr Schwert. „Und dann suchen wir erst Duskroot.“
„Ja“, sagte Faelyn. „Wir haben Halandir versprochen, es zu holen. Jetzt haben wir drei Gründe mehr.“
Rose sah auf ihre Wunde. Zu diesem Zeitpunkt waren die schwarzen Linien noch nicht sichtbar genug, um den Satz zu erklären. Trotzdem war sie ungewöhnlich schnell einverstanden.
Die Kirche dahinter wirkte gewaltig. Im Gegensatz zur Festung schien sie nicht bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Aus dieser Entfernung ließ sich nicht sagen, wer oder was dort lebte. Nur dass das Bauwerk noch genug von sich besaß, um eine Antwort zu verbergen.
Rose betrachtete die Brücke. „Für ein Portal sehe ich jetzt keinen Grund mehr. Wenn die trägt, gehen wir normal.“
„Erst rasten“, sagte Faelyn.
Die Wunde an seiner Seite hatte ihn blasser werden lassen, als er zugeben wollte. Rose widersprach nicht. Söckchen hatte ebenfalls Blut im Fell, und Pianwig trug den Prankenschlag noch in jeder Bewegung, auch wenn er sich nicht darüber beschwerte.
Sie zogen sich in einen geschützteren Teil der Ruine zurück. Rose überlegte, den Rastplatz mit einem Runenschloss zu sichern, während die anderen Wunden prüften, Gurte richteten und Ausrüstung neu ordneten.
Hybris setzte sich mit Cerseis Langschwert auf den Knien.
Die neue Größe der Waffe in seinen Händen irritierte ihn. Als Kind hatte das Langschwert den Eindruck eines Gegenstandes gemacht, der für Erwachsene gebaut war und deshalb beinahe zur Welt der Erwachsenen gehörte: schwer, lang, jenseits dessen, was er benutzen konnte. Jetzt musste Hybris die Klinge noch immer respektieren, doch sie war kein unmögliches Gewicht mehr. Seine Hände passten um den Griff. Seine Arme hielten sie.
Er erinnerte sich an Cerseis letzte Worte und daran, wie wenig hilfreich sie ihm damals erschienen waren. Pass auf dich auf. Ein Kind, das gerade Mutter und Bruder verloren hatte, konnte aus so einem Satz keinen Plan bauen. Zwanzig Jahre später klang er anders. Hybris hatte aufgepasst. Nicht immer vorsichtig, nicht immer klug, aber hartnäckig genug, um noch zu leben und dieses Schwert wieder in den Händen zu halten.
Er entfernte vorsichtig den gröbsten Schmutz von der Klinge. Das Metall darunter war nicht schön. Die Waffe war kein unversehrtes Denkmal, das zwanzig Jahre auf ihn gewartet hatte. Sie trug Rost, Kratzer und die Spuren des Wendigos.
Gerade deshalb konnte er sie behalten.
Hybris suchte nach einem Tuch und wischte weiter. Er nahm sich nicht vor, die Klinge in den Zustand seiner Kindheit zurückzubringen. Das konnte niemand. Rost ließ sich bearbeiten, eine Schneide neu setzen, ein Griff ausbessern. Was zwanzig Jahre bedeuteten, blieb trotzdem im Metall. Vielleicht war genau das richtig.
Wenn André die Waffe irgendwann sah, würde Hybris ihn vermutlich fragen, was sich retten ließ. Nicht, um aus dem Schwert ein heiliges Stück Vergangenheit zu machen, sondern damit es wieder das tun konnte, wofür Cersei es in jener Nacht von der Wand genommen hatte.
Ein Denkmal hätte nur angesehen werden dürfen. Ein Schwert konnte wieder benutzt werden.
„Hybris.“
Faelyns Stimme zog seinen Blick hoch.
Rose saß einige Schritte entfernt und betrachtete ihre Wunde. Von der Stelle, an der der Knochenspeer sie getroffen hatte, zeichneten sich dunkle Linien unter der Haut ab.
Schwarze Adern.
Faelyn hatte dieselben Veränderungen an seiner Verletzung entdeckt.
Söckchen trat näher an das Feuerlicht. In ihrem schwarzen Fell waren die Veränderungen schwerer zu erkennen, doch an der verletzten Stelle zeichneten sie sich ebenfalls ab, wo Haut sichtbar wurde.
Die Ruhe nach dem Kampf endete.
Vor wenigen Minuten hatte die größte Sorge darin bestanden, ob der Wendigo wieder aufstand. Jetzt stand der tote Schädel nur noch am Rand ihrer Aufmerksamkeit. Umbra brauchte keinen lebenden Gegner, um weiter gefährlich zu sein.
Hybris legte das Langschwert vorsichtig zur Seite und ging zu den drei Verletzten. Er kannte keine Heilkunst, die Frede ersetzen konnte, aber er konnte sehen, ob sich etwas veränderte. Die dunklen Linien liefen von den Wunden weg und folgten den Gefäßen unter der Haut. Bei Rose und Faelyn waren sie deutlich. Bei Söckchen musste man wegen ihres dunklen Fells genauer hinsehen, doch sobald man wusste, wonach man suchte, war die Veränderung vorhanden.
„Wie fühlt es sich an?“, fragte er.
Rose prüfte vorsichtig ihre Beweglichkeit. „Im Moment vor allem wie eine Wunde. Das ist nicht beruhigend genug, um mir zu gefallen.“
Faelyn nickte. „Bei mir ähnlich.“
Söckchen sah auf die eigene Verletzung. „Dann finden wir das Zeug schneller.“
Pianwig sah zu den Ruinen der Festung. „Wir sind schon da, wo es wachsen soll. Wir suchen, sobald ihr wieder stehen könnt.“
Rose strich nicht über die Adern. Sie hielt die Hand knapp daneben, als könne Berührung etwas beschleunigen. „Das war vorher nicht da.“
Faelyn sah auf seine eigene Wunde. „Bei mir auch.“
Söckchen blickte zwischen ihnen hin und her. „Dann kam es von den Spitzen.“
Pianwig prüfte seine Verletzung. Sein Schaden stammte von den Pranken, stumpfer Gewalt durch Schild und Rüstung. Keine schwarzen Linien gingen davon aus.
Hybris hatte die Knochenspeere von der Mauer aus gesehen. Keiner hatte ihn getroffen. Seine Haut zeigte nichts Vergleichbares.
Sie kannten Umbra-Wunden inzwischen gut genug, um die Bedeutung nicht wegzudiskutieren. Halandir lag in Hollow Brooks mit hellblauen Adern unter seinen Bandagen, und gewöhnliche Heilung hatte nicht gereicht. Jetzt trugen drei von ihnen eine Veränderung, die ebenso wenig wie eine normale Verletzung aussah.
Rose erinnerte sich an Halandirs bandagierten Oberkörper und an Frede, der offen zugegeben hatte, mit gewöhnlichen Mitteln nicht weiterzukommen. In Hollow Brooks war dieser Anblick beunruhigend gewesen, aber fremd. Jetzt reichte ein Blick auf den eigenen Arm, um die Distanz zwischen Beobachter und Patient vollständig zu beseitigen.
Faelyn strich vorsichtig den Stoff neben seiner Wunde glatt, ohne die schwarzen Linien zu berühren. „Wir wissen nicht, wie schnell das geht.“
„Dann verhalten wir uns, als wäre schnell die unangenehmere Antwort“, sagte Hybris.
Rose nickte. „Wir suchen, sobald wir uns genug gesammelt haben, um dabei nicht den nächsten Fehler zu machen. Ich weigere mich, mich von einem toten Knochenhaufen in irgendein Monster verwandeln zu lassen.“
Söckchen sah zu Hybris. „Wenn ich anfange, komisch zu werden, sagst du was.“
„Du bist ein geflügeltes Einhorn mit Großschwert. Wir müssen ‚komisch‘ vorher genauer definieren.“
Sie starrte ihn an.
Hybris hob beide Hände. „Ja. Natürlich sage ich was.“
Das kurze Stück Normalität hielt nicht lange, aber es reichte, um aus der Angst wieder einen Plan zu machen.
Rose hob das Kinn. „Wir finden dieses Kraut.“
Niemand spottete über die Entschlossenheit.
Der Auftrag hatte sich verschoben. Duskroot war am Morgen etwas gewesen, das sie für Frede und Hollow Brooks mitnehmen wollten, wenn sie es fanden. Jetzt brauchten Rose, Faelyn und Söckchen eine Antwort für ihre eigenen Körper.
Die Veränderung machte auch die Rückkehr nach Hollow Brooks komplizierter. Halandir brauchte dieselbe Pflanze, und niemand wusste, wie viel davon überhaupt in der Festung wuchs oder wie viel Frede für eine Behandlung benötigte. Falls sie nur wenig fanden, würde aus einem einfachen Sammelauftrag eine Entscheidung werden, die keiner von ihnen an diesem Tag treffen wollte.
„Wir nehmen alles, was wir finden können, ohne es kaputtzumachen“, sagte Faelyn. „Dann kann Frede entscheiden, wie man es verwendet.“
„Und wenn es hier nur eine Pflanze gibt?“, fragte Rose.
Faelyn sah auf die schwarzen Linien. „Dann wissen wir wenigstens, welches Problem wir haben, wenn wir sie sehen.“
Pianwig richtete einen gelösten Riemen an seiner Ausrüstung. „Erst finden. Dann streiten.“
Das war für den Moment die brauchbarste Reihenfolge.
Hybris schloss die Hand um Cerseis Schwertgriff.
Hinter ihnen lag ein totes Monster und eine Waffe, die aus seiner Vergangenheit zurückgekehrt war. Vor ihnen lagen die Halbwegsfestung, eine Pflanze, die noch niemand gefunden hatte, eine Hängebrücke, ein Friedhof und die Kathedrale der Tiefe.
Hybris sah zu Rose, Faelyn und Söckchen. Der Fund des Schwertes hätte für sich allein einen ganzen Tag füllen können. Stattdessen zwang die Umbra sie, die Vergangenheit an seiner Seite liegen zu lassen und sich wieder mit dem nächsten Problem zu beschäftigen. Vielleicht war das sogar passend. Cersei hatte ihm keine Waffe hinterlassen, damit er sie anstarrte.
Er nahm das Langschwert wieder auf und lehnte es so neben sich, dass er sofort danach greifen konnte.
„Rast fertig machen“, sagte Pianwig. „Danach suchen wir.“
Diesmal diskutierte niemand.
Für eine kurze Rast war das eine bemerkenswert große Menge Zukunft.
Die Gruppe blieb trotzdem sitzen, solange der Körper es verlangte. Niemand gewann etwas, wenn er mit zitternden Beinen nach einer Heilpflanze suchte und dabei in der nächsten Ruine verschwand. Das Feuer war klein, die Festung unfreundlich und drei Wunden sahen schlechter aus als noch vor wenigen Minuten, aber sie hatten Zeit genug erkämpft, um wenigstens wieder zu Atem zu kommen.
